Archiv

Archive for Juni 2009

Die Überholung

30. Juni 2009 8 Kommentare
Leben 455 – Dienstag, 30.06.09

Es war drückend heiß, meine Klamotten klebten auf der Haut, der Schweiß lief  mir hinunter, wo er nur konnte. Ich hatte die Augen schon geraume Zeit geschlossen, spürte alleine am Druck auf meine Pobacken, dass wir uns in der Kurve des Bebacher Bahnhofs befinden, wo dieser Zug immer aufs Nebengleis fährt, um kurz darauf vom schnelleren Intercity überholt zu werden.

Ich höre, wie die Türen aufgehen, wie eine Vielzahl Pendler hier aussteigen, genieße die zusätzliche Zugluft, die die immer noch geöffneten Türen bieten, als sich plötzlich ein total entnervter Zugbegleiter sich über den Lautsprecher meldet.

„Verehrte Fahrgäste! Wegen…“ Er stutzt. Er weiß, dass er Überbringer der schlechten Nachricht ist, und so wie seine Ansage beginnt, steht es schlimm um Deutschland. Mindestens aber um diesen Zug.

„Wegen eines verspäteten Intercityexpress“ fährt er aufgeregt fort. Er spricht das frei oder liest es von seinem Handy ab, er hat wohl eine SMS bekommen. „verzögert sich die Abfahrt um wenige Minuten.“

Jeder, sowohl der Zugbegleiter als auch die Fahrgäste wissen aufgrund dieser präzisen Information, dass sie sich nun gegebenenfalls auf eine Übernachtung im Zug einstellen müssen. „Wenige Minuten“, das ist die Zeitspanne zwischen einem Wimpernschlag und „wir waren eine ganze Woche eingeschneit“.

Es wird auch kein Intercityexpress sein, der uns da überholt. Nur ein Intercity. Wobei das für uns Wartende nicht wirklich entscheidend ist. Der Arme tut mir leid. Hat wahrscheinlich einen harten Tag gehabt. In der Bullenhitze. In Uniform. Und den repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung als Gast in seinem Zug.

Bis zu diesem Augenblick war diesem armen Teufel das Mitgefühl der meisten Fahrgäste sicher. Bestimmt.

Ich höre gerade noch seine Worte in meinem Ohr verklingen, als er mit freudiger, sich überschlagender Stimme durch die Lautsprecher brüllt, ja er brüllt es, er muss diese gute Nachricht schnellstmöglich loswerden: „Nein, doch nicht, wir fahren weiter!“ Ich hätte ihm gewünscht, dass er jetzt das spontane Lächeln und Schmunzeln auf den Gesichtern der Mitreisenden hätte sehen können.

Schmunzeln, weil dieser Mensch hinsichtlich seiner Gefühle geradezu nackig vor uns da stand. Und ihm alle wohl gewünscht haben, dass die Freude über die Nicht-Überholung ihn etwas in seinem stressigen Arbeitstag stabilisieren möge.

Lächeln, weil wir uns alle ein bisschen in ihm entdeckt haben. Opfer der Hitze. Opfer äußerer Umstände. Überbringer schlechter und lieber noch guter Nachrichten. Menschen mit Schwächen. (Und lieber noch mit Stärken.)

Es soll heiß bleiben die nächsten Tage…

© Ulf Runge, 2009

Der Anruf

29. Juni 2009 8 Kommentare
Leben 454 – Montag, 29.06.09

Tag um Tag tu ich’s nicht schaffen,
um am Ende blöd zu gaffen,
auf den Zettel, den ich machte,
als ich jüngst mal an Dich dachte.

Rufen wollt’ ich, und zwar an,
ich war schon am Hörer dran,
doch dann blickt’ ich auf die Uhr,
so früh würd’ ich stören nur.

Und so tat ich noch was warten,
trug den Kompost in den Garten,
räumte auf und saugte Staub,
zog am Kochtopf fest ne Schraub’,

und dann war es Zeit zum Kochen,
wie sie oft die letzten Wochen,
und dann war es Zeit zum Essen,
nein, ich hab’ Dich nicht vergessen.

Nach dem Spülen wollt’ ich’s tun,
doch ich weiß, jetzt wirst Du ruh’n,
so um vier, da ruf ich an,
hoffentlich denk’ ich dann dran.

Anders kommt es, als ich wollte,
als Aufmerksamkeit ich zollte,
dem, was da zu sehen war,
in dem TV-Kaufbasar.

Messer, Waschvollautomaten,
ohne Zins, nur 80 Raten,
Gläser, Flaschen, Thermoskannen,
Lebenshilfe, Bratepfannen.

Huch, jetzt hab’ ich mich vergessen,
ist nun Zeit für’s Abendessen.
Und da will ich ungern stören,
vielleicht tust Du Radjo hören.

Tagesschau und Wetterkarte,
Tatortkrimi, ich noch warte,
kurz vor zehn, da ruf ich an,
doch Du gehst schon nicht mehr ran.

Smsen könnt’ ich und auch mailen,
doch viel lieber Deine Nummer wählen,
Deine Stimme möcht’ ich hören,
nur nicht eins: ich will nicht stören.

© Ulf Runge, 2009

Bis später!

27. Juni 2009 2 Kommentare
Leben 453 – Samstag, 27.06.09

Die Metzgerei war dann doch nicht so voll wie erwartet, als Kurt sich in die Warteschlange einreihte. Etwas Grillgut für das Klassenfest heute Abend wollte er noch kaufen, überflog noch einmal die Einkaufsliste und spürte auf einmal eine Frau so halb neben, halb hinter sich. Spürte ihren Blick auf ihm ruhen, erkannte sie aus den Augenwinkeln und fing an zu grübeln.

Bei gut 30 Elternpaaren konnte man nicht alle kennen, vielleicht die Gesichter, ja, aber die Namen? Kurt fixierte seine Einkaufsliste dermaßen, dass fast die Buchstaben rausfielen, nur um sich nicht nach rechts drehen zu müssen und zu seiner Schande der Dame einzugestehen, dass er ihren Namen nicht kenne.

Er beschloss, sie erst nach dem Zahlen angucken zu wollen, ein überraschtes „Hallo!“ auszurufen und wegen des gemeinsamen Grillfestes heute Abend mit einem „Bis später!“ den Laden zu verlassen.

Die Dame war nicht alleine hier, das war wohl ihr Mann, dessen Gesicht war Kurt nun absolut nicht vertraut. Er hasste solche Situationen. In denen der Tritt ins Fettnäpfchen der Peinlichkeiten sozusagen vorprogrammiert war.

Kurt fasste allen seinen Mut zusammen, ließ seinen Blick wie zufällig nach rechts schweifen, sie drehte wie zufällig ihren Kopf in seine Richtung und beide grüßten miteinander mit einem freundlichen „Hallo!“ Worauf sie sich – wohl wegen der Abstimmung des klassenfestabendlichen Grillgutes – zu ihrem Begleiter herumdrehte und Kurt mit sich alleine ließ.

Das war’s dann wohl, dachte er. Kurt gab sich einen Ruck, jetzt wollte er es wissen, er räusperte sich, die Dame bemerkte es, und Kurt staunte, dass ihm folgender Satz aus dem Mund entglitt: „Können Sie mir bitte helfen? Es tut mir leid, ich weiß Ihren Namen nicht mehr.“

„Mertens! Ich heiße Mertens.“ Sie spürte, dass die 100%ig korrekte Beantwortung von Kurts Frage selbigem nicht wirklich weiterhalf. „Wir kennen uns vom Marktstand. Wir treffen uns dort fast jede Woche.“

„Oha! Danke. Ich hätte sie jetzt zu den Eltern unserer Schulklasse gerechnet. Und wollte Ihnen schon ein ‚Bis später‘ zurufen. Was bei Ihrem Gatten womöglich Kläungsbedarf erzeugt hätte.“

Sie lacht. Und auch ihr Begleiter kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Und wissen Sie was?“ fährt Kurt fort. „Sie gehen jetzt auch bestimmt auch noch auf den Markt!“

„Ja, da wollen wir gleich auch noch hin“, bestätigt Frau Mertens.

„Dann sage ich einfach nur: Bis später!“

© Ulf Runge, 2009

Alleine am Fenster

27. Juni 2009 2 Kommentare

Leben 452 – Samstag, 27.06.09

Anita Orkenz stand am Fenster ihres kleinen Büros, das für eine Führungskraft vielleicht ein bisschen zu klein war, aber es hatte sich aufgrund einer Umzugspanne ergeben, dass damals kein anderer Raum mehr frei war. Ihr Blick fiel in den Innenhof des mehrstöckigen Bürogebäudes, dessen kalte, nichtssagende Fassade nicht unbedingt kreativitätssteigernd war.

Ricarda also würde bald das Team verlassen, zwei Monate würde sie noch da sein. Während Anita darüber sinnierte, wem sie denn Ricardas Aufgaben übertragen könne, rief jemand von der Hausverwaltung an. Für kommenden Montag seien einige Umzüge geplant, und man habe entdeckt, dass jemand auf den Platz von Ricarda ziehen werde. Und dass die ja doch noch da sei. Die würde doch weggehen, oder? Man hätte gedacht, sie sei längst weg. Sorry, dieser Fehler sei erst heute entdeckt worden, aber der Umzug sei beauftragt, Ricarda müsse ihren Platz bis Montag räumen, egal wohin. Ein Herr Arath werde am Montag dort einziehen.

Anita war fassungslos. Man könne doch nicht ein Problem lösen, indem man ein anderes schaffe. Dass das bitte ganz klar sei, gab sie der Hausverwaltung zu verstehen, Ricarda werde dort sitzen bleiben, wo sie ist, und für diesen Herrn müssten eben die eine Lösung finden, die es verbockt hätten.

Anita kam gerade von ihrer Palme herunter, als Freddy anrief. Es würde ihm leid tun mit der Doppeltbelegung, da sei wohl ein Missverständnis passiert. Aber die Hausverwaltung habe jetzt noch einen freien Platz in ihrem Büro entdeckt. Ob sie damit einverstanden sei, dass der Kollege jetzt in ihr Büro mit einzieht?

Wenn Anita gewusst hätte, was ein HB-Männchen ist, sie wäre in die Luft gegangen. So hörte sie nur konstaniert, was für ein Unsinn da aus dem Hörer kam. „Freddy, Du kennst mein Büro. Sechs Quadratmeter. Soll ich den Herrn Arath auf meinen Schoß nehmen? Komm doch mal zu mir, dann schauen wir uns das ganze gemeinsam an!“

Anita würde diesem Kollegen sogar für die kommenden zwei Monate Asyl gegeben haben in ihrem Büro. Sie war kurz davor, sich breit schlagen zu lassen und auch diese Kröte zu schlucken.

Aber dann schlug bei ihr der Blitz ein. Alle Ihre Kollegen Führungskräfte hatten Büros so groß wie Tanzsäle, und saßen ganz alleine darin, und sie sollte in Ihrem kellerraumgroßen Ambiente jetzt noch jemanden zusätzlich aufnehmen. Der Freddy, der sollte nur mal kommen, dem würde sie schon die Meinung stoßen.

Anita war nicht mehr zu halten. Wer an ihrer Tür vorbeiging, dem berichtete sie von dieem Skandal, ob sie oder er das wissen wollte oder nicht. „Schaut! Hier soll noch jemand rein! Ich fass‘ es nicht!“

Endlich bog Freddy um die Ecke. „Da schau Dir meine Gefängniszelle an! Für Einzelhaft gut genug! Der muss schon verdammt gut aussehen, Dein Mitarbeiter, dass der in mein Zimmer mit rein darf!“ quälte sich Anita den Humor aus ihrem frustrierten Gesicht heraus.

Freddy blieb die ganze Zeit total ruhig, als er zu sprechen begann, leise, ruhig, fast emotionslos: „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht, Anita! In Deinem Büro ist doch noch ein Platz frei. Nicht dort wo Ricarda sitzt, sondern neben Werner.“

Werner? Von was sprach Freddy da? „Du meinst nicht MEIN BÜRO?! Du meinst das Großraumbüro, in dem Ricarda und Werner sitzen? “MEIN” Großraumbüro? Das Großraumbüro meiner Mitarbeiter?“

Nachdem sie lauthals herausgelacht hatten, besiegelten Anita und Freddy den Deal.

Und so steht Anita auch morgen wieder am Fenster, alleine in ihrem Büro, und wird sich fragen, wer Ricardas Aufgaben übernimmt…

© Ulf Runge, 2009

Ich glaube, es hilft …

25. Juni 2009 10 Kommentare
Leben 451 – Donnerstag, 25.06.09
Die Morgensonne hatte das Büro schon mächtig aufgeheizt, als Werner seinen Blick vom Bildschirm wegstreifen ließ, um Ricarda am gegenüberliegenden Schreibtisch ratlos anzublicken.Er wisse nicht so recht, wo er den Fehler in seiner Tabelle suchen solle.

Ricarda, die voll in der Sonne sitzt, entgegnet ihm, dass sie so eine ähnliche Aufgabe schon mal bearbeitet habe. Sie werde ihm die Datei gleich zuschicken. Während sie das spricht, rollt ihr eine erste Schweißperle von der Stirn.

Er solle sich ihre Lösung einfach mal ansehen, vielleicht lasse sich die Aufgabe damit schneller lösen, als nach dem Fehler zu suchen.

„Irgendwie bekomme ich die Datei nicht auf!“ ruft Werner mit einem Anflug von Verzweiflung zur transpirierenden Ricarda rüber.

„Ich glaube, es hilft, wenn Du ein Fenster öffnest.“ entgegnet diese.

Was Werner auch umgehend tut. Springt auf, dreht den Fenstergriff herum und sorgt für Frischluftzufuhr.

„Gut so, Ricarda?“ fragt er.

„Gut so.“ antwortet die verduzte Ricarda. „Das hilft auch. Ich hatte allerdings ein Fenster an Deinem PC gemeint.“, um darauf gemeinsam mit Werner in schallendes Gelächter auszubrechen.

© Ulf Runge, 2009

Nota bene? Nota male!

24. Juni 2009 4 Kommentare
Leben 450 – Mittwoch, 24.06.09

Eines unser höchsten Güter ist das Recht auf freie Meinungsäußerung. Diesem Recht verdanke ich die Freiheit, hier zu schreiben, was ich denke.

Aufgrund des gestrigen Urteils zur Lehrerbenotung auf Internetportalen, das Lehrer salopp gesagt zum Voting- und Ranking-Freiwild erklärt, fallen mir ein paar Dinge ein, für die die Zeit nun auch reif geworden ist:

Ich schlage vor unter Schnarchnasenbatzi.de endlich mal die Linksspurschleicher an den Pranger zu stellen. Etwa so: „Der Fahrer dieses Kennzeichens wurde im vergangenen Monat 15 mal als Linksspurschleicher identifiziert.“ So darf jeder von uns sich ein bisschen wie ein Hilfssheriff fühlen.

Ich-bin-Blockwart.de. Endlich mal die Meinung über die Nachbarn loswerden. Etwa so: „Lacht laut. Ist im vergangenen Monat mehrfach nach 22 Uhr aufgefallen. Liebt es, sich beim Lachen ungezügelt auf die Schenkel zu klatschen.“ Oder: „Macht keine Kehrwoche. Kümmert sich zu wenig um das Unkraut im Garten.“ Endlich hast Du die Chance, als „anschwaerzer09“ mal Klartext zu schreiben über den Typ von nebenan, der sein Auto nicht wäscht.

Diaetenritter.de. Jep. Ein grundtiefes Bedürfnis, sich mal so richtig über Politiker auszulassen, würde endlich befriedigt werden.

Bahnditen.de. Das Forum mit Meinungen zu Zugbegleitern und Mitpendlern. Ach, was könnte man da alles los werden.

Wollen wir das wirklich? Wollen wir an den Pranger stellen? Womöglich selber dabei anonym bleiben? Der angegriffenen Person noch nicht einmal einen Hinweis geben, dass soeben ein öffentliches Tribunal gegen sie eröffnet wurde, zu dem sie gar nicht geladen ist?

Wie ginge es uns, wenn jemand versuchte, unseren Ruf kaputt zu machen?

Wie würden wir uns fühlen, wenn jemand versuchte, uns die Freude am Beruf zu nehmen?

Es geht hier nicht um Lehrer. Es geht hier darum, ob wir bereit sind, uns zu eigen zu machen, was Kant mit dem kategorischen Imperativ ausgedrückt hat: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Auf diesen Zusammenhang hier gemünzt, würde Kant womöglich so formuliert haben: „Beurteile andere in der Öffentlichkeit so, wie Du Dich von anderen in der Öffentlichkeit beurteilen lassen möchtest.“

Ich glaube, es ist wichtig, dass die Schulen möglichst kreativ versuchen, das Thema Lehrerbenotung von der Öffentlichkeit zurückzuholen in einen innerschulischen Rahmen.

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir den jungen Menschen klar machen, dass das Denunzieren und Denunziertwerden nicht der Preis des technischen Fortschritts sein darf. Dinge zu tun, bloß sie möglich geworden sind. Aus einer Laune heraus. Als Begleichung einer vermeintlich offenen Rechnung.

© Ulf Runge, 2009

Hinweis: Die o.g. beispielhaften Namen für Internetauftritte sind Stand heute nicht vergeben.

Hinweis: Nota bene ist Lateinisch und bedeutet “wohlgemerkt”. Wörtlich: “Gut notiert.” Nota male ist wörtlich genommen das Gegenteil davon. Und das Ganze ist einfach nur ein Wortspiel.

Der AU

22. Juni 2009 2 Kommentare
Leben 449 – Montag, 22.06.09

So rückblickend betrachtet glaube ich, er war ein Alleinunterhalter im engeren Sinn. Will sagen, dass er wohl der einzig(st)e war, der sich unterhalten gefühlt haben mag bei seiner Show.

Aber es gibt etwas zu berichten von ihm, bei dem ich mir unsicher bin, ob es ein Ausdruck tiefen Humors ist. Oder einfach nur Verzweiflung.

Der Reihe nach. Ich stehe am Rande eines großen, rechteckigen Marktplatzes. Ich stehe auf dem Marktplatz von Covent Garden. Mitten in London. Es ist Mittagszeit, und die Menschen strömen, um das Ambiente zu genießen. Strömen in die Hallen, in denen Kitsch und Kunst warten, in denen Fast Food und Delikatessen angeboten werden. Tische und Stühle, die zum Verweilen einladen. Zum andere Menschen Gucken. Zum Hören. Schmecken. Riechen.

Zum Covent Garden Fühlen.

Kleinkunst, Gaukler, Pantomimen, sie alle warten hier auf Dich. Geben ihr Bestes. Wollen Dich überzeugen, ihnen Dein Bestes zu geben. Dein Geld.

Und so befinde ich mich hier am Rande eines merkwürdigen Spektakels. Zu meiner Linken in gut 15 Metern Entfernung ein Tisch, auf dem dieser Alleinunterhalter, ab sofort will ich ihn AU nennen, irgendwelche Würfeltricks fabriziert, die kein Mensch aus der Ferne nachvollziehen kann. Deshalb hat er sich zwei Opfer aus dem Publikum geholt, die seine genialen Kunststückchen laufend bezeugen müssen.

Links also das Ensemble aus Tisch, Alleinunterhalter und zwei „freiwilligen“ Zeugen, rechts davon ein großer, leerer Platz, an dessen Rändern sich U-förmig das Publikum verweilt, teilweise auf den Steinstufen sitzend. Wer will, könnte also aufgrund der Menschenansammlung erkennen, dass hier was im Gange ist.

Ich gebe zu, die Aufmerksamkeit der Publikums war der Güte der Performance angemessen, d.h. der AU durfte sich glücklich schätzen, dass er ein Mikro dabei hatte, um die Unruhe immer wieder niederzumachen.

Auf einmal passiert das Ungeheuerliche. Ein Passant, also einer, der irgendwie von A nach B will, kreuzt das Geschehen, keine Notiz nehmend vom Publikum geschweige denn von der prickelnden Vorstellung, die hier vor sich her dümpelt.

„Hey!“ brüllt es über den Platz. „Hey!“ brüllt er über den Platz. Der AU nähert sich ungestüm dem Passanten, der verwundert stehen bleibt. Ob er eigentlich gemerkt habe, dass er hier die Vorstellung kaputt mache. Seine Vorstellung! Regt sich der AU maßlos auf.

Der Passant, dem es womöglich ein bisschen leid tun könnte, die Situation nicht richtig eingeschätzt zu haben, setzt seinen Weg unbeirrt fort, dem AU die (kalte?) Schulter zeigend.

„Be sure! This night I will come home to you! And I will come to disturb your performance when you are in bed with your wife!“ “Darauf kannst Du Gift nehmen! Heute Abend komme ich zu Dir nach Hause und werde Deine Vorstellung stören, wenn Du mit Deiner Frau im Bett zusammen bist!“ Nach heftigstem Crescendo versagt dem AU bei den letzten Worten fast die Stimme. Will mal sagen, wenn die beiden, der AU und der Passant das nicht vorher abgesprochen haben, für mich war es der beste Teil der Darbietung!

© Ulf Runge, 2009

Bistro

21. Juni 2009 1 Kommentar

Leben 448 – Sonntag, 21.06.09

Stell Dir vor, Du machst ein Bistro auf.

Etwa beim Bundestag. Um die Ecke.

Und malst Folgendes auf Deine Außenwände:

1

Merkel Hier nicht
Müntefering Hier nicht
Matte Lachiatto Treffer versenkt

2

Sager Hier nicht
Solms Hier nicht
Sirami Tu Treffer versenkt

3

Binding Hier nicht
Eichhorn Hier nicht
Vier fom Bass Treffer versenkt

Ob das ähnlich gut laufen würde, wie das „Bistro“ bei der Tate Modern Gallery?

PICT4095

PICT4096

PICT4097© Ulf Runge, 2009

Begebenheiten “Eins”, “Zwei” und “Drei” – oder: Die reisende Reisetasche

19. Juni 2009 12 Kommentare
Leben 447 – Freitag, 19.06.09

Schweißverklebten Hemdes betrete ich nach schnellem Schritt durch die Abenschwüle den überfüllten Pendlerzug. Nach einem freien Platz Ausschau haltend. Wider Erwarten werde ich fündig. Eine Dame sitzt allein auf der Bank, neben ihr einem Liegestuhlreservierungshandtuch gleich ein Sitzblockadegepäck.

Ob der Platz da noch frei sei, frage ich höflich. In Kenntnis der einzig möglichen Antwort, versuche ich nicht zu lächeln, weil das jetzt wie ein Grinsen aussähe, sondern schaue mit sachlich-ernstem Blick auf die störende Reisetasche, unter der sich das Objekt meiner Begierde, ein freier Sitzplatz, verbirgt. Als ich, keine Antwort abwartend, auch noch anbiete, die Tasche gerne, und zwar sehr gerne, nach oben stellen helfen zu wollen, nämlich in die Gepäckablage, da bricht jede noch nicht artikulierte Gegenargumentation der Dame wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Ich ernte einen allerbösesten Blick sowie einen verärgerten Redeschwall, dem ich die Ablehnung meines Reisetaschenhochheb-Angebotes entnehme. Und glaube die Wortbrocken „muss gleich raus“ herauszuhören. Wobei ich nun wiederum weiß, dass dieses „gleich“ nicht unter 10 Minuten zu haben ist, weil wir früher nicht in der nächsten Station einfahren werden.

Wenig später sitzen wir zu dritt auf dieser Bank. Ich am Fenster. Neben mir die Reisetasche. Und unter selbiger jene Dame, die meine Laptopschreiberei keines Blickes würdigt. (Ja, genau, dieser Artikel gehört irgendwie zum Genre „live“-gebloggt.)

Damit ist diese Begebenheit „Eins“ (fast) zu Ende. Sie wird uns noch ein bisschen als Nebenhandlung erhalten bleiben.

Ich mustere die Mitreisenden und spüre auf meinem Gesicht auf einmal einen sehr freundlichen, sympathischer Blick von auf der anderen Seite des Ganges. Nein, nicht von einer Dame. Ein Herr, dessen Antlitz ich zunächst in das Reich der vergessenen Namen gehörig glaube, reichert seine strahlende Miene mit einem wohlwollenden Nicken an. Ich nicke zurück. Warum auch nicht. Kann ja definitiv nicht schaden.

Ob er mir meine neue Kollegin vorstellen könne, fragt er mich nun. Und sieht dabei in ein überraschtes, ratloses Gesicht. Das meinige. Neue Kollegin? Und wer ist dieser Mensch überhaupt, dass er das wissen will?

Der Joke klärt sich rasch auf, als ich tatsächlich den amüsierten Blick einer meiner Kolleginnen, hier unvermutet und unverhofft, auffange. Auch diese Begebenheit, ich nenne sie mal „Zwei“, will jetzt langsam ausklingen.

Bevor ich jetzt weiterschreibe, aus aktuellem Anlass, weil dieser Artikel ja „live“ geschrieben ist, ein wichtiger Hinweis: „Gleich“ scheint eine Zeitkonstante zu sein, die wohl nicht unter 20 Minuten eintauschbar ist. Denn wir haben soeben den ersten Unterwegsbahnhof verlassen, und die Reisetasche mit der Dame unter ihr sitzt immer noch neben mir.

Zurück zu „Zwei“. Ich grüße meine Kollegin, wir grinsen ob des kuriosen Wiedersehens. Ich werde übermütig und rufe ihr zu, dass ich mich bei ihr dafür bedanke, dass sie mir den Platz „hier“ „frei“ gehalten hat. Rund um das neben mir sitzende Stimmungstief wird auf den Gesichtern Hochdruckeinfluss erkennbar.

Zu guter letzt „Drei“. Wieder trifft mich ein Lächeln. Diesmal vom älteren Herrn, der mir direkt gegenüber sitzt. Amüsiert hat das bisherige Geschehen beobachtet. Um es nun ebenfalls mit einem fröhlichen Gesicht zu quittieren. Dann setzt er seine Einskommafünfllitersaftflasche an den Mund, trinkt den Rest aus, und steckt das Plastikungetüm in seine Einkaufstasche auf seinem Schoß. Und murmelt etwas von „zu wenig Platz“.

Nun ist es hilfreich zu wissen, dass dieser belustigte ältere Herr sich auf einer Sitzbank befindet, die unmittelbar an die Abteiltür grenzt. Und dass diese Bank deshalb etwas weniger breit ist als die normalen. Reicht genau genommen für ungefähr 1,75 Fahrgäste nebeneinander. Oder eben für diesen Herrn und eine schmal gebaute junge Dame neben ihm.

„Zu wenig Platz“ meint auch sie gehört zu haben und drückt entschuldigend ihr tiefes Bedauern aus, dass der Herr neben ihr und sie sich diese Bank teilen müssen. Nein, nein, nicht die Bank sei zu klein, im Gegenteil, er habe absolut nichts dagegen einzuwenden, dass sie seine Nebensitzerin sei, nur in seiner Tasche, da sei es eng, da sei noch ein volle Flasche drin und was man so braucht, wenn man tagsüber im Zoo gewesen sei. Und so entspinnt sich nach Aufklärung dieses Missverständnis eines warmherzige Unterhaltung zwischen den beiden.

Ende „Drei“.

Noch eine Anmerkung zu „Zwei“: Der Umrechnungskurz für „gleich“ ändert sich jetzt nicht noch mal, die Reisetasche steigt nach 20 Minuten aus, getragen von einer Dame, von der ich mir wünsche, dass sie das nächste Mal das Angebot annimmt, ihre hoffentlich nicht nitroglyzeringefüllte Reisetasche nach oben stellen zu lassen.

© Ulf Runge, 2009

Mutmachertag

17. Juni 2009 6 Kommentare
Leben 446 – Mittwoch, 17.06.09

17.06.2009. Mutmachertag.
Kai-Jürgen Lietz hat dazu aufgerufen, den heutigen Tag als Mutmachertag zu begehen. Dass das eine schöne Idee ist, hatte ich vor einiger Zeit bereits angemerkt.

17.06.1953. An diesem Datum nicht weiter erwähnenswert ist, dass ich da noch nicht geboren war. Von historischer Bedeutung ist allerdings der Mut der ostdeutschen Bevölkerung, die seinerzeit in der aus der SBZ sowjetisch-besetzten Zone Deutschlands hervorgegangenen DDR lebte, den Konflikt mit der Besatzungsmacht und ihrem verlängerten Arm, den kommunistischen SED-Machthabern, aufzunehmen. Dass an diesem Tag Blut für die Freiheit floss, ist bekannt. Dass es noch fast zwei Generationen dauern sollte, bis ein Leben in freier Selbstbestimmung in den heutigen „neuen Bundesländern“ möglich wurde, ist ebenfalls Geschichte.

Freie Selbstbestimmung.
Das ist für mich das Schlüsselwort, das die Brücke zum Mutmachertag schlägt. Was das Leben in vielfältiger Form für uns so vorhält, womit es uns bisher schon „beglückt“ hat, was da noch auf uns zukommt, das steht außer unserer Macht. Denken wir oft genug.

Schließlich suchen wir uns ja unsere Krankheiten nicht aus, oder unsere Rückschläge bei familiären Bindungen. Auch auf die Bekanntschaft mit Hartz IV können wir gerne verzichten. Jeder hat da sicherlich seine eigenen Schicksalsschläge zu berichten.

Und dann gibt es Menschen, die können da leichter mit umgehen. Und andere, die vor lauter Verzweiflung den Weg aus dem Dunkel nicht finden. Weil sie nicht an sich glauben. Womöglich noch nie oder schon sehr lange nicht mehr erfahren haben, dass sie etwas an ihrer Situation ändern können.

Da tut dann schon einmal ein Wechsel der Perspektive gut. Und die Hilfe lieber Menschen in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis.

Was ich mir für den Mutmachtertag vorgenommen habe? Ich werde heute und in den kommenden Tagen liebe Menschen anrufen, die sich aus meinem aktiven Kontaktkreis „herausgeschlichen“ haben. Werde sie nach ihrem „Los“ fragen und nach dem Weg, den sie eingeschlagen, für den sie sich entschieden haben. Werde zuhören. Meine Wertschätzung ausdrücken. Und werde so hoffentlich ein bisschen unverhoffte Energie in ein anderes Leben hineinbringen. Mut zur Selbstbestimmung machen wollen.

Ich wünsche allen einen mutmachenden 17. Juni 2009!

© Ulf Runge, 2009

P.S.: Diesen Beitrag nominiere ich gerne für Herrn Lietz’ Blogparade zum Thema Mutmachertag.

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 259 Followern an