Technischer Fortschritt

Leben 586 – Dienstag, 01.06.10

Karo trocknete ihre Tränen, sie war stolz auf sich und doch traurig zugleich. Sie hatten die ganze Nacht zusammengesessen, geredet, Tee getrunken, mitunter zärtlich ihre Hände einander berühren lassen, Schulter an Schulter gelehnt, und dann wieder gegenüber Platz genommen, einander in die kerzenscheingeröteten Gesichter blickend.

Ernstes und Heiteres hatten sie einander erzählt. Dem an die Fensterscheiben prasselnden Regen gelauscht. Sie hatten wenig geschwiegen heute Nacht, und sie hatten auch über sich geredet. Und bevor er fragen konnte, wie es um sie beide stehe, hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie Freunde werden könnten, dass sie aber gebunden sei. Und das auch nicht ändern wolle und könne. Jetzt. Ach, er solle jetzt bitte nicht weiter fragen. Dass sie ihn wahnsinnig lieb habe. Und dass sie noch viele derartige Nächte mit ihm verbringen wolle. Dass es aber nicht mehr werden könne als Freundschaft.

Karl lief total aufgeputscht durch die frühmorgendliche Stadt, die erste Tram bog quietschend um die Ecke, Zeitungsausträger und die Stadtreinigung kreuzten seinen Weg. Karls Herz pochte bis zum Anschlag, nicht nur vom Kaffee, den Karo ihm noch gekocht hatte. Die Freude, eine Freundin gewonnen zu haben, und die Traurigkeit über eine zugleich unerfüllte Liebe, das alle spukte in seinem Kopf, waberte durch seinen Körper und ließ seinen Puls Sprünge machen.

Karo schaltete ihr Radio ein. Karl seinen PC.

Bayern 3 spielte Phil Collins. Karl clickte sich zu Youtube rüber.

„You don’t have the right to ask me how I feel!“. Hörte Karo. Mit den Ohren. Und ihrem Herzen. SMSte diese traurigen Worte an Karl. Der sein Handy noch aus hatte.

Der gerade eine E-Mail an Karo schrieb. Über das Lied, das er gerade hörte und sah. Tippte im Betreff „You don’t have“ ein. Und schrieb dann die Nachricht „the right to ask me how I feel!“

Als Hugo diese Zeilen noch einmal durchlas, beschloss er, Karo die Wahrheit zu sagen. Und dem Karl auch. Nämlich dass er sie bloß erfunden habe. Und dass es damals ja noch gar kein Handy und kein Internet gegeben habe. Und den Phil Collins auch nicht. Und dass er, der Hugo, nicht so recht wisse, ob er sie denn beide so tieftraurig weiterleben lassen wolle. Weil er nicht wisse, wie…

© Ulf Runge, 2010

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. andrea2007 sagt:

    ach Mensch Hugo, Du Spielverderber, gerade begann ich die beiden zu mögen und drauf zu hoffen, dass sie sich doch noch kriegen…:-) Lächelnde Grüsse Andrea

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  2. Ursula sagt:

    schnief……….. hat mal jemand ein Taschentuch?

    Hugo ist bloss neidisch, Happy End oder nicht, stehlt den Armend doch nicht das schoene Gefuehl.

    Einen schoenen Feitertag

    Ursula

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  3. Elisabeth sagt:

    Wer zum Hugo ist Hugo!? 😆
    Er hat alles in seiner Hand – genau, Hugo, lass die beiden glücklich weiterleben! Ich helfe dir beim Schreiben falls dir Happy Endings nicht liegen 😉
    Sonnige Grüße von Elisabeth

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  4. Ursula sagt:

    meine Guete, entschuldigt meine Tippfehler……das kommt davon, wenn man mit traenenumflortem Blick schreibt………. 😉

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  5. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    Hugo könnte ja auch beschließen, noch ein bisschen damit zu warten, den beiden die Wahrheit zu sagen.

    Hugo könnte ja auch beschließen, die beiden gar nicht zur Fiktion zu erklären, sondern ihr Leben im real life fortsetzen.

    Hugo, der Anonyme, Hugo kann alles…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  6. Ulf Runge sagt:

    Liebe Ursula,

    vielleicht war es ja doch nur Fiktion. Dass sie bloß erfunden worden sind, die beiden. Karo und Karl, wollen wir mehr von Ihnen erfahren?

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  7. Ulf Runge sagt:

    Liebe Elisabeth,

    wir können immer wählen, ob wir ein Happy-End haben wollen.
    Könnte es nicht sein, dass die Tatsache (!) der Fiktion (!) das wahre Happy-End für die beiden ist? Dass die Nicht-Fiktion noch mehr vollgeweinte Tatüs für uns in petto hätte?

    Danke für Dein Angebot und liebe Grüße,
    Ulf

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  8. Ulf Runge sagt:

    Leibe Urusal,

    vor luater Tärnen bliebt mir der Bilck uaf Diene Tppifheler verscholssen…

    Leibe Gürße,
    Flu

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  9. Elisabeth sagt:

    Nun, lieber Ulf,
    möglich ist das schon, wer weiß… Aber ich stimme dir zu, dass ich immer wählen kann, was ich mir für mein Leben, für meine Beziehung wünsche… Und ich bin absolut für ein Happy End… *lächel*
    Herzliche Grüße von Elisabeth

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  10. Mo sagt:

    Liebe Elisabeth,
    dann wählen Sie.
    Ich schicke Ihnen ein Lächeln.

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  11. Ulf Runge sagt:

    Liebe Elisabeth,

    Happy End mag ich auch. Und ebenso gerne auch Happy Start. 🙂

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  12. Elisabeth sagt:

    Danke, liebe Mo, für das Lächeln – ich habe bereits gewählt! 🙂

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