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Archive for November 2009

gestolpere durch die zeit

30. November 2009 6 Kommentare

Leben 522 – Montag, 30.11.09

 jede woche
will der geschirrspüler
eine füllung salz
von mir

alle vier wochen
will mein wasserfilter
gewechselt werden

mir ist gestern
der ausdruck
“gestolpere durchs leben”
entfahren,

entschleunigung ist angesagt,

schon bald
wird spekulatius ausverkauft sein,
weihnachten vorbei eh der advent beginnt,
die osterhasen warten schon,

wohin fährst du im sommer (schweden, richtig, du sagtest es)

2010 ist schon gelaufen,

wir müssen es nur noch machen

inspiriert durch http://gedankentheater.wordpress.com/2009/11/29/fast/

© Ulf Runge, 2009

Vom Nikolaus

28. November 2009 5 Kommentare
Leben 521 – Samstag, 28.11.09

 

Hamm die Macht die Bundesländer,
geht beim Zett De Eff der Brender.

Hamm die Macht die Politi©ker,
geht es über’n Nachricht’Ticker,

Pressefreiheit schreibt man klein,
leider auch in Mainz am Rhein.

Und fürs Votum von Herrn Schächter,
hamm die Räte nur Gelächter.

Dass die Macht vom Volk ausgeht,
wird schon mal ganz gern verdreht,

waren sie doch angetreten,
um das Volke zu vertreten,

treten sie es in den Hintern,
es ist Herbst und bald auch Wintern.

Bald nun kommt der Nikolaus,
bald ist’s für den Brender aus.

© Ulf Runge, 2009

Ohne „Ö“ fehlt mir was

21. November 2009 8 Kommentare
Leben 520 – Samstag, 21.11.09

Ökonomie, das ist ein klassisches Fremdwort, älter als ich, es hat was mit Wirtschaft zu tun. Oder besser mit Wirtschaften. Sparsam, angemessen mit Ressourcen umzugehen.

Ökonomie leitet sich von zwei griechischen Begriffen ab, die einzeln „Haus“ und „Gesetz“ bedeuten.

„Haus“ und „Lehre“ wiederum haben uns seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts das „neue“ Fremdwort Ökologie geschenkt, das die Lehre von den Wechselbeziehungen zwischen Leben und Umwelt benennt.

Interessant ist, dass bei „Öko“ viele von uns zunächstan „Ökologie“ denken, obwohl dieser Begriff ja jünger ist.

Gerne erinnere ich mich auch noch an den Augenblick, an dem ich zum ersten Mal eine Studentin der Ökotrophologie kennenlernte. Das war 1974! Aber lassen wir das, es gehört nicht zum Thema.

An dieser Stelle sollte mein Artikel eigentlich folgendermaßen „witzig“ weitergehen:

„Sie haben Post!“ Genau, ich habe Post. Da schickt mir ein Unternehmen, bei dem ich Kunde bin, einen Prospekt zu. Beim Überfliegen der Werbung stoße ich am Ende der Einleitung auf drei Unterschriften. Darunter die Namen in Druckschrift. Darunter die jeweilige Verantwortung. Während die erste Person als Geschäftsführer fungiert und die dritte sich als Vertriebsleiter outet, bleibt mein Blick bei zweiten länger als erwartet hängen.

Oenologischer Betriebsleiter und Kellermeister. Lach. Kringel. Handelt es sich doch um eine Winzergenossenschaft. Wohl ein Tröpfche zu viel gebechert, denk‘ ich mir. Die arme Person, die das „k“ mit dem „n“ verwechselt. Aus dem ökologischen Betriebsleiter einen önologischen gemacht hat. Gröhl. Darüber schreib ich heute einen Beitrag.

Nun, ich befinde mich schreibtechnisch also gerade an der Stelle drei Absätze höher. Und denke mir: Guckste noch mal nach. Bei Wikipedia. Suchste nach „önologisch“. Wird nix finden, das Wiki.

Und dann werde ich ein bisschen blass. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Es gibt „önologisch“. Unter Önologie findet sich ein Begriff, der sich aus „Wein“ und „Lehre“ ableitet. Ich werde jetzt auch nicht verraten, dass ich Altgriechisch hatte. Nein. Gut, dass es den Mantel des Schweigens gibt.

Aber ich verrate gerne ein weiteres Mal den (lateinischen) Lieblingsspruch meines Griechisch-Lehrers:

Balnea, vina, venus – Bäder, Weine und Liebe

corrumpunt corpora nostra – zerstören unsere Körper

sed vitam faciunt – aber das Leben zum Leben machen

balnea, vina, venus – Bäder, Weine und Liebe.

Der Kellermeister, der önologische, möge mir doch bitte nachsehen, dass ich ihn oder seine Redaktion dem Weine zusprechend vermutet habe. Statt dessen trinke ich jetzt selber ein Tröpfche aus seinem Haus auf die Önologie und bin mir sicher, dass alle, die das hier lesen, NIEMALS in diese Fremdwortfalle gelaufen wären.

© Ulf Runge, 2009

Frühstück bei Eva – nie?

19. November 2009 29 Kommentare
Leben 519 – Donnerstag, 19.11.09

Es war eine jener vielen E-Mails, die er zu erhalten für überflüssig hielt. Einladungen ins Spielkasino, Kauf von blauen Pillen und hochwertige Armbanduhrplagiate. Das jetzt hier war eine Einladung zum Frühstück. Einer seiner Lieferanten lud zu interessanten Vorträgen ein. In den Pausen was zum Futtern und Gelegenheit zum Netzwerken.

Klingt nicht schlecht, dachte er, die Sache hat bloß einen Haken. Nein, keine versteckte Teilnahmegebühr, es war der Ort der Veranstaltung. Er, der genau einmal in seinem Leben über den großen Teich gereist war, er sollte jetzt mal so eben nach Kanada kommen, zum Frühstück. Lach!

Üblicherweise gab es genau ein Schema, mit dem er diese Art von E-Mails abschließend und nachhaltig behandelte: Löschen!

Eine Eva hatte ihm diese Einladung geschrieben. Warum sollte er der Eva nicht mitteilen, dass er gerade mal – zufällig – nicht in Kanada sei, und deshalb auch leider nicht zum Frühstücks-Event vorbeikommen könne.

Das mit dem zufällig ließ er, ansonsten schrieb er Eva, im Englischen sind ja alle per „You“, schrieb er ihr also, dass er es bedauere, nicht teilnehmen zu können, aber es gebe aktuell keinen Grund für eine Reise nach Kanada. Wird es auch wohl nie geben, verlor er sich in Gedanken, während er an der englischsprachigen Antwort feilte, um sie dann mit einem verschmitzten Grinsen abzuschicken.

Nun, diese Geschichte wäre nicht diese Geschichte, wenn sie hier zu Ende wäre. Eva antwortete recht schnell, drückte ihrerseits ihr Bedauern aus, dass es bei ihm mit dem Frühstück nicht klappe, aber sie hätte da eine Alternative: Im April, da sei eine ganz tolle Tagung, ebenfalls in Kanada, sie würde sich freuen, ihn im Auftrag ihrer Firma zu dieser Veranstaltung herzlich einladen zu dürfen.

Wow! dachte er sich. Das ist ja mal nett. Aber was sollte im April anders sein als heute. Die einzigen Dienstfahrten, die seit Monaten auf seinem Programm standen, waren die mit Aufzügen in unterschiedlich hohen Wolkenkratzern.

Er würde ihr jetzt absagen, sie würde das bedauern, und ihm dann eine Einladung für den kommenden Herbst schicken. Nee, nee, dachte er bei sich. Aus dieser Geschichte gehen wir anders raus.

Und so stellte er ihr in seiner Antwort-E-Mail die rhetorische Frage, ob sie das Gesetz der Anziehung kenne, dass man sich etwas ganz fest, ganz präzise, ganz konkret, aus ganzem Herzen wünschen müsse. Um es dann auf Seite zu legen. „Zu vergessen“. Und darauf zu vertrauen, dass das Schicksal, und damit sind andere Menschen gemeint, damit ist vielleicht Gott gemeint, um also darauf zu vertrauen, dass der erfüllte Wunsch dann eines Tages vor der Tür steht, wobei man höllisch darauf achten muss, dass man sie nicht übersieht, diese Wunscherfüllung, weil sie dann doch überraschend kommt, und womöglich in einem Gewand verkleidet, dass man so nicht erwartet hätte.

Und so schreibt er Eva, dass er statt einer sofortigen Absage lieber zum Ausdruck bringen möchte, dass er eigentlich teilnehmen möchte, aber noch nicht weiß, wie. Und dass er alles Weitere jetzt dem „Law of Attraction“ anvertraue.

Sie findet das wiederum eine originelle Idee, mit dem Unmöglichen und Unwahrscheinlichen umzugehen.

Und jetzt wartet er auf den April. Nicht bewusst. Weil er das Thema ja auf Seite gelegt hat.

Was ihn jetzt umtreibt, ist die Frage, ob er denn darüber hätte erzählen dürfen. Damit sich ein Engel für diesen Wunsch zuständig erklärt. Oder ob er besser geschwiegen hätte. Weil die Engel auch unausgesprochene Wünsche erkennen. Und alsbaldmöglich erfüllen…

© Ulf Runge, 2009

Pas de deux – Oder: Vom Blocken

17. November 2009 2 Kommentare

 

Leben 518 – Dienstag, 17.11.09

Pas de deux – Oder: Vom Blocken

Der Bohnerbesen, Bohnerblocker, Bohnerkeule, Blocker oder Blocher, regional auch Bohner (sächsisch: Bloggerkeule) genannt, ist ein Arbeitsgerät zur Bodenpflege. Bis in die frühen 1970er Jahre war das Haushaltsgerät beinahe in jedem deutschen Haushalt vorhanden. Es bestand aus einem gusseisernen Block, ca. 15 × 20 × 10 cm, ca. 5–10 kg schwer, mit einem Bürstenbelag an der Unterseite, der über ein Kugelgelenk an der Oberseite mit einem Arbeitsstiel, z. B. Besenstiel, gelenkig verbunden war. Die Seiten des Gussblocks waren zur Schonung der Möbel mit Filz beklebt.

 

Mit dem Bohnerbesen wurde gebohnert, wozu Bohnerwachs verwendet wurde. Das heißt, mittels Hin- und Herbewegen des schweren Arbeitsgeräts wurden Holz- und Linoleumböden, ggf. auch Stragula-Böden, auf Hochglanz poliert. Oft durften kleine Kinder auf dem Gerät mitfahren, denn das zusätzliche Gewicht des Kindes verbesserte das Glanzergebnis. Heute wird das Gerät wieder häufiger eingesetzt, da der geölte und gewachste Holzboden in Mode ist.

© Wikipedia

„Hast Du gesehen, wie der Bodo gestern seine neuesten Tricks vorgeführt hat?“

„Nö, interessiert mich auch ehrlich gesagt nicht mehr so arg. Früher bin jeden Tag zu ihm hin, um ihm beim Blocken zuzugucken. Das war ein Spaß, ihn auf dem Linoleaum tanzen zu sehen. Wenn er die verrücktesten Pirouetten gedreht hat. Total kreativ! Unterhaltung pur! Und heute? Tritt auf, wann er Lust hat. Vielleicht noch zweimal die Woche. Find‘ ich irgendwie doof!“

„Das ist wohl wahr, was Du da sagst. Ich bin auch ganz angefressen. Wann immer ich ihm zugucken möchte, heißt es: ‚Heute nicht. Vielleicht morgen!‘“

„Früher war er sich ja auch nicht zu fein, uns beim Blocken zuzusehen, aber das hat er mittlerweile auch nicht mehr nötig. Ganz schön eingebildet, finde ich!“

„Früher hat er auch schon mal gesagt, ob ihm unsere Vorstellung gefallen hat. Und heute? Nichts mehr. Gut, dass es da noch die anderen Blocker gibt. Das ist wie ‚ne richtige Familie!“

„Hast Du ne Idee, warum er sich so verhält?“

„Keine Ahnung. Ob der außer Blocken etwa noch was anderes tut? Vielleicht verdient er sich ja noch was dazu. Und dann hält sich ganz hartnäckig das Gerücht, dass er sich auch mit Besen und Handfegern abgibt. Kann ich alles nicht nachvollziehen, aber so ist es wohl. Der Arme!“

„Der Arme? Das will er doch wohl so! Ich sag Dir jetzt was, aber behalt es für Dich: Ich habe auch einen Nebenjob, damit ich über die Runden komme. Und mein Freund, Du glaubst es nicht, ist ein Wischmob!“

„Oha! Aber damit bist doch das beste Beispiel, dass man es schaffen kann, eine Block-Life-Balance herzustellen. Schaffst es doch auch, jeden Tag eine Block-Vorführung zu gestalten. Ich glaube, dem fällt nichts mehr ein!“

„Ob der wohl bemerkt hat, dass wir nur noch ganz wenige sind, die seine Vorführung besuchen? Ob der sich das nur nicht eingestehen will?“

„Realitätsverlust? Hm. Was weiß ich. Aber ich sag Dir was: Ich gehe jetzt und heute ein letztes Mal gucken, ob er ne Vorführung macht. Wenn nicht, dann war es das!“

Oh, da ist ja jemand, freute sich Bodo, der Blocker, als er sich jetzt und heute endlich mal wieder anschickte, etwas zum Besten zu geben. Und merkte, dass er treue Zuschauer hatte. Einen Pas de deux wollte er heute zum Besten geben…

© Ulf Runge, 2009

Ich bring‘ Dich um!

12. November 2009 9 Kommentare
Leben 517 – Donnerstag, 12.11.09

 

„Ich bring‘ Dich um!“

Während sie auf dem Festnetz telefoniert, macht es Pieps auf Ihrem Handy, eine SMS trifft ein: „Ich bring‘ Dich um!“

Warum sie denn nicht weiterrede, fragt ihr Gesprächspartner am anderen Ende ihres Festnetztelefonates, sichtlich irritiert, warum sie auf einmal pausiert.

„Ich bring Dich um!“ liest sie deutlich vernehmbar die Schreckens-SMS vor. Die Ohren am anderen Ende ihres Festnetztelefonates sind nun noch mehr verwirrt. „Was meinen Sie damit?“ fragt er.

Sie: „Mein Mann hat mir eine SMS geschickt! Er will mich umbringen!“

Der am anderen Ende: „Ihr Mann will Sie umbringen? Etwa, weil wir gerade miteinander telefonieren? Weil Sie mir gerade dieses Angebot gemacht haben?“

„Ich bleib‘ dabei, ich bereu‘ es nicht. Mein Angebot steht!“ sagt sie mit entschlossener Stimme.

Sichtlich amüsiert lacht ihr Gesprächspartner. Nimmt die im Raum stehende Drohung recht locker.

„Sie haben die zwei Karten sicher! Bringen Sie Ihren Mann mit. Der hört ja offensichtlich auch SWR1. Sonst hätte er sich ja nicht so schnell gemeldet. Ich finde, es ist wirklich eine originelle Idee, Karten für unsere Hitparadenparty zu  ergattern, indem Sie uns Ihren Mann für einen Tanzauftritt auf der Bühne anbieten!“

Schnitt.

Ich hatte diese unterhaltsame Begebenheit aus den jüngsten Hitparadentagen schon ganz weit verdrängt, als jetzt auf einmal „Sie“ aufgerufen wird. Auf die Bühne. Ob denn ihr Mann wohl auch dabei sei. Der mit der Todes-SMS. Ja, er ist da. Sie kommen beide auf die Bühne.

Er beteuert, jetzt auch wirklich tanzen zu wollen. Er habe geübt. Und da passiert eine „nicht zu verzeihende“ Panne. Die Band ist nicht auf der Bühne und auch kein DJ, der die Musiktechnik bedienen könnte. Der einzige, dem dies zugetraut wird, Bob Murawka, der sitzt hinter Bühne, man vermutet futternderweise. Und ohne Musik kein Tanz.

Die Situation verläuft sich irgendwie. Sie und Er treten hinter die Bühne und bis die Live-Band wieder auftritt, ist irgendwie für diese Show-Einlage die Luft raus. Schade. Aber mal ehrlich, ob wir wirklich was versäumt haben?

Ich hätte so gerne Mäuschen gespielt bei den beiden, als er nach ihrem verhängnisvollen Radiotelefonat nach Hause kam…

Ja, die einen singen „mit ohne“ Stimme auf grässlichste Weise über den Äther die schönsten Songs kaputt, um an Karten zu kommen. Andere wiederum dichten sich reimenderweise auf das Event-Schiff, lach. Und wer selber nichts zu bieten hat, da muss dann schon mal der Partner als Tanzbär herhalten.

© Ulf Runge, 2009

Wetterstation

11. November 2009 4 Kommentare
Leben 516 – Mittwoch, 11.11.09

 

20:52. Kurz vor neun Uhr abends. Meine Wetterstation braucht neue Batterien. Ich öffne das Fach auf der Unterseite, entnehme die beiden erschöpften Energiespender vom Typ „AA“ und setze, sorgfältig auf die richtige Polung achtend, zwei neue rein, worauf sofort ein lauter Pieps ertönt.

Alles auf dem Display blinkt, weil die Uhrzeit noch nicht eingestellt ist. Meine Wetterstation ist ein älteres Modell, sie empfängt kein Funksignal, im Gegensatz zum daneben stehenden Funkwecker, dessen Uhrzeit ich nun, ich bin ja ein Mann, völlig bedienungsanleitungsfrei auf der Wetterstation einzustellen gedenke. Drei Tasten und die richtige Reihenfolge ihrer Bedienung werden über meine Gemütslage in den kommenden Minuten maßgeblich entscheiden.

Die erste blinkende Zahl ist „2000“, die Stunde als schon voreingestellt, ich muss jetzt nur noch solange auf die „+“-Taste drücken, bis da 2052 steht. Nach fünfmal Drücken lese ich 2005. Das darf auch ein bisschen schneller gehen, denke ich, ich versuche es mit Dauerdrücken.

Erfolg! Die Anzeige rückt rasant vor auf 2030, auf 2040, danach taste ich mich einzeldrückenderweise an die 2052 heran. 2047. Drück. 2048. Drück. 2049. Drück. 2049! 2049? Drück! Nichts tut sich. Was ist das denn? Das Display der Wetterstation verweigert jede Veränderung.

Für einen kurzen Augenblick vermute ich eine besondere Form von Intelligenz in der Wetterstation, für die ich den Begriff „Wissende Passivität“ präge.

Wissende Passivität, das beschließe ich soeben, ist die Eigenschaft technischer Gebrauchsgüter, einen sinnlosen Zustand nicht zuzulassen. Wissende Passivität ist etwa, wenn die Anzeige am Bahnhof ihren Dienst verweigert, weil sie eine kleine Ewigkeit vor dem Bahnpersonal weiß, dass der anzukündigende Zug heute ausfällt. Wissende Passivität ist etwa, wenn eine Wetterstation nur das Einstellen der richtigen Uhrzeit zulässt.

Ich verwerfe diesen genialen Geistesblitz, denn mein Funkwecker geht richtig, ES IST 20 UHR UND 52 MINUTEN. Und das will ich jetzt auch einstellen!

Ziemlich ratlos drücke ich ein paar Mal auf die Set-Taste, überspringe die weiteren Einstellungsoptionen, Datum und was es da sonst noch so gibt.

Seitdem PCs und Fenstertechnologie Einzug gehalten haben in unseren Alltag, weiß mittlerweile jedes Kind, wie man prinzipiell mit technischen Problemen umzugehen hat: Ausschalten. Einschalten. Tut!

Diesem Paradigma (ich bin stolz, dieses Wort hier verwenden zu dürfen, lach) folgend, entferne ich die neuen Batterien, um sie sofort, von einem aufgekratzen Pieps begleitet, wieder einzusetzen.

Inzwischen ist es 20:55 auf meinem Funkwecker. Die Wetterstation blinkt mich mit einem provozierenden „2000“ an. Woher weiß das Dingens hier, dass es 20 Uhr ist und ich nur noch die Minuten ergänzen muss?

Während ich mich erneut an die 2055 herandrücke, kommt mir der Gedanke, dass die Hersteller von Wetterstationen in flächendeckend angelegten Kundenbefragungen herausgefunden haben, dass 83,5% aller Batteriewechsel zwischen 20 Uhr und 21 Uhr statt finden. Und da ist es ja nur zu logisch, gleich mit 2000 anzufangen.

2048. Drück. 2049. Drück. 2049!!!

Ein böser Verdacht keimt in mir auf. Hinter einer großen Frankfurter Tageszeitung mögen ja schon kluge Köpfe stecken, aber hinter diesen ach so (vermeintlich) überflüssigen Gebrauchsanweisungen stecken wohl noch klügere. Ich nicht. Sonst hätte ich nämlich in der vergangenen Vierteilstunde versucht, die 2000 in eine 2055 abzuändern, sondern hätte es statt dessen mal mit der Jahreszahl 2009 versucht. Und irgendwann nach Tag und Monat das Angebot aufgegriffen, ein „00:00“ Richtung aktuelle Uhrzeit zu bewegen.

Aber mal ehrlich: Wollen wir uns den Spaß technischen Entdeckertums nehmen lassen von spröden, allwissenden Bedienungsanleitungen? Nein, und nochmals nein. In drei Jahren, vermute ich mal, werde ich neue Batterien brauchen. Für die Wetterstation.

© Ulf Runge, 2009

Feier-Abend

10. November 2009 4 Kommentare
Leben 515 – Dienstag, 10.11.09

 

Nun behaupte ich ja immer wieder, dass ich (fast) kein Fernsehen gucke. Bundesligafußball etwa ziehe ich mir im Rundfunk rein. Darüber habe ich auch schon mehrfach berichtet.

Dass meine „Lieblingssendung“ der Wolkenfilm in der Tagesschau-Wetterkarte und 12 nach 8 ist, habe ich auch schon zum Besten gegeben.

Nur dass ich gestern Abend früher dran war als notwendig. Ein ganz normaler Arbeitstag lag hinter mir. Und jetzt wollte ich noch etwas zur 20-Jahr-Feier „Mauerfall“ in den Nachrichten mitnehmen. Und bemerke, dass ich mitten rein rutsche in die Feierlichkeiten, die vom ZDF live übertragen werden.

Erinnerungen kommen hoch und mir wird erst jetzt bewusst, als ich die hochrangigen Vertreter der seinerzeitigen „Besatzungsmächte“ reden höre, dass wir heute ein Fest zu feiern haben. Wir haben seit 20 Jahren einen wiedervereinigten Staat, bei dem sicherlich noch vieles besser laufen könnte im Wireinander.

Ich sehe mich auf einmal beim Legospielen im Kinderzimmer, als meine Eltern die Tür aufreißen und mir eröffnen, dass „die“ die Grenze dicht gemacht haben. Um in den folgenden Augusttagen des 61er-Sommers Panzer am Brandenburger Tor auffahren zu sehen. Wo aus einer Stacheldrahtabtrennung nach und nach eine Mauer mit Todesstreifen entstehen wird.

Ich sehe mich im Schullandheim im Bergischen Land, wo wir nach heißen Debatten um die Notstandsgesetze der Großen Koalition und über die Rechtmäßigkeit der ersten Rote Armee Fraktion Anschläge jäh und plötzlich der Hoffnung beraubt wurden, für unsere Generation könne sich zwischen Kapitalismus und Kommunismus ein „Dritter Weg“ eröffnen. Statt dessen Panzer, die das zarte Pflänzchen „Prager Frühling“ brutal überrollten.

Ich sehe mich gegen Ende der Studienzeit, wie ich hin- und herschwanke zwischen einem Befürworten und einem Ablehnen des NATO-Doppelbeschlusses, der in letzter Konsequenz den gemeinsamen Untergang von DDR-Mitteleuropa und BRD-Mitteleuropa bedeutet hätte, wenn da jemand mit schwachen Nerven gezündelt hätte. Ein bewundernswerter Helmut Schmidt, der durchboxte, was er für richtig hielt, egal, wer aus seiner Partei zu ihm stand.

Ich sehe mich ungefähr zur gleichen Zeit die Nachrichten lesen, dass Gießen und Wetzlar zur gemeinsamen Stadt „Lahn“ zusammengeschlossen werden sollen. Was das denn bitte mit dem 9.11 zu tun hat? Nun, es war seinerzeit ein helles Köpfchen, dass sich die Kfz-Kennzeichen der Nachkriegszeit ausgedacht hatte. Die großen Städte bekamen einbuchstabige Abkürzungen, etwa „K“ für „Köln“. Und für die SBZ-DDR-Städte hielt man in angemessener Vielfalt Abkürzungen frei. Für die hoffentlich eines Tages eintretende Wiedervereinigung. Allen Beteuerungen zum Trotz, hier sei es gesagt: 1979 glaubte ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr daran, dass „wir“ wieder zukommen würden, und so wurde das „L“ für Leipzig der künstlichen Stadt „Lahn“ zugeschlagen. Womöglich war das der Grund, warum nicht zusammenblieb, was nicht zusammengehörte.

Ich sehe mich heute noch in dem Hotel, in dem ich mich anlässlich einer Schulung eingefunden hatte, um am Abend in den Nachrichten Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft zu sehen. Der im Botschaftsgarten versammelten Menge von DDR-Flüchtlingen einen unvollständigen Satz zuzurufen: „… um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise …“. Herr Genscher hatte gar nicht die Chance, eine etwaige schlechte Nachricht „dass Ihre Ausreise leider nicht genehmigt worden ist“ loszuwerden. Nach „Ausreise“ kam Jubel. Nach Jubel kam Ausreise.

Und gestern Abend also da treten die Protagonisten von damals auf: Lech Walesa, der Gründer von „Solidarnosc“, Michail Gorbatschow, dessen Politik wir „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umgestaltung) verdanken, Károly Németh, der die Grenzen Ungarns geöffnet hat.

Und es traten Menschen auf, die „dabei“ waren. An den Montagsdemonstrationen teilgenommen hatten. Dafür in den Knast gewandert sind. Und die uns heute sagen: „Du kannst Deine Träume Wirklichkeit werden lassen. Du musst es wollen. Du musst dafür kämpfen.“

Und die uns sagen: „Die Freiheit will immer wieder neu erworben sein.“

Ich sage danke an all die, die was riskiert haben für uns alle.

Ich sage danke an unsere Nachbarn, die uns vertraut haben und vertrauen, dass ein gemeinsames Deutschland friedfertig und integrierend unterwegs ist.

Mir hat die Dominosteinstyroporkunst dieser Feier besonders gut gefallen. Ein Wir-Gefühl, all over the world. Gegen physische Mauern. Gegen soziale Mauern. Gegen Mauern in unseren Köpfen.

Für eine bessere Welt.

© Ulf Runge, 2009

Frankie goes to Ruhestand

8. November 2009 11 Kommentare
Leben 514 – Sonntag, 08.11.09

Wahrscheinlich wiederhole ich mich, wenn ich hier erwähne, dass ich als Teenager im schönen Köln am Rhein ganz stolz war, mit meiner Philetta, einem ganz einfachen Nachkriegsröhrenradio, nur mit einer UKW-Wurfantenne bestückt und somit eigentlich nur für WDR-Empfang geeignet, dass ich also wahnsinnig stolz war, in meinem Jugendzimmer in Köln-Nippes den SWF3 aus Baden-Baden zu empfangen.

Ein Sender, bei dem ein gewisser Frank Laufenberg einen Sendeplatz zur besten Hausaufgabenmachzeit mit all dem belegen durfte, worauf wir so sehnsüchtig gewartet hatten: frische Musik aus England und Amerika, Songs, die man sonst nur auf den Soldatensendern AFN (in Köln sowieso nicht auf UKW) und BFBS zu hören bekam, oder mit viel Mittelwellenhintergrundrauschen über den im Ärmelkanal geankerten „Piratensender“ Radio Caroline.

Pop-Shop, das war die Sendung, für die man alles tat, um sie hören. SWF3 Pop-Shop. Mit Frank Laufenberg. Eine sympathische Stimme, ich glaube, ich habe keinen Moderator jemals in meinem Hörerleben mehr „geliebt“ als ebendiesen Frank Laufenberg.

In der Folge habe ich nicht immer in SWF-Land gelebt. In der Folge wurde aus SWF (und dem SDR) der SWR. In der Folge war auch Frank Laufenberg nicht immer bei diesem Sender.

Aus SWF3 wurde “altersbedingt” SWR1 und so habe ich es die vergangenen Jahre genossen, am Samstag Abend auf SWR1 von 10 bis 12 Frank Laufenberg ganz besonders ausgesuchte Musiktitel von „damals“ spielen zu hören.

Kannst Du Dir vorstellen, dass Du nicht um Jahre alterst, sondern im Gegenteil von einer Minute auf die andere um Jahrzehnte zurückversetzt wirst, wenn Du diese sympatische Stimme hörst, die sich für Dich überhaupt nicht verändert haben will. Wenn Du Lieder hörst, zu denen Du als Pubertierender geträumt hast, bei denen Du einem Mädchen den ersten Kuss gegeben hast, zu denen Du in der Tanzschule mit Deiner Partnerin eng umschlungen den Stehblues getanzt hast.

Ja, und jetzt muss ich mir eingestehen, dass das alles nichts hilft. Weil, der Jungbrunnen Frank Laufenberg, der wird zum Jahresende sein Engagement beim Sender beenden, ob er will, ob er muss, ich weiß es nicht. Ob ich irgendjemandem einen Gefallen tue, wenn ich da nachhake, nachfrage, wenn ich dafür kämpe, dass „das alles“ nicht vorbei sein kann.

Ja, jetzt muss ich mir eingestehen, dass die Zeit nicht stehen bleibt. Zukünftig auch nicht für zwei samstägliche Stunden zurücklaufen wird.

Der SWR1-RP spielt viel zu gute Musik, als dass es am späten Samstagabend bei mir Totenstille geben würde. Aber eine Träne vergieße ich heute schon. Und wenn er dann zum letzten Mal „Tschüss“ sagen wird, ich glaube, dann werde ich heulen.

Lieber Frank Laufenberg, ich sage „Danke!“ für die schönen Stunden, in denen meine Hausaufgaben schneller fertig wurden, weil Du so gute Musik aufgelegt hast. Ich sage „Danke!“ für die schönen Stunden, in denen ich blogschreibenderweise Deiner Stimme und den von Dir ausgesuchten, ganz besonders ausgesuchten Musiktiteln lauschen durfte!

© Ulf Runge, 2009

Die Beichte

3. November 2009 8 Kommentare
Leben 513 – Dienstag, 03.11.09

Er zu ihr: „Schatz, ich habe ein Geheimnis!“

Sie zu ihm: „Ja, ich weiß!“

© Ulf Runge, 2009

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