Abschied

Leben 482 – Dienstag, 01.09.09

Bist Du abergläubisch? Darauf antworten die meisten natürlich mit „Nein“, weil man in unserer aufgeklärten Zeit viele irrationale Dinge tabuisiert. (Wobei, die Zeit mag ja aufgeklärt sein. Aber sind es auch die Menschen?)

Nun, ich bin auch nicht abergläubisch. Das sei mal hier vorneweg erwähnt.

Das Leben ist ein Kommen und Gehen von Menschen.

Sie treten ein in unser Leben, sind uns zunächst fremd. Bleiben uns vielleicht auf Dauer fremd. Oder wir lernen sie näher kennen. Entwickeln Antipathien und bleiben dann auf der Hut vor ihnen. Oder es stellt sich eine – hoffentlich – gegenseitige Sympathie ein, die zunächst einmal auf Vorbehaltlosigkeit fußt, und die sich durch vertrauensvolle Erfahrungen immer weiter entwickeln kann.

Und dann treten diese Menschen wieder aus unserem Leben. Oft genug unerwartet und für immer. Bisweilen aber auch geplant. So einen „Fall“ hatte ich gestern. Eine liebe Kollegin „feierte“ ihren letzten Arbeitstag und so fanden sich viele Wegbegleiter ein, um mit ihr noch ein paar gute Minuten zu verbringen. Es wurde erzählt, es wurde gelacht und dann lief an einen Schreibtisch, auf dem sie zuvor eine rote Schatulle abgestellt hatte.

Öffnete selbige und bot uns allen an, aus ihrem Inhalt zu nehmen. Der nun wiederum aus ganz vielen kleinen Papierröllchen bestand, die nach dem Auseinanderziehen einen Sinnspruch preisgaben.

„Es wird ja hoffentlich nicht ‚Niete’ draufstehen!“ flachse ich noch, um dann betroffen inne zu halten bei folgenden Zeilen:

Manchmal ist es ganz
gut zu vergessen
und weiterzuleben.

Lydia D.

Manchmal...
Manchmal...

Dieses Motto kann ich mir mitunter auch zu eigen machen, es kann sehr hilfreich sein, wenn denn Dinge unverstanden bleiben wollen, wenn denn Tatsachen unabänderlich sein sollen. Aber hier, beim gut gelauntem Verabschieden fand ich ihn unpassend. Was zur Folge hatte, dass ich mit einem Augenzwinkern Protest einlegte, nachdem ich – wie die anderen auch – der Aufforderung nachgekommen war, den Inhalt meines Zettelchens laut vorzulesen.

Ob es nun ein Zeichen von Aberglauben ist, dass man sich mit dem gezogenen Spruch abfinden muss und keinen weiteren ziehen sollte, oder ob man erst recht dem Irrationalen verfallen ist, wenn man hofft, ein neuer, besserer Spruch möge das soeben gezogene Los ungeschehen machen, das mag ich nicht entscheiden wollen.

Egal. Bevor ich lange noch darüber nachdenken konnte, gestattete man mir, das Schicksal ein zweites Mal herausfordern zu dürfen, eine weitere Papierrolle herauszufischen, auf dass ich dann beruhigt folgendes lesen durfte:

Die wahre Lebens-
kunst besteht darin,
im Alltäglichen das
Wunderbare zu sehen

Pearl S. Buck

im Alltäglichen das Wunderbare...
im Alltäglichen das Wunderbare...

Dieser Spruch passt bedeutend besser zu dem Weg, den wir beide – „auf verschiedenen Seiten der Front“ – miteinander gehen durften. Statt das Trennende hervorzuheben, statt auf unvereinbaren Standpunkten zu beharren, immer wieder die Gemeinsamkeiten herausarbeitend, der Sache, den Menschen, dem Ganzen dienend.

Und so werden wir einander wertschätzend verbunden bleiben, wohl wissend, dass wir jederzeit wieder in der Lage wären, schwierige Aufgaben gemeinsam zu meistern.

© Ulf Runge, 2009

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sabine sagt:

    Lieber Ulf,
    ich muss dir Recht geben … der erste Spruch war ein bissle seltsam 🙄
    Aber der Zweite – der ist gut – der gefällt mir.
    In diesem Sinne wünsch ich dir einen wunderbaren Tag 🙂
    Ich werd heut die Holunderbeeren weiterberarbeiten … mjammjam

    Liebe Grüße,
    Sabine

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  2. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, den ersten Spruch hätte ich in diesem Zusammenhang auch mit etwas gemischten Gefühlen verstanden…Schön, dass Du drauf bestanden hast, noch einen Zettel zu ziehen und dann einen so wunderbaren…Eine anrührende Geschichte…Liebe Grüsse Andrea

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  3. Michael sagt:

    Eine schöne Geschichte, über die Du da berichtet hast.
    Wobei ich den zweiten Spruch letztlich auch schöner und passender finde als den ersten. Obwohl bei näherer Betrachtung auch dieser was hat (ja, ich bin grenzgängerisch veranlagt…). Was Wahres, wie ich finde.

    Lieber Gruß
    Michael

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Sabine,

    seltsam, der erste Spruch, da hast Du recht.
    Aber wenn es keinen Weg gibt für eine Lösung,
    dass ist Vergessen hilfreich.

    Aber hier ging es ja um den Abschied von einer lieben Kollegin.
    Und deshalb war es mir erlaubt, diesen schönen zweiten Spruch zu ziehen.

    Ich hoffe, die Woche war gut für Dich. Einmachenderweise.
    Jetzt ein schönes Wochenende!
    Liebe Grüße,
    Ulf

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  5. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,
    manchmal frage ich mich, und Du Dich sicherlich auch, ob man „so etwas“ veröffentlichen soll. Und wenn dann die Resonanz so positiv ist wie hier, dann freut man sich, dass man daraus eine lesenswerte Begebenheit „gemacht“ hat. Anrührend, wie Du sagst. Danke.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  6. Ulf Runge sagt:

    Lieber Michael,

    es war wirklich ein Kampf in mir, ob ich den (ersten) Spruch akzeptiere.
    Oder einen anderen „will“.
    Der vielleicht sogar noch „weniger gut“ sein könnte als der erste…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  7. Michael sagt:

    Ja lieber Ulf, in solchen Situationen ist das ein wenig wie beim Roulette. „Und ich weiß wieder nicht, soll ich rot oder schwarz…“

    Ich hätte es ebenso gemacht wie Du! 😉

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  8. andrea2007 sagt:

    Ja, lieber Ulf, das kenn ich auch. Und was für ein schönes Gefühl, wenn sich die Geschichte durch die Kommentare dann sogar manchmal weiterentwickelt… Liebe Grüsse Andrea

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  9. Ulf Runge sagt:

    Lieber Michael,

    es ist wie in der Politik. Es geht um Rot oder Schwarz. Oder um Grün. Was zumindest beim Roulette relativ singulär ist.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  10. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    nun, dass ist ja hinlänglich bekannt, dass genau darin der Unterschied liegt zwischen einem Blog und einer PDF-Datei. Der Blog lebt durch die Kommentare, durch die persönlichen Dinge, die man einander zu sagen hat.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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