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Archive for Januar 2010

Die Wand – Ich muss – Ich will

29. Januar 2010 9 Kommentare
Leben 554 – Freitag, 29.01.10

Sie lag da am Boden. In der Ferne. Machte sich klein. Flach. War fast unsichtbar. Ein Strich in der Landschaft. Die Wand. So wie Eisenbahnschienen am Horizont zu einem einzigen Punkt verschmelzen.

Ich hatte beschlossen, auf sie zuzugehen. Wollte die Tür finden, durch die ich hindurch gehen kann.

Ich kann nicht sagen, dass ICH Fahrt aufnahm. Nein, die Zeit nahm Fahrt auf. Sie beschloss, einfach nur zu vergehen. August weg. September weg. Ich zählte in Monaten.

Mit rasender Geschwindigkeit bewegt sie sich auf mich zu. Die Wand. Ich zähle in Tagen. Sehe bereits drei Türen, durch ich hindurch muss, nächste Woche. Muss? Nein! Will!

Immer ging es irgendwie vorwärts in meinem Berufsleben. Voller Inhalte. Voller Termine. Vorwärts! Vorwärts!

In den vergangenen sechs Monaten habe ich viel gelernt. Theoretisches. Was ich schon vor zehn, zwanzig Jahren gut hätte gebrauchen können. Vielmehr aber habe ich genossen, bei all den 2700 Seiten Lernstoff, die ich hätte lesen sollen, über meine Arbeit zu reflektieren. Welche Fragen ich mir und anderen hätte bisweilen stellen sollen.

Jetzt weiß ich, warum diese Form von Bildung Weiterbildung heißt. Weil sie einen weiter bringt.

Mein Tacho zeigt 2 Mach. Überschall. Die nächsten Tage stehen im Zeichen unbedingten, zielgerichteten Lernens.

Ich habe genossen, in einer wertschätzenden Gruppe gleichgesinnter Prüfungskandidaten über Monate hinweg lernen zu dürfen. Ich bedaure, dass die Zeit mit den höchst kompetenten Tutoren nun vorbei sein soll, die ich zwei Tage im Monat erleben durfte. Schwerpunkte auf wichtige Themen setzend. Und wenn wir uns zu sicher fühlten, wenn wir vielleicht kurz vorm Übermut oder Hochmut waren, dann haben sie uns wieder runtergeholt, uns aufgezeigt, wo wir noch „nachlegen“ können.

Wer diesen Blog hier liest, hat gemerkt, dass es etwas weniger geworden ist die vergangenen Tage. Was soll ich schreiben, wenn ich nur noch auf ein Thema fixiert bin? Höchste Konzentration verlangt ist. Nun, ich schreibe, dass ich mich in gut einer Woche wiedermelde. Mit hoffentlich guten Nachrichten.

Sie kommt näher die Wand. Immer näher. Drei Türen hat die Wand. Ich muss „nur noch“ durch sie hindurchgehen. Muss? Nein! Ich will.

© Ulf Runge, 2010

Tschüss, Deutschland! – Hallo, Deutschland!

27. Januar 2010 4 Kommentare
Leben 553 – Mittwoch, 27.01.10

Ich würde nun mal die falschen Zahlen spielen. Bekam ich immer wieder zu hören. Um dann eines Tages zu beschließen und zu erkennen, dass ich für die Erfüllung meiner Wünsche keinen Lottogewinn brauche. Sondern erstmal nur mich. Und dann die, die mir wert und teuer (!?) sind.

Dass Glücklichsein und Zufriedensein von meiner Einstellung abhängt.

Er wolle auswandern. Nach Übersee. Gab Der Junge Mensch bekannt. Allerdings nicht alleine. Wir sollten schon mitkommen. Und dafür bräuchten wir Geld. Ich solle wieder einen Lotto-Tipp abgeben. Aber nicht mit „meinen“ Zahlen. Er, Der Junge Mensch, würde mir Zahlen geben.

Was dann auch pasierte.

Ich gab zu bedenken, dass man beim Lotto ganz fest an seine Zahlen glauben müsse. Ich ließ darüber hinaus einfließen, dass man leider nicht einen einzigen Tipp spielen könne. Zwei müsse man abgeben. Und dass dieser Umstand eigentlich schon Ursache dafür sei, dass man im Lotto nicht gewinnen könne. Weil die Zahlen, an die man fest glaubt, die würden ja mitbekommen, dass auf dem gleichen Zettel noch eine weitere Zahlenkolonne dabei sei, den Hauptgewinn einheimsen zu wollen. Ein Tippschein, auf dem zwei einander neidische Wetten sich gegenseitig Stress machen? Das könne noch nicht mal zu drei Richtigen führen!

Ob man denn nicht den gleichen Tipp zweimal spielen könne, schlussfolgert Der Junge Mensch. Dann stelle sich das Problem mit den zwei einander belauernden Tipps doch gar nicht!

Ich begebe zu bedenken, dass zwei verschiedene Tipps die Gewinnchancen mathematisch betrachtet verdoppeln. Und man andererseits bei zwei identischen Zahlenreihen damit rechnen müsse, dass man die Quote, sprich die Gewinnhöhe, verringere, dafür dann aber zweifach kassiere.

Ich tippe. 4-Wochen-Schein, mittwochs und samstags.

Die erste Ziehung rückt näher. Ich weise auf ein kleines Problem hin. Erstaunte Augen sehen mich an. „Was denn?“, will Der Junge Mensch wissen.

„Angenommen, wir gewinnen, dann müssten wir erst einmal ausdiskutieren, ob wir wirklich alle nach Übersee wollen!“ Da solle ich mich mal ganz locker machen, bekomme ich zu hören. Das würden wir schon hinkriegen.

In der ersten Ausspielung ist dann aber auch keine einzige Zahl richtig.

Lottospieler würden in der Regel total verarmt und vereinsamt enden, ziehe ich alle Register, die mir so einfallen. Weil sie mit dem plötzlichen Reichtum nicht umgehen könnten.

Und? Erst mal gewinnen!

Bei der nächsten Ziehung haben wir drei Richtige! Was man dafür bekäme, will Der Junge Mensch wissen. Ich gebe zu bedenken, dass das nicht wirklich auswanderungsgeeignet sei, so unter 10 Euro. Aha.

Nachdem wir vor ca. zwei Wochen mangels Liquidität nicht sofort nach Übersee ausgewandert sind, erfahre ich nun heute Abend, dass sich das Ziel der Veränderung leicht geändert habe. Es handle sich jetzt um die Nachbar-Nachbarstadt, die habe wenigstens eine gescheite Fußgängerzone, und überhaupt sei das halt eine richtige Stadt!

Während ich mir gerade den Rückumzug von Übersee nach Nachbar-Nachbarstadt in Gedanken ausmale, ich bitte den Containerschiffkapitän um sofortigstes Wenden auf hoher See und um alsbaldigsten Rücktransport nach Europa, da lasse ich meine Zustimmung durch ein „Und Intercitys halten dort auch!“ erkennen. Da man sogar für ein derartig bescheidenes Vorhaben, verglichen mit der Ausreise nach Übersee, etwas Kohle braucht, hoffe ich mal, dass sich die beiden Zahlenreihen inzwischen derart aneinander gewöhnt haben, dass sie einander gönnen, gezogen zu werden.

Nun gibt es ja bei Lotterien als Hauptgewinn auch „Lebenslange Renten“ zu gewinnen.

Angesichts der extrem geringen Halbwertszeit der Wunschziele Des Jungen Menschen hoffe ich auf den Ehrenpreis der Lotto-Jury, der etwa „Lebenslanges Umziehen“ heißen könnte!

© Ulf Runge, 2010

Örtlichkeit

22. Januar 2010 6 Kommentare
Leben 552Freitag, 22.01.10

Viele Menschen sind der Meinung, es sei wichtig, pünktlich zu sein.

Wieder viele, allerdings dann andere, Menschen sind der Meinung, das sei unwichtig.

Ich bin manchmal unpünktlich, in Abwandlung einer Bierwerbung aber hoffentlich immer seltener.

Ich glaube, es ist wichtig, pünktlich zu sein.

Ich glaube, es ist genau so wichtig, örtlich zu sein.

Örtlich? Ja!

Nachdem ich vor einigen Wochen bei einer Einladung zu einem auswertigen Termin, einem Termin, bei dem ich den Anfang der Veranstaltung hätte gestalten sollen, nachdem ich also zu diesem Term pünktlich gewesen war, leider am falschen Ort, nachdem mir also dieser Lapsus passiert war und ich das Team eine gute Stunde aufgehalten habe, danach habe ich beschlossen, dass mir das nicht mehr passieren sollte…

Heute war ich erneut pünktlich. Zum Termin mit der gleichen Gruppe. Hatte mir die Einladung genauer angesehen als beim letzten Mal. War rechtzeitig in der M-Landstraße, die stadtauswärts führt. Richtung M.

Ich war heute wieder pünktlich. Und stand vor der richtigen Hausnummer. In der M-Landstraße. Das Gebäude, vor dem ich mich soeben eingefunden hatte, entsprach allerdings nicht direkt meinen Erwartungen, so dass ich doch noch einmal die Papier gewordene Einladung zu Rate zog: Ja, die Hausnummer war richtig, allein die Straße war falsch. D-Landstraße hätte es heißen sollen. Stadtauswärts. Richtung D. Und gar nicht Richtung M.

Relativ unsicher, wie ich in ca. 10 Minuten an einen mir noch unbekannten Ort kommen solle, bespringe ich die nächste Tram, auf einen gültigen Fahrschein verzichtend, um von dem besonders freundlichen Straßenbahnfahrer alle denkbaren Möglichkeiten erläutert zu bekommen, wie ich denn nun die nächsten Minuten gestalten könne, um den Fehler schnellstmöglich wett zu machen.

Er ist dabei so voller Freude, mir helfen zu dürfen, dass er wohl seine Totmanntaste zu drücken vergisst, was wiederum zur Stromabschaltung der Tram auf belebter Straße auf noch belebterer Kreuzung führt. Während er mit seinen Instruktionen über die Erreichung der D-Landstraße fortfährt, lässt ihn das kurzfristige Liegenbleiben mangels Stromzufuhr kalt, er drückt ein paar Knöpfe und schließlich rückelt der Waggon weiter.

An der nächsten Haltestelle sehe ich zwei Gestalten, die ich für potenzielle Kontrolleure halte (es gibt Dinge, die riecht man gegen den Wind, ohne sie begründen zu können), so dass ich ein Fortsetzen meiner Terminrettungsaktion per Taxi beschließe.

10 Minuten später befinde ich mich nicht nur an der richtigen Hausnummer, nein, sogar die Straße stimmt…

Ich glaube, das mit dem Pünktlichsein, das habe ich inzwischen kapiert. Jetzt muss ich nur noch örtlicher werden…

© Ulf Runge, 2010

Nackte Haut

20. Januar 2010 6 Kommentare
Leben 551 – Mittwoch, 20.01.10  

Es gibt Dinge, die sollte man nicht machen.

Das, was läuft, das sollte man laufen lassen.

So wie die Gestirne bestimmen, wann Winter oder Sommer ist. Da sollte man nichts schrauben dran. Außer vielleicht voller Demut „Danke!“ sagen, dass es so ist, wie es ist. Dass wir auf diesem ganz besonderen Planeten in einer Region leben dürfen und mehr als nur unsere Grundbedürfnisse befriedigen. Und auf hohem Niveau stöhnen.

Nun, das habe ich auch gemacht. Nein, nicht das Stöhnen. Das Danken ist gemeint. Und das war so:

Da hat man im Beruf mit verschiedenen Lieferanten zu tun. Und die wollen, dass man sich immer wieder gerne an sie erinnert. Und dann überlassen sie einem sehr gerne Wandkalender mit ihrem Firmennamen drauf.

Nun begab es sich, dass ich über Jahre hinweg von einem Lieferanten, der einer werden wollte, aber noch nicht bei mir „gelandet“ war, um die Weihnachtszeit einen Kalender mit zauberhaften Landschaftsbildern zugeschickt bekommen habe. Da sich der Kontakt zu dem Vertriebsbeauftragten dieses Lieferanten allerdings „verloren“ hatte, gab es auch niemanden, bei dem ich mich persönlich bedanken konnte. Das habe ich dann vor einem Jahr geändert.

Indem ich an die Geschäftsleitung schrieb und mich für die freudespendenden Fotos bedankt habe. Dies wiederum hat zunächst zu keiner für mich sichtbaren Reaktion geführt. Zunächst. Allerdings haben meine Dankeszeilen wohl zu einer Überprüfung der Kontaktdaten geführt und zu der Erkenntnis, dass bei mir keine Kohle verdient wird, und dass man sich dann auch nicht erkenntlich zeigen braucht.

Weihnachten 2009: Kein Fotowandkalender. Hm.

Das Dezemberfoto hing noch bis vergangene Woche in meinem Büro, als ich in spaßiger Laune beschloss, auf die Rückseite des Fotos in Riesenlettern den Hinweis zu schreiben: „HIER KÖNNTE IHR FOTOKALENDER HÄNGEN!“ und sichtbar am alten Platz aufzuhängen. Nun könnte kommen wer wollte, am liebsten fotokalenderverschenkende Lieferanten, und sich darum streiten, wer denn bitteschön den vakanten Platz einnehmen dürfe.

Statt mit potienziellen Kalenderverschenkern kam ich mit Kollege und Kollegin ins Gespräch. Mir würde wohl nichts übrig bleiben, als selber einen Kalender zu kaufen, meinte ich. Und wie es sich für einen Mann gehöre, mit viel nackter Haut, ergänzte ich zwinkernd. In tatsächlicher Unkenntnis der Dinge murmelte ich den Namen einer italienischen Automarke, die außer fahrbaren Untersätzen auch die Damen posieren ließe. Um mich dann aber doch noch geistesgegenwärtig daran zu erinnern, dass es sich um einen italienischen Autoreifen-Kalender handeln müsse.

Sie hätte da eine Idee, verabschiedet sich Kollegin ins Wochenende.

Nun, seit heute hängt nackte Haut, bis aufs äußerste entblößt an meiner Bürowand. Und man mag es glauben oder nicht, sehr, sehr geschmackvoll!

Wie das? Kollegin war so lieb und hat mir den Kalender besorgt. Obendrauf hat sie die Überschrift „Ulf’s persönlicher Pirelli-Kalender“ aufgeklebt. Ich als nahezufast Vollveganer hätte mir wohl kaum vorstellen können, dass eines Tages ein Metzger- und Fleischerei-Kalender mein Büro zieren würde. Im Januar 2010 gefüllte Schweine-Elendchen zeigend…

© Ulf Runge, 2010

Nix zum Lachen

18. Januar 2010 10 Kommentare
Leben 550 – Montag, 17.01.10

Da gäbe es schon einige amüsante Begebenheiten zu erzählen, doch sie wollen mir nicht gelingen.-

Da bauen wir den Turm von Babylon erneut und weihen mit 828 Meter Höhe einen Turm ein, von dem ich mir nicht vorstellen kann, dass ich mich in selbigem wohlfühlen würde.

Dieser Turm ist gebaut auf einer hauchdünnen Schicht, die nun anderswo gebebt hat. Man stelle sich vor, so zehn Prozent der deutschen Bevölkerung seien von heute auf morgen ohne Dach über dem Kopf. Ohne Bett. Ohne Wasser, Essen. Ohne ihre Liebsten, die in den Trümmern geblieben sind! Würdelose Zustände für die Überlebenden. Unvorstellbar, wie die Toten „entsorgt“ werden. So unvorstellbar, dass uns Kameraleute diese Bilder (aus Pietät vor den Verstorbenen) vorenthalten wollen. Ich sage leise „Danke!“

Im Radio höre ich, dass eine bekannte Klamottenkette in New York die nicht verkaufte Ware kaputt geschnitten hat und in Mülltüten entsorgt, anstatt sie an die Obachlosen zu verschenken oder für „nen Dollar“ zu verkaufen.

Das reicht eigentlich, oder?

Tränen in die Augen treibt mir die Nachricht, die Wolfgang Messer hier hinterlassen hat, dass Frank Laufenberg um seine Ehefrau Ingrid trauert. Mitfühlende Anteilnahme, lieber Frank Laufenberg!

Und während Frank Laufenberg von seinem Freund Rainer mit Zeilen aus Eric Claptons „Tears in Heaven“ trostvolle Zuwendung erfährt, verneige ich mich vor allen Toten. Denen, die Du gekannt hast, und jenen, denen ich begegnen durfte, die mich begleiten durften, und schließlich all denen, die wir nicht gekannt haben. Verneige mich vor ihnen mit dem genau diesem Lied von Eric Clapton, das sich mir anlässlich der Trauerfeier einer ganz lieben Freundin tief in mein Herz hineingebrannt hat.

Gäbe es kein Gestern, so hätten wir nie gelebt. Wären ein Baum ohne Wurzeln.

Gäbe es kein Morgen, wären wir ohne Sorgen. Aber auch ohne Zuversicht.

Jetzt. Nur im Jetzt LEBEN wir.

So betrachte ich mit ganz viel Wertschätzung und Wehmut das Gestern, schaue hoffend auf Morgen und lebe demütig und dankbar im JETZT.

© Ulf Runge, 2010

Weiß geht immer!

15. Januar 2010 10 Kommentare
Leben 549 – Donnerstag, 14.01.10

„Weiß geht immer!“ sagt mir die Blumenverkäuferin auf meinen indifferenten Wunsch nach einem Strauß für eine Einladung zu Gastgebern, deren Haus ich noch nie betreten habe.

Wir stellen uns vor die Galerie der von ihr empfohlenen Blumen. Kallas (weiße!) heben Ihre Köpfe zur Ladendecke, so als wollten mich nicht angucken wollen, Lilien (weiße!) blicken mich unterkühlt an, halten ihre Blüten fest verschlossen.

„Das ist natürlich völlig farblos!“ meint meine Bedienung, wohl spürend, dass ich zögere.

„Die sind sehr schön!“ sage ich, „aber sie haben auch was von Friedhof!“ nehme ich ihre Vorlage auf.

„Bei weiß ist halt nie eine Farbe dabei, die jemand nicht mag!“ versucht sie mir das Gefühl zu geben, sie kämpfe noch ein bisschen um ihren Vorschlag.

„Ich glaube, die Leute sind nicht so, dass sie geschmackvolle Farben nicht mögen!“ bahne ich den Weg zu den Vasen in unserem Rücken, in denen rote, gelbe und orangene Rosen, Tulpen und Lilien darauf warten, heute noch mit mir den Laden zu verlassen.

Was mir gut gefallen hat an diesem Blumenkauf: Die Floristin hat sofort erkannt, dass ich kein Beratungsgespräch brauche, sondern einen schönen Blumenstrauß. Sie hatte eine Antwort für alle Fälle (weiß!) parat. Und ich bin mir sicher, auch mit Weiß hätte sie mir etwas Zauberhaftes komponiert.

Und zu guter Letzt: Ich habe mit einem Lächeln im Gesicht das Geschäft verlassen. Weil sie mein Unwohlsein wahrgenommen hat. Und weil sie voller Hingabe ihr Bestes gegeben hat für ein Kunstwerk, ein Unikat, das sie, kaum dass es fertig war, für immer aus ihrer Hand geben musste…

© Ulf Runge, 2010

Mannchmal

12. Januar 2010 16 Kommentare
Leben 548 – Dienstag, 12.01.10

Muss meine Pläne ändern. Muss zum Tierarzt. Besser. Hund muss. Hat Wunde. Am Bein. Will ich lieber zeigen. Nix versäumen. Hund sonst okay. Läuft normal. Weint nicht.

Tierarzt guckt. Gibt Salbe. Solle einreiben. Vorsichtig. Dann Strumpf übers Bein ziehen. Nen alten. Sonst nix.

Alten Strumpf nehm. Zehen abschneid. Wunde einreib. Strumpf rüber zieh.

Hund humpelt!

Kann mir mal bitte jemand sagen, woher der Hund weiß, dass er jetzt humpeln muss? Woher er weiß, dass er jetzt nicht mehr genau die Treppe runterlaufen kann, die er gerade eben noch sportlich hochgelaufen ist?

Später.

Vom Hund erzähl. Von Salbe und Strumpf. Vom Humpeln.

Um dann in frauenüberschüssiger Runde gefragt zu werden, ob der Hund männlich sei.

Mannchmal ist es besser, mann versteht nicht alles, wie es gemeint ist. :-)

© Ulf Runge, 2010

Noch öfter als öfter

Leben 547 – Montag, 11.01.10Der Beppo nun fand die Begebenheit, die er mit dem Fridolin erlebt hatte, so lustig, dass er sich gleich hinsetzte, um sie in Worte zu fassen. Als er die Geschichte fertig hatte, konnte er es kaum erwarten, den Fridolin wiederzusehen, um diesen mit seiner Schreibeskunst zu überraschen.

Der Beppo wär ja beinahe geplatzt vor Ungeduld, aber dann endlich war es soweit, der Fridolin kam vorbei, betrat die Stube und wurde vom Beppo richtiggehend in den Sessel hineingedrückt. Er habe ihren gemeinsamen Spaß beim jüngsten Spaziergang einfach mal zusammenschreiben müssen, und nun wolle er ihm das vorlesen!

Der Fridolin amüsierte sich mächtig über den Beppo und dass er soviel Aufhebens um sein Geschreibsel machte. Letzterer nahm sein Manuskript in die Hand, las Zeile um Zeile vor, und machte immer wieder ein Pause, um die erhoffte Gemütsregung im Gesicht seines Zuhörers zu entdecken.

Dieser hatte in der Tat seinen Spaß, lächelte, grinste und lachte abwechselnd.

Bis der Beppo die entscheidende Stelle vorlas, also die mit dem Missverständnis: „Fridolin zog die Augenbrauen hoch und gab dem Beppo zu verstehen, dass es sich hier wohl um ein Missverständnis handeln müsse. Er habe zwar sehr wohl „Das passiert mir öfter!“ gesagt, dazu stehe er auch; aber nicht ein von ihm zu verantwortendes Luftablassen sei damit gemeint, vielmehr sei es die Gegenwart von Menschen, die wie Beppo zu spontanen Artikulationen neigen!“

Der Beppo, der nun einen hocherfreuten Fridolin im Sessel gegenüber vermutete, die Augen aufschlug und seinen Blick zum Freund fahren ließ, der war dann auch erleichtert, als er die Kurzkritik „Wahrlich, eine schöne Geschichte, die Du da geschrieben hast!“ vernahm. Um dann allerdings vom Glauben abzufallen, als der Fridolin fort fuhr: „Aber nicht unsere Geschichte! Mein Problem sind weder verdauungsbedingte Druckausgleiche noch Menschen wie Du, die unter selbigen leiden. Nein, ich habe Dir nur vermitteln wollen, dass mir des öfteren passiert, dass Menschen in meiner Gegenwart vergessen, dass ich überhaupt zugegen bin!“

„Oh!“ sagt der Beppo, „dann ist das ja ein zweifaches Missverständnis! Oh je!“

„Du wirst die Geschichte doch nicht etwa an die Metzgerzeitung verkauft haben, oder? Und einen Blog hast Du ja zum Glück auch nicht!“ beendet der Fridolin seine Inquistion.

Und da war der Beppo aber mächtig froh, dass er seine Geschichten auf einem anonymen Blog veröffentlicht…

© Ulf Runge, 2010

Das passiert mir öfter!

Leben 546 – Samstag, 09.01.10

Der Fridolin und der Beppo, die kannten sich schon ziemlich lange. Dicke Freunde waren sie, und doch total verschieden. Während der Fridolin sehr feinfühlig durch die Welt ging, war Beppo mehr der Typ fürs Derbe.

Verabredetet hatten sie sich. Zum Spaziergang. Der Beppo war extra zum Bahnhof gefahren, um den Fridolin abzuholen. Sie herzten einander, hatten sie sich doch schon lange nicht mehr gesehen, und dann fuhren Sie zum Waldparkplatz, wo sie ausgedehnt die Natur genießen wollten.

Der Beppo nun, der hatte sehr gesund gegessen, und so trieben Winde in ihm rum, die ihn an allen Ausgängen plagten. Und dann passierte es. Nicht nur der Wind nahm seine ungebremste  Bahn, nein, auch ein Tönchen wollte vernommen sein.

Das macht dem Beppo eigentlich nichts aus, wenn er sich unter Freunden weiß, und so tut er manchmal so, als könne niemand diesen Druckausgleich wahrnehmen.

Nun, der Fridolin hatte es gehört, und so sagte der Beppo geflissentlich „Entschuldigung! Ich hatte ganz vergessen, dass ich nicht alleine bin.“ Worauf der Fridolin nur „Das passiert mir öfter!“ entgegnete.

Das war’s dann auch und so setzten sie ihr lebhaftes Gespräch mit unverminderter Intensität fort. Auf dem Weg durch den Wald geschah allerdings, was nun nicht mehr hätte passieren dürfen. Ein weiterer, laut vernehmbarer Klang drang aus Beppos Eingeweiden in die Waldesstille hinein.

Erneut entschuldigt sich der Beppo, um dann noch zu bemerken: „Gut, dass Dir das auch öfters passiert!“

Der Fridolin zieht die Augenbrauen hoch und gibt dem Beppo zu verstehen, dass es sich hier wohl um ein Missverständnis handeln müsse. Er habe zwar sehr wohl „Das passiert mir öfter!“ gesagt, dazu stehe er auch; aber nicht ein von ihm zu verantwortendes Luftablassen sei damit gemeint, vielmehr sei er des öfteren in Gegenwart von Menschen, die wie Beppo Opfer ihrer Ernährung würden!

© Ulf Runge, 2010

Hamsterkäufe – jetzt!

9. Januar 2010 4 Kommentare
Leben 545 – Samstag, 09.01.10

Hamsterkäufe solle man jetzt tun. Erkläre ich einem aufgeweckten und aufgeschlossenen Bekannten, der noch nicht so lange in Deutschland lebt. Hamsterkäufe solle man jetzt erledigen, das habe das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe geraten (nein, was das denn sei, fragt er mich nicht, an die witzigen Behördennamen hat er sich schon gewöhnt).

Er lächelt mich freundlich an. Ist irritiert.

Ob er wisse, was denn Hamsterkäufe seien, baue ich ihm eine Brücke.

Nein, das Wort habe er noch nie gehört.

Da gehe man Einkaufen, was man kriegen kann. So wie die Hamster vorm Winter alles einsammeln, was ihnen so unter kommt. Und wegen des vermuteten baldigen Schneechaos raten die Behörden jetzt, sich Vorräte anzulegen…

Und ob ich denn nun auch „meinen“ Hamsterkauf machen würde.

„Nein!“ sage ich, „wir haben schon genug Haustiere!“ lächle ich ihn an. Mit wissendem Blick grinst er zu mir zurück.

© Ulf Runge, 2010

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