Feiertagsgedanken

Leben 497 – Samstag, 03.10.09
Tag der Deutschen Einheit

Rein rechnerich betrachtet war ich man gerade unterwegs, als sich 1953 die Arbeiter der Sonnenallee gegen das ostdeutsche Regime erhoben. Was sie teuer mit hohem Blutzoll bezahlen mussten. Keine 10 Kilometer von dem Bauch entfernt, in dem ich behütet wachsen durfte. Und dessen Kopf und Herz mit Sicherheit voller Sorgen waren, wie das alles wohl weitergehen würde.

In den kommenden Jahren bescherte mir dieser traurige Anlass zusätzlich zum 1. Mai, zu Christi Himmelfahrt und Fronleichnam einen weiteren frühsommerlichen Feiertag am 17. Juni eines Jahres.

Ich war am Lego am Spielen, so sagt man das in Köln, wohin wir inzwischen gezogen waren, ich zog brummend meinen Wiking-Tanklaster über das Teppich-Muster, als meine Eltern die Zimmertür öffneten und kreidebleich kund taten, dass „die eine Mauer bauen“, mitten durch Berlin, mitten durch unsere Heimat. Was ein Glück, dass unsere Verwandten im Westteil der Stadt wohnten. Was für eine Sorge um die anderen Verwandten in der Ostzone, SBZ, „DDR“, DDR.

Wir waren drauf und dran, SS-20 und Pershing II gegeneinander aufeinander zu zu richten. Wir waren kurz davor, einen Stellvertreterkrieg mit vermutlich atomarem Ausgang auf deutschem Boden vorzubereiten, zu führen, wer weiß.

Und dann war es Zeit zum Beten. Kannst Du Dir vorstellen, dass da Menschen zum Beten gegangen sind? Am Montag Abend? Woche für Woche? Bis kein Platz mehr in der Kirche war. Bis man draußen warten musste. Und nach dem Gebet gemeinsam durch die Stadt ging. Bis das so viele Menschen waren, dass das Regime von einer ungenehmigten Demonstration sprechen musste?

Bis das Regime und „sein“ Volk kurz vor einem Bürgerkrieg standen? Und mutige Menschen sich für das Schweigen der Waffen entschieden.

Als in Ungarn sich für Stunden der eiserne Vorhang für ein Grenzfrühstück öffnete.

Als Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag seinen Satz bezüglich der Ausreisegenehmigung nicht mehr wahrnehmbar zu Ende sprechen konnte. Weil dieser Satz der Hoffnung nur ein einziges Ende haben konnte. Die Ausreise, die Freiheit.

Kalt wird es mir bei diesen Zeilen. Schauer laufen mir über den Rücken.

Peter Fechter erscheint vor meinen Augen. Ein sinnloses Opfer des Schießbefehls. Verblutet an der Grenzen. Mahnmal der Unmenschlichkeit.

Und nun gibt es Menschen, die feiern heute ihren 20. Geburtstag. Und wissen von alledem nichts, will sagen, haben es nicht erlebt.

Und was wir an Selbstillusionen auch alles falsch gemacht haben mögen im Zusammenwachsen, das „Wir“ wird größer. Es wird noch zwei Generationen brauchen, bis der Mauerfall wirklich Geschichte ist.

Ich wünsche allen Menschen guten Willens, egal ob sie in Korea oder in Israel und Palästina wohnen, egal ob sie in Armut oder Unfreiheit leben, dass „die Geschichte“ auch bei ihnen vorbeikommt. Und Undenkbares Wirklichkeit werden lässt.

Ich wünsche allen einen schönen Feiertag. Statt eines frühsommerlichen einen spätsommerlichen Tag der Deutschen Einheit. Mit Picknick im Grünen. Ausschlafen. Party machen. Steuerunterlagen zusammensuchen. Und ein paar Gedanken, dass uns das Beten, und wer das nicht mag, dass uns das Aneinanderdenken und das Anallesdenken, so wahnsinnig viel weiterbringen kann.

Gemeinsam.

© Ulf Runge, 2009

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, auch mir laufen Schauer über den Rücken bei Deinen Worten…Danke für diesen Einblick/Rückblick… Liebe Grüsse Andrea

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Andrea,

      danke für Deine Anmerkung.
      Ja, wenn man bedenkt, was unsere Mitmenschen aus der ehemaligen DDR erstritten haben.
      Und sich dann – egal ob Ost oder West – die Wahlbeteiligung bei der Bundestagwahl ansieht…

      Geschichte wiederholt sich. Außer wir tragen dazu bei, aus ihren Erfahrungen zu lernen.

      Liebe Grüße,
      Ulf

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