Engelsbrücke

Leben 475 – Mittwoch, 19.08.09

Du warst heute Abend bestimmt wieder da, auf der Brücke. So wie gestern Abend. Hast mich vermutet. Warst enttäuscht, weil ich nicht da war, wir unser Gespräch nicht fortsetzen konnten. Warst beruhigt, weil Du wohl gehofft hast, dass ich wirklich nach Hause gegangen bin, gestern Abend.

Ja, Brücken. Die sind gemacht um zu verbinden. Ein Ufer mit dem anderen. Oder um Schienen zu überqueren. Brücken. Sind nicht gemacht und gedacht, um zu springen. Aber sind doch dazu da. Wenn man nicht mehr weiter weiß.

Sag! Warum darf man sich Engel, wenn es sie denn schon gibt, nicht aussuchen? Musstest es Du sein? Nach Schweiß riechend? Müssen Jogger denn immer nach Schweiß riechen? Du weißt, wen ich lieber als Dich als „meinen“ Engel gehabt hätte.

Das war übrigens ein starker Eisbrecher von Dir, als Du Dich neben mich gesetzt hast, als Du mir gesagt hast, ich würde hier ja sitzen, weil ich allein sein will. Mit niemandem reden wolle. Und dann hast Du einfach nur geschwiegen.

Um mich dann reden zu lassen. Um alles das rauszulassen, was meine Tränen nicht rausspülen konnten. Um mich dann mitzunehmen von der Brücke. Nein, ich wär nicht gesprungen. Glaube ich. Und ich weiß jetzt ganz sicher, warum ich nie springen würde. Ich hab es gewusst. Und gestern hab ich es auch gesagt, weil Du einfach nur geschwiegen hast. Zugehört.

Sag mal, haben eigentlich alle Engel einen Therapiehund dabei? Ich wollte doch nur traurig sein und dann zaubert Dein Hund ein Lächeln auf mein Gesicht…

Und dann sind wir in den Ort zurückgelaufen. Und Du hast mir noch einen schönen Abend gewünscht. Einen schönen Abend!!! Okay, Du bist sofort in Grund und Boden versunken. Schön, dass Du hast es ja gleich gemerkt hast, wie sehr das daneben war.

Das war ein merk-würdiger Händedruck, den wir uns da gaben beim Abschied. Als wenn er etwas besiegelt hätte. Meinen Willen zum Leben? Mich nicht unterkriegen zu lassen?

Das mein‘ ich nicht böse, das mit dem anderen Engel. Das hat nichts mit Dir zu tun. Aber das weißt Du ja sicherlich.

Ich weiß, dass Du da langläufst, über die Brücke. Immer wieder. Und wenn ich das alles durchgestanden habe, die nächsten Tage, wenn ich langsam kapiert habe, was passiert ist, dann, dann setzen wir unser Gespräch fort…

© Ulf Runge, 2009