Erdbeerzeit

Leben 377 – Donnerstag, 05.02.09

Auf einmal standen sie neben mir, die beiden. Zwei junge Frauen, polyglott. Unterhielten sich über alles Mögliche, in Englisch, auf Französisch und Spanisch. Wechselten mitten im Satz die Sprache, und eigentlich hörte ich gar nicht zu, verstand auch nichts, hätte auch nichts verstehen wollen, folgte nur dem Klang ihrer Stimmen.

Ich „bewundere“ immer wieder Menschen, die mitten im Satz von einem Gedankengang auf die Gedankenlosigkeit „keine Ahnung“ wechseln können, um dann, als wäre nichts gewesen, einen normalen Satz zu Ende zu bringen. (Bis heute habe ich nicht so recht die Stelle gefunden, an der ich „keine Ahnung“ sagen müsste. Da fühlt man sich schon bisweilen etwas „zurück“ geblieben.)

Aber was die beiden Damen neben mir an lingualem Feuerwerk abbrannten, das beeindruckte mich doch mächtig. Vielleicht Simultanübersetzerinnen. Vielleicht aber auch nicht. Kein deutsches Wort kam über ihre Lippen. Wobei, so ganz stimmt da nicht. Mitunter glaubte ich ein „Aha!“ zu vernehmen. Die Maus aus der Sendung mit der Maus würde dann wohl gesagt haben: „Das war Deutsch!“

Und so fuhr der Zug, und so unterhielten sich die beiden Damen in mir mehr oder minder fremden Sprachen, und so kämpfte ich nebenher gegen das Einschlafen. Und so hätte es noch Stunden weitergehen können. (Zehn Zugminuten könnnen da ganz schön lang dauern.)

Ich versuchte mir nicht vorzustellen, worüber die beiden wohl redeten, über den Job, über die Liebe, über Wasfürauchimmerfrauenthemen. Egal. Als die eine auf einmal sagte: „Ich gehe als Erdbeere!“

All meine Beherrschung zusammennehmend und lautes Herausplatzen vermeidend dachte ich mir an dieser Stelle, ach wie gerne ich jetzt Sprachwissenschaftler wäre, einer der weiß, warum denn nun gerade dieser eine einzige Satz auf Deutsch gesprochen sein muss…

© Ulf Runge, 2009

10 thoughts on “Erdbeerzeit

  1. Guten Morgen lieber Ulf.

    Ja so ist das mit der Beherrschung, die wir alle mehr oder weniger im Zusammensein mit anderen Menschen an den Tag legen – sie kann uns hin und wieder bei der Befriedigung unserer Neugierde behindern.😛

    LG, Mo

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  2. 😀 Vielleicht gibt es in diesem multilinguistischen Land kein Karneval und somit fehlt auch die Redewendung „Ich gehe als…“. Das benutzt man ja sonst eher selten😀
    Keine Ahnung – aber könnte ja sein…😉

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  3. Lieber Ulf,
    wiederum eine wunderschöne Geschichte!!! Ich fahre auch viel mit der Bahn und erlebe immer wieder solche Geschichten – aber der Satz mit der Erdbeere, also, sowas Entzückendes ist mir noch nicht untergekommen, das ist wahrlich supernett!!!🙂
    Alles Liebe und Sonnenschein für das Wochenende!
    Elisabeth

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  4. Liebe Elisabeth,

    danke für die SchönesWochendenendeGrüße,
    sie haben gewirkt.

    Ich bin auch immer wieder überrascht, wieviele
    Steilpässe uns das Leben gibt: Für Bedrückendes, für Verwunderlichers, für Erfreuliches und Amüsantes.

    Liebe Grüße und einen schönes Wochenanfang,
    Ulf

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  5. Lieber Ulf, danke für ein fettes Grinsen am Morgen:-)

    Ich bin es ja auch gewohnt, innert Sekunden mit mehreren Sprachen zu jonglieren, das ist Gewohnheit und Übung.
    Die Menschen hier wachsen mehrsprachig auf und manche Dinge lassen sich in der einen und manche in der anderen besser ausdrücken und daher wird hin-und hergewechselt in einem Gespräch.
    Am besten ist Romanisch, das ist eine so „alte“ Sprache, da gibt es manche Worte gar nicht und ich muss immer lachen, wenn im flüssigsten Romanisch plötzlich Worte wie Kühlschrank auf (schwyzer)Deutsch erklingen.

    Fruchtige Grüsse Andrea

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