Frau D.

am
Leben 528 – Dienstag, 08.12.09

Marktplatz Gesundheit heißt die Veranstaltung, die der Betriebsrat meiner Firma da organisiert hat. In dem Ankündigungsschreiben lesen ich einige Begriffe, die ich nicht kenne, die mich neugierig machen.

Am Marktplatz angekommen nehme ich den Übersichtsplan zwar zur Kenntnis, aber zu Karten habe ich ein ähnliches Verhältnis wie zu Gebrauchsanleitungen: Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, bieten sie einem die Erklärung „Warum?“.

Ich beginne bei einem sehr freundlichen Herrn, der mir zwei gymnastische Geräte vorführt: einen Flexi-Bar und einen Gymstick. Den Flexi-Bar, einen biegsamen, federnd schwingenden Stab darf ich selber mal ausprobieren und merke, dass meine komplette Verspannung im Rücken durch diese Bewegungen und Schwingungen attackiert wird. Flexi-Bar und Gymstick: Bestimmt zwei Super-Geschenkideen für Weihnachten. Für andere. Oder für sich selber.

Beim zweiten Stand lerne ich unter fluoreszierendem Licht, dass ich weder beim Händeeincremen noch beim Fingerwaschen gründlich genug bin. „Die ungleichen Stellen, die Sie da jetzt auf Ihrer Hand sehen, dass könnten z.B. auch Schweinegrippeviren sein!“ sagt die nette Dame am Lichtapparat zu mir. Also, da kann ich noch besser werden.

Ob ich 0,8 oder 1,3 haben möchte, fragt mich eine lächelnde, fast schon grinsende Dame am nächsten Stand. „Promille!“, fügt sie hinzu. Ich sage „Einskommadrei!“ und grinse zurück, sie drückt mir eine Taucherbrille in die Hand, die ich über meine normale Brille überziehe. Ich solle den Strich hier entlang laufen, den Ball da vorne aufheben und diesen rechts in den Papierkorb werfen. Nun, das Sehen mit dieser Brille ist recht eingeschränkt, alles ist irgendwie doppelt zu sehen, das Aufheben klappt trotzdem ganz gut und beim Werfen bin ich etwas glücklos. Wie ich mich bei der Übung gefühlt habe, will die Dame von mir wissen. Als ich entgegne „So, wie jeden Abend!“ ist sie etwas irritiert und stellt eine Kontrollfrage, nämlich ob ich denn die Linie am Boden gut hätte sehen können. „Welche Linie?“ kokettiere ich weiter. „Im Ernst!“ sage ich, „ich bin immer in der Mitte von beiden Linien gelaufen!“ Wir lachen.

Der nächste Stand. Da steht eine schöne Frau an einem Bistrotisch, auf dem eine Schachtel steht. Und sie strahlt mich förmlich an. „Und was haben Sie hier zu bieten?“ frage ich sie, in der Hoffnung, dass sie meinen soeben gesundheitlich erweiterten Horizont noch mehr vergrößern möge. Für mich ist absolut nicht erkennbar, worum es denn an diesem Stand geht. „Sie können hier eine Reise gewinnen, wenn Sie diesen Zettel ausfüllen“, strahlt sie mich weiter an.

In diesem Augenblick passieren 1000 Dinge mit mir. Ich frage mich, warum sie so strahlt. Frage mich, ob sie mich kennt. Oder ob ich sie kennen müsste. Glaube einen ganz besonderen Ausdruck in ihren Gesicht erkennen zu können. Der nicht wirklich was mit mir zu tun hat, sondern nur mit dem Umstand, dass ich sie so behandle, wie ich sie behandle, indem ich einfach nur wissen will, was sie denn hier verkauft.

Und dann rattert es und schnattert es und klappert es in meinem Kopf. Nein, die muss Dich nicht kennen. Aber Du solltest sie. Das ist die Prominente hier. Damminochmal. Was stand auf der Einladung zu diesem Event? Ne Sportlerin. Olympiasiegerin? Wie war noch der Name. Ich muss jetzt was sagen. Wenn ich noch ein paar Gedanken länger warte, wird es unhöflich. Sag was, Ulf! ICH MUSS JETZT WAS SAGEN.

„Sie sind Frau Drechsler, oder?“ Gut, dass gesprochene Sprache keine Orthographie kennt. Ich weiß nicht, ob ich in jener glücklichen Sekunde, in der mir ihr Name dann doch noch einfiel, ob ich da auch ihre Schreibweise gewusst hätte. Danke, gesprochenes Wort, dass Du so unkompliziert bist.

Sie spürt, dass es mir ein bisschen peinlich ist, dass ich sie nicht sofort erkannt habe. Ihr sympathischer Blick ermutigt mich zu einer naheliegenden Frage, nämlich ob sie es genieße, wenn sie bisweilen unerkannt bleibe. Sie bejaht. Das ist das Besondere, Merk-Würdige an dieser Situation, dass ich – obwohl ich es hätte anders wissen können – keine Prominente erwartet habe und in der Frau gegenüber auch nicht wahrgenommen habe. Mit ihr sozusagen völlig medaillenfrei umgegangen bin. Und dass ich für einen Augenblick genießen durfte, wie sie das genossen hat. Ich fülle den Zettel aus, um die Reise zu gewinnen, frage sie höflich um ein Autogramm und denke mir, dass diese soeben erlebte Begegnung so viel mehr wert ist als ein Bild mit Unterschrift.

Ich verrate ihr auch nicht, dass ich ganz sicher bin, dass sie weder Fußballerin noch Boxerin ist. Dass ich sie mir als Schwimmerin vorstellen könnte. Aber eine Leichtathletin in ihr vermute. Nicht ganz sicher bin, ob sie noch aktiv ist. Hochsprung, Weitsprung, Laufen bei ihr vorstellen könnte.

Ich verrate ihr auch nicht, dass das Schönste an einem Menschen nicht die – bei ihr sehr wohl gegebene – äußerliche Schönheit ist. Sondern ein authentisches Lächeln. Das hätte ich ihr schon ganz gerne gesagt. Aber da bin ich schon am nächsten Stand.

© Ulf Runge, 2009

P.S.: Heike Drechsler ist Weitspringerin und Sprinterin und hat u.a. 1988, 1992 und 2000 olympische Medaillen gewonnen.

28 Kommentare Gib deinen ab

  1. gabaretha sagt:

    Lieber Ulf,
    wieder hast Du eine schöne Geschichte gezaubert, die das Leben nicht besser schreiben kann. Jetzt bleibt für mich nur noch eine Frage offen, die mich allerdings brennend interessiert: Wo würde diese Reise denn hinführen, die zu gewinnen ist? Nicht etwa nach Kanada? Im April?
    Sonnige Grüße aus der Isartaler Nacht,
    besser und besser,
    Gaba

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Gaba,

      das ist wahrlich interessant, dass Du jetzt an Kanada denkst. Nein. Es handelt sich um einen Trip in die europäischen Alpen.
      Wow, das finde ich bemerkenswert, dass Du Deine Aufmerksamkeit auf Kanada lenkst.
      Im Sinne der „erteilten Bestellungen an das Universum“ denke ich gerade gar nicht mehr an Kanada…. lach

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  2. sunny11178 sagt:

    Wer weiß, lieber Ulf, in welchen Gewinntopf deine Karte schließlich findet 😉
    Mir hätte das übrigens auch passieren können. Im Promi-Raten bin ich ganz schlecht. Ich kann den ganzen Tag drüber nachgrübeln, woher ich eine Person kenne. Ich komm meist erst drauf, wenns mir jemand sagt oder ich ein Bild in der Zeitung entdecke 😉
    Liebe Nachteulengrüße,
    Sunny

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Sunny,
      das ist schön, dass wir Promi-Ahnungslose weiter verbreitet sind als wir glauben. Lach.
      Ja, und vielleicht gewinne ich ja sogar das lange „Skifoahrn“-Wochenende in den europäischen Alpen. Fettgrins.

      Liebe Grüße
      Ulf

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  3. sunny11178 sagt:

    Vielleicht ja in Kitz, da kannst an deinen Promikenntnissen feilen 😉 Die Daumen sind gedrückt 🙂
    Und, zumindest ich bin da sehr weit verbreitet. Ich grüble heute noch, welcher Schauspieler das war, der mir mal aus einem Münchener Geschäft raus fast in die Arme gelaufen ist. Das Gesicht hab ich immer noch vor Augen, aber der Name dümpelt im seligen Vergessistan.
    Ich hoffe, ich werd nie prominent. Wär peinlich beim Autogrammegeben, wenn mir plötzlich mein Name nicht mehr einfiele.
    Herzlich,
    Sunny

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  4. Ulf Runge sagt:

    lach grins in die tischkante beiß rofl lol unter dem tisch lieg

    ich hatte mal einen kollegen, der hatte die zimmernummer seines büros in großer schrift über der zimmertür von innen her aufgehängt. warum denn das? fragte ich ihn.
    damit er nicht immer vor die tür laufen müsse, wenn ihn einer früge…

    deshalb also haben alle wichtigen leut visitenkarten. damit sie wissen, wie sie heißen.

    lg, ulf

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  5. sunny11178 sagt:

    Lieber Ulf,
    wenn mich jemand nach meiner Festnetznummer fragt, schau ich vorsichtshalber bei Xing nach. Ich rufe mich selbst so selten an 😉
    Lachende Grüße,
    Sunny

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  6. Ulf Runge sagt:

    wenn dich jemand nicht nach deiner handynummer fragt, würde mir das an deiner stelle verdächtig vorkommen…

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  7. sunny11178 sagt:

    Verdächtig? Welchen Verdacht hegst du dann?

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  8. Ulf Runge sagt:

    darüber schweigt des autors höflichkeit…

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  9. sunny11178 sagt:

    Der Autor sprachlos? Na hoffentlich spricht sich das nicht rum…

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  10. Ulf Runge sagt:

    weißt du, wie die jusos in den sechzigern ihre linken beschlüsse durchgesetzt haben?
    die haben gewartet, bis das arbeitende volk nach hause, ins bett, musste.
    und dann ging es recht links weiter…

    gute nacht,
    lg, ulf

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  11. sunny11178 sagt:

    Tja, da jetzt du arbeitendes Volk ins Bett musst, könnte es noch gefährlich für dich werden 😉

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  12. Elisabeth sagt:

    Lieber Ulf,
    es ist schön, in deinen Geschichten einzutauchen – Geschichten, die das Leben schreibt… oder so ähnlich 🙂 Ich konnte dir so gut folgen, nicht nur von einem Stand zum nächsten…
    Liebste Grüße zu dir, Elisabeth

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  13. Mo sagt:

    Lieber Ulf,
    ich möchte mich bei Dir bedanken.
    Ich möchte mich für folgenden obigen Satz in Deinem Beitrag bedanken:
    *In diesem Augenblick passieren 1000 Dinge mit mir.*
    Ich möchte mich bei Dir bedanken, weil ich gerade eine ganze Menge durch diesen Satz dazugelernt habe.
    Was? Frauengeheimnis. 😉

    Gruß – Mo

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  14. Ulf Runge sagt:

    liebe sunny, es ist immer gefährlich, wenn man sich – wenn auch nur für stunden – jeglicher Kontrolle entledigt…

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  15. Ulf Runge sagt:

    Liebe Elisabeth,

    das ist etwas Wunderschönes, wenn man für eine Viertelstunde in die Fußstapfen
    eintauchen darst, wie Du schreibst, in die Elebennswelt eines anderen, verbundenen Menschen.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  16. Ulf Runge sagt:

    Liebe Mo,

    Du sprichst für mich – nicht zum ersten Mal – in Rätseln…
    Schön, wenn meine Schilderung für Dich lehrreich war…

    LG, Ulf

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  17. Elisabeth sagt:

    Ja, genau, lieber Ulf!
    Um dann wieder seine eigene Spur zu machen und seinen eigenen Weg zu gehen 🙂
    Aber es macht beides Freude und vertieft das Verständnis 🙂
    Liebste Sonnengrüße zu dir, Elisabeth

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  18. sunny11178 sagt:

    @Ulf: Ja, das ist wahrlich gefährlich… Also immer schön vorsichtig sein 😉

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  19. Sabine sagt:

    Das war aber ein entspannt lustiger Marktplatz der Gesundheiten, lieber Ulf
    🙂
    Diese Gymnastikstäbe sind wirklich klasse – da lassen sich die Verspannungen wunderbar lokalisieren, damit der MenschmitdemmandasBettchenteilt weiß, wo er liebevoll massieren muss 😉
    Aber Frau Drechsler hätte ich auch nicht erkannt; mir wäre es so ähnlich gegangen wie dir – ich-kenn-die … woher-kenn-ich-die-bloß :mrgreen:

    Hat mir übrigens sehr gefallen WIE du den Text geschrieben hast … Schmunzelsprache 🙂

    Eine schöne Adventszeit
    wünscht
    Sabine

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  20. Ulf Runge sagt:

    Liebe Elisabeth,

    das Hineintauchen in „andere“ Geschichten ist wie ein Wellness-Bad für die Phantasie, oder?

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  21. Ulf Runge sagt:

    Liebe Sunny,

    bin ich, bin ich.

    LG, Ulf

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  22. Ulf Runge sagt:

    Liebe Sabine,

    richtig eingesetzt dienen diese Geräte ja dazu, die Verspannungen wegzupusten.
    Dann gibt es keinen – medizinischen – Grund mehr, genau dort massiert zu werden. 😀

    Schön, dass Dir WAS und WIE gleichermaßen gefallen…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  23. sunny11178 sagt:

    Das ist gut, lieber Ulf.

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  24. Sabine sagt:

    Och … wie … 😯 … nich massieren …
    Das ist aber schade 😉

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  25. Sabine sagt:

    … dann eben unmedizinisch :mrgreen:

    Schöne Adventszeit 🙂 !

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  26. Ulf Runge sagt:

    @Sunny 🙂
    @Sabine 🙂

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