Butterbrotpapier

Leben 425– Freitag, 08.05.09

 

Nein, ich gucke kein Fernsehen. Höchstens um 20:12 die tagesschau-Wetterkarte. Wegen dem Wolkenfilm. Sonst nix. Keinen Krimi. Keine Talk-Show. Kein‘ Fußball.

Fußball höre ich nur im Radio. Ich sage nur Bundesligaschlusskonferenz. Auf drei Radios in drei Räumen. Aber lassen wir das.

Also. Ich gucke kein Fernsehen. Ehrlich. Warum ich gestern nach der tagesschau auf SAT1 geschaltet habe, weiß ich nicht. Niemand war im Wohnzimmer. Der einzige, der Fußball geguckt hat, war mein Hund. Ehrlich gesagt, ziemlich gelangweilt.

Es macht mir bisweilen Angst. Zeitzeuge zu sein. Es macht mir Angst, dass die Tatsache, dass ich bei etwas zugucke, dazu führt, dass etwas besonderes passiert. Was nicht passiert wäre, wenn ich nicht zugeguckt hätte.

Beispiel gefällig? Ich glaube, es war noch die Schwarzweißfernsehzeit, als wir das denkwürdige Finale in Wembley geguckt haben. Ein Tor, dass nach jahrelangen Bildzeitungrecherchen nicht nur nicht drin war, sondern sogar NIE drin!!!

Ich erinnere mich noch an das historische Foto, wenn ich nur wüsste, wo es sich versteckt hat, von meinem Vater, wir sind in Italien, Bibione, wir sind im Campingurlaub an der Adria, und er hat sich eine Bildzeitung gekauft, und mit der soll ich ihn fotografieren, und die Schlagzeile lautet irgendwie „DER BALL WAR NICHT DRIN!“

Hurra. Wir sind zu unrecht nicht Weltmeister geworden. Oder so. Na ja, ich glaube, viele Menschen kennen Menschen, die damals „dabei“ waren. Als wir zu unrecht „nur“ Vizeweltmeister wurden. Jetzt aber Schluss mit den ollen Kamellen!

Ich höre also im Radio, ja, ich bin jetzt wieder bei gestern, dass die Bremer (für mich überraschend) das Spiel gegen den HA-ESS-VAU gedreht haben. Knisternde Spannung krabbelt durch den Äther.

Ehrlich. Ich will hier wirklich nicht von Fußball schreiben. Aber, was dann passierte, ist dramatisch, und ich frage mich, ob es passiert wäre, wenn ich einfach nur in der Küche geblieben wäre und mich nicht vor die Glotze…

Also, da rollt ein total billiger Ball Richtung Eckfahne, will gestoppt sein, und der nahe stehende Spieler vergeigt ihn. Sieht absolut aus wie ein Anfänger. Ein ganz billiger Anfänger. So muss er wohl allen im Stadion vorgekommen sein. Haut voll über den Ball rüber. Einen tierisch einfachen Ball.

Und jetzt mal ein dickes Danke an die Zeitlupe. Das ist schon ne schöne Einrichtung. Da hat also, ich nenne sie mal „Mutter Frieda“, für ihren Hamburger Jungen ein paar Butterbrote geschmiert, damit er sich nicht ne Wurst kaufen braucht im Stadion, und der Hein, ja, ich nenne ich mal Hein, der isst dann auch brav sein Butterbrot und dann, er wird sich das sein Leben lang nicht verzeihen, dann knüllt er sein Butterbrotpapier zusammen und wirft es, seine Kinderstube missachtend, einfach auf den Rasen.

Und jetzt also passiert es. Der Ball, eigentlich ziemlich rund und voller Selbstwertgefühl, kommt vorbei, erschrickt beim Anblick des zusammengeknüllten Butterbrotpapieres auf dem Rasen und beschließt, seine Richtung, den Gesetzen irgendeiner Physik folgend, zu ändern. So zu ändern, dass dieser Fußballspieler vom HSV, den alle ab sofort für unfähig halten werden, ihn nicht mehr kriegt, und stattdessen eine Ecke, was auch immer das sein mag, liebe Fußballhasser, produziert.

Und die geht ins Tor.

Wie gesagt. Ich gucke kein Fernsehen. Kein‘ Fußball. Höchstens mal, wenn der Ball unter die Querlatte springt und ein russischer Schiedsrichter gegen Deutschland entscheidet. Oder wenn Hein sein Butterbrot gegessen hat und nicht weiß, wohin mit seinem Papier.

Und ich fasse es nicht, jemand hat das schon in Youtube eingestellt: Nur ein kleines Stück Papier

© Ulf Runge, 2009

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Holger sagt:

    Lieber Ulf,

    Nur gut, dass es Menschen gibt, welche sich ihres Papiers so entledigen. Sonst könntest du nicht so schöne Geschichten dazu schreiben. Und diese Geschichte hat mich auch gleich inspiriert, wieder mal bei Morgenstern vorbeizuschauen.

    Liebe Grüße,
    Holger

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    1. Ulf Runge sagt:

      Lieber Holger,

      ich bei Dir zurückkommentiert. Danke für die wunderschöne Horizonterweiterung!

      Liebe Grüße,
      Ulf

      Gefällt mir

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