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Archive for Mai 2009

Der Schlitz

29. Mai 2009 14 Kommentare
Leben 438 – Freitag, 29.05.09

Meine Medienkompetenz als 20jähriger beschränkte sich auf das Lesen von Büchern.
Das Lösen des HörZu-Bilderrätsels „Original und Fälschung“.
Die Bedienung von Röhren- und Transistor-Radio-Geräten.
Das Aufnehmen und Abspielen von BFBS-TopTen-Titeln auf einem Grundig-Tonbandgerät.
Auf das Bedienen von Fernsehgeräten ohne Fernbedienung (Was ist das bitte? Fernbedienung?), will sagen, dass mir der Satz „Ulf, sei doch so lieb, steh doch mal bitte auf und schalte aufs Zweite um!“ sehr vertraut war.
Auf das Flipperspielen, wenn selbiges auch zur Medienkompetenz dazugerechnet werden darf.
Darüberhinaus hatte ich mir das 10-Finger-Blindtippen auf meiner Olympia Gabriele beigebracht, wovon ich heute noch profitiere.
Nicht verheimlichen will ich auch, dass ich als Freizeit-Kassierer bei Cornelius Stüssgen das Zertifikat im 5-Finger-Blindtippen, sowohl linkshändig als auch rechtshändig, erworben habe, was meinen Stundensatz um mindestens 50 Pfennige erhöhte, wenn nicht noch mehr. Und ich stieg auf vom Seifen- und Konserven-Theken-Auffüller zum Freundlich-Kunden-Anlächler an der Kasse.

Die Orientierungslosigkeit bezüglich meiner anstehenden Zukunft beendete mein geliebter Mathelehrer am Tag der Abizeugnisübergabe, indem er mir verheißungsvoll, keinen Widerspruch duldend, die Ansage gab: „Runge, Du machst Informatik!“ Ich glaube, genau so hat er das gesagt.

Als ich das Studium der Informatik aufnahm, kommunizierte man im ersten Semester noch via Lochkarte mit dem Computer. Will sagen, man setzte sich an eine „komische“ Schreibmaschine, legte in selbige Karten ein, und sorgte dafür, dass über die Tastatur Löcher in die Karte gestanzt wurden, als Verschlüsselung für einen bestimmten Buchstaben, eine Ziffer oder ein Sonderzeichen, etwa einen Bindestrich.

Abends gab man am Input-Schalter seinen Lochkartenstapel ab, auf dass dieser über Nacht gerechnet werden würde. Um dann am nächsten Morgen die Karten wieder in Empfang zu nehmen begleitet von einem Ausdruck, auf dem das Berechnungsergebnis des kunstvoll ausgedachten Programmes stand. Besonders ärgerlich war, wenn statt des richtigen oder eines falschen Ergebnisses dort nun die Nachricht zu lesen war, dass man einen „Syntax error“ verursacht hatte, bloß weil irgendeine dusselige Klammer oder ein Semikolon vergessen worden war. Von mir. Eine ganze Nacht verloren. Ein ganzer Tag futsch.

Bevor ich jetzt zum Finale ansetze möchte, sei noch kurz erwähnt, welche Dinge es seinerzeit noch nicht gab: Handy, ISDN-Telefon, DSL-Anschluss, Laptop, PC, mp3-Player, DVD, CD, Euro, Einkaufswägelchen mit nem Mark-Stück, Solarzellenparkscheingeräte, USB-Sticks.

Die umständliche Lochkartenzeit würde ein Ende haben, das wussten wir, wenn wir endlich im dritten Semester an die Datensichtgeräte ran dürften. Heute würde man Monitor sagen. Mit so einem Datensichtgerät würde man das, was man auf dem Bildschirm sieht, nicht auf eine Lochkarte stanzen müssen, sondern dürfte es auf einer verborgenen Festplatte des Rechenzentrums dauerhaft abspeichern. Was für ein Luxus!

An dieser Stelle sei erwähnt, das wir gleich zu Beginn des ersten Semesters etwas ganz Edles erhalten haben, nämlich zwei Lochkarten, die mit dem wunderschönen Logo der Uni auf weiß-blauem Hintergrund bedruckt waren. Und eingestanzt in diese Karten war der sogenannte BEN-Code, der persönliche Benutzercode. Man musste so eine BEN-Code-Karte an den Anfang des Lochkartenstapels legen, damit der Computer „weiß“, für wen er arbeitet. Und dass wir diese Karte IMMER benutzen sollten! IMMER!

Das blieb mir in den Ohren haften. Im ersten Semester. Im zweiten. Und auch zu Beginn des dritten. Endlich war der Tag gekommen, an dem ich mich an eines der SIG50 genannten Geräte setzen durfte. Es hatte eine Tastatur. Und ein Display, auf dem das Eingetippte angezeigt wurde. Nur, wo war …?

Ich schaute links. Ich schaute rechts an der Tastatur. Ich schaute links. Ich schaute rechts am Monitor. Streckte mich, machte mich ganz lang und brachte meinen Kopf hinter dem Monitor in Position. Wo war der blöde Schlitz? Wo war er nur? Ich spürte Röte in mein Gesicht steigen. An den Geräten neben mir wurde intensiv gearbeitet, getippt, nachgedacht. Niemand nahm mich wahr. Und darüber war ich dankbar. Es war einfach nur zu peinlich. Da hatte ich endlich ein freies Gerät ergattert, und suchte vergebens, um endlich mit der Arbeit beginnen zu können, diesen bescheuerten Schlitz. In den ich meine BEN-Code-Karte hätte stecken können. IMMER sollten wir diese Karte benutzen, hatten sie uns damals gesagt. Aber wo war dieser vermaledeite Schlitz? Schweiß stieg mir auf die Stirn. Ich krabbelte unter den Tisch, vielleicht war da ja eine geheime Vorrichtung, um die wertvolle Karte hineinzuschieben. Fehlanzeige.

Ob sie mir helfen könne, fragte meine Nachbarin, die mittlerweile auf mich aufmerksam geworden war.

Den Schlitz würde ich suchen, gab ich ihr verlegen zu verstehen.

„Welchen Schlitz? Wofür brauchst Du denn einen Schlitz?“ blickte sie mich überrascht an.

Ich nahm meine BEN-Code-Karte, hielt sie ihr hin und zitierte, was ich im ersten Semester gelernt hatte: „IMMER! Die sollen wir doch IMMER benutzen, oder?“

Ihr nachdenkliches Gesicht wich einer amüsierten, belustigten Mine, ein kurzer Gluckser, dann fasste sie sich, und gab mir freundlich und ohne jede Überheblichkeit zu verstehen, dass ich meinen BEN-Code über die Tastatur eingeben müsse, und dann würde ich nach dem Kennwort gefragt werden, das stünde hier, sie zeigte mit dem Finger auf die Position, das stünde hier auf der Lochkarte, das müsse ich dann eintippen, und das würde auch gar nicht angezeigt werden auf dem Monitor, damit es geheim bleibt.

Ich hätte ihr um den Hals fallen können, brachte aber nur ein „Ach so ist das?!“ heraus, und nachdem ich den Frosch in meinem Hals heruntergeschluckt hatte, folgte noch ein glückseliges „Danke! Ganz herzlichen Dank!“

Ich habe sie nie wiedergesehen. Ich habe auch nie wieder nach einem Schlitz in einem Monitor gesucht.

Medienkompetenz. Die Kids heutzutage wissen Fernbedienung, Maus und Touchpad wie selbstverständlich zu nutzen, stöpseln Handy und Foto in den USB-Port ein oder machen das ganze drahtlos über Bluetooth, holen sich Musik und Videos über Youtube via WLAN ins Haus.

Und nach einem Schlitz im Monitor suchen sie ganz bestimmt nicht.

© Ulf Runge, 2009

Emdebe

27. Mai 2009 15 Kommentare
Leben 437 – Mittwoch, 27.05.09

Sonntag vormittag. Ich halte eine Postkarte in der Hand, die ich jüngst vom Arzt mitgenommen habe. Die solle ich an meine Bundestagsabgeordneten schicken, damit die Ärzte wieder angemessen honoriert werden.

Absender eintragen, Briefmarke drauf, unterschreiben, zum Briefkasten tragen.

Ansonsten sei die Versorgung mit ärztlichen Leistungen gefährdet.

Einfach die Argumentation der Ärzteschaft zur meinigen machen? Fällt mir ein bisschen schwer, ohne dass ich wirklich mehr über die Situation im Gesundheitswesen verstehe. Was mir also jetzt in diesem Augenblick total klar wird, dass ich mich nicht genügend kompetent fühle bezügliche der Ausgestaltung der jüngsten Gesundheitsnovelle. Im Gegensatz dazu wäre eine jährliche Rächtschreiprähfoam leichter zu verkraften.

Sonntag vormittag. Ich schicke „meinen“ Bundestagsabgeordneten der beiden großen Parteien mehr oder minder die gleiche E-Mail. Statt zu schimpfen und mich zu beklagen, verweise ich darauf, dass mir bei meinem Arzt ein bestimmter finanzieller Sachverhalt zu Ohren gekommen sei, und frage, ob er, der MdB (Mitglied des Bundestages) das denn auch so sehe und was er dagegen zu tun gedenke.

Ich glaube nicht, dass ich auf meine Absender-Briefmarke-Unterschrift-Postkarte wirklich eine Antwort bekommen hätte. (Außer einem Standard-Textbausteinbrief.)

Statt dessen also meine beiden E-Mails abgeschickt. Und darauf gehofft, in den nächsten Tagen vielleicht eine winzige Rückmeldung zu erfahren.

Über den weiteren Verlauf des Sonntags soll hier nicht viel berichtet werden. Trägt nichts zum Thema bei.

Im folgenden halte ich statt dessen einen kleinen telekommunikationstechnischen Exkurs für angebracht. Als ISDN-Nutzer der Telekom hat man das Glück, zwei Leitungen gleichzeitig nutzen zu dürfen. War diese Erfindung ursprünglich mal dafür gedacht, in einem Notfall Feuerwehr und Polizei anrufen zu können oder sonst ein wichtiges Gespräch zu führen, während parallel dazu ein nichtendenwollendes (belangloses, aua, aua, ich nehm das zurück) Teeny-Telefonat geführt wurde, so ist durch die Erfindung des Modems diese „für Wichtiges“ freigehaltene Telefonleitung abgeschafft worden zu Gunsten ewig langer Intersetsitzungen, bei denen man jedes Bit aus der Leitung tropfen sehen konnte.

Was ja dann mehr oder minder parallel zur Erfindung von Mobilfunk und DSL geführt hat, um mehrere Telefonate gleichzeitig zu führen. Und nebenher noch zu chatten. Lassen wir das.

Ein stolzer Telekom-ISDN-Nutzer hat nicht nur zwei Leitungen, sondern auch drei Nummern. Mit denen er machen kann, was er will. Bei uns steht etwa die erste Nummer im Telefonbuch. Die zweite Nummer kennt, wer uns kennt. Und die dritte Nummer ist unserem Faxgerät zugeordnet.

Ich weiß, das ist schon ein recht langer Exkurs. Aber es  reicht leider noch nicht. Weiter geht’s!

An dieser Stelle sei jetzt verraten, dass es mir wie auch immer irgendwann mal gelungen ist, die erste Telefonnummer anders klingeln zu lassen als die zweite. Das hat erhebliche Vorteile. Wir gehen einfach nicht mehr ran an die „offizielle“ Nummer.

Dadurch bleibt uns der Telefoncomputer- und Call-Center-Spam erspart, weil sowohl die maschinellen als auch die menschlichen Berufsbelästiger (noch?) nicht die Frechheit besitzen, durch eine Ansage auf dem Anrufbeantworter um Rückruf zu bitten.

Und wer uns erstmalig telefonisch kontaktieren möchte, der ist herzlich eingeladen, seine Identität und Rückrufnummer nach dem Piepston zu hinterlassen.

Sonntag Abend. Das Telefon klingelt. „Offiziell“. Warum ich – entgegen unserer Usancen – den Hörer abnehme, das wissen die Geier. Intuition? Eine männliche Stimme meldet sich, freundlich, und während ich darüber zu sinnieren beginne, woher mir dieser fremde Name doch so vertraut vorkommt, gibt er sich als einer der beiden Adressaten der morgendlichen E-Mail zu erkennen. Einer meiner Bundestagsabgeordneten nimmt mich ernst! Ruft mich zurück! Ich bin hin und weg!

Und dann sprudelt es aus ihm nur so heraus über die Zusammenhänge der Gesundheitsreform. Das liest er nirgendwo ab, das hat er verinnerlicht. Er kennt sich aus, das spüre ich. Er würde gerne helfen, wenn er Fakten hätte. Noch kein Arzt, den er angesprochen habe, hätte ihm Einsicht in die individuelle Einkommenssituation gegeben. Statt dessen sei ihm, meinem MdB, nur der Durchschnittsverdienst eines niedergelassenen Arztes in Höhe von Euro 120.000 pro Jahr bekannt, und da seien sämtliche Betriebskosten bereits abgezogen. Natürlich sei bei Durchschnittswerten Vorsicht geboten, aber niemand der von ihm angesprochenen Ärzte sei bisher bereit gewesen, sich in die Karten gucken zu lassen.

Er freue sich über meine Anfrage, und diese zeige ihm, dass er mal wieder ein paar Informationsveranstaltungen zum Thema Gesundheit in der Region organisieren müsse. Egal, wann er diesen Termin dann ansetze, werde man ihm vorwerfen, dass es ihm nur um Wahlkampf gehe. Oder dass er damit bis nach der Wahl gewartet habe.

Ich bedanke mich über sein promptes Feedback. Ob das eine Auswirkung auf meine demnächst anstehenden Wahlentscheidungen haben wird? Ich weiß es nicht. Aber ein Volksvertreter, der einem das Gefühl gibt, für einen da zu sein und die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger aufzugreifen, der hat was!

Und deshalb berichte ich an dieser Stelle hierüber. Um dem gerne geäußerten Vorurteil über inkompetente und bürgerferne Politiker ein bisschen Einhalt zu gebieten.

Es heißt, dass es schwer ist, einen guten Ruf aufzubauen. Und ganz leicht, einen guten zu ruinieren.

Ich glaube, dass wir in der Lage sind, durch Beständigkeit und Aufmerksamkeit täglich etwas für unseren eigenen Ruf zu tun und für den Ruf all der „Leute“, die mit uns „über einen Kamm geschoren“ werden. Für den Ruf der Menschen, die in der gleichen Branche arbeiten wie wir, die den gleichen Beruf ausüben, die das gleiche Verkehrsmittel benutzen, das gleiche Geschlecht haben, die ähnlich alt sind wir wir, den gleichen Familienstand, den gleichen Sender hören, egal was.

Den Namen des umtriebigen, engagierten MdBs werde ich hier auch gerne veröffentlichen, sobald ich seine Zustimmung diesbezüglich vorliegen habe.

Nachtrag 30.05.09:
Herr Lothar Binding, MdB der SPD für den Wahlkreis 275, der u.a. die Stadt Heidelberg umfasst, hat mir gerne die Zustimmung erteilt, ihn hier namentlich zu erwähnen.

© Ulf Runge, 2009

Boing

23. Mai 2009 6 Kommentare
Leben 436 – Samstag, 23.05.09

Wir hatten schon „Tschüss!“ gesagt oder „Ciao“, was auch immer. Ich öffnete die Wagentür, setzte mich auf den heißen Sitz, blinzelte meinem Freund gegen die hochstehende Sonne zu, startete den Motor, machte das Licht an, so wie (fast) immer, (wenn ich dran denke,) drehte nochmal die Scheibe runter, als er zu mir sagte: „Dein Licht brennt!“

„Ich weiß!“ erwiderte ich. Mit wissendem Blick. Und einem Lieb-dass-Du-mir-das-gesagt-hast-Tonfall.

„Du willst wohl auffallen?“ bohrte er nach. Grinste mich vollfett an.

„Ja!“ In Ermangelung eines Witzblitzes blieb mir nur ein sprödes „Ja!“.

„Dafür brauchst Du aber kein Licht!“

Boing! :-)

© Ulf Runge, 2009

Altbatterie

22. Mai 2009 6 Kommentare
Leben 435 – Freitag, 22.05.09

Seit damals, als er das Küchenbrett als Werbegeschenk erhalten hatte, von ihr, seit damals betrat er den Laden jedes Mal mit einer ganz besonderen Spannung. Ob sie wieder da sein würde? Ob sie ihn etwa wieder erkennen würde? Ob sie ihm das zeigen würde?

Seit damals hatte er das Geschäft schon des öfteren wieder betreten. Nie war sie da. Und wenn sie da war, dann bediente sie jemand anderen.

Bis auf das eine Mal. Da war verdammt viel los. Viele Kunden, viele Gespräche, Lärm. Da hatte sie ihn nicht mal angeblickt. So richtig. Da konnte sie ihn gar nicht wiedererkennen. Da hätte sie vor lauter Stress wohl niemanden wiedererkannt.

Es war schon später Abend, nur noch wenige Kunden waren unterwegs. So auch er. Und gleich würde er diesen Laden wieder betreten, mit eben dieser Spannung, die er hatte, seitdem er stolzer Besitzer besagten Küchenbrettes war. Würde sich fragen, ob sie heute wohl da wäre. Ihn bedienen würde.

Diese Geschichte wäre jetzt natürlich total blöd, wenn SIE genau jetzt nicht da ist. Also, sie ist da, er tritt ein, sieht sie und ist erfreut. Hoch erfreut.

Dass da jetzt kein falscher Ton hier reinkommt. Es war nicht diese die Gurgel zuschnürende Spannung, dieses Rot-im-Gesicht-Anlaufen, wenn man verliebt auf diesen Moment der Begegnung hofft, und zugleich innig darum bittet, er möge schnell vorbei gehen, weil man sich total unsicher fühlt.

Er war nicht verliebt. Er war auch nicht unsicher. Er wollte nur wissen, ob sie ihn wiedererkennen würde. Und wie. Ob sie ihm das etwa zeigen würde. Sie, ein lieber, netter Mensch, auf deren Déjà-Vu-Lächeln er inständig hoffte.

Höflich fragt sie ihn nach seinem Wunsch. Lächelt ihn freundlich an. So, wie sie wohl jeden Kunden anlächelt. Nein, da ist nichts von „Sind Sie nicht der…?“ Keine Spur von Erinnerung an die Situation, als sie ihm das Brettchen übergeben hatte.

Das war’s dann wohl. Er bezahlt. Nimmt die Ware. Den Kassenbon. Geht.

Will gehen. Als ihm diese blöde Altbatterie aus der Hand kullert, die er anschließend entsorgen wollte. Kullert auf den Boden. Und der tollpatschige kleine Junge in ihm bückt sich, um wie ein Kontaktlinsensuchender das Corpus Delicti aufzuspüren. Er hat es. Hebt es stolz vor sich in Luft. Wirft ihr einen verlegenen Blick zu. Meint, mehr als nur ein höfliches Lächeln zu entdecken. „Wir hatten schon mal das Vergnügen, jetzt erkenne ich Sie!“ huscht über ihr Gesicht, doch sie bleibt stumm. Wie er.

Der noch einen schönen Abend wünscht. Und sich davon trollt.

Sich fragt, warum sie sich denn nicht geoutet hat? Sich fragt, warum er denn nicht?

© Ulf Runge, 2009

Überall

21. Mai 2009 17 Kommentare
Leben 434 – Donnerstag, 21.05.09



Wer Gott suchen will,
findet ihn überall

Novalis

Ich habe das Glück, wahrnehmen zu dürfen, mit vielfältigen Sinnesorganen. Denen, die man im Biologieunterricht vermittelt bekommt. Und mit denen, die uns das vermeintlich Unergründbare erschließen.

Ich habe mir als Jugendlicher die Frage gestellt, auf welches Organ ich denn auf keinen Fall verzichten wollte, wenn ich mich entscheiden müsste. Ich glaube, meine Wahl fiel auf das Hören, weil ich so gerne Musik höre.

Heute bin ich froh, dass ich nie vor diese Wahl gestellt worden bin. Meine Sinnesorgane immer noch recht gut „funktionieren“. Und doch, wenn man mir heute die gleiche Frage stellte wie damals, auf welchen Sinn ich denn auf keinen Fall verzichten möchte, dann ist es wohl dieser allübergreifende Sinn für die Wahrnehmung von Gefühlen und Stimmungen. Dieser Sinn, der uns die Frage nach dem Sinn zu beantworten versucht.

Dass sich die Natur nach nachvollziehbaren Regeln zu reproduzieren vermag, und dabei doch im Sinne der permanenten Anpassung immer wieder neue Individuen erschafft, dieses Wunder kann einen nur atemlos machen.

Das Gefühl, das unser ganzes irdisches Leben, also ALLES, von dem wir wissen, dass es ganz bestimmt real ist, dass das nicht mal ein Wimpernschlag in der Zeit ist. Dass ALLE Materie und ALLES Licht womöglich einmal auf einem, soll ich Ort sagen?, zusammengedampft gewesen ist? Und jetzt in rasender Geschwindigkeit auseinanderdriftet. Dieses Wunder kann einen nur bescheiden, demütig und dankbar machen.

Dass es so viel zu entdecken gibt. In der Weite des Weltraums. Im Mikrokosmos des Lebens unter dem Rastertunnelmikroskop. In der Vielzahl und Andersartigkeit der Menschen. In unserer eigenen Komplexität. Dieses Wunder kann einen nur friedfertig und tolerant machen.

Und dann gibt es in den unterschiedlichen Kulturkreisen Überlieferungen, außergewöhnliche Berichte über ganz besondere Geschehnisse. Über unerklärbare Erscheinungen. Über Übernatürliches.

Nenne es Religion. Nenne es Spiritualität.

Suche Gott. Finde ihn. Überall.

© Ulf Runge, 2009

Novalis. Ich kannte bisher nur seinen Namen. Habe ihn bisher nicht gelesen. Fühlte mich gezwungen, in Wikipedia wenigstens mal nachzulesen, was für ein besonderer Mensch er gewesen ist. Auch da werde ich ganz demütig, wenn ich lese, wie umtriebig dieser Mensch gewesen ist. Kann ich nur empfehlen, hier mal reinzuclicken. Dieser Satz aus Wikipedia über Novalis hat mich sehr beeindruckt:

Nur wenige Jahre hatte er, um seine Fähigkeiten zu entdecken, zu erkennen und weiterzuentwickeln.

Was für mich bedeutet: Wir wissen nicht, wie viel Stunden, Tage, Jahre wir noch haben. Aber wir sollten versuchen, die verbleibende Zeit mit noch mehr Sinn zu füllen.

Ich bedanke mich beim Bellaprint-Verlag , Hinterbrühl, Österreich, für die freundliche Genehmigung, den Sinnspruch des Original-Leitspruch-Wochenkalenders als Thema für Beiträge in meinem Blog verwenden zu dürfen. Der Original-Leitspruch-Kalender wird in Deutschland vertrieben von der Impuls-Kalender GmbH.

Kategorien:Leben

Sitzt am Strand …

21. Mai 2009 2 Kommentare
Leben 433 – Donnerstag, 21.05.09

Sitzt am Strand – ja, Du liest richtig, ich erzähle einen Witz, der noch kürzer ist als mein Lieblingswitz, der da ja lautet, „Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.“ Und der deshalb mein Lieblingswitz ist, weil ich aus völlig anderem Grund über ihn lache, als die Mehrzahl derer, die glauben, ihn verstanden zu haben. Aber lassen wir das. Darüber hatte ich schon berichtet.

Sitzt am Strand und hat einen Sprachfehler.

Na? Komm! Das kriegst Du raus!

Du findest, über Sprachfehler sollte man sich nicht lustig machen. Recht hast Du. Aber über diesen vielleicht doch. Weil, hier dran kann man was ändern.

So, letzter Anlauf:

Sitzt am Strand und hat einen Sprachfehler. Antwort: Die Nuschel!

© Ulf Runge, 2009

Kurpfalz-Arena

Leben 432 – Montag, 18.05.09

Der 1. FSV Mainz 05 steht vor seinem zweiten Aufstieg in die 1. Fußballbundesliga der Männer. Dieser Verein war vor allem zu der Zeit, als der sympathische Jürgen Klopp die Mannschaft trainiert hat, ein herausragender Sympathieträger für die Goldene Stadt.

Anlässlich des hoffentlich erfolgreichen zweiten Versuchs erhält der Verein auch ein angemessen großes Stadion. Angemessen, weil das Zuschauerinteresse sehr groß ist. Angemessen, weil der Finanzhaushalt eines Erstligisten in der Regel größer bemessen ist als in der 2. Liga.

Und so war in den vergangenen Tagen mehrfach zu hören, dass Mainz die Kurpfalz-Arena bekommt. Das freut mich für das Team, das freut mich für die Stadt. Ich kenne auch jemanden, der sich nicht darüber freut, weil er dort unmittelbar in der Nähe wohnt.

Mainz bekommt die Kurpfalz-Arena. Nicht das Blendamed-Stadion. Oder die Raillion-Kampfbahn. Auch nicht den Kupferberg-Kessel. Sondern die Kurpfalz-Arena.

Irgendwann hat mein Hirn dann beschlossen, versuchsweise mal wieder den Betrieb aufzunehmen. Kurpfalz. Das ist da, wo ich wohne. Irgendwo zwischen Mannem und Heidelberg, heute auch integraler Bestandteil der Metropolregion Rhein-Neckar. Nur. Da gibt es gar kein Mainz!

Nun hat Erfurt früher (ganz früher) ja auch mal zu Mainz gehört. Vielleicht hat Mainz (mit oder ohne Erfurt) ja selber mal zur Kurpfalz gehört. Da kann nur eine Suchmaschine weiterhelfen. Ich tippe „Mainz“ und „Kurpfalz“ ein. Da kommt nichts Brauchbares bei raus.

Ich versuche es mit „Mainz“ und „Stadion“. Auf der Vereins-Homepage finde ich nichts Verwertbares, aber bei Wikipedia trau ich meinen Augen nicht. Der Sponsor, dessen Name das neue Stadion tragen wird, heißt „Coface“. Ja, das kann man englisch aussprechen, vielleicht noch einen Schuss Rheinisch dazu, und fertig ist die „Kurpfalz“!

© Ulf Runge, 2009

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