Gespart

Leben 578 – Samstag, 01.05.10


Müde vom Tag setzte sich Balduin in den Sessel, schaltete die Nachrichten ein und kam noch gerade rechtzeitig zur Wettervorhersage. Es würde heftig regnen in den nächsten Stunden, in Gewitterlagen könne es zu Sturmböen kommen und die Niederschlagsmengen könnten sintflutartig sein.

Balduin war das egal, er saß in der warmen Stube und würde sich jetzt einen Krimi reinziehen. Pistolenschüsse. Reifenquietschen. Blaulicht. Martinshorn. Blitzlichtgewitter der Spurensicherung.

Blitzlichtgewitter war es auch, was Balduin seinem Fernsehsesselschlaf entriss. Hagelkörner schlugen gegen die Fensterscheiben. Draußen war der Bär los.

Das Bier war alle. Im Glas. In der Flasche. Im Kühlschrank. Aber nicht im Keller! Balduin schaltete das Treppenlicht ein, worauf es einen heftigen Knall gab und alles zappenduster wurde. Nee, ein Blitz war das nicht, dachte Balduin. Und ging erst mal in die Küche, um die Taschenlampe zu holen. Dann zum Sicherungskasten. Die Hauptsicherung hatte war rausgeflogen. Balduin legt den Kippschalter um und die Wohnung war wieder hell erleuchtet.

Balduin schaute nochmal hin und sah, dass die Treppenhaussicherung ebenfalls rausgeflogen war. Was war da los da unten? Balduin leuchtete mit der Taschenlampe die Kellertrempe hinunter und traute seinen Augen nicht: Da stand Wasser, da unten, 20 cm hoch, vielleicht auch mehr, so ein Mist! Jetzt runterlaufen könnte lebensgefährlich sein, wenn da noch irgendwo elektrische Spannung anliegen würde.

112! Balduin rief die Feuerwehr. Sie hätten sehr viele Notfälle. Sie würden zu ihm kommen, sobald die lebensrettenden Einsätze abgeschlossen seien.

Na toll, Wasser im Keller und kein Bier in der Wohnung, Balduin war bedient. Das würde einen Haufen Geld kosten, dieser Wasserschaden. Ob die Versicherung den wohl übernehmen würde?

Hundemüde und hellwach zugleich lief Balduin wie von der Tarantel gestochen durch die Wohnung. Schaute immer wieder auf die Uhr. So langsam kann die Zeit vergehen, wenn man wartet.

Um zwei Uhr kamen sie, total abgekämpfte Feuerwehrleute, schalteten die Wohnung spannungsfrei, um dann mit Flutlichtbeleutung, Kompressorlärm und Wasserpumpe den Wasserpegel im Untergeschoss zu reduzieren. Schließlich gingen sie runter, um sich den Schaden anzusehen.

Der ganze Kellerboden war voller Schlamm, die Waschmaschine und der Trocker hatten wohl heftig gelitten, allein der Gefrierschrank schien unbeeindruckt zu sein.

„Herr Lankwarth, schauen Sie mal hier: Das Wasser muss sich durch den Abwasserkanal hochgedrückt haben!“ sagte der Einsatzleiter zu Balduin. „Haben Sie denn kein Rückstauventil in ihrer Kanalanbindung?“

Wut stieg in Balduin hoch. Das Rückstauventil war eine der Positionen, bei der er damals gespart hatte, als die Baukosten nicht mehr so recht in Einklang standen mit der Hausfinanzierung…

Als die Feuerwehrleute gegangen waren, schenkte sich Balduin einen Schnaps ein. Und noch einen. Und noch einen. Hätte er damals nur auf den Architekten gehört!

Balduin sinkt in seinen Fernsehsessel. Zappt noch ein bisschen. Bleibt bei einem Homeshopping-Sender hängen. Die preisen gerade Rückstauventile an. Bronzefarben. Silbern. Und golden.

Zappt weiter. Stripperinnen. Auf einer Baustelle. Auf einem Rückstauventil. Neee!

Nachrichten. Der Unfall mit der Bohrinsel hätte vermutlich glimpflich verlaufen können, wenn man seinerzeit nicht die halbe Million Euro gespart hätte, die ein entsprechendes Rückstauventil gekostet hätte…

© Ulf Runge, 2010

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Jürgen sagt:

    Und wo sparen wir am falschen Ende???

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    1. Ulf Runge sagt:

      Lieber Jürgen,

      ganz ehrlich, wenn’s um die Wurst geht, ist jedes Ende falsch, oder?

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  2. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, ich kenne Dich ein bisschen und wusste schon, diese spannende Geschichte wird einen ganz besonderen Schluss haben. Und den hat sie… schrecklich was dort jetzt passiert an der Küste…Betroffene Grüsse Andrea

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Andrea,

      danke für Deine hohe Erwartungshaltung.
      Danke Dir, dass ich ihr gerecht werden durfte.

      Die spannende Frage ist, ob es etwas Überraschendes sein wird,
      das unsere Lebensgrundlagen endgültig zerstört.
      Oder ob wir sehenden Auges weiterschlittern,
      ohne den Kurs zu korrigieren.

      Liebe Grüße,
      Ulf

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