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Archive for Juli 2009

Igel-TV

15. Juli 2009 6 Kommentare

Igel-TV

Igel-TV

Leben 465 – Mittwoch, 15.07.09

Da bist Du auf Dauer unglücklich. Dass der Garten nicht so ordentlich ist, wie Du Dir wünschtest. Weil Du keine Zeit dafür hast. Will sagen, weil Dir anderes wichtiger ist.

Läufst deshalb gartenbezüglich unglücklich durch die Weltgeschichte.

Und dann kommt der Augenblick, an dem Du froh bist, dass Du dieses Dein Chaos, nein, wir nennen es jetzt Biotop, zugelassen hast: dort „Un“kraut, hier herabgefällene Äste, die längst mal aufgeräumt gehören, da ein Stapel Meterholz, der seit geraumer Zeit abtransportiert gehört hätte.

Froh bist, weil Du Dir freudig eingestehst, dass es seinen Sinn hatt, die Unordnung zu leben. Dass eben alles seinen Sinn hat.

Das Foto oben zeigt den gartenbezüglichen Sinn, der uns seit Tagen viel Freude in der Dämmerung bereitet, wir gucken sozusagen jeden Abend Igel-TV.

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern einen schönen Sommer. Was auch immer Ihr darunter versteht. Auf jeden Fall eine gute Zeit. Ich melde mich zurück im August…

© Ulf Runge, 2009

Kategorien:Leben Schlagworte: ,

Spiegelei

12. Juli 2009 8 Kommentare
Leben 464 – Sonntag, 12.07.09

Lieber Freund,
danke.

Danke,
dass Du um die Ecke kommst.
Bei mir hereinschaust.

Mich nur ansiehst.
Mich verstehst, ohne auch nur ein Wort zu sprechen.
Stumm bleibst.
Dein Blick genügt.
Sagt alles.

Danke.
Dass Du wieder da bist.
Immer wieder zu mir kommst.
Mir Eingebung bist,
die richtigen Worte zu finden.

Danke.
Dass Du immer wieder da bist.
Bote.
Der Du mich fragen lässt,
ob denn die Zukunft ungewiss sei.
Der Du mir das Gestern zurückbringst.
Mir das Jetzt festzuhalten hilft.

Lieber Freund,
danke.
Begleiter.
Begleiter durch die Nacht.
Mir ein Spiegel.
Selbst ein Spiegel.
Sonnenspiegel.
Mond, Du.
Vollmond mir am liebsten.
Danke.

© Ulf Runge, 2009

Ferienfrage

10. Juli 2009 2 Kommentare
Leben 463 – Freitag, 10.07.09

Ferienbeginn. Wir stehen mit anderen Eltern zusammen, reden über Urlaubsziele.

„Wie lange fahrt Ihr?“ geht die Frage an mich.

Ich überlege kurz, dann gebe ich bestmöglich Antwort: „Acht bis neun Stunden, hoffe ich mal!“

Alle lachen. Ohne dass ich wüsste, warum.

Bis mir eine Mutter zuruft: „Wie lange Ihr, hihi, WEGfahrt, hihihi!“

© Ulf Runge, 2009

Robert

10. Juli 2009 7 Kommentare
Leben 463 – Freitag, 10.07.09

Bei Kilometer 11 war ich mir sicher, dass es auch sein erster Marathon war.

Meiner war es definitiv. Ich hatte keine Ahnung, ob ich ankommen würde. Nach 6 Stunden würden sie die Strecke schließen, dann, wenn der „Besenwagen“ die Strecke abgefahren hätte. Ankommen, gesund ankommen, und zwar möglichst unter 6 Stunden, das war mein Ziel.

Bei Kilometer 4 sah ich ihn das erste Mal. Wir sprachen nicht miteinander, schauten einander auch nicht an, wir liefen nur nebeneinander, das gleiche Tempo, aber mit unruhigem Schritt. Bis wir dann schon bald im gleichen Rhythmus unterwegs waren. Unglaublich, aber statt schwindender Kräfte verspürte ich auf einmal, wie ich eine unerwartete Energie aufsog. Ihm musste es wohl ähnlich gehen, denn plötzlich schaute er mich von der Seite an. Wie lächelten einander zu. Ahnten, dass uns der Gleichklang der Füße eine unvermutete Kraftquelle eröffnete.

Nach meinen – total theoretischen Vorherberechnungen – war ich viel zu schnell unterwegs. Dieses Tempo würde ich niemals durchhalten. Doch die vielen Läufer um einen rum, das schob einen förmlich in einen Temporausch. Die Begeisterung der Zuschauer, die Trommeln und das Klatschen der Hände, all das putschte uns richtiggehend auf.

Immer wieder riefen uns die Menschen an der Seite zu, dass wir das schaffen würden, dass es jetzt nur noch 36 Kilometer seien, das wir „super“ oder „spitze“ sein. „Mami, Du bist die Größte“ Plakate säumten die Strecke, aber auch „Lauf, Du fauler Sack“ Comics.

Die „11“ war in Sicht, ein Viertel der Strecke fast gelaufen, als das Unglaubliche geschah. „Robert, ich will ein Kind von Dir!“ rief uns eine ausgelassene junge Dame zu. Da ich nicht Robert heiße, konnte sie nur meinen Zufallslaufpartner gemeint haben. Der sich sichtlich belustigt mit kräftigem Zurückwinken bei der Ruferin bedankte.

„Sag mal!“ raunte er mir dann zu. „Woher weiß die, wie ich heiße?“ Während ich nach innen vor Lachen fast geplatzt werde, verzog ich keine Miene. Und raunte nur zurück zu ihm: „Weißt Du das nicht mehr? Unter der Startnummer, da steht Dein Vorname!“

© Ulf Runge, 2009

Die “Bananen-Story”

8. Juli 2009 9 Kommentare
Leben 462 – Mittwoch, 08.07.09

Was es denn mit der „Bananen-Story“ auf sich habe, wollte Ruth von ihm wissen. Henrys Miene hellte sich ein wenig auf, ein Lächeln huschte über sein Gesicht, und er entgegnete nur: „Sei ehrlich, Du kennst die Geschichte schon, Du willst sie bloß noch mal aus meinem Mund hören!“

„Nein, nein, wirklich nicht. Bloß, weil ich Urlaub hatte, werde ich dumm sterben müssen. Alle Kollegen reden davon, aber nur ich weiß nicht wirklich Bescheid!“

Henry gab sich einen Ruck, trat etwas näher an Ruth heran und fing an, mit leicht gedämpfter Stimme, Ruth in das Geheimnis der Geheimnisse einzuweihen: „Also, wir waren Mittagessen. Die Ricarda, der Werner und ich. Die beiden holen mich in meinem Büro ab. Und frotzeln über die Bananen auf meinem Schreibtisch. Die mehr schwarz als gelb sind. Bei denen ein paar gelbe Sprenkler ahnen lassen, dass es sich hier noch um ein Lebensmittel handeln könnte. Egal. Wir gehen rüber ins Casino. Und treffen dort zufällig den Hans Meier, Du weißt schon.“

„Den Hans Meier, ach, iss ja nett! Habt Ihr bestimmt viel Spaß gehabt!“

„Kannste glauben, und dann mach ich so nen superblöden Ausspruch, dass meine Bananen jetzt bestmmt vollschwarz sind, wenn ich vom Essen zurückkomme. Dass die gelben Sprenkler bestimmt auch schon schwarz geworden sind. Nur. Das glaubt der Hans nicht. Wettet dagegen. Wir wetten um die Ehre. Verabschieden uns nach dem Essen. Ich sage zu, dass ich Beweismittel beschaffen werde. Bezüglich der Bananen. Wir lachen. Gehen getrennter Wege.“

„Und dann? Was hast Du dann gemacht?“

„Ganz einfach. Bin zu meinen Bananen hin. Wette verloren. Die hatten doch noch gelbe ‚Rest‘flecken.“

„Und wie bist Du aus der Geschichte raus gekommen?“

„Gar nicht. Ich hab mir eine Banane geschnappt. Auf den Kopierer-Scanner gelegt. Da ich logischerweise den Deckel vom Gerät nicht runterklappen konnte, das hätte sonst Bananenbrei gegeben, ist wenigstens der Bildhintergrund vollschwarz geworden. Habe also das Bild genommen, und per E-Mail an meine Mittagessenpartner geschickt. Und eingestanden, dass ich die Wette verloren habe.“

„Das ist die Bananen-Story?“ Ein bisschen enttäuscht war Ruth schon von dieser bananen, ahem banalen Begebenheit.

„Fast!“ Henry atmet noch mal tief durch. „Also Du musst wissen, in einer größeren Firma wie der unseren, da gibt es nicht nur einen ‚Hans Meier‘“.

„Du Scheiße!“ fährt es Ruth heraus, den Rest kann sie nicht mehr artikulieren, nichtendenwollendes Gegluckse verhindert jedwede Wiedergabe in Laut- oder Schreibschrift.

© Ulf Runge, 2009

Der erste Satz

5. Juli 2009 12 Kommentare
Leben 461 – Sonntag, 05.07.09

Es ist wahrlich ein erhebendes Gefühl, wenn man Zeuge sein darf, wie man selber einem anderen Lebewesen das Sprechen beibringt. Wenn man sieht und hört, dass sich aus den Urlauten Silben bilden, und diese Sprachfetzen sich dann zu ersten Wörtern verschwistern.

Wenn die sich entwickelnde, geliebte Stimme den ersten Satz spricht. Erst undeutlich. Befremdlich. Bis auf einmal hell und klar die Vokale und Konsonanten sich zu einer begeisternden Überraschung zusammenfügen.

Ich werde nie den Tag vergessen, als er zum ersten Mal „Donald ist lieb.“ sprach. Unendliche Glücksgefühle durchströmten mich. Und sein Lieblingssatz wurde „Donald gibt Küsschen.“ Ja, obwohl er nie Alkohol zu trinken bekam, war ich immer begeistert, wenn er mir „Donald trinkt Bier.“ nachsprach. Eine Idee meines Vaters. Die ich anfänglich nicht gut fand. Gelinde ausgedrückt. Aber „Donald trinkt Bier“ muss für einen Wellensittich die helle Freude sein, sonst hätte er es bestimmt nicht so häufig gesagt.

Zehn Sätze konnte er. Sprechen. Mein Donald.

© Ulf Runge, 2009

Treffendes Wort

Leben 460 – Freitag, 03.07.09

Ob ich das Brot einfach daneben legen könne. Neben ihr Teil da. Frage ich die Jugend. Die da etwas auf den Abendbrottisch gelegt hat, was dort absolut nicht hingehört.

Sie kapiert sofort, macht aber keine Anstalten, den Gegenstand zu entfernen. Statt dessen wendet sie sich an den anderen Elternteil, um mit hilfsbedürftiger Miene darauf hinzuweisen, dass sie diskriminiert werde.

Diskriminiert? Aber hallo, sie hat soeben „diskriminiert“ gesagt.

„Ein treffenderes Wort hättest Du nicht finden können!“ applaudiere ich, stolz darauf, dass das Kind in der Schule was gelernt hat.

Die soeben gelobte Jugend  will dann wissen: „Hm, was bedeutet ‚diskriminieren‘ eigentlich?“

© Ulf Runge, 2009

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