Z!!!

Leben 489 – Montag, 14.09.09


Die modernste Form
menschlicher Armut ist
das Keine-Zeit-Haben.


Ernst Ferstl

„Hast Du etwas Zeit für mich?“ Wem fällt hierzu nicht die Melodie von Nenas „99 Luftballons“ ein?

„Hast Du etwas Zeit für mich?“ Wem fallen hierzu nicht viele Beispiele ein, in denen man ein schroffes „Nein!“ als Antwort bekommen hat. Oder selber als Antwort gegeben hat…

Ernst Ferstl hat Recht. Die wirkliche Armut finden wir nicht in leeren Geldbeuteln. Nein. Immer mehr Menschen stöhnen, sie hätten zu wenig Zeit.

Und das,

obwohl unsere Haushalte mit Technologie bestückt sind, um uns die Hausarbeit zu vereinfachen. Ich nenne nur mal Waschmaschine und Wäschetrockner.

Und das,

obwohl wir unsere Zeit vor dem Fernseher und dem PC verplempern (aua, jetzt beziehe ich bestimmt Prügel aus Netz).

Und das,

obwohl wir total mobil sind, fliegend, fahrend, telefonierend.

Die meisten von uns lernen eines Tages, dass wir alle gleich viel Zeit haben, will sagen, dass der Tag bei allen 24 Stunden lang ist, und dass es „nur“ eine Frage der Prioritäten ist, wie wir mit unserer Zeit umgehen.

Und dass wir dann „nur“ noch die Courage brauchen, einem kleinen Kind ehrlicherweise zu sagen: „Meine Arbeit ist mir heute wichtiger als Du. Weil Du mir so wichtig bist, damit wir auch morgen noch ein Dach über dem Kopf haben.“ Oder so ähnlich.

Lieber Ernst Ferstl, so ungefähr hätte ich meine Gedanken zu Deinem Sinnspruch über das Keine-Zeit-Haben geschrieben. Und dann wahrscheinlich hier aufgehört.

Heute, am 14.09.2009, zwei Tage nach dem brutalen Mord an einem aufrechten Zeitgenossen, der Zivilcourage gezeigt hat, um schutzlosen Kindern zu helfen, dem aber die zufällig anwesenden Mit(?)-Menschen die Hilfe versagten, heute glaube ich, feststellen zu müssen, dass uns in der Gegenwart noch mehr als nur die Zeit etwas anderes abhanden gekommen ist: Ich beklage den Verlust der Zivilcourage.

Ich spreche damit nicht nur von den anonymen Menschen „da draußen“, ich spreche Dich an, ich meine mich. Wann habe ich das letzte Mal Mut bewiesen? Wann habe ich das letzte Mal geschwitzt, weil ich zugunsten anderer Menschen Stellung bezogen habe?

Wie wichtig ist mir meine körperliche Unversehrtheit im Verhältnis zu der körperlichen Unversehrtheit anderer Menschen, die Schutz vor der Mutwilligkeit Dritte brauchen?

Am vergangenen Freitag Abend etwa hat eine „Horde Menschen“ (ja, ich muss sie so nennen, so haben sie sich aufgeführt) in meinem Zug rumgegrölt. Was habe ich getan? Die Lautstärke meiner Kopfhörer hochgestellt. Weggesehen. Wegehört. Geschwiegen.

Ich sage nicht, dass jemand, der im Zug seine Schuhe auf einen Polstersitz legt oder freudetrunken rumgrölt, als nächstes dann Kinder erpresst oder Familienväter ermordet. Umgekehrt. Dass wir es zulassen, dass ich zulasse, dass wir uns nicht daran stören, wenn jemand die Regeln des Miteinander verletzt, ist eine Ermutigung für die Frechen und Feigen, jene Grenzen zu überschreiten, an die sich nicht wagen würden, wenn sie wüssten, dass wir alle einander helfen, wenn wir aufeinander angewiesen sind.

Ob es eine Lösung wäre, wenn wir uns einen Button an die Kleidung machen würden, ein großes Z drauf, ein Z für Zivilcourage, das allen deutlich zeigt: „Ich zeige Zivilcourage.“? Ein „Z“ gefolgt von einem Ausrufezeichen um auszudrücken, dass mir das ganz ernst ist. Oder provoziere ich damit diejenigen, die sich jetzt schon ganz stark fühlen?

Soll ich meine Gesundheit riskieren, bloß weil ich ein provozierendes „Z!!!“ trage?

Z!!!

Der mutige Mann aus München ist nicht mehr lebendig zu machen.

Ich nehme Anteil an der Trauer seiner Familie.

Ich frage mich: Was kann ich tun? Ich weiß nur: Ich muss auch was tun.

Ich hoffe, den Mut zu haben, Dir zu helfen, wenn Du mich brauchst.

Ich hoffe, dass Du hoffst, den Mut zu haben, mir zu helfen, wenn ich Dich brauche.

© Ulf Runge, 2009

Ich bedanke mich beim Bellaprint-Verlag , Hinterbrühl, Österreich, für die freundliche Genehmigung, den Sinnspruch des Original-Leitspruch-Wochenkalenders als Thema für Beiträge in meinem Blog verwenden zu dürfen. Der Original-Leitspruch-Kalender wird in Deutschland vertrieben von der Impuls-Kalender GmbH.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mo sagt:

    Lieber Ulf,
    ich finde, das mit dem Button, mit einem großen „Z“ drauf, ist ein interessanter Gedankengang.
    Aber ein (1) Ausrufezeichen langt völlig.

    LG – Mo

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Mo,

      die drei „!!!“ habe ich gewählt, um eine Verwechslung mit studentischen Verbindungen auszuschließen…

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  2. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, ich hätte schon bei dem ersten Teil Deines Beitrages genickt und gesagt, richtig, keine Zeit ist eigentlich nicht nur doof, sondern auch eine Sache der Prioritäten. Als ich das so las, dachte ich, was machen wir eigentlich mit all der Zeit, die wir durch Maschinen, mobile Telefone usw, einsparen?

    Und dann las ich weiter und nickte weiter. Danke für die Courage, diesen Beitrag so zu schreiben und zu Zivilcourage anzuregen, sehr nachdenkliche Grüsse Andrea

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Andrea,

      danke für Deine zustimmenden Worte.

      Couragierte Grüße,
      Ulf

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