An alle

am
Leben 544 – Freitag, 08.01.10

Wanz eponn ä teim, mit diesen vier „Worten“ erspart man sich den Disclaimer, und Disclaimer behaupte ich mal ist schon ein richtig deutsches Wort, oder?, also man spart sich den ganzen Sermon, ein Wort, das ich schon zigmal gesprochen, aber noch nie geschrieben habe, ich guck mal bei gugel, leo.org hat mir schließlich geholfen, „Predigt“ bedeutet es, aha, also den ganzen Sermon, dass diese Geschichte frei erfunden sein könnte.

Ist sie. Oder?

War einmal jemand, der musste ganz viele Leute informieren, dass sich demnächst für Sie etwas ändert in der Firma. Der Grund ist hier mal total irrelevant.

Wie macht man das, ganze viele Leute informieren?

Du gehst zu allen hin, plauderst mit Ihnen, und erzählst ihnen, was Dir wichtig ist. Geht für die heutige Zeit ein bisschen zu langsam. Und es kann passieren, dass Du nicht allen das gleiche erzählst.

Du rufst alle an. Geht schneller. Aber nicht schnell genug. Und auch hier erzählst Du allen womöglich was anderes.

Du schreibst ein Merkblatt, lässt es x-mal drucken und tust es in die Hauspost. Jetzt rümpfen einige die Nase. Weil die Hauspost den Ruf hat, langsam zu sein und Dinge verschwinden zu lassen. In anonymen Befragungen hat sich herausgestellt, dass die vermeintlich verschwundene Post aber nie abgeschickt wurde. Oder falsch adressiert wurde, was zur Verzögerung geführt hat. Aber ich schweife ab.

Ich mach’s kurz. Du schreibst eine E-Mail. An alle!

An alle. Da gibt es verschieden intelligente Möglichkeiten. Die cleverste ist an „undisclosed recipients“. Da weiß niemand, wer das Schreiben auch noch bekommen hat. Aber alle Empfänger sind sich relativ sicher, dass der/die AbsenderIn alle angeschrieben hat, die es betrifft. Hoffentlich.

Dann gibt es eine sehr dümmliche Variante. Du schreibst an die vielen E-Mail-Adressen, die Du erreichen möchtest. Und jedeR EmpfängerIn kann jeden Unfug mit diesen eigentlich vertraulichen Adressen betreiben.

Und eine mittelschlaue. Die heißt Verteiler. Wenn Du im Vertrieb arbeitest, bist Du etwa im Verteiler „Vertrieb“. Und wenn der Vertrieb zum Jahresendspurt aufgerufen wird, dann bekommst auch Du diese E-Mail, wenn Du im Vertrieb arbeitet.

Genug der Erklärungen!

Admin Schneider wollte alle User aus dem Verteiler „Bahnfahrer“ über eine demnächst anstehende Änderung informieren. Kaum hatte er seine Nachricht abgeschickt, so antwortete ihm Robin Zündschloss aus Rüsselsheim, er sei aufs Auto umgestiegen. Man möge ihn aus dem Verteiler herausnehmen.

Nun kann ich mir an dieser Stelle eine weitere Erklärung nicht verkneifen. Beim Beantworten von E-Mails hast Du zwei Möglichkeiten: „An“ oder „An alle“. Bei „An“ geht Deine Antwort nur an den Absender der erstverschickten E-Mail. Bei „An alle“ geht Deine Antwort ebenso an alle die, die in dem Verteiler aufgenommen sind.

Also: Robin Zündschloss weist darauf hin, bitteschön aus dem Verteiler herausgenommen werden zu wollen. Was er nicht weiter bedenkt, ist seine Wahl „An alle“. Und so geht seine Bitte der Herausnahme aus dem Verteiler auch an alle die, die selbigem Adressatenkreis zugeordnet sind.

Was meinst Du was passiert?

Die Ich-Auch-Fraktion meldet sich. Und jetzt überstürzen sich die Ereignisse. Innerhalb der nächsten 20 Minuten melden sich weitere 7 KollegInnen, die raus wollen, weil sie zu Fuß gehen, oder überhaupt. Und entscheiden sich „An alle“, damit auch bitteschön alle davon erfahren mögen.

Elf Uhr dreiundreißig. Würde jetzt hier stehen, wenn es sich um eine Stenkelfeldstory handelte. Ist es aber nicht. Weil viel dramatischer. Die ungefähr 50 weiteren KollegInnen aus dem „Bahnfahrer“-Verteiler haben die Schnauze gestrichen voll. Ein Idiot nach dem anderen schreibt, dass er nicht mehr im Verteiler sein will. Aber schreibt das eben „An alle“.

Die 50 tapferen KollegInnen nun wiederum haben das Bedürfnis, doch bitteschön zur Kenntnis zu bringen, man möge seine Antwort nur an „An“ schicken und nicht an „An alle“. Um dieses allerdings zu bewerkstelligen, entscheiden sich die tapferen 50 einmalig, Ehrenwort!, für „An alle“, damit es alle bitteschön erfahren mögen. Um weitere Fälle misratener Kommunikation zu verhindern.

Zwölf Uhr irgendwas. Es kommt wie es kommen muss. Der Server geht in die Knie. Alle IditionInnen und NichtiditionInnen schreiben „An alle“, dass es ziemlich bescheuert sei, „An alle“ zu schreiben und man möge damit aufhören…

Da dies ja eine frei erfundene Geschichte ist, vermute ich mal, dass sie folgendermaßen endet. Die Betroffenen gehen verärgert nach Hause, weil ein Arbeiten nicht mehr möglich ist. Die Betroffenen müssen notärztlich behandelt werden, da ihre Lachkrämpfe autogenen Charakter annehmen und nicht mehr zu bremsen sind. Die Betroffenen werden durch Lautsprecherdurchsagen informiert, dass „An alle“ ab sofort unter Strafe steht.

Oder die Betroffenen werde über das firmeninterne Intranet darüber informiert, dass „An alle“ eine Abmahnung zur Folge hat.

Gerüchteweise soll es daran anschließend KollegInnen gegen haben, die aufgrund der Intranet-Veröffentlichung total verunsichert an den Verteiler „Firma-Gesamt“ geschrieben haben sollen, was denn eigentlich passiert sei. Und jemand habe dann wissenderweise, aber auch ungeschickterweise „An alle“ geantwortet…

Die schönsten Geschichten schreibt die Phantasie, behauptet das Leben…

© Ulf Runge, 2010

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Dori sagt:

    Lieber Ulf – kicher!
    Wanz eponn ä teim arbeite(te) ich ja nun mal beim gleichen (oder sagt man selben) Unternehmen wie Du – wenn auch in einer völlig anderen Stadt 🙂
    Und Wanz eponn ä teim bin ich auch der Versender von Mails „an alle“. Aber nur ganz selten. Viel öfter jedoch bekomme ich Mails „an alle“ und frage mich fast jedes Mal: wieso bekomme ich die?
    Na ja, und dann die ganzen Kopien von den Kopien von den Mails „an alle“.

    Schön hast Du das geschrieben, wie immer! Es ist jedes Mal sehr amüsant, bei Dir vorbeizuschauen.

    Ich wünsche Dir einen schönen Freitag. Gibts bei Euch auch den „Casual Friday“?
    Wo die Chefs, die sonst in Nadelstreifen herumlaufen in einer knackigen 😉 Jeans erscheinen mit Turnschuhen? Auch das brauche ich nicht wirklich zum Glücklichsein.

    Viele liebe Grüße

    Dori

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  2. Ulf Runge sagt:

    Liebe Dori,

    danke für Deinen lieben Kommentar.
    Meine „frei erfundene“ Begebenheit scheint in Deinem Alltag ja „ansatzweise“ Parallelen zu haben… 🙂

    Das mit dem Casual Friday, das gibt es in meinem Umfeld sehr wohl.
    Die einen kommen „smart casual“ daher, die anderen in der Tat etwas weniger smart…

    Die Idee ist ja, dass man sich wohl die Woche so einteilt, dass man freitags keine Kunden „sieht“. Das ist in der heutigen 24×7-Welt, in der man für seine externen und auch internen Kunden IMMER ansprechbar sein muss, sicherlich nicht mehr der adäquate Ansatz. Wenn ich keine geplanten Kundentermine habe, dann genieße ich schon, etwas lockerer ins Büro gehen zu dürfen. Und wenn ich freitags doch mal mit Schlips und Krawatte gehen „muss“, ist das für mich kein Drama.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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