Das ist mein Laden

Leben 530 – Samstag, 12.12.09

Der Abend ist noch voller Termine, wir wollen aufbrechen, als die Jugend zu einer „Da-wäre-noch-was“-Beichte anhebt. Die neue Wetterjacke sei kaputt. Der Reißverschluss würde nicht mehr schließen.

Mein Diskjockey will gerade die „Kannst-Du-nicht-besser-aufpassen“-Platte auflegen, als sic ein kleiner Junge an die Jukebox stellt und „Ich sage nur: Drei Triangeln. Drei Triangeln!“ von sich gibt.

Okay, wir lassen das mit dem Platte-Auflegen, ich frage lösungsorientiert, ob denn der Kassenzettel noch da sei. Hm, der nun nicht gerade, erfahre ich, aber der Beleg von der Lastschriftbuchung.

Na toll, denke ich, die werden uns was erzählen, wenn wir damit zur Reklamation vorbeikommen.

Die Pflichttermine des Abends absolvieren wir relativ schnell, so dass doch noch Zeit bleibt für den Versuch einer Reklamation. Ich bin mir hundertpro sicher, wie das laufen wird. Man wird uns erzählen, dass da rohe Gewalt am Werk war, so einen kaputten Reißverschluss habe man noch nie gesehen.

Wie das mit den Triangeln gemeint gewesen sei, willst Du wissen? Also, ich hatte eine neue Cordhose und war stolz wie Oskar. Nun, ich ließ sie nach der Schule zum Spielen an. Fiel bei wildem Gerangel auf die Knie und hatte eine supertollen Riss in der Hose. Am Knie. Als hätte jemand mit der Schere einen rechten Winkel hineingeschnitten. Triangel nannte das meine Mutter. Ärgerlich sowas. Dumm allerdings, wenn es innerhalb weniger Monate dreimal passiert. Da hängt der Haussegen ganz schön schief.

Wir betreten den Laden mit der kaputten Jacke in der Hand, sind keine drei Schritte gelaufen, als uns eine sowas von anstrahlende Dame in Empfang nimmt und nach unserem Begehr fragt, dass wir total perplex sind.

Sie schaut sich den Schaden an, will wissen, ob es denn wieder die gleiche Jacke in dieser Größe sein soll, wir bejahen, und ohne weitere Diskussion führt sie uns zu dem Ständer, an dem noch fabrikneue Jacken hängen. Doch die gewünschte Größe ist leider ausverkauft.

Das war’s dann wohl. Sie aber geht mit raschem Schritt zur Kasse, greift zum Hörer, ruft in einer Nachbarfiliale an, gibt Artikelnummer, Originalpreis und reduzierten Preis durch, Fehlanzeige.

Reduzierter Preis? Ja, die Jacke kostet jetzt 16 Euro weniger. So ein Pech aber auch. Jacke „zu früh / zu teuer“ gekauft und dann noch der Reißverschluss kaputt. Stopp. Nein. Ich fange jetzt nicht an zu lamentieren…

Sie ruft in einer anderen Nachbarfiliale an. Sagt das gleiche Sprüchlein noch einmal auf. Wartet. Hält uns weiter mit Ihrem strahlenden Lächeln in Laune. „… haben Sie noch da? Na das ist ja prima. Moment mal, ich frage den Kunden…“ und will dann wissen, ob wir gleich noch nach Viernheim rüberfahren würden. Tun wir.

Bedanken uns, sind total begeistert.

In der Nachbarstadt hängt die Ersatzjacke bereits an der Kasse. Wir werden erwartet von einer freundlichen grüßenden Dame. Sie möchte nur noch den Kassenzettel sehen.

Jetzt kippt alles, denke ich mir. Wir hätten nur den Lastschriftbeleg. Macht nichts, sagt sie zu unserer Beruhigung, ob wir denn wüssten, was wir bezahlt hätten für die erste Jacke. Den höheren Preis, sage ich wahrheitsgemäßig. Danach bleibt sie zwar weiterhin vor uns stehen, vertieft sich aber in einen ca. fünfminütigen Dialog mit Ihrer Kasse und dem Barcode auf der neuen Jacke. Um uns dann die neue Jacke zu überreichen. Und den Kassenzettel. Und… noch 16 Euro. So als hätten wir die kaputte Jacke wegen Mangels zurückgegeben. Und die neue jetzt reduziert gekauft.

Für ich das der Hammer! So etwas an Kundenorientierung habe ich noch nicht erlebt. Allen, die es wissen wollen, auch wenn das nicht zu viel sind, sage ich gerne: Die Filialen Heppenheim und Viernheim der Firma Takko, „DAS IST MEIN LADEN!“

P.S.: Nein. Das habe ich nicht geträumt. Und außer den 16 Euro habe ich auch kein Geld angenommen.

© Ulf Runge, 2009

9 Kommentare Gib deinen ab

  1. gabaretha sagt:

    Lieber Ulf,
    ich drücke Deiner „Jugend“ ganz fest die Daumen, dass die neue Jacke jetzt ein wenig länger hält…und Dir und Deiner Herzallerliebsten wünsche ich ein wunderschönes Wochenende, das ja mit dieser schönen Erfahrung wahrhaft gut angefangen hat.
    Besser und besser,
    Gaba

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  2. Jürgen sagt:

    Ich habe es schon immer geahnt. Die sogenannte „Servicewüste Deutschland“ ist eines der vielen angstmachenden Gerüchte, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind. Die Welt und die Menschen sind besser als ihr Ruf!

    Liebe Grüße und ein weiterhin so schönes Adventswochenende,
    Jürgen

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  3. Ecki sagt:

    Ich bin zufällig hier reingestolpert 🙂 Viel Spaß mit der neuen jacke und ein schönes WE!

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Gaba, bis jetzt „lebt“ die Jacke noch 🙂
    Danke für die schönen Adventswochenendgrüße, die ich gerne ins (verschneite?) Loisach/Isartal weitergebe…

    LG, Ulf

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  5. Ulf Runge sagt:

    Lieber Jürgen,

    ich glaube auch, dass Du recht hast.
    Die Servicewüste als Fata Morgana… lach.

    Ebenso adventliche Grüße,
    Ulf

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  6. Ulf Runge sagt:

    Lieber Ecki,

    gestolpert? Ja das gibt es…
    Zufällig? Nein, Zufälle gibt es nicht…

    LG, Ulf

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  7. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, das ist eine grossartige Geschichte und dann ist sie auch noch wahr… Tolle Verkäuferin, hilfsbereit und kompetent und auch wenn das jetzt überheblich klingen mag, das in so einem „günstigen“ Laden, ich hoffe, das verstehst Du jetzt richtig.

    Bei uns hättest Du übrigens eine ähnlich gute und kompetente Behandlung bekommen, allerdings zu etwas anderen Preisen:-) Wir wissen, wie wichtig eine zufriedenstellende und kompetente Retourenbearbeitung ist und dass das DIE Chance ist, einen Kunden für immer zu verlieren ODER zu einem Stammkunden zu machen… Was glaubst Du, was bei uns meist der Fall ist?:-)

    Liebe Adventsgrüsse Andrea

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Andrea,

      ich vermute mal, dass Ihr zunächst einmal absichtlich leicht fehlerhafte Ware verkauft,
      um im sodann folgenden Reklamations- und Beschwerdeprozess eine innigliche, dauerhafte Kundenbeziehung zu etablieren…
      frechfettgrins…

      Ebenso liebe Adventsgrüße zurück…
      Ulf

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  8. Mo sagt:

    Mal nicht an Ulf,
    sondern an Jürgen:
    Ja Jürgen, die Welt und die Menschen sind besser als ihr Ruf.
    Volle Zustimmung.

    Gruß – Mo

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