Reicher

Leben 573 – Dienstag, 20.04.10

Wir hätten uns diesen kurzen Fußweg auch chauffieren lassen können. Doch wir lehnten dankend ab. Und so genossen wir friedliche Frühlingsminuten in einer flugzeugfreien Flughafeneinzugschneise.

Blauer Himmer. Keine Kondensstreifen. Samstagsnachmittagsstille. Nur unsere Schuhe auf dem Bürgersteig zu hören.

HUPEN! Eine Hochzeit fährt an uns vorbei. Eine türkische Hochzeit, wie uns die Halbmondflaggen signalisieren.

Wenige Gehminuten später laufen wir an den nun angekommenen Autos des Hochzeitskorsos vorbei.

„Wenn wir jetzt grüßen, dann müssen die ’nen Schnaps ausgeben!“

„Nen Schnaps? Kenn‘ ich gar nicht, diesen Brauch!“ Könnten wir ja mal ausprobieren. Denke ich mir.

Als ich meinen Begleiter „Gratulation!“ rufen höre.

Die ganze Gesellschaft ist bereits im Gebäude, nur ein junger Mann steht noch bei den Autos. Und genau dieser junge Mann hört die „Gratulation!“ Um sofort wie von der Tarantel gestochen an eines der Autos zu laufen, die Beifahrertür aufzureißen, im Auto suchende Bewegungen zu absolvieren und dann auf uns loszustürmen.

Während wir ‚Was er da wohl in der Hand hat?‘ denken, ist er bereits bei uns und drückt jedem von uns einen Briefumschlag in die Hand. Die Umschläge seien für uns. Dass sei ein türkischer Brauch. Auf dass auch für uns dieser Tag unvergesslich werden möge.

Wird er, bin ich sicher. Wir bedanken uns ganz höflich, wünschen noch ein schönes Fest, und trollen uns davon, beschämt von so viel Freundlichkeit und Offenheit.

Öffnen die Umschläge. In jedem Umschlag eine Dollar-Note. Eine echte!

Wir sind jeder um einen Dollar reicher. Um um eine unvergessliche Erfahrung. Gut, dass wir zu Fuß gegangen sind…

© Ulf Runge, 2010

15 Kommentare Gib deinen ab

  1. Jürgen sagt:

    Gratulation!

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    1. Ulf Runge sagt:

      🙂
      danke

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  2. Jürgen sagt:

    Hm, und ich hatte gehofft, dass jetzt so eine grüne Banknote herübergeflogen kommt 😦 😉 😉

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    1. Ulf Runge sagt:

      Lieber Jürgen,

      wegen Vulkanasche ist das Fliegenlassen selbst von Banknoten aktuell leider nicht möglich.

      Mit tiefstem Bedauern und herzlichen Grüßen,
      Ulf

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  3. Sabine sagt:

    Ein netter Brauch, lieber Ulf,

    und nett erzählt

    Frühlingsgrüße von
    Sabine

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Sabine,

      es gibt keine schöneren Vorlagen fürs Erzählen als das Leben!
      Es gibt keinen schöneren Link als den Frühling!

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  4. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, was für eine schöne Geschichte, ganz nach meinem Herzen… Und ein schöner Brauch…Liebe Grüsse Andrea

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Andrea,

      das Leben hat es gütlich gemeint mit mir: Ich habe mal wieder etwas zu „berichten“ gehabt…

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  5. Mamü sagt:

    Och, das ist ja ein süßer Brauch, lieber Ulf, alle am Glück teilhaben zu lassen. Gefällt mir sehr. Und unvergesslich ist es auch.

    Liebe Grüße,
    Martina

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  6. Maria H sagt:

    Lieber Ulf!

    Ich war mal auf einer türkischen Hochzeit! Das war ein Erlebnis der besonderen Art, in jeder Beziehung!

    Liebe Grüße
    Maria

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Maria,

      das macht natürlich neugierig! Da würden wir natürlich gerne mehr drüber wissen. Wenn Du magst.

      Liebe Grüße,
      Ulf

      Danke, dass Du diese schöne Begegebenheit aus meinem Archiv wieder ans Tageslicht geholt hast.

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  7. Maria H sagt:

    Lieber Ulf!

    Du weißt ja, ich arbeite mich rückwärts durch 🙂

    Ich erzähle gern darüber. Das Problem ist nur, dass das nicht in zwei, drei Sätzen erzählt ist.

    Liebe Grüße
    Maria

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  8. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,

    nimm Dir Zeit und Raum, wie Du möchtest.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  9. Maria H sagt:

    Lieber Ulf!

    Hier mein Bericht über dieses ungewöhnliche Erlebnis. Ich versuche mich so kurz wie möglich zu fassen, was nicht leicht ist, da ich dazu neige einen halben Roman daraus zu machen wenn ich was erzähle 🙂

    Wir ,mein Mann und ich, besuchten damals öfter ein kleines Cafe` in der Altstadt, mit einem kleinen Innenhof, wo man bei schönem Wetter gemütlich sitzen konnte. Genau gegenüber befand sich ein Kebap-Laden, in dem die Schwiegermutter des Besitzers mithalf. Da dort alles sehr eng beieinander liegt, ging jeder bei jedem ein und aus. Und auch wir hatten als Stammgäste in alle Richtungen Kontakt und viele Gespräche.
    Eines Tages kam besagte Schwiegermutter und drückte uns ein Kuvert in die Hand, worin sich die Einladung zur Hochzeit ihrer jüngsten Tochter befand. Wir waren mehr als überrascht und wussten nicht was wir jetzt machen sollten, da wir weder die Tochter noch den Bräutigam kannten. Unser erster Gedanke war, die Einladung nicht anzunehmen, wovon uns aber von anderer Seite abgeraten wurde, das dies eine schwere Beleidigung wäre.
    Also haben wir uns an besagtem Tag um 14 Uhr im Nachbarort eingefunden, wo die Hochzeit im Gemeindezentrum stattfand. Ca. 500 Gäste! Wir wurden freundlich begrüßt und darauf aufmerksam gemacht dass für die deutschen Gäste ein separater Tisch reserviert war, wenn wir das möchten. Mochten wir nicht!! Wir würden sehr gerne unter den türkischen Gästen Platz nehmen. Das wurde mit Begeisterung aufgenommen. Wir hatten an dem Tisch an dem wir saßen nette Gespräche und wurden gleichzeitig über alles informiert was gerade passiert. Dann hielt das Brautpaar, begleitet von frenetischem Applaus und Musik einer 7köpfigen Band, Einzug in den Saal, und nahm an einem Tisch neben der Tanzfläche Platz.
    Dann kam das Hochzeitsessen. Ein halbes Hähnchen mit Weck.
    Anschliessend die Geschenkzeremonie, was man durchaus als Zeremonie bezeichnen kann.
    Das Brautpaar stand in der Mitte der Tanzfläche und die Gäste traten nacheinander vor um ihr Geschenk zu überreichen, was meistens aus Geld bestand. Der Name des Schenkenden wurde gerufen und die Summe genannt die er überreicht hat. Die Geldscheine wurden der Braut ans Kleid geheftet. Gut dass wir uns vorher informiert hatten!!!
    Verwandte haben Gold geschenkt in Form von Armreifen, die der Braut über den Arm gestreift wurden.
    Dann wurde getanzt! Musik ohne Pause…endlos!!!!!!
    Zuerst gingen die Frauen und Mädchen auf die Tanzfläche und tanzten zunächst für sich alleine, dann hakten sie sich am kleinen Finger ein und tanzten im Kreis. Die Männer saßen da und beobachteten. Bis sie dann nach und nach auf die Tanzfläche gingen und sich zwischen den Frauen einreihten. Musik und Tanz wurden immer schneller und schneller. Diese Tänze dienen eindeutig der Brautschau!!

    Abends um 22 Uhr war alles auf einen Schlag vorbei. Das Ende der Feierlichkeiten wurde ausgerufen und alle gingen ohne Ausnahme.

    So schön und fröhlich diese Hochzeitsfeier auch war. Ich war traurig weil ich mir viele Gedanken um die Braut gemacht habe. Denn sie machte auf mich einen unglücklichen Eindruck. Sie hat den ganzen Tag nicht ein einziges Mal gelacht oder auch nur gelächelt.
    Sie war nicht glücklich, da bin ich mir sicher!! Ich habe sensible Antennen für sowas, und habe mich selten getäuscht.

    Hoffentlich war das jetzt nicht zu viel zum Lesen, aber kürzer ging nicht 🙂

    Liebe Grüße
    Maria

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  10. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,

    danke für Deine schöne Schilderung. Das finde ich gut, dass Ihr Euch nicht an den „Deutschen“-Tisch gesetzt habt.

    Da ich noch nie auf einer türkischen Hochzeit war, kann ich mir nun viel eher vorstellen, wie schön so eine Feier ist.

    Wenn man allerdings der Braut ansieht, wie unglücklich sie ist, dann ist das in der Tat dramatisch.

    Danke für Deine lange und zugleich kurzweilige Schilderung.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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