Reifendruckkontrolle

am
Leben 575 – Donnerstag, 22.04.10

Seit Wochen schon trieb ihn ein Gedanke um. Die neue Kollegin! Es gab keinen Anlass, sie anzusprechen. Keinen dienstlichen. Und ansonsten und überhaupt hatte er keine Idee, ihr irgendeinen Small-Talk aufzudrücken. Über’s Wetter. Oder so. Grrr. Nein!

Seit Wochen nun schon überlegte er sich, welchen geschäftlichen Grund es geben könnte, ihr Büro zu betreten. Das sie mit einem älteren Kollegen teilte. Der ja auch nicht doof ist, wenn er da so einfach reinplatzt und sagt, ja, was würde er denn sagen, dass sie ihm sympatisch sei? Oder so. Was auch immer. Er fand einfach keinen Dreh.

Seit Wochen genoss sie, von den neuen Kollegen so freundlich aufgenommen worden zu sein. Ihr Zimmerkollege, das war vielleicht ein netter! Er hätte ihr Vater sein können, und er hatte immer was Interessantes zu erzählen, einfach angenehm, mit ihm in einem Zimmer zu sitzen…

Inzwischen hatte er herausgefunden, dass sie einen Ford fuhr. Einen gelben Ford. Das Kennzeichen konnte er inzwischen auswendig aufsagen, einem Liebesgedicht gleich, und auch mit gleicher Inbrunst.

Ihr war nicht entgangen, dass es da jemanden gab, der ihr immer wieder Blicke, lange Blicke, zu lange Blicke widmete. Wobei sie jetzt spontan nicht gewusst hätte, wie sie denn mal auf eine Tasse Kaffee zusammen kommen könnten. Er war ja nicht aus ihrem Team…

Die Reifenluft! Er würde ihr die Luft aus den Reifen lassen, so wie es Jungs schon mal in der Schule bei Fahrrädern machen. Nicht gefährlich viel Luft. Nur ein bisschen. Um dann bei ihr vorbeigehen zu können und sie zu fragen, ob sie denn sicher sei, dass mit ihren Reifen alles stimme…

Sie fand das schon witzig, wie sich ihre Blicke immer wieder trafen. Ohne dass auch nur ein Wort je gesprochen worden wäre. Frisch war es heute morgen. Frisch, feucht. Und immer noch so winterdunkel. Als sie einparkte, nahm sie gerade noch wahr, dass sein Auto ebenfalls auf den Parkplatz einbog. Ohne die Beleuchtung auszuschalten, eilt sie zum Eingang, um auf direktem Wege in ihr Büro zu verschwinden. Dem Schicksal eine Bahn bereitet zu haben…

Er hatte seine Reifendruckmessgerät extra heute mit ins Auto genommen, denn gleich würde er seinen Reifenluftverlustversuch in die Tat umsetzen. Beim Einbiegen auf den Parkplatz sah er, dass sie gerade eingeparkt hatte und traute seinen Augen nicht: Da brannte ja noch das Licht am Wagen!!! Hallo? Er würde auf die Nummer mit der Reifenluft verzichten können, all die Angst, erwischt zu werden, „Was machen Sie denn da an den Reifen von Frau Siewissenschon?“

Wagen eingeparkt. Ins Gebäude gestürmt. Zu ihr ins Büro. „Hallo Frau Siewissenschon! Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wer ich bin? Also, hm, ich bin von der Nachbarabteilung, ist aber auch egal. Sie fahren einen Ford. Einen gelben Ford, oder?“

Joopie! Hüpte sie innerlich vor Freude. Der Fisch hing am Haken! Er war volle Kanne drauf abgefahren. „Ja, ein gelber Ford. Das ist mein Auto! Stimmt was nicht?“

„Sie haben das Licht brennen gelassen!“

„Mein Licht? Oh, danke. Das wär nicht gut geworden für die alte Batterie. Geh ich gleich ausmachen. Und übrigens, ich heiße Stella. Wir könnten einen Kaffee trinken gehen!“

© Ulf Runge, 2010



6 Kommentare Gib deinen ab

  1. andrea2007 sagt:

    Oh, lieber Ulf, das ist was für mein romantisches Herz… ich war so gespannt, wie es ausgeht, dass ich wieder ganz schnell lesen musste:-) Danke für das Happy End, liebe Grüsse Andrea

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  2. Babsi sagt:

    lieber ulf 🙂

    auch mein romantikherz strahlt…und wie man wiedermal sieht es ergibt sich soviel..einfach so!!
    obs die resonanz auf diesen wunsch war?
    ein toller schluß
    ganz liebe grüße von babsi

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  3. Jürgen sagt:

    Jetzt weiß ich wieder, was ich so vermisst habe. Es ist schön, dass Hugo und Du uns nun wieder so tolle Geschichten erzählen. Da ist der Tag gerettet!

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea und Babsi, lieber Jürgen,

    ich freue mich sehr, dass diese Art von Geschichten bei Euch ebenfalls ankommt. Und es macht richtig Spaß, sich wieder was Neues fürs nächste Mal einfallen zu lassen…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  5. Mo sagt:

    *Sie fand das schon witzig, wie sich ihre Blicke immer wieder trafen. Ohne dass auch nur ein Wort je gesprochen worden wäre.*

    Diese „Sie“ mag das witzig finden, ich würde diesen Umstand als befreiend und harmonisch empfinden.
    Apropos „Reifendruckkontrolle“,
    da ich ja nicht so romantisch veranlagt bin, wäre mir persönlich Dein „Plan A“ lieber gewesen. 😉

    Gruß – Mo

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Mo,

      man kann sich nicht aussuchen, für welchen Plan sich das Leben entscheidet…

      Und vielleicht lässt Du einmal mal zu, dass es da doch etwas Romantisches in Dir geben könnte 🙂

      Liebe Grüße,
      Ulf

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