Selbstteiler

Leben 560Montag, 08.03.10

Das Brot da, je genau das da, das möchte ich haben. Ob ich denn auch ein halbes kaufen könne, frage ich die Bäckereiverkäuferin. Aberselbstver, nickt sie, greift zum großen Messer und fängt an, den Laib in der Luft zu teilen.

Wahrscheinlich ist die Arbeitsfläche vor ihr feierabendantizipierend schon geputzt. Vielleicht übt sie aber auch für Wetten-Dass? „Wetten, dass Frau E. aus B. in der Lage ist, einen Laib Brot in nur sechzig Sekunden mit einem Bäckereifachverkaufsmesser in der Luft zu teilen?“ Ich stelle mir vor, wie George Clooney ein zweifelndes Gesicht macht, entweder weil er keinen Ton auf dem Kopfhörer hat, der Dolmetscher falsch übersetzt oder der Dolmetscher richtig übersetzt. Er zweifelt, man sieht es ganz deutlich. „Doch, sie schafft das!“ übersetzt der Simultanübersetzer, Beifall im Publikum. Die 60 Sekunden laufen rückwärts, Frau E. aus B. teilt das Brot, Tusch, Musik, Beifall.

„Möchten Sie es in Scheiben oder am Stück?“ holt mich Frau E. aus B. ins Leben zurück.

Am liebsten würde ich ihr erklären, dass die ganze Sache viel komplizierter ist, als sie jetzt vermutet. Und als Sie oder Du, liebe geneigte Leserin oder Leser, es wohl ebenfalls vermuten mag. Will sagen, dass ich gerade die Verhandlungsführung nach Harvard gepaukt habe. Fünf Schritte, in denen man da vorgeht. Der letzte Schritt ist dazu da, eine im vierten Schritt getroffene Vereinbarung auf Fairness abzuklopfen. Ein schönes Beispiel, das da im Buch geschrieben steht, nämlich das vom Kuchenteilen: Eine(r) teilt, die oder der andere nimmt das erste Stück. Da beschwert sich dann selten jemand über Ungerechtigkeit.

Am liebsten würde ich Frau E. aus B. jetzt klar machen, dass wir beide so billig nun doch nicht davon kommen. Dass wir eigentlich warten müssten. Auf die Kundin, die die andere Brothälfte kauft. Mal angenommen, es wär ne Frau.

Und dass es dann allerdings konsequenterweise nicht angehen könne, dass Sie, Frau E. aus B., das Brot schneide, sondern ich müsste es sein, der schneidet, auf dass die nachfolgende Kundin mich für meine potenzielle Unfairness, nämlich die des Ungleichgroßestückeschneidens, bestrafen könne.

Frau E. aus B. bemerkt meine Anspannung. „Darf es sonst noch was sein?“ fragt sie.

„Nein danke!“ reduziere ich meinen Vortrag über die Anwendung von Harvard-Schritt 5 bezüglich des Brotteilungsalltags auf genau diese zwei Worte und wünsche ihr noch ein schönes Wochenende.

Ende.

Wobei, da fällt mir noch ein, man könnte Wartezonen für Selbstteiler schaffen bei den Bäckereien. Wer wartet, konsumiert auch. Nen Kaffee. Ne Zeitung. Schließt ne Versicherung ab. Etwa gegen Übervorteilung beim Brothalbieren. Füllt nen Lottoschein aus. Auf dass der sehnlichst erwartete Gewinn es zukünftig erlauben möge, keine Halbbrote mehr kaufen zu müssen.

© Ulf Runge, 2010

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mo sagt:

    Lieber Ulf,
    ich bin nicht Deiner Meinung.
    Wer wartet, der muss oder wird, nicht zwangsläufig konsumieren.
    Wo hast Du diese Weisheit her?

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  2. Ulf Runge sagt:

    woher ich die weisheit habe, liebe mo?
    nun, ich verrate ungerne meine „informanten“…

    ist es denn nicht so, dass einer der prominentesten warteberufe der des taxifahrers ist. bzw. der der taxifahrerin?
    und dass meine gefühlte erfahrung mit taxifahrerInnnen die des warte-rauchers ist…

    lg, ulf

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