Archiv

Archive for September 2008

LEBENSZEICHnEN

29. September 2008 2 Kommentare

Leben 317 – Montag, 29.09.08

Liebe Leserinnen und Leser,
ich brauche noch ein paar Tage,
bis ich wieder in Worte fasse,
was mich umtreibt…

Ich hoffe, dass meine Adaption von Anne Heintze s Gestaltkonzept
(Schwarzweißbild, horizontale Verse in Courier, vertikaler Titel-Text, dezentes Copyright)
[bei mir in Farbe und mit fetter Verdana]

Freude und Anregung bereitet.

© Ulf Runge, 2008

P.S.: Und auch das Anmerken der Kommentierungen werde ich dann wieder aufnehmen, aufgenommen haben…

Karlotta und Propelli

24. September 2008 Kommentare aus

Leben 316 – Mittwoch, 24.09.08

Sie hatte endlich etwas Ruhe gefunden und atmete nun flach und gleichmäßig. Währenddessen blätterte ich diesem Buch, das ich gestern gekauft hatte, aus dem ich ihr womöglich etwas vorlesen wollte. Aus dem ich für mich Trost gewinnen wollte.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ lese ich also und folge mit langsamem Auge diesen wohl gesetzten Worten. Ja, Dietrich Bonhoefer wollte ich bei mir wissen, ihn, sein Leben, bisher kaum gewusst, überwiegend nur geahnt habend.

Nicht wirklich ein Kirchgänger durfte ich jüngst einen denkwürdigen Konfirmationsgottesdienst besuchen, der mich sehr berührt hat. Wärmende, lichtflutende Sonnenstrahlen durchdrangen freundlich die lichte Weite des Raumes, Fröhlichkeit war zu spüren, die Orgelpfeifen ließen die Seelen vibrieren, der Gesang seinerseits die Herzen; alles war leicht.

Und nun sitze ich hier an ihrem Bett, wenige Tage später, lese erneute die Verse „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, lese das gleiche Gedicht, das ich in jenem Konfirmationsgottesdienst als Lied gesungen habe, lese es, halte inne, fühle mit mit der Todesangst des Autors. Um dann sogleich die Kraft und die Stärke und die Zuversicht zu spüren, die von jemandem ausgeht, der Ziel und Richtung zu kennen gewiss ist. Und auf einmal spüre ich, dass ich nicht lese. Statt dessen betend die Kostbarkeit dieses Gedichtes begreife.

Ihr Atem wird unruhiger, ich gebe ihren durstigen Lippen Tee, wir werfen uns traurige Blicke, zugleich dankbare Blicke zu, ich nehme die leere Tasse, gehe zur Tür: Tee holen.

Die Klinke noch in der Hand sinniere ich über das Leid des Todes, die Beschwertheit der Sterbenden, die Verzweiflung der Angehörigen. Schaue auf den Gang, drehe mich nach links Richtung Teeküche. Um inne zu harren.

Traue meinen Augen nicht. Stehen da zwei Clowninnen vor mir, pappnasig, geschminkt, lustig verkleidet, verlegen lächelnd. Ob sie denn mal in das Zimmer dürften. Sie würden den beiden Damen gerne eine Freude bereiten. Die beiden Clowninnen warten auf mich, bis ich Tee geholt habe, wir gehen behutsam ins Krankenzimmer hinein, die beiden stellen sich vor, sie heißen Karlotta und Propelli, und sie fangen an zu singen. „Alle Vögel sind schon da“, es ist ja schließlich Frühling, denke ich. Und sie machen das ganz liebevoll. Sprechen mit den Todgeweihten, spenden ihnen ihre Anwesenheit, ihre Zuversicht, schenken ihnen eine Glückskäferkerze, bei deren Abbrennen man ganz fest an das glauben soll, was man sich besonders wünscht.

Die beiden verabschieden sich, im Raum zurück bleibt ganz viel Liebe, Nächstenliebe.

Draußen im Gang spreche ich die beiden Clowninnen noch einmal an, danke ihnen für ihr Tun und Dasein, erhalte einen „Dr Clown“ Button ehrenhalber, als ich den beiden spontan sage, dass ich ab sofort ihr „Fan“ bin. Verspreche, diesen Artikel zu schreiben. Weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es mir so schwer fallen wird, zeitnah zu diesen Zeilen zu finden.

Denke mir, dass heute der richtige Tag dafür ist. An dem ich ihren Geburtstag feiere, ihren Achtzigsten. Den ersten ohne sie.

© Ulf Runge, 2008

Echt? Also gut, mein Schatz! – Oder: Mit dem Rad nach Mheim

23. September 2008 20 Kommentare

Leben 315– Dienstag, 23.09.08

Ich erreiche meinen Zug zwei Minuten vor der geplanten Abfahrtszeit, was eigentlich schon als erwähnenswerte Geschichte ausreichen könnte und mit diesem Satz ihr Ende finden. Aber nein, es kommt noch toller…

Ich finde sogleich einen Platz neben einer freundlich dreinblickenden Dame, bei der ich mich für das Sitzplatzfreimachen bedanke. (Wer mit dem Bahnfahren nichts am Hut hat, sollte wissen, dass der nach Einnahme eines Sitzplatzes der daneben befindliche „markiert“ wird; nicht wie bei Rüden, beileibe nein, aber eine Jacke, Damenhandtasche, Laptoptasche, ein bedeutsamer Aktenstapel oder eine Bild- machmal auch Text-Zeitung bedeuten verheißungsvoll: „Trau Dich bloß nicht, mich zu fragen, ob da frei ist.“) Deshalb auch das Attribut „freundlich dreinblickende Dame“, da sie mit einem „Gerne!“ meine Frage beantwortet und ihre Handtasche zu sich rübernimmt.

„Leider gegen die Fahrtrichtung!“ sagt sie dann, schuldbewusst irgendwie, obwohl wir beide wissen, dass sie nichts dafür kann, dass diese beiden Sitze „falschrum“ eingebaut sind. Ich höre mich ein blödsinniges „Manchmal kann das auch gut sein“ sagen, worauf sie unentschieden reagiert, was ich aber nicht in konkreten Worten wiedergeben kann.

Und dann setzt sie noch einen drauf: „Keine Angst, ich esse jetzt erst einmal etwas!“ und beißt in irgendetwas in einer Tüte hinein, dessen Farbe und Form mir verschlossen bleiben, weil sowohl die Klimaanlage als auch die Beleuchtung noch nicht eingeschaltet sind. Wie gesagt, wir fahren eigentlich seit einer Minute.

Ich wünsche ihr einen guten Appetit, und überlege, was sie mir damit sagen wollte, dass sie erst einmal was isst, bevor wir losfahren. Ich beschließe zu glauben, dass sie alles tun wird, damit wir uns unterwegs nicht übergeben.

Und grinse tief in mich hinein ob dieser skurrilen Unterhaltung.

Ein Radfahrer incl. geschoben werdendem Fahrrad betritt den Waggon. Selbiger ist für Velos ingenieurmäßig nicht vorgesehen. Dazu müsste man zugverpassenwollender Weise ans entgegensetzte Zugende fahren oder schieben, aber das tut man dann doch nicht, sondern steigt lieber in den gut gefüllten Waggon ein und bekommt gleich viele persönliche Kontakte.

Die Tür will gerade schließen, als der Radfahrer die staunende Umgebung fragt, ob der Zug denn auch nach Mheim fahre. Was ihm herzerleichternd ein Mitfahrgast zustimmend bestätigt.

Darüber wiederum fasst sich ein weiterer Fahrgast ein Herz und fragt nun in den Raum, ob der Zug denn auch in Bheim halten werde. Der Radfahrer, in dem sicheren Gefühl, den richtigen Zug bestiegen zu haben, bejaht dem Bheimer dessen Frage, und, da die Tür nun doch noch mal aufgeht, rät er jenem, doch noch mal den Kopf rauszustecken und einen Blick auf die Anzeigetafel zu werfen.

Worauf mir nur einfällt, dass man nach Mheim auch mittels einer anderen Verbindung fahren kann, die dann allerdings nicht in Bheim hält. Aber wir sind ja im richtigen Zug und so behalte ich mein jetzt nur zur Verwirrungsstiftung geeignetes Wissen für mich und meine Nachbarin. Die daraufhin wissend zurückgrinst.

Der Zug hat nun doch schon ein wenig Fahrt aufgenommen – wie ich später beim Aussteigen erfahren werde, werden die technischen, abfahrtverzögernden Zugmängel für die Fahrgastdurchsage „Verspätung wegen Streckenüberlastung“ herhalten – als markundbeinerschütternde Töne in rhythmischem Abstand durch den Waggon dröhnen. Ungewohnte Töne auch für hartgesottene Pendler. Das Rätsel wird nicht gelöst werden, aber hat sich wie Feueralarm angehört. Das gibt wiederum meiner Beifahrerin die Gelegenheit, mir über einen Brandalarm zu berichten, den sie heute selber erlebt hat.

Ungeachtet all dieser kurzweiligen Begleiterscheinungen vernehme ich immer wieder mehrere Handyfonate, deren Sinn sich mir nicht erschließen will, weil ich die Sprache der Gesprächsteilnehmer nicht verstehe. Was mir aber auch egal ist, schließlich gibt es genügend anderes zu gucken und zu hören.

Als sich ein „Echt? Also gut, mein Schatz!“ messerscharf aus den von mir bisher unbeachteten Wortfetzen herausschält. Ich könnte jetzt lauthals herauslachen, denke mir aber, dass der einzige, der das dann witzig finden würde, wohl ich bin.

Schon immer habe ich bestaunt, bewundert, ach was weiß ich nicht, wenn polyglotte Menschen mitten im Satz hin- und herwechseln zwischen Muttersprache und der Sprache des Landes, in dem sie gerade ihren Lebensmittelpunkt haben.

Da gibt es sicherlich den bewusst eingesetzten Sprachwechsel, um Vertrauliches unter sich zu halten. Aber mitten in der Satzbildung auf „Echt? Also gut, mein Schatz! Ich hab Dich lieb!“ zu wechseln, danach wieder zurück in die Muttersprache, nur unterbrochen von weiteren „Echt?“-Ausrufen, das ist für mich der Ausdruck dafür, dass man sozusagen in beiden Sprachen gleichzeitig denkt und fühlt. Was für eine Gabe!

Machen wir es kurz: In Bbach gehen die Türen mangels Lichtversorgung für die Türendruckknöpfe nicht auf, was anschließend dazu führt, dass einige Fahrgäste den sich zufällig vorbeitrollenden Zugbegleiter – mit relativ unmissverständlichem, drohendem Unterton – vergattern, bei ihnen stehen zu bleiben, damit sichergestellt ist, dass sie dann wenigstens an der nächsten Station aussteigen können.

Okay, wir waren schließlich sieben Minuten zu spät und statt einer Streckenüberlastung würde ich eher eine Unterversorgung mit zutreffenden Fahrgastinformationen diagnostizieren. Der damit verbundene, zuschlagfreie Unterhaltungswert war die heutige Fahrt definitv wert.

© Ulf Runge, 2008

Kundenbindung

21. September 2008 18 Kommentare

Leben 314– Sonntag, 21.09.08

Juhu! Heute ist es soweit. Das Heftchen ist voll. Und ich hole mir 10 Euro Bonus zurück. Für jeweils 5 Euro Umsatz habe ich ein Märkchen bekommen. 50 Mal habe ich selbiges in das Heftchen eingeklebt. Und nun ist es also voll.

Es ist Einkaufssamstag. Auch wenn ich bei diesem meinem „local dealer“ Stammkunde bin, heute habe ich ausnahmsweise dort nichts zu besorgen. Aber der Laden liegt auf dem Weg, ich springe mal eben hinein und sage freudestrahlend: „Guten Morgen, ich hätte gerne 10 Euro!“ Ein ungewöhnlicher Wunsch, wenn man sonst eigentlich sein Geld da lässt.

Die Dame hinter der Theke kennt mich sehr gut, weiß dass ich regelmäßig hier einkaufe.

„Tut mir leid!“ sagt sie reserviert, „das ist nicht vorgesehen. Nur wenn Sie etwas einkaufen, werden die 10 Euro verrechnet.“

Ich sehe die Dame verstört, fassungslos, entsetzt an, entbiete den Tagesgruß, und denke, dass das nicht wahr sein darf. Da habe ich jetzt für 50 Mal 5 Euro macht 250 Euro, und zwar mindestens, hier eingekauft. Da habe ich mir regelmäßig verkniffen, meine Einkäufe in der großen Stadt zu tätigen. Da bin ich der Dame persönlich bekannt, glaube, ein guter und gern gesehener Kunde zu sein.

Es geht mir gar nicht um die blöden 10 Euro. Die werden beim nächsten Einkauf mit Sicherheit eingelöst werden.

Es geht mir um die Geringschätzung, die ich als Kunde erfahren habe.

Diese idiotischen Rabattmärkchen hat irgendein cleverer Marketingexperte erfunden, um dann dem Einzelhandel sicherlich etwas von „Kundenbindung“ vorzuphrasen.

Ich glaube, diese Kundenbindung ist soeben kaputt gegangen. Werde in Zukunft kaufen, wo es mir beliebt. Und mir wird es wohl egal sein, ob der Händler um die Ecke überlebt.

Und die Moral von der Geschicht‘: Wenn es diese blöden Märkchen nicht gäbe, hätte mein Umdieeckehändler nicht diese Gelegenheit gehabt, mir das Gefühl der Geringschätzung zu geben.

Und noch eins: Ja, ich bin zu recht so behandelt worden. Steht doch drauf auf dem Heftchen, im Kleingedruckten: Keine Barauszahlung möglich.

© Ulf Runge, 2008

Einkaufswägelchen

20. September 2008 18 Kommentare

Leben 313– Samstag, 20.09.08

Einkaufswägelchenausgeladenhabenderweise stehe ich in der Mitte zwischen zwei Parkplätzen für genau selbige Schiebegelegenheiten. Kann mich fast nicht entscheiden, wohin ich es rückgabehalber rollen soll. Zum Parkplatz direkt am Eingang des Supermarktes? Oder in die entgegengesetzte Richtung zum anderen?

Merke, dass ich mir selber im Weg stehe. Bin so erzogen, dass ich die Sachen dorthin zurückbringe, wo ich sie weggenommen habe. Also zum Eingang und die geliehene Sache dort wieder abstellen. Ganz brav.

Wo mein Konflikt ist? Da gibt es den freundlich grüßenden Herrn, der den ganzen Tag (fast) nicht anderes tut, als Wägelchen aufzuräumen. Soll ich seinen Arbeitsplatz riskieren, bloß weil es auf einmal nichts mehr aufzuräumen gibt?

Und so stehe ich hier, und trau mich nicht.

Trau mich nicht, das Wägelchen meinen Normen entsprechend zurückzustellen.

Trau mich nicht, das benutzte Papiertaschentuch eine anderen, unachtsamen Mitmenschen vom Eisenbahnwaggonfußboden aufzuheben und in den seinerzeit für Zigarettenkippen gedachten „Aschenbecher“ zu werfen, wohl wissend, dass von Fahrgästen sauber gehaltene Züge weniger Reinigungspersonal benötigen.

Trau mich nicht, keine Rabattmärkchen an der Supermarktkasse einzufordern, weil sonst die Rabattmärkchendruckereimitarbeiter nichts mehr zu tun haben.

Trau mich nicht, nicht zu tun, was alle tun, weil sonst das System zusammenbricht.

Merke schließlich, dass ich immer noch hier stehe mit meinem Einkaufswägelchen. Halte ein weiteres Mal inne, schließe die Augen, stelle mir vor, dass jetzt alle ihr Wägelchen dorthin zurückbringen, wo sie es hergenommen haben. Dass ein Drecktaschentuch am Fußboden, noch bevor es von einem zweiten Augenpaar erblickt wird, von den Händen des ersten bereits entsorgt ist.

Träume davon, dass das Reinigungspersonal nicht mehr dafür bezahlt wird, vermeidbaren Schmutz zu beseitigen. Sondern dafür, dass es freundlich durch die Weltgeschichte läuft und sich bei den umweltreinhaltenden und wägelchenzurückschiebenen Mitmenschen für ihr Wohlverhalten bedankt.

„Darf der weg?“ weckt mich eine zuvorkommende Stimme, fragt mich, ohne es wirklich auszusprechen, ob ich denn auch ein Geldstück in den Schlitz gesteckt habe. Entreißt mir sanft den leeren Wagen, drückt mir lächelnd ein Eineurostück in die Hand.

© Ulf Runge, 2008

Rimmersbach

16. September 2008 22 Kommentare

Leben 312– Dienstag, 16.09.08

Ein Kurzwochenende mal woanders. Dort, wo einen die heimische Arbeit nicht andauernd anstarrt. Urlaubsstimmung. Das Wetter ist nicht unbedingt so, dass man vor die Tür möchte. Gut, dass man drinnen auch was miteinander machen kann.

Etwa Stadt-Land-Fluss. Nach einigen leichten Runden, die immer unentschieden ausgehen, wird das „J“ aufgerufen. Heftiger Protest von Jugendseite. Nicht nur das „J“, auch das „Q“, „X“, „Y“ und „Z“ fallen dem Bannstrahl zum Opfer. Wie soll die Jugend je die Existenz der Stadt Zons lernen, wenn nicht durch dieses Spiel? Heute wird auf jeden Fall nichts daraus.

Wir sind sehr kreativ mit unseren Wortfindungen und haben unseren Spaß dabei. Die erste Spielrunde, deren Ende am Ende eines A4quer-Blattes erreicht ist, wird uns gutgelaunt, aber unentschieden in Erinnnerung bleiben.

Wir vereinbaren einen zweiten Durchgang. Nach wenigen Buchstaben liege ich hoffnungslos zurück. Gebe mich innerlich schon geschlagen. Kann aus Gründen der Gerechtigkeit, jeder soll gleich viele Buchstaben sagen dürfen, noch herausschinden, dass der Rest des Blattes nicht nur für einen letzten Buchstaben reicht, sondern für zwei. Winziger Hoffnungsschimmer bei mir; so gehen wir also in den vorletzten Buchstaben hinein.

„R“ ist angesagt. Ich schreibe in Nullkommanix Regensburg, Rumänien, Regen, Rudolf, Ratte, Radiosprecher, Radieschen, Riyanna (für Promi) und „Rudi will’s wissen“ (für Sendung/Film) runter. Ich höre mich schon „Fertig!“ sagen, als ich zu ahnen beginne, dass die Sendung wahrscheinlich „Willi will’s wissen“ heißt, aber egal, mal sehen.

Überraschte Augen sehen mich entsetzt an ob des hohen Tempos, das ich jetzt vorgelegt habe.

„Rimmersbach“ sagt die Stimme mir gegenüber. „Rimmersbach?“, frage ich. Was denn das sein soll, will ich wissen. So’ne Stadt gebe es doch gar nicht. Doch, die habe sie schon mal gehört, sagt mein Nichtverlierenwollendes Gegenüber. „Rimbach, okay!“ sage ich. Das habe sie vermutlich auch gemeint. Und fahre fort: „Aber nicht geschrieben. Also Null Punkte!“ Rimmersbach habe sie schon gehört. Das MÜSSE es geben. „Gibt es aber nicht. Null Punkte!“ Ich bleibe hart, drohe mit Spielabbruch, erkläre mich zum Sieger, mindestens zum moralischen, weil ich es ja gar nicht nötig habe zu fuschen.

Ich solle sofort in Gugelmäppz nachgucken. Dann könne man das beweisen, dass es Rimmersbach gibt. Ich könne hier nicht ins Netz, sage ich. Ich solle es doch mal versuchen. Ich hätte das schon versucht, aber für den Zugang bräuchte ich ein Kennwort, das vermutlich Geld kostet.

Wir werden das zu Hause aufklären. Moralisch überlegen breche ich das Spiel ab, stelle in Aussicht, dass ich „sobald nicht wieder“ Stadtlandfluss mit ihr spielen werde. (Wahrscheinlich erst heute Nachmittag. Und das „R“ wird dann auch ausgeschlossen, darauf bestehe ich.)

Und dann setze ich noch eins obendrauf. Mit Bielefeld sei das damals auch so gewesen wie jetzt mit Rimmersbach. Bielefeld habe es früher auch nicht gegeben. Bis dann jemand behauptet habe, es gebe doch Bielefeld. Was natürlich alle als Fantasieprodukt abgetan haben. Aber immer mehr Leute hätten angefangen zu behaupten, dass es Bielefeld doch gibt und die seien alle dorthin gezogen, wo man behauptet habe, dass es dort liege. Und seitdem die alle da sind, gibt es Bielefeld.

Jetzt müssen wir nur noch festlegen, wo denn bitteschön Rimmersbach liegen soll…

(Und ich hoffe mal, dass ähnlich wie bei Bielefeld seinerzeit, irgendein Gugelmäppz-Programmierer diese Geschichte rechtzeitig liest und dort, wo Rimmersbach eventuell doch liegt, ein schönes, dickes, fettes Waldstück hineinprogrammiert…)

© Ulf Runge, 2008

Hinweis: Eine weitere Stadtlandfluss-Geschichte auf diesem Blog findet sich hier.

Morgenlied

15. September 2008 16 Kommentare
Herbststimmung

Herbststimmung

Foto: © Paul-Georg Meister / PIXELIO

Leben 311– Montag, 15.09.08

Morgenlied

Schweinehund, Du inn’rer, Du,
gerne hör ich Dir jetzt zu,
viel zu kalt und viel zu nass,
sagst Du, sei es auf der Straß‘.

Bleib doch liegen, rät’st Du mir,
gegen Dich ich fast verlier,
doch dann denk ich mir „Na und!“,
abhärten, das sei gesund!

Schwanke hin und schwanke her,
ach wie gern im Bett ich wär,
und so tret‘ ich in den Regen,
tu im Nieseln mich bewegen.

Morgenluft, Du frische, Du,
munter machst Du mich im Nu,
spür das Blut in meinen Adern,
will nicht mit dem Wetter hadern.

Kehre heim und bin verwandelt,
hab mich mit dem Tag verbandelt,
lass mich heut nicht unterkriegen,
werde fliegen, werde siegen.

Selbst im Fall von Niederlagen
denk‘ ich nicht mehr ans Verzagen.
Schweinehund, Du inn’rer Du,
Dir hör ich heut nicht mehr zu.

© Ulf Runge, 2008

Gucken

14. September 2008 12 Kommentare

Leben 310– Sonntag, 14.09.08

Gucken.

Ich guck gerne.

Andere gucken macht mir Spaß.

Guck gerne andere andere gucken.

Guck gerne ihr entdeckt werdendes Gesicht.

Manchmal werde auch ich beim gucken geguckt.

Dann guck ich aber.

© Ulf Runge, 2008

Herr Kei und die Ratten

14. September 2008 1 Kommentar

American Star

American Star

Foto: © Steuermann / PIXELIO

Leben 309– Sonntag, 14.09.08

Herr Kei und die Ratten

Zukunftsangst lag in der Luft. Und das Gerücht, in der Abteilung habe schon wieder jemand gekündigt. Da spricht ein Kollege zu Herrn Kei: „Ja, ja, die Ratten verlassen das sinkende Schiff!“ Worauf dieser entgegnet: „Es muss anders heißen: Die stärksten Ratten gehen zuerst!“

© Ulf Runge, 2008

Weitere Geschichten vom Herrn Kei finden sich hier.

Festnacht

10. September 2008 30 Kommentare

Leben 308– Mittwoch, 10.09.08

Prolog Nummer 1:
Vorab möchte ich mal mein aufrichtiges Bedauern ausdrücken. All denen gegenüber, die nachts nicht einschlafen können. Keine Ruhe, keinen Schlaf finden. Ich selber bin glücklicherweise anders gestrickt. Lege mich hin. Drehe mich um. Schlafe.

Prolog Nummer 2:
Wenn man in „zentraler Lage“ wohnt, bedeutet dies entweder, dass man rund um die Uhr auf eine lärmendes, stinkendes Autobahnkleeblatt blickt oder man 24 Stunden am Tag Zugverkehr in den Ohren hat; nächtens vorwiegend Güterverkehr. Wir wohnen auch in „zentralerLage“. Gücklicherweise aber nur in Bezug auf das Festgelände unserer Gemeinde. Will heißen: Drei Gehminuten. Will sagen: Drei Hörsekunden.

Prolog Nummer 3:
Ein Fest ist eine ausgelassene Veranstaltung mit viel Musik, Kirmeskrach, zerbrochenen Glasscherben und beschwipsten Mitmenschen. Je mehr der Tag der Nacht weicht, um so schneller wird aus dem Geräuschpegel eine nächtliche Ruhestörung. Spätestens ab 11 Uhr nachts. Oder wenn’s zwölfe schlägt.

Kurzgeschichte:

Es ist nachts um eins. Hundemüde gehen wir ins Bett. Der dritte und letzte Abend des Festes ist immer noch im Gange. Deshalb beschließen wir, ausnahmsweise die Fenster geschlossen zu halten und diese Nacht auf Frischluft zu verzichten zu Gunsten ungestörter Nachtruhe. Wir wünschen uns eine gute Nacht. Ich fange an einzuschlafen. Bin eigentlich schon weggedöst.

„Wann die wohl Schluss machen?“

„Heut ist der letzte Abend, da werden die wohl noch ein bisschen spielen wollen“, antworte ich von ganz weit weg.

„Rosenberg. Die spielen Marianne Rosenberg!“

„Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür“ krächze ich im Liegen vor mich hin. Beende meinen Sekundenschlaf. Und grins mir einen.

„Udo Jürgens. Die spielen Udo Jürgens.“

„Was denn, ich kann’s gar nicht hören.“ Ich gehe zum Fenster, weil die Ruhestörung nicht laut genug ist, und öffne es. Ja, die spielen Udo Jürgens. Ich lege mich wieder hin.

Wie gesagt, ich lege mich hin, und weg bin ich. Normalerweise. Daran ist gerade nicht zu denken, solange wir hier Schlagerraten spielen.

„Aber bitte mit Sahne!“ höre ich neben mir sagen.

Sekunden später: „Du, die spielen ein Medley.“

„So, was kommt denn jetzt? Ein ehrenwertes Haus?“ rate ich mal so, um vielleicht auch mal was zu sagen.

„Tatsache! Die spielen wirklich ‚Ein ehrenwertes Haus‘!“

„60 Jahr und kein bisschen weise!“ erfinde ich jetzt kecker Weise.

Neben mir höre ich „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.“ Und erkenne nun auch, dass die akustischen Schwebeteilchen um mich herum aus diesem Lied herausgebröselt sein müssen.

Nein, 17 Jahr, blondes Haar, wird nicht mehr gespielt, der Medley ist vorbei.

„Die spielen nichts mehr, oder?“ sagt eine müde Stimme neben mir.

Zum Antworten komme ich nicht mehr, flache Atemgeräusche verkünden, dass ich jetzt noch ein bisschen mit mir selber reden könnte. Oder schlafen.

Wie gesagt, ich lege mich hin, und weg bin ich. Normalerweise. Okay, das Schlagerraten spielen ist vorbei. Aber an Einschlafen ist nicht zu denken.

Es ist VERDAMMT LEISE hier, draußen und drinnen. Wie soll ich da einschlafen? Zähle Schäfchen. Gehe noch mal aufs Klo. Lege mich hin. Und weg bin ich … immer noch nicht.

Stelle mir vor, ich würde jetzt schlafen und mir beim Schlafen zugucken.

Stelle mir vor, ich würde jetzt aufstehen und diese Geschichte schreiben.

Stehe auf. Schreibe diese Geschichte.

Ich lege mich hin, und … an Schlaf ist nicht zu denken.

Ich stelle mir vor, ich sei hundemüde und sei gezwungen mich wachzuhalten. Fahre seit dreißig Stunden Auto. Nee, das geht ja nun auch nicht. Ich muss ja immer wieder raus zum Tanken…

Wie die Autofahrt geendet hat, weiß ich nicht. Nur wann: Es muss gegen 4 gewesen sein.

© Ulf Runge, 2008

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 257 Followern an