Präsent

Leben 423 – Montagpict40061, 04.05.09 

|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|

Zimtgeruch dringt in meine Nase.
Es ist Mai, und ich, der ich nie eine Kerze anzünde,
habe im Kerzenkarton gesucht, habe eine gefunden, die Dir würdig ist.
Vermutlich von einem Kaffeekaufhaus, eine, die Du Dir wohl auch angezündest
hättest.
Eine Weihnachtskerze in einem sternverzierten Glas.
Zimtgeruch dringt in meine Nase.
Ich sehe mir eine Liste an, die ich mir sonst nicht ansehen würde.
Nur heute. Dein Name steht nicht drin.
Obwohl Du – für mich – in diese Liste gehörst.
Gedenktage. Carl von Ossietzky steht in dieser Liste.
An dem Tag, als er 1938 umgebracht wurde, da wusstest Du noch nichts von ihm.
Nehme ich an. Warst keine 10.
Und Du wusstest nicht, dass Dir noch 70 intensive Jahre bleiben würden.
Du wusstest auch nicht, dass Du schon bald Deine Kindheit tauschen würdest
gegen die Erfahrung des Krieges, des Leides, des Hunger.
Du wusstest auch nicht, dass Du das alles überleben würdest.
Dass Dir das Leben noch viele Höhen und Tiefen bringen würde.
Dass Du dereinst dankbar „Ich habe mein Leben gelebt“ sagen würdest.
Dass die roten Rosen, die Du so gerne gehört hast, auch für Dich regnen würden...
Dass man zu Dir nur aufschauen kann.
Dass Du mir das Leben schenken würdest.
Dass jetzt, hier, heute, ein Jahr rum sein würde.
Herbert Grönemeyer hat das für mich sehr gefühlvoll ausgedrückt in „Du fehlst“.
Und doch. Obwohl Du fehlst, Du bist so präsent. Danke.
© Ulf Runge, 2009