Zughorch

Leben 571 – Hugoblog 2 – Donnerstag, 15.04.10 

Hugo war sich sicher, dass er diesen Artikel nie geschrieben hätte, wenn er nicht in den Untergrund, quatsch, in die Anonymität gegangen wäre. Natürlich ging er dabei das Risiko ein, dass niemand seinen Artikel lesen würde. Zumindest nicht sofort. Aber lieber anonym veröffentlichen als falsche Rücksichten nehmen. Sagte er so bei sich. Aber der Reihe nach.

 

Sie saßen sich jetzt schon eine geschlagene Stunde gegenüber. Ohne ein Wort gesprochen zu haben. Wann immer sie aus dem Tunnel herauskamen, peitschte der Regen gegen die Scheiben. Emil beschloss, angesichts der Tatsache, dass sie beide in der 1. Klasse saßen und womöglich noch Stunden gemeinsamer Fahrt vor sich hatten, das Schweigen mit einem Business Small-Talk zu brechen. „Sie sind auch beruflich unterwegs?“ Sein Gegenüber, sichtlich überrascht über die spontane Unterbrechung des Einanderanschweigens, machte was mit seinen Augenbrauen? Ja, er zog sie hoch. Um dann in der Ausführlichkeit eines frustriert von der Schule nach Hause kommenden Teenagers zu antworten: „Ja!“

Gerne hätte Emil ihm erzählt, dass auch er beruflich unterwegs sei, aber ein „Ja!“ und nur ein „Ja!“ heißt ja so viel wie „Leck mich!“ oder „Klappe!“ Wobei Emil angesichts des überdimensionalen Hörgerätes seines Gegenübers noch die Vermutung zuließ, dass dieser ihn vielleicht nicht gut verstanden haben könnte. Emil wollte das Gespräch gerade fortführen, als sich sein Handy meldete. Mit einer SMS. „GÖ ICE 33 W9 P48“

Aha! Es war wieder so weit! Er verabschiedete sich von seinem Gegenüber mit einem stummen Nicken. Nahm seine Regenjacke, den Rucksack, schlenderte zur Tür, um die verbleibenden vier Minuten bis Göttingen dem Spiel der vorbeihuschenden Gleise, Weichen und Signalmasten zu folgen.

Der Zug hatte ausgerollt, die Tür öffnete sich, als Emil einen sanften Schubser von hinten bekam, der ihn fast aus dem Zug herausstolpern ließ. Der Hörgerätmann stand hinter ihm, blickte entsetzt und entschuldigte sich vielmals. Emil lächelte zurück und machte einen zweiten Anlauf: „Sie steigen auch aus?“ Wobei auch diesmla nicht mehr als ein „Ja!“ folgte, wenn auch ein bisschen freundlicher als vorhin.

Emil hatte Glück, der Abfahrtstafel entnahm er, dass er gar nicht den Bahnsteig würde wechseln müssen, da der ICE 33 in 5 Minuten auf dem selben erwartet wurde. Feine Sache. Emil las noch einmal die SMS: Wagen 9 stand da, er würde also Richtung Abschnitt B gehen müssen, so riet ihm zumindest der Wagenstandsanzeiger.

Emil hatte sich gerade auf Platz 48 niedergelassen, als er seinen Augen nicht traute. Mister Hörgerät hatte auch den Waggon betreten, und war sogar dreist genug, um sich ihm gegenüber hinzusetzen.

Er sei auch beruflich unterwegs, machte Emil einen dritten Anlauf. Er würde sozusagen fast im Schlaf sein Geld verdienen. Er müsse nichts anderes machen, als Zug fahren. Den ganzen Tag. Er würde Deutschland vom Zug aus filmen. Für das Internet-Projekt „Trainview“. Leute mit Zugangst würden sich mit Hilfe seiner Videoaufnahmen mental auf eine Eisenbahnfahrt vorbereiten können. Oder wer nicht mehr fit genug sei für eine Zugreise, dem würde das Eisenbahnnetz im weltweiten Netz wenigstens virtuell zur Verfügung stehen.

Wo denn seine Kamera sei, wollte sein Gegenüber wissen, der auf einmal Interesse an einer Konversation zeigte.

Das sei ziemlich geheim, meinte Emil, die Videotechnik sei nahezu unsichtbar in seine Brille integriert. Der Nachteil von dem Ganzen, ergänzte Emil, sei der Umstand, dass er leider satellitengesteuert seinen Kopf bewegen müsse. Damit die Bilder vollständig seien. Spontan gucken und so, das gehe bei ihm leider nicht. Zumindest wenn er im Dienst sei.

Da habe er es besser, meinte sein Gegenüber. Er könne gucken, wie er wolle. Und das, obwohl auch er beruflich unterwegs sei. Und wohl fast die gleichen Umsteige-SMSe bekäme, sonst würden sie sich ja jetzt nicht schon wieder gegenübersitzen. Nein, er arbeite nicht für Trainview, das sei ja fast schon Schnee von gestern. Er sei Mitarbeiter von „Zughorch“, dem ersten Projekt weltweit, mit dem die Welt akustischer Räumbilder aufgenommen und erlebbar gemacht werden solle. Man werde dann wählen können zwischen dem Geschrei hungriger, durstiger und unflätiger schullandheimreisender Kinder oder etwa dem Manager-Handy-Lausch, in dem man vorzugsweise öffentlich ausgeplauderte Nummernkontentransaktionen genießen könne oder die Aushandlung von Tagessätzen für Unternehmensberatern.

Sie blickten einander wissend an, einen geradezu weltverschwörerischen Gesichtsausdruck annehmend.

Wobei Emil aufgrund der ungelenken, bisweilen ruckhaften Bewegungen seines Gegenübers nicht den Verdacht los wurde, dass dieser auch ein Roboter sei.

© Hugo, 2010

© Ulf Runge, 2010

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Jürgen sagt:

    Bitte MEHR davon!!!
    🙂

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  2. Gabaretha sagt:

    Lieber Ulf,
    da kann ich Jürgen nur zustimmen.
    Tolle Geschichte! … thumbs up!
    Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag,
    besser und besser,
    Gaba

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  3. Ursula sagt:

    Lieber Ulf,

    ach Du liebes bisschen, nun ist dieser Blog also auch schon von Robotern uebernommen…….. Hilfeeeeeeeeeeee

    Breitgrinsende Gruesse

    Ursula

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  4. Ulf Runge sagt:

    Lieber Jürgen,

    MEHR Worte hätte es nicht gebraucht, um mich zu erfreuen!
    Danke!

    Liebe Gaba,

    danke auch für Deine schulterklopfende Kommentierung.
    Dir und allen Lesern und Leserinnen einen fröhlichen Freitag und ein schönes Wochenende!

    Liebe Ursula,

    ja jet zt hab e ich mich geo ute t. Hie r sch rei ben Rob ote r…

    Lie be Grü ße,
    Ulf

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  5. Ursula sagt:

    Nummer 5 lebt Juhuuuuuuuuuu 🙂

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Ursula,

      what the heck hat Dein Kommentar zu bedeuten. Dachte ich mir. Um dann ganz bescheiden zu erfahren,
      dass es wieder ein Stück Kult auf dieser Erde gibt, das ich bisher nicht kannte.
      Wikipedia sei dank weiß ich jetzt um diesen außergewöhnlichen Film.

      Danke!

      Liebe Grüße,
      Ulf

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