Ein Elefant, also der hat erst einmal zwei Arme…

Leben 496 – Donnerstag, 01.10.09 
Stell’ Dir vor, Du hast ein wunderschönes Utopiefahrzeug gebaut, womöglich geeignet, um dereinst den Mars zu erkunden. Stell’ Dir vor, Du stehst vor „wildfremden“ Menschen, denen Du gerade dieses Gestalt gewordene Produkt Deiner kindlichen Gedanken erklären möchtest. Stell Dir vor, der Moderator zieht eine Karte und fordert Dich nun auf, den Elefanten, ja Du hast richtig gelesen, den Elefanten, den Du in Händen hältst, den gespannt lauschenden Menschen im Raum aufs Vortrefflichste zu beschreiben? Und Dir fällt beim Anblick der Räder erst einmal ein, dass ein Elefant zwei Arme (!) hat…

Traum? Alptraum? Nein!

Stell Dir vor, am nächsten Morgen ruft man Dir zu, Du hättest in der vergangenen Nacht gelacht im Schlaf. Wo Du doch sonst immer zu hören bekommst, Du würdest schnarchen.

Wie diese Wunderdroge heißt, die Dich zu derartig wundersamem Verhalten bringen kann?

Nun, es ist ein Schuss Lego™ ®, ohne Zweifel, ein großer Schuss Lego, vornehmlich sind es aber das außergewöhnliche Konzept und die sanft führende Persönlichkeit von Reinhard Ematinger, die das Zusammenfinden von 13 interessierten Menschen zu einem unvergesslichen Abend werden lassen.

Nachdem man für einen angemessenen Obulus sein eigenes Spielpaket, genauer genommen „selberdenken“-Paket Lego-Bausteine in Empfang genommen hat, darf jede und jeder für sich die kommenden sieben Minuten nutzen, um auf einer schwarzen Legoplatte eine Turm zu bauen. Einen möglichst hohen Turm.

Du spielst nicht jeden Tag mit Lego? Ehrlich gesagt, ich auch nicht. Und so werden die kommenden Minuten für manch eine/n von uns zum Wiedersehen mit alten Bekannten: haptische Fähigkeiten, die sich auf das Geschirrabtrocknen reduziert hatten, kreative Gedanken, die beim Lösen eines Verbundtariftickets an ihre Grenzen stießen, der Wille etwas zu gestalten, der sich auf das Bestreichen von Marmeladenbroten zurückgebildet hat.

Nach einer Minute entdecke ich einen Lego-Baustein, der mir neu ist. Mit dem kann ich um neunzig Grad Konstruktionen vornehmen. Wenn es den „damals“ gegeben hätte, denke ich mir. Statt der angedachten Turmhöhe von vielleicht acht Zentimetern erklimmt mein Bauwerk nun die doppelte Höhe, mit dem Risiko, dass der in luftiger Höhe einen Fisch haltende Legomann jederzeit abstürzen kann.

Ob ich bitteschön den anderen mal meinen Turm beschreiben könne. Welche Gedanken mir beim Bau gekommen seien. Was mir einfällt, wenn ich ihn so anblicke. Diesem Wunsch dürfen wir alle nachkommen. Da passiert gerade etwas mit uns. Unsere Gedanken haben sich aufgemacht zu neuen Ufern, und nachdem wir etwas „erschaffen“ haben, dürfen wir das Materie gewordene nun auch noch Sprache werden lassen.

Einander Unbekannte geben einander Einblick in das Reich ihrer Fantasien, fangen an, in wohlwollendem Wettbewerb, ernsthaftig und amüsant zugleich, zu einer Reisegruppe in das Reich der Kreativität zu werden.

In der nächsten Übung, ja wir müssen den soeben liebevoll gestalteten Turm niederreißen, „bauen“ wir uns unseren Lieblingskunden. Ahnen schon, dass wir auch hierzu etwas erzählen werden „müssen“. Und merken langsam, dass es ziemlich unwichtig ist, welche Bausteinchen wir verwenden, wichtig ist nur, dass wir zu den Klötzchen greifen und ihnen eine Bedeutung geben. Dass wir unsere Sicht auf unseren Kunden Gestalt werden lassen. Und diese Symbolik anschließend in Worte fassen können.

Wir merken, dass dieser Abend immer weniger ein Lego-Spielabend ist. Dass wir statt dessen Zugang zu einem Werkzeug bekommen, mit dessen Hilfe wir in schwierigen Situationen („Mir fällt nichts ein!“ oder „Wir reden aneinander vorbei!“) Zugang zu uns selber oder zu anderen finden können.

Die dritte Übung hatte ich eingangs bereits angerissen, nämlich situativ als Elefanten verkaufen zu müssen, was doch als Marsroboter geplant war. Oder, wie in meinem Fall geschehen, dass ich das Logo der nächsten Bundesgartenschau auf einmal als Bild für eine Online-Community beschreiben muss.

Jeder Abend, auch der wunderschönste, ist irgendwann einmal zu Ende. Zunächst durften wir noch ein Schneemobil bauen, bei dem wir während der Konstruktion erfahren müssen, dass es zukünftig keinen Schnee mehr gibt, so dass ein anderer Einsatzzweck wohl vorzusehen wäre. Diese zusätzliche Herausforderung spornt uns noch mehr an, unser Bestes an Undenkbarem „Wirklichkeit“ werden zu lassen.

Die abschließende Übung lautete „Arbeitsorganisation 2020“. Der Top-Beitrag für mich war eine Büroausstattung, bei der die eingesetzten Geräte menschliche Gedanken und Empfindungen erfühlen und zu Arbeitsergebnissen werden lassen.

Ich weiß nicht, wer von uns Teilnehmern drei Stunden zuvor gedacht hatte, dass wir derartig Visionäres noch am gleichen Abend von uns geben würden.

Wer mehr über Reinhard Ematinger und sein Projekt erfahren möchte, kann ihn z.B. über Xing kontaktieren.

Mein besonderer Dank gilt Christine Müller von curriculum, die diesen Abend in einer Reihe von weiteren interessanten Veranstaltungen organisiert hat. Bilder vom Abend und weitere Stimmen gibt es hier.

© Ulf Runge 2009

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Saxotom sagt:

    Hallo Herr Runge,

    vortrefflich beschrieben, was wir an diesem Abend erleben durfen. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

    Beste Grüße

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  2. Ulf Runge sagt:

    Lieber Saxotom,

    danke für dieses Komplement.

    Liebe Grüße,
    Ulf Runge

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  3. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    das Lesen hier hat mir Freude bereitet und auch die Bilder ….. die ich darin entdeckt habe 🙂
    Die Erinnerung an ältere Beiträge hat auch was Gutes, ich habe damals noch nicht alle gelesen. ….
    liebe Grüße
    Erika 😉

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Erika,

      ich war heute auf einem ähnlichen Abend. Ich will darüber auch noch ein paar Worte verlieren.
      Ich hoffe, noch in dieser Woche.

      Liebe Grüße,
      Ulf

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