Wetterstation

Leben 516 – Mittwoch, 11.11.09

 

20:52. Kurz vor neun Uhr abends. Meine Wetterstation braucht neue Batterien. Ich öffne das Fach auf der Unterseite, entnehme die beiden erschöpften Energiespender vom Typ „AA“ und setze, sorgfältig auf die richtige Polung achtend, zwei neue rein, worauf sofort ein lauter Pieps ertönt.

Alles auf dem Display blinkt, weil die Uhrzeit noch nicht eingestellt ist. Meine Wetterstation ist ein älteres Modell, sie empfängt kein Funksignal, im Gegensatz zum daneben stehenden Funkwecker, dessen Uhrzeit ich nun, ich bin ja ein Mann, völlig bedienungsanleitungsfrei auf der Wetterstation einzustellen gedenke. Drei Tasten und die richtige Reihenfolge ihrer Bedienung werden über meine Gemütslage in den kommenden Minuten maßgeblich entscheiden.

Die erste blinkende Zahl ist „2000“, die Stunde als schon voreingestellt, ich muss jetzt nur noch solange auf die „+“-Taste drücken, bis da 2052 steht. Nach fünfmal Drücken lese ich 2005. Das darf auch ein bisschen schneller gehen, denke ich, ich versuche es mit Dauerdrücken.

Erfolg! Die Anzeige rückt rasant vor auf 2030, auf 2040, danach taste ich mich einzeldrückenderweise an die 2052 heran. 2047. Drück. 2048. Drück. 2049. Drück. 2049! 2049? Drück! Nichts tut sich. Was ist das denn? Das Display der Wetterstation verweigert jede Veränderung.

Für einen kurzen Augenblick vermute ich eine besondere Form von Intelligenz in der Wetterstation, für die ich den Begriff „Wissende Passivität“ präge.

Wissende Passivität, das beschließe ich soeben, ist die Eigenschaft technischer Gebrauchsgüter, einen sinnlosen Zustand nicht zuzulassen. Wissende Passivität ist etwa, wenn die Anzeige am Bahnhof ihren Dienst verweigert, weil sie eine kleine Ewigkeit vor dem Bahnpersonal weiß, dass der anzukündigende Zug heute ausfällt. Wissende Passivität ist etwa, wenn eine Wetterstation nur das Einstellen der richtigen Uhrzeit zulässt.

Ich verwerfe diesen genialen Geistesblitz, denn mein Funkwecker geht richtig, ES IST 20 UHR UND 52 MINUTEN. Und das will ich jetzt auch einstellen!

Ziemlich ratlos drücke ich ein paar Mal auf die Set-Taste, überspringe die weiteren Einstellungsoptionen, Datum und was es da sonst noch so gibt.

Seitdem PCs und Fenstertechnologie Einzug gehalten haben in unseren Alltag, weiß mittlerweile jedes Kind, wie man prinzipiell mit technischen Problemen umzugehen hat: Ausschalten. Einschalten. Tut!

Diesem Paradigma (ich bin stolz, dieses Wort hier verwenden zu dürfen, lach) folgend, entferne ich die neuen Batterien, um sie sofort, von einem aufgekratzen Pieps begleitet, wieder einzusetzen.

Inzwischen ist es 20:55 auf meinem Funkwecker. Die Wetterstation blinkt mich mit einem provozierenden „2000“ an. Woher weiß das Dingens hier, dass es 20 Uhr ist und ich nur noch die Minuten ergänzen muss?

Während ich mich erneut an die 2055 herandrücke, kommt mir der Gedanke, dass die Hersteller von Wetterstationen in flächendeckend angelegten Kundenbefragungen herausgefunden haben, dass 83,5% aller Batteriewechsel zwischen 20 Uhr und 21 Uhr statt finden. Und da ist es ja nur zu logisch, gleich mit 2000 anzufangen.

2048. Drück. 2049. Drück. 2049!!!

Ein böser Verdacht keimt in mir auf. Hinter einer großen Frankfurter Tageszeitung mögen ja schon kluge Köpfe stecken, aber hinter diesen ach so (vermeintlich) überflüssigen Gebrauchsanweisungen stecken wohl noch klügere. Ich nicht. Sonst hätte ich nämlich in der vergangenen Vierteilstunde versucht, die 2000 in eine 2055 abzuändern, sondern hätte es statt dessen mal mit der Jahreszahl 2009 versucht. Und irgendwann nach Tag und Monat das Angebot aufgegriffen, ein „00:00“ Richtung aktuelle Uhrzeit zu bewegen.

Aber mal ehrlich: Wollen wir uns den Spaß technischen Entdeckertums nehmen lassen von spröden, allwissenden Bedienungsanleitungen? Nein, und nochmals nein. In drei Jahren, vermute ich mal, werde ich neue Batterien brauchen. Für die Wetterstation.

© Ulf Runge, 2009

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Bredenberg sagt:

    Minutenweise oder jahresweise – es geht immer in die Zukunft. Gruß Bredenberg

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    1. Ulf Runge sagt:

      Ja, und die Gebrauchsanweisung, die liegt irgendwo im Bermudadreieck der Vergangenheit 🙂

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  2. Mo sagt:

    Ulf meint:
    *Aber mal ehrlich: Wollen wir uns den Spaß technischen Entdeckertums nehmen lassen von spröden, allwissenden Bedienungsanleitungen?*

    Ich meine Ja.

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  3. Ulf Runge sagt:

    Liebe Mo,

    dann hätte ja diese Begebenheit nicht das Monitor-Licht dieser Welt erblickt…
    Wölltest Du das wirklich?

    Liebe Grüße,
    Ulf

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