Achtel und Sechzehntel

am
Leben 581 – Donnerstag, 13.05.10

„Geht’s noch?“

Fragte sie ihn, den Älteren, dessen Gesicht sich heftig gerötet hatte. Dessen Atem im Rhythmus ihrer beiden Körper schnaufte.

Er nickte. „Alles okay!“ rief er zurück. Sie lächelten einander zu und behielten ihr Tempo bei.

Zwei Achtel. Dachte er bei sich. An der Kurve da vorne würden sie zwei Achtel der Strecke gelaufen sein. Wenn es heute bei nur einer Runde bliebe. Bei zwei Runden hätten sie jetzt zwei Sechzehntel hinter sich. Und drei Runden, das würden sie heute noch nicht schaffen. Zwei würden genug sein.

Er genoss, wenn sie so wie jetzt gerade im Gleichklang liefen, wenn es sich anhörte, als würde nur eine Person laufen. Wann immer sie gleichzeitig ihre Füße auf dem Boden aufsetzten, verspürte er, dass er beim Laufen nicht nur Kraft verlor, sondern dass da eine Energie in ihn zurückfloss, die ihm vom Alleinelaufen her unbekannt war.

Sie passierten eine junge, langhaarige Spaziergängerin, die ebenfalls noch in der Dämmerung hier unterwegs war.

Schritte. Nur ihre Schritte waren zu hören. Wenn sich nicht gerade ein paar Gänse oder Enten gestört fühlten und mit schimpfendem Geschnatter aufflogen.

Nur noch ein einziges Auto stand am Parkplatz. Fremdes Kennzeichen. Es gehörte wohl zu dem bedrohlich aussehenden Mann, der sein Gesicht von ihnen abwandte, als sie auf seiner Höhe waren. Er drückte sein Zigarette mit kreisförmigen Schuhbewegungen auf dem lehmigen Untergrund. Vielleicht tat er ihm recht. Wem sieht man denn schon an, ob er gut ist oder böse? Verbrecher oder Wohltäter? Und ist da nicht in uns allen das Potenzial, von einer Sekunde auf die andere zur eigenen Überraschung der zu werden, von dem man ahnte, dass er auch in uns steckt? Und immer sicher war, es nie zu sein?

Sie verloren den Merk-Würdigen aus dem Blick. Und er verlor den Merk-Würdigen aus seinen Gedanken. Die erste Runde näherte sich ihrem Ende und gleich würden sie sich verständigen müssen, ob sie noch eine zweite ranhängen wollten. Die Spaziergängerin würde dann auf Höhe des Parkplatzes sein, in der Nähe des Merk-Würdigen sein, wenn sie weitermachten…

„Machen wir noch eine Runde?“ fragte sie, worauf er prompt „Gerne!“ antwortete.

Was würde sie erwarten am Parkplatz? Würde der Merk-Würdige seinem Fremdsein Taten folgen haben lassen? Würde die beiden Hand in Hand spazierren gehen, weil sie sich hier verabredet hatten? Eine Mischung aus Beklemmtheit, Tapferkeit und Hoffnung trieb ihn an, die zweite Runde etwas schneller anzugehen.

Zehn Sechzehntel hatten sie hinter sich. An der Kurve da vorne würden sie zehn Sechzehntel der Strecke gelaufen sein. Wenn es heute bei zwei Runden bliebe. Bei drei Runden hätten sie jetzt zehn Vierundzwanzigstel hinter sich. Aber drei Runden?

Sie überholten erneut die Spaziergängerin, die aber noch nicht viel weiter gekommen war, weil sie bis jetzt wohl auf einer Parkbank verweilt hatte, das Handy am Ohr, mit sich und ihrem Gesprächspartner beschäftigt.

Die Dämmerung schritt voran und die spärliche Wegbeleuchtung war inzwischen angegangen, als sie zum zweiten Mal am Parkplatz vorbeikamen. Wo immer noch das fremde Auto stand. Wo immer noch der Merk-Würdige abseits des Weges stand, den Kopf umhüllt von blauen Qualm, und der es vermied, ihnen sein Gesicht zu zeigen.

Sie genossen es, mit flottem Tempo und ruhigem Rhythmus ans Ende Ihres Laufes zu kommen. Er wusste, dass er heute Abend darüber schreiben würde. Zu gerne hätte er nur gewusst, was aus der Spaziergängerin und dem Merk-Würdigen geworden ist. Aber drei Runden würden zu viel sein heute, da war er sich sicher. Er würde schon einen Schluss erfinden…

„Machen wir noch eine Runde?“ Er glaubt, seinen Ohren nicht trauen zu können, fragt nach, ob sie das ernst meine, ob das nicht zuviel sei für sie. Nein, sie sei noch fit und sie würden das bestimmt schaffen. Außer es sei ihm zuviel, wobei sie ein freches Lächeln aufsetzte.

Sie waren noch nie drei Runden gelaufen. Allein der Gedanke, heute sozusagen den eigenen Rekord zu brechen, beflügelte sie beide, machte sie schneller als bei den ersten beiden Durchgängen.

Achtzehn Vierundzwanzigstel. Dunkel war es geworden. Hinter der Kurve öffnete sich der Blick auf die Parkbank. Sie war verlassen. Der Weg vor Ihnen war leer, niemand zu sehen.

Im Gleichschritt eilten Sie durch den späten Abend, die Wasservögel hatten ihr Abendkonzert beendet, nur noch das Knirschen der Laufschuhe war zu hören.

Auch der Parkplatz war nun leer, der Merk-Würdige entschwunden, es würde nichts mehr zu berichten geben, da war er sich sicher.

Er war sich nicht sicher, ob er seinen Leserinnen und Lesern verraten sollte, dass er die Spaziergängerin nur erfunden hatte.

Es tat ihm leid, dass er den Merk-Würdigen instrumentalisiert hatte als Inkarnation des potenziell Bösen. Aber wie bitteschön soll man denn Geschichten schreiben, wenn man den Menschen nicht Rollen zuweisen darf?

Ach ja, um das nicht zu vergessen: Zwei Dinge freuten ihn, nämlich dass sie waren zum erstem Mal drei Runden gelaufen waren. Und dass er endlich wieder eine Geschichte im Kasten hatte.

© Ulf Runge, 2010

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mamü sagt:

    Schön spannend gemacht, lieber Ulf. 🙂 Da könnte man einen prima Krimi draus machen.
    Und dann auch noch Bruchrechnen mit einfließen lassen. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Martina,

      ich muss ehrlich gestehen, dass der Titel es eher verdient gehabt hätte, für ein musikalisches Motiv verwendet zu werden.
      Danke für Dein Lob. Dass man da einen prima Krimi draus machen könnte, ist genau ein Thema, das in mir herumkreist:
      Soll ich meine Ideen intensiver ausarbeiten, so dass sie dann die Länge eines Blogbeitrages überschreiten?

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  2. Mo sagt:

    Es geht doch nicht darum, ob man noch eine weitere Runde laufen möchte.
    Es geht auch nicht darum, ob man schon einige Runden hinter sich hat.
    Es geht darum, ein Ergebnis zu erzielen – nicht unbedingt für sich persönlich.

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Mo,

      ich gebe Dir vollkommen recht, dass es auf die Ergebnisse ankommt.
      Und dass ich glaube, dass wir die Ergebnisse viel leichter erreichen,
      wenn wir Freude daran haben, den Weg zu gehen.
      Und zwar so, dass wir immer sagen können: Es ist mein Weg.

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  3. Mamü sagt:

    Lieber Ulf,

    da fragst du noch? Fang sofort an zu schreiben. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Martina,

    danke für die Aufforderung! 🙂

    Liebe Grüße,
    Ulf

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