Hohler geht es nicht – Eine Hommage

Leben 331– Freitag, 24.10.08

Nein, ich bin jetzt nicht total durchgeknallt, dass ich etwa glauben würde, dass das, was ich nun zu berichten habe, irgendwie von mir „verursacht“ sei, oder dass ich das z.B. mit übersinnlichen Kräften produziert hätte. Ich habe es mir ja auch gar nicht gewünscht, dass das so alles passiert. Und trotzdem ist es passiert.

Trotzdem. Für mich ist ein Zeichen. Nämlich dass Wunder passieren können.

Zur Sache.

Ich muss ehrlich gestehen, ich glaube ich habe ihn bisher nicht gekannt. Nicht wahrgenommen. Obwohl er schon 1943 geboren wurde, für mich ist er keine Woche alt.

Heute Abend habe ich darüber hinaus erfahren, dass er mit dem von mir hoch verehrten Hanns Dieter Hüsch auf den Bühnenbrettern dieser Welt gestanden hat.

Moment bitte noch, ich will es noch ein bisschen spannend machen…

Da fahre ich also am vergangenen Sonntag durch das nächtliche NRW-Land, verkehrsfunksenderzappend. Um dann auf einem Sender zu landen, auf dem Sprache kommt. Kultur halt. Weg damit. Denke ich. Tue ich aber nicht. Ich bleibe da. Emil ist zu hören. Emil Steinberger. Zumindest für 60 Sekunden oder 120. Aber dann issers irgendwie auch wieder nicht. Emil ist nicht Emil. Emil ist irgendwie ein Schweizer. Ein mir unbekannter Schweizer. Auf jeden Fall ist dieser Emil sehr unterhaltend. Abstrus. Grotesk. Befremdlich. Will sagen, da höre ich jemanden, der mir den Eindruck vermittelt, dass er auch schon mal die Straßenseite wechselt, um die Dinge anders zu sehen als sonst.

Franz Hohler heißt er. Und bekommt gerade einen Preis verliehen. Wie sich später herausstellt, höre ich sehr wohl den Verkehrsfunktsender WDR2, und ich höre gerade die Aufzeichnung einer Preisverleihung vom Frühjahr 2008, der Verleihung des Salzburger Stiers (was auch immer das sein mag, denke ich mir in diesem Augenblick) für sein Lebenswerk.

Lebenswerk? Also nicht mehr ganz taufrisch, der Herr. 1943 geboren, wie ich später erfahre. Und seit heute weiß ich auch, dass er für Emil geschrieben hat…

So weit, so gut. Ich fühle mich also radiohörenderweise vortrefflich unterhalten durch die witzige Schöpfungsgeschichte „Die Göttin“, durch den „Liederhörer“, den „Briefkasten“ und den sehr nachdenklich stimmenden „Weltuntergang“.

Aus. Vorbei. Wer es hören will (oder auch nicht) erfährt in den folgenden Tagen von mir von dem außergewöhnlichen Reichtum, den dieser Mensch uns anderen Menschen schenkt.

Dann ist aber auch irgendwann genug erzählt. Und aus.

Ich sitze …, es ist ja ziemlich egal wo ich sitze, lese die Tageszeitung, lese das, was gestern Abend druckfrisch war, lese es heute, weil die Zeitung ist bezahlt, dann will sie auch gelesen sein. Durch einen „Fehler“ beim Blättern lande ich nicht beim Sportteil, sondern bei Lokales. Ein gewisser Franz Hohler, wer auch immer das sein mag… FRANZ HOHLER????? Nee, oder? WANN? Am Freitag. WOOOO? Hier! Um die Ecke.

Am nächsten Tag rufe ich im Kartenvorverkauf an. Doch, da seien noch jede Menge Karten da. „Der Franz Hohler ist bei uns im Ort wohl doch nicht so bekannt.“ sagt mir die freundlicherweisekartenzurücklegende Stimme. Ich mache was Werbung.

Heute war dann doch ausverkauft. Ich glaube nicht wirklich, dass meine Werbung auch nur einen einzigen zusätzlichen Platz gefüllt hat. Aber ich habe ganz viele starke positive Gedanken geschickt, dass ausverkauft sein möge. Und es war. Es hat mich sehr gefreut, dass so viele Menschen da waren, Franz Hohler erleben zu wollen.

Da steht er nun vor uns. Er liest aus seinem aktuellen Buch „Es klopft“. Der könnte das Telefonbuch von Wanne-Eickel vorlesen, es ist ein Genuss, diesen Menschen hier vortragen zu hören, denke ich.

Aber seine Story ist darüber hinaus ganz besonders. Seine Wort gewordenen Gedanken ein Meisterwerk der Formulierung. Es ist ein erhebendes Gefühl, diesem außergewöhnlichen Menschen lauschen zu dürfen.

Die Geschichte gewinnt an Fahrt, und in diesem Augenblick wünsche ich mir, er möge das ganze Buch vorlesen und anschließend alle seine Kurzgeschichten und der Abend möge nicht enden.

Und doch macht er auf einmal Schluss. Mit den Auszügen aus „Es klopft“. Nach vielen Lachern und unterhaltsamen Passagen holt er sich seinen wohlverdienten Applaus ab.

Aber dann. Wir haben Gelegenheit, Fragen zu stellen. Originelle Fragen werden ihm gestellt, und Franz Hohler greift diese spontan und zugleich doch wohl formuliert auf, sowohl die Fragenden als auch der Antwortende finden zu einer Wortwahl, die allen Anwesenden, auch Franz Hohler, in wohltuender Erinnerung bleiben werden.

Und dann liest er noch aus seinen Kurzgeschichten. Hurra! Die Liebesgeschichte „Das Blatt“. Die Schöpfungsgeschichte „Die Schöpfung“. Den „Briefkasten“.

Wie gesagt. Ich „kenne“ ihn noch nicht mal eine Woche.

Und ich bin sicher: Hergeben werde ich ihn nicht mehr. Denn:

Hohler geht es nicht!

P.S.: Die Kurzgeschichten finden sich in seinem zauberhaften Band „Die Karawane am Boden des Milchkrugs – Groteske Geschichten“.

© Ulf Runge, 2008

18 Kommentare Gib deinen ab

  1. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, Du bist definitiv NICHT durchgeknallt, Du hast vielleicht nur das Gesetz der Anziehung erlebt (Energie folgt der Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit folgt der Energie):-) Und „starke positive Gedanken“ haben auch eine starke positive Wirkung…

    Als ich dann las „Es klopft“ hat’s bei mir im Kopf auch „geklopft“, dieser Titel steht bei mir bereits schon auf meiner Bücher-Wunschliste…witzig, gell?

    Liebe Grüsse Andrea

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  2. KOMPASS sagt:

    Wieso durchgeknallt, Ulf?

    Ich finde das eigentlich ganz normal. Ich kann mich für gut Geschriebenes auch begeistern, wie z.B. die Bücher von Wayne Dyer … schon lange. Nach 4 bis 6 Büchern dachte ich : den würdste eigentlich gerne mal persönlich kennenlernen.

    Das wär was.

    Schon lange her. Wayne Dyer lebt in den USA, ich damals am Rande der zivilisierten Welt in Kapstadt – fat chance to meet him in person. Ein paar Monate später hält er seine Vorträge (zum ersten und letzten Mal) in Kapstadt … ich hab danach mit ihm geredet, seine Hand geschüttelt – und das einzige Autogramm, um das ich je gebeten habe. OK, ausser Loriot; aber das war vor 100 Jahren in Hamburg.

    Das war schon was. Aber so geht es eben. Schon toll, oder?

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  3. Franz Hohler sagt:

    Ach, das waren Sie in der zweiten Reihe, der sich Notizen gemacht hat?
    Ihr Kommentar freut und rührt mich, lieber Ulf Runge, und ich werde gerne entdeckt, etwas, das mir in Deutschland häufiger passiert als in der Schweiz..

    Mit herbstlichem Gruss

    Franz Hohler

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  4. Sabine sagt:

    Hallo Ulf,

    bei „es klopft“ hat es bei mir geklopft … äh … geklingelt
    😎

    Ich hatte das Buch nämlich irgendwann in einer Buchhandlung angelesen, seitdem steht es auf meiner Geburtstagsgeschenkliste …

    Vielleicht sollte ich doch nicht abwarten, lieber selbst einkaufen gehen … die Liste ist schließlich noch lang …

    Danke für deine, schön enthusiastisch geschriebene Anregung

    Liebe Grüße
    von
    Sabine

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  5. Astraryllis sagt:

    Lieber Ulf,

    was Du schreibst, kann ich gut verstehen.
    Manchmal durchforste ich Buchhandlungen nach diesen kleinen, schmalen Gedichtsbänden, die oft im Selbstdruck per Fotokopie und Binden lassen hergestellt wurden und für vielleicht einen Euro verkauft werden.
    Mir gefällt nicht alles, was ich auf diese Weise finde, aber wenn mir etwas gefällt, dann versuche ich manchmal den Autor/die Autorin anzuschreiben und ihm/ihr zu sagen, dass mir seine/ihre Gedicht gefallen.
    Manchmal bekomme ich sogar Antwort. Aber auch wenn nicht, mache ich gerne Werbung im Bekanntenkreis für diese Gedichte. Ich habe auch schon solche Gedichte abgetippt, ausgedruckt und z.B. in einer Bahnunterführung angeklebt.
    Warum? Weil ich einfach Freude daran habe.
    Deshalb kann ich gut verstehen, was Du schreibst.

    Liebe Grüße,
    Astraryllis.

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  6. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, Herr Hohler kommentiert persönlich auf Deinem Blog!!! Das ist ja grossartig! Liebe Grüsse Andrea

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  7. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    danke, dass Du das von mir Erlebte in den Kontext „Gesetz der Anziehung“ stellst.

    „Es klopft!“? Nicht aufmachen! Lesen!!!

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  8. Ulf Runge sagt:

    Lieber Berend,

    danke, dass Du uns ebenfalls Deine Erfahrung zum „Gesetz der Anziehung“ hier mitteilst.
    Das ist einfach ein tolles Gefühl, wenn das soeben noch nur Denkbare auf einmal zur
    angenehmen, hocherfreulichen Realität wird…

    Du hast also zwei Autogramme?
    Du brauchst Dich über die beiden nicht schämen.

    Ich oute mich jetzt auch: Ich bin vergangenes Jahr zur Spencer Davis Group in die Umkleide gegangen,
    um von allen ein Autogramm zu ergattern. Ich war sozusagen ein „männliches Groupie“. Ahem, mehr als
    Autogramme ist übrigens nicht passiert…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  9. Ulf Runge sagt:

    Lieber Herr Hohler,

    Sie dürfen mich hier auch Duzen,
    aber es nicht an mir, Ihnen das Du anzubieten 😉

    Vielmehr verneige ich mich gerührt,
    dass Sie – im Gegensatz zu Stephen Hawking, der Ihre ins Englische transferierte Erbsenschöpfungsgeschichte unbeantwortet ließ, um sie dann womöglich für seine jüngsten Forschungsergebnisse sagen wir mal „aufzugreifen“ – den Weg zu meinem Blog gefunden haben und sich nicht zu schade waren,
    hier Ihre Anmerkung zu hinterlassen.

    Danke. Danke. Danke.

    Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich nicht links gesessen habe und mitgeschrieben.
    Ich habe – von Ihnen aus – nicht unbedingt auf mich auch politisch anwendbar – rechts gesessen.
    Und geschrieben habe ich nichts. Statt dessen Ihre Worte aufgesogen. Vielleicht erinnern Sie sich noch
    an den Spongebob-ähnlichen Schwamm in der dritten Reihe, der an Ihren Lippen gehangen hat.

    Jung bin ich auch nicht. Uns trennen elf Jahre.
    Uns verbindet die Liebe zum wohlgesetzten Wort. Und die Wertschätzung von Hanns Dieter Hüsch.

    Ich war der, der Sie gefragt hat nach Ihrem Schreibefluss, ob es aus Ihnen heraussprudelt, oder ob Sie auch das leere Blatt Papier kennen. Wobei Sie dann meinten, heute säße man ja eher vor dem leeren Monitor.

    Ich war der, der von Ihnen wissen wollte, ob Sie sich beim Lesen beobachten, wie Sie genau den Text lesen (müssen), den Sie dereinst so wohl formuliert haben, und den Sie, während Sie ihn lesen, eventuell doch hier oder da abändern würden, aber nicht dürfen. Weil Sie ihn ja jetzt so lesen (müssen), wie er gedruckt ist.

    Ich bedanke mich und wünsche Ihnen noch viele Entdecktwerdungen im deutschsprachigen Kulturkreis.
    Und wenn Stephen Hawking für seine Erbsentheorie einen Preis erhält, dann wird er Sie bestimmt als
    seinen „spiritus rector“ zur Preisverleihung einladen.

    Liebe Grüße,
    Ulf Runge

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  10. Ulf Runge sagt:

    Liebe Sabine,

    ich wiederhole mich gerne: Lesen!
    Ich habe absolut keine Ahnung von Literatur.
    Aber „Es klopft“ ist ein schöne ausgedachte Geschichte,
    und sie ist geschrieben in einer einfachen, wohlbeobachtenden Sprache,
    die anspruchsvoll unterhalten will und unterhält.
    Ach was, ich schreibe hier doch keine Kritik über „Es klopft“,
    ich will doch selber erst einmal fertig lesen.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  11. Ulf Runge sagt:

    Liebe Astraryllis,

    das finde ich klasse, dass Du Dich da so engagierst.
    Und so einen Blick auf die Null-Euro-Autoren hast.

    Werde ich ab jetzt auch tun…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  12. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    ja, Du sagst. Ich bin da ganz platt!
    Ich weiß das richtig zu schätzen…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  13. Das Schönste, was Hohler je geschrieben hat – also, finde ich – ist das Kinderbuch über den Knaben Tschipo, der zu doll geträumt hat.

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  14. Ulf Runge sagt:

    Lieber buchstaeblich,

    danke für den Tipp!
    Kinderbücher darf man (als Mann zumindest) ja immer lesen, oder?

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  15. Also, diesen Tschipo: http://tinyurl.com/5dv8bp las ich vor nun 28 Jahren mit Begeisterung als Jugendliche, und später immer wieder.
    Das ist ein Buch für jede(n) und immer.

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  16. Ulf Runge sagt:

    Liebe buchstaeblich,

    nachdem ich jetzt „Es klopft“ zu Ende gelesen habe und
    meine Begeisterung über Franz Hohlers Erzählstil von Abschnitt
    zu Abschnitt gestiegen ist,
    werde ich mir auch mal Tschipo angucken.
    Wohl wissend, dass ich nicht zur ursprünglichen Zielgruppe gehöre,
    oder?

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  17. Zielgruppe? Der Antagonist zu Tschipo ist der Pilot Tschako, der ist erwachsen, aber richtig klasse, also einerseits erwachsen, aber andererseits ein wenig spinnert wie unsereins: Wenn das nicht passt, weiß ich auch nicht …
    Vielleicht sagt aber der Herr Hohler selbst noch etwas dazu, wenn er hier schon mitliest?

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  18. Ulf Runge sagt:

    Liebe buchstaeblich,

    der Pilot Tschako soll erwachsen sein?
    Als Mann? ts ts ts…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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