Feier-Abend

Leben 515 – Dienstag, 10.11.09

 

Nun behaupte ich ja immer wieder, dass ich (fast) kein Fernsehen gucke. Bundesligafußball etwa ziehe ich mir im Rundfunk rein. Darüber habe ich auch schon mehrfach berichtet.

Dass meine „Lieblingssendung“ der Wolkenfilm in der Tagesschau-Wetterkarte und 12 nach 8 ist, habe ich auch schon zum Besten gegeben.

Nur dass ich gestern Abend früher dran war als notwendig. Ein ganz normaler Arbeitstag lag hinter mir. Und jetzt wollte ich noch etwas zur 20-Jahr-Feier „Mauerfall“ in den Nachrichten mitnehmen. Und bemerke, dass ich mitten rein rutsche in die Feierlichkeiten, die vom ZDF live übertragen werden.

Erinnerungen kommen hoch und mir wird erst jetzt bewusst, als ich die hochrangigen Vertreter der seinerzeitigen „Besatzungsmächte“ reden höre, dass wir heute ein Fest zu feiern haben. Wir haben seit 20 Jahren einen wiedervereinigten Staat, bei dem sicherlich noch vieles besser laufen könnte im Wireinander.

Ich sehe mich auf einmal beim Legospielen im Kinderzimmer, als meine Eltern die Tür aufreißen und mir eröffnen, dass „die“ die Grenze dicht gemacht haben. Um in den folgenden Augusttagen des 61er-Sommers Panzer am Brandenburger Tor auffahren zu sehen. Wo aus einer Stacheldrahtabtrennung nach und nach eine Mauer mit Todesstreifen entstehen wird.

Ich sehe mich im Schullandheim im Bergischen Land, wo wir nach heißen Debatten um die Notstandsgesetze der Großen Koalition und über die Rechtmäßigkeit der ersten Rote Armee Fraktion Anschläge jäh und plötzlich der Hoffnung beraubt wurden, für unsere Generation könne sich zwischen Kapitalismus und Kommunismus ein „Dritter Weg“ eröffnen. Statt dessen Panzer, die das zarte Pflänzchen „Prager Frühling“ brutal überrollten.

Ich sehe mich gegen Ende der Studienzeit, wie ich hin- und herschwanke zwischen einem Befürworten und einem Ablehnen des NATO-Doppelbeschlusses, der in letzter Konsequenz den gemeinsamen Untergang von DDR-Mitteleuropa und BRD-Mitteleuropa bedeutet hätte, wenn da jemand mit schwachen Nerven gezündelt hätte. Ein bewundernswerter Helmut Schmidt, der durchboxte, was er für richtig hielt, egal, wer aus seiner Partei zu ihm stand.

Ich sehe mich ungefähr zur gleichen Zeit die Nachrichten lesen, dass Gießen und Wetzlar zur gemeinsamen Stadt „Lahn“ zusammengeschlossen werden sollen. Was das denn bitte mit dem 9.11 zu tun hat? Nun, es war seinerzeit ein helles Köpfchen, dass sich die Kfz-Kennzeichen der Nachkriegszeit ausgedacht hatte. Die großen Städte bekamen einbuchstabige Abkürzungen, etwa „K“ für „Köln“. Und für die SBZ-DDR-Städte hielt man in angemessener Vielfalt Abkürzungen frei. Für die hoffentlich eines Tages eintretende Wiedervereinigung. Allen Beteuerungen zum Trotz, hier sei es gesagt: 1979 glaubte ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr daran, dass „wir“ wieder zukommen würden, und so wurde das „L“ für Leipzig der künstlichen Stadt „Lahn“ zugeschlagen. Womöglich war das der Grund, warum nicht zusammenblieb, was nicht zusammengehörte.

Ich sehe mich heute noch in dem Hotel, in dem ich mich anlässlich einer Schulung eingefunden hatte, um am Abend in den Nachrichten Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft zu sehen. Der im Botschaftsgarten versammelten Menge von DDR-Flüchtlingen einen unvollständigen Satz zuzurufen: „… um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise …“. Herr Genscher hatte gar nicht die Chance, eine etwaige schlechte Nachricht „dass Ihre Ausreise leider nicht genehmigt worden ist“ loszuwerden. Nach „Ausreise“ kam Jubel. Nach Jubel kam Ausreise.

Und gestern Abend also da treten die Protagonisten von damals auf: Lech Walesa, der Gründer von „Solidarnosc“, Michail Gorbatschow, dessen Politik wir „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umgestaltung) verdanken, Károly Németh, der die Grenzen Ungarns geöffnet hat.

Und es traten Menschen auf, die „dabei“ waren. An den Montagsdemonstrationen teilgenommen hatten. Dafür in den Knast gewandert sind. Und die uns heute sagen: „Du kannst Deine Träume Wirklichkeit werden lassen. Du musst es wollen. Du musst dafür kämpfen.“

Und die uns sagen: „Die Freiheit will immer wieder neu erworben sein.“

Ich sage danke an all die, die was riskiert haben für uns alle.

Ich sage danke an unsere Nachbarn, die uns vertraut haben und vertrauen, dass ein gemeinsames Deutschland friedfertig und integrierend unterwegs ist.

Mir hat die Dominosteinstyroporkunst dieser Feier besonders gut gefallen. Ein Wir-Gefühl, all over the world. Gegen physische Mauern. Gegen soziale Mauern. Gegen Mauern in unseren Köpfen.

Für eine bessere Welt.

© Ulf Runge, 2009

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Margarete sagt:

    Ich sage danke an all die, die was riskiert haben für uns alle.

    Ich sage danke an unsere Nachbarn, die uns vertraut haben und vertrauen, dass ein gemeinsames Deutschland friedfertig und integrierend unterwegs ist.

    Lieber Ulf,

    Deinem Dank schließe ich mich sehr gern an.
    Herzliche Grüße aus KA

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Margarete,

      da freue ich mich, wenn ich auch Dir aus dem Herzen gesprochen habe.
      Das Mindeste ist, nicht zu vergessen.
      Das Angemessenste ist, dankbar zu sein.
      Das Vornehmste ist, selber Ausschau zu halten, wo man positiv begleiten kann, um Freiheit und Frieden zu mehren.

      Liebe oberrheinische Grüße,
      Ulf

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  2. Mo sagt:

    Lieber Ulf,
    Deine Dankbarkeit in allen Ehren, für was auch immer,
    aber manchmal, manchmal solltest Du einfach nur schweigen – kommentarlos. 😛

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  3. Ulf Runge sagt:

    Liebe Mo,

    ich kann mir auch diesen Kommentar nicht verkneifen.
    Für das Leben in gesamtdeutscher, ja fast gesamteuropäischer Freiheit,
    dafür bin ich nach wie vor allen damaligen und auch heutigen Akteuren,
    denen wir das verdanken, einfach nur DANKBAR.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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