Messen und berühren

Leben 505 – Samstag, 17.10.09

Als Evangele im katholischen Köln sozusagen in der Diaspora aufgewachsen, habe ich zuerst einmal gelernt, dass „Messe“ ein Synonym für Gottesdienst ist. Für Gottesdienste, die einen sehr viel in Bewegung hielten zwischen Stehen und Knien, seltenst auch Sitzen. Und bei denen man stark sein musste, wenn ein Totalangriff auf das Atmungssystem in Form von Weihrauchattacken statt fand.

Ich hab’s überlebt und finde es gut, dass ich zusätzlich zur evangelischen Nüchternheit und starken Bibelwortorientierung auch das Rituelle und Prunkvolle der Konkurrenz kennenlernen durfte.

Aber Messe, das ist mehr. Habe ich so mit ca. 12 Jahren erfahren. Da gab es in Deutz ein ganzes Gelände, nicht zum Beten, sondern wo sich ganz viele Menschen trafen, um sich gegenseitig was zu zeigen, kennen zu lernen, Geschäfte abzuschließen. Noch nicht wirklich meine Welt als zwölfjähriger Steppke.

Später dann habe ich es in die große „Fressmesse“ Anuga leider nie geschafft; vermutlich hätte ich wegen meiner seinerzeitigen Gertenschlankheit nie den Status „Fachbesucher“ erreicht. Aber Fahrräder und Motorräder, das interessierte mich schon, und Fotographieren, das fand ich auch ganz riesig. Und so ging ich, sooft ich konnte, auf die IFMA und auf die photokina. Letztere fand ich immer ganz besonders gigantisch. Unvergessen ist für mich das damalige Begleitprogramm, bei dem ich leibhaftig Mr Acker Bilk mit seinem phantastischen Klarinettenspiel kennenlernen durfte.

Im Beruf habe ich mich dann hauptsächlich auf der Hannover Messe rumgetrieben, bevor für die Datenverarbeitung, als sie noch EDV hieß und sich erst langsam zur IT entwickelte, eine eigene Messe, die CeBIT, ausgegliedert wurde. Und ich ging möglichst alle zwei Jahre nach München zur Systems, bei der ich die ausgezeichneten Fachvorträge geliebt habe. 1991 durfte ich für meine damalige Firma sogar Standdienst machen, und statt Interessent mal Aussteller sein.

Spannend fand ich die zwei Besuche auf der Didacta in Stuttgart und Hannover, weil ich gerade beim Lernen und beim Lehren ganz wichtig finde, immer wieder neue Wege und Methoden zu finden.

Messe macht müde. Nach einem Messebesuch brauchst Du ein paar neue Schuhe, oder musst Deine Treter neu besohlen lassen. Wahrscheinlich hast Du Blasen an den Füßen. Du hast Sodbrennen von der Messewurst mit dem Messesenf. Du hast ausgekugelte Arme, weil Du irgendwann doch nicht widerstehen konntest, selbst im papierlosen Zeitalter zu Materie gewordene Information in Plastik- und Jute-Taschen zu sammeln. Du wirst diesen Stapel Papier wahrscheinlich die kommenden drei Monate nicht mehr angucken und spätestens in einem Jahr leicht eingestaubt in die grüne Tonne werfen…

Heute ist Messe angesagt. Meine erste Buchmesse. Meine erste Buchmesse als Privatbesucher. Und da stelle ich mir ganz unbescheiden die Frage: Werde ich jemals auf die Buchmesse gehen als Fachbesucher? *lach* Ich plädiere dafür, dass Blogger als Fachbesucher zur Buchmesse dürfen *nochmallach* Aber im Ernst. Ich spekuliere immer noch ein bisschen aufs Schreiben. Auf ein bisschen mehr als „nur“ das Bloggen. Mal sehen was draus wird.

Das liegt sicherlich zu einem großen Teil in meiner Hand. Welche Vision zu sehen und zu gehen ich bereit bin. Welchen Fleiß ich für das Thema aufzubringen gedenke.

Ohne meine lieben Leserinnen und Leser wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Dafür sage ich ein ganz dickes Danke!

Gestern nun habe gestern bei Gaba gelesen, dass sie kürzlich einen Ultramind-Mind-Workshop bei Nora durchgeführt hat.

Und bei Nora habe ich die nachfolgenden Zeilen entdeckt, die mich tief beeindruckt haben:

Berührung ist immer gegenseitig.
Wir können sehen, ohne gesehen zu werden.
Wir können riechen, hören, fühlen –
so mit allen Sinnen.
Aber niemand kann berühren,
ohne berührt zu werden.
Daher kommt die Ehrfurcht,
die echter, wacher Berührung eigen ist.”
(David Steindl-Rast)

Und so wie Nora mit ihren (physischen) Berührungen Menschen positiv beeinflusst, so habe ich in den vergangenen zweieinhalb Jahren eine Idee davon bekommen, was es bedeutet, wenn ich Menschen mit meinen Zeilen berühren darf. Im Gegensatz zum Sehen, Riechen und Hören ist genau dieses schreibende Berühren etwas Gegenseitiges, das ich durch Clicks und (viel lieber noch) durch Kommentare zurückspüren darf. Nochmals danke sag!

Ich freue mich auf meine erste Buchmesse.

© Ulf Runge, 2009

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Margarete sagt:

    Du hast ausgekugelte Arme, weil Du irgendwann doch nicht widerstehen konntest, selbst im papierlosen Zeitalter zu Materie gewordene Information in Plastik- und Jute-Taschen zu sammeln. Du wirst diesen Stapel Papier wahrscheinlich die kommenden drei Monate nicht mehr angucken und spätestens in einem Jahr leicht eingestaubt in die grüne Tonne werfen…

    Genau! So ergeht es mir trotz guter Vorsätze immer mal wieder.
    Sehr treffend, lieber Ulf!
    Da wären wir uns möglicherweise beinahe in Frankfurt begegnet. Vor wenigen Stunden habe ich mich entschlossen auf spätere Plattfüße, Affenarme und einen Erschöpfungszustand bis hin zum Ohrensausen zu verzichten.
    Gleichwohl wünsche ich Dir einen wohltuenden Tag und antreibende Eindrücke auf der Buchmesse.
    MM

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Margarete,

      vermütlich hätten unsere Plastiktüten gegeneinander geboxt!
      Meinen Bericht über den heutigen Tag – ohne Dich 😦 – habe ich soeben veröffentlicht.

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  2. Nora sagt:

    Lieber Ulf,

    ich freue mich sehr, dass Dir die Zeilen auf meiner Seite gefallen haben und Du sie hier wiedergibst.
    Wir berühren uns alle mit Gedanken, mit dem Herzen, physisch und nicht-physisch und Du mit Deinen Zeilen an Deine Leser und diese wiederum mit ihren Kommentaren.
    Wie schön, dass das auch übers Internet geht.

    Hoffentlich kommst Du wunderbar berührt und körperlich wesentlich wohlbehaltener von der Messe zurück, als Du es in Deinem Beitrag beschrieben hast 😉

    Liebe Grüße
    Nora

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Nora,

      danke für Deine lieben Zeilen; wie es mir ergangen ist, habe ich soeben geschildert…

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  3. Mo sagt:

    Lieber Ulf,
    ich vermute mal, ich werde Dich nie verstehen,
    zumindest einige oder etliche Zeilen von Dir.

    LG – Mo

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Mo,

    danke, dass Du mich wissen lässt, dass ich nicht alles so schreibe, dass es alle verstehen. Dafür entschuldige ich mich ganz herzlich, um sogleich darauf verweisen zu wollen, dass jeder Künstler, ja, ich betrachte mich hier mal als Künstler, auch seine kleinen Geheimnisse braucht. Raum für Interpretationen. Platz für die Phantasie.

    Schön, dass Du trotzdem immer wieder versuchst, Zugang zu meinen Texten zu finden.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  5. Mo sagt:

    Lieber Ulf,
    Du musst Dich für nichts entschuldigen.
    Das hier ist Dein Blog.
    Du hast Deine Meinung, ich habe meine Meinung.
    Und wenn sie nicht gestorben sind, dann..

    LG – Mo

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Mo,

      ich freue mich immer wieder, wenn Du hier liest, was ich leider nicht wahrnehmen kann.
      Und wenn Du hier anmerkst, was Dir wichtig ist, was Dich bewegt.

      Liebe Grüße,
      Ulf

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