Jeder Abschied ist wie ein kleiner Tod, heißt es …

Leben 296 – Donnerstag, 21.08.08

Jeder Abschied ist wie ein kleiner Tod, heißt es …

Ob wir nun die Kleinen im Kindergarten abliefern und darauf hoffen, dass sie nicht von der Schaukel fallen, ob die Größeren sich zum Schulbus verabschieden und wir nichts mehr wünschen, als dass die Fahrt unfallfrei bleibe, ob unsere liebsten zum Spaziergang oder auf eine Reise verabschieden, immer beten wir inständig, es möge ein Wiedersehen geben.

Und dann blickt uns diese Fratze von Flugzeugunglück aus den Nachrichten an, und wir fühlen mit den Angehörigen, bangen, dass wir selber keine selbigen sind, denken uns, dass wir besser nicht fliegen sollten, nicht eisenbahnfahren, nicht das Haus verlassen, bleiben, wo wir sind.

Greifen zur Statistik. Sagen uns, wie sicher und wohlbehütet unser Leben ist. Statistisch.

Und dann stellen wir uns bisweilen die Frage, ob wir uns heute früh oder gestern oder wann auch immer denn so voneinander verabschiedet haben, dass es das letzte Mal gewesen sein hätte dürfen.

Und denken uns, dass wir das beim nächsten Wiedersehen und erst recht beim Verabschieden berücksichtigen wollen.

Wenn denn jeder Abschied wie ein kleiner Tod ist, was ist denn dann das Wiedersehen? Und? Ist unsere Vorfreude so groß wie bei einer „kleinen Geburt“?.

Einen schönen Tag mit wenig kleinen Toden und vielen kleinen Geburten wünschen ich meinen Leserinnen und Lesern.

© Ulf Runge, 2008

P.S.: Auch Blogger freuen sich über kleine Geburten… 🙂

17 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mamü sagt:

    Vielen Dank, lieber Ulf.

    Ich erlebe ihn fast jeden Tag, den „kleinen Tod“. Jedes Mal hoffe ich, dass mein Schatz heile im Büro ankommt und heile wieder nach Hause kommt. Er hat einen Weg von ca. 80 km einfache Strecke. Das meiste ist Autobahn. Wie schnell ist da was passiert. Ich finde es wichtig, dass man sich immer lieb voneinander verabschiedet und möglichst niemals im Streit auseinandergeht. Na ja, wenn man sauer ist, vergisst man das schon mal 😦 , aber wir geben uns Mühe, es so zu handhaben. 😀

    Denn manchmal geschieht leider das Unfassbare auf dieser Welt, dass man einen Menschen das letzte Mal lebend sieht.
    Eine schreckliche Vorstellung, die jederzeit real werden kann.
    Nicht aus dem Haus gehen hilft da auch nicht. Denn es gibt so viele andere Dinge die im Haus passieren können. Herzinfarkt (auch jüngere Menschen), Schlaganfall, Treppe runterfallen, das Haus bricht zusammen, der Heizkessel explodiert…

    Ein schöner Beitrag, der zum Nachdenken anregt.

    „Wenn denn jeder Abschied wie ein kleiner Tod ist, was ist denn dann das Wiedersehen? Und? Ist unsere Vorfreude so groß wie bei einer „kleinen Geburt“?.“
    Nicht immer, Ulf, weil wir glauben, dass es selbstverständlich ist, aber manchmal… ja, manchmal ist es doch so, dann ist das Wiedersehen eine „kleine Geburt“. 😀

    Liebe Grüße,
    Martina

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  2. Ulf Runge sagt:

    Liebe Martina,

    schön, dass Du Dich in diesem Beitrag wiederfindest.

    Das mit dem „im Haus bleiben“ ist natürlich überspitzt.
    Du hast vollkommen recht, dass ein Unglück uns überall
    treffen kann.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  3. zauberliebe sagt:

    Lieber Ulf,

    ein Thema, das mir auch sehr präsent ist … mir – im positiven Sinne! – bewusst zu sein, dass jeder Abschied der letzte sein könnte. Und deshalb wenn es irgendwie geht niemals im Streit auseinandergehen – sondern im Gegenteil möglichst liebevoll 🙂

    Liebe Grüße … Ulrike

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  4. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, ein schöner Beitrag zu einem traurigen Thema. Ja man hält inne, versucht wieder „bewusst“ zu sein im Strom des Alltages, wenn man solche Nachrichten liest. Natürlich übertreibst Du extra, wenn Du sagst, man darf nicht mehr aus dem Haus gehen, denn ich bin überzeugt, wenn meine Zeit gekommen ist, würde mich als „Immer-Zuhause-Bleiber“ mein Schlafzimmerschrank erschlagen oder ich würde die Treppe runterstürzen oder wie auch immer… Deshalb lasse ich mich von solchen Ereignissen gerade NICHT in meinem Leben einschränken, sondern geniesse es BEWUSST.

    Lebens-frohe Grüsse Andrea

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  5. Ulf Runge sagt:

    Liebe Ulrike,

    wenn man so bewusst miteinander umgeht, wie Du es beschreibst,
    dann ist es fast schon ein „Selbstläufer“, dass man selbst in
    schwierigen Situationen nicht so ganz ungeklärt voneinander
    gehen möchte.

    Sondern möglichst liebevoll, genau!

    Liebe Grüße an Dich und den Niederrhein,
    Ulf

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  6. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    wenn ich an die tägliche Betriebsamkeit denke, mit der wir alle unterwegs sind,
    dann tut es ab und zu gut, inne zu halten, und darüber nachzudenken,
    wie wir denn in „Standard-Situationen“ miteinander umgehen, wie BEWUSST wir
    miteinander sind.

    Genau hierzu wollte ich anregen. Danke.

    Liebe Grüße an Dich und den Silvaplanasee,
    Ulf

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  7. tshalina sagt:

    Wir (d.h. 4 Freunde und ich) fuhren im November des Jahres 1996 auf einer Landstraße zur nächstgelegenen Disko. Eine innere Stimme sagte mir, als wir los wollten, dass ich besser zu Hause bleiben sollte. Am fraglichen Tag war schon einiges schief gelaufen. Ich hatte etwas zerbrochen, eine schlechte Note in der Schule kassiert und mich mit meiner Mutter gestritten. Ich fuhr dennoch mit den betreffenden Personen an diesem Abend los. In einer Kurve, kurz vor dem Ziel, versagte die Lenkung des VW. Wir fuhren mit knappen 60 km/h nicht leicht rechts, sondern geradeaus. Das Auto traf frontal in den Graben, überschlug sich irgendwie und kam am Ende auf der Seite (Fahrerseite) zum Erliegen. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis irgendwer sich zu regen begann. Es waren gefühlte Stunden. Ich saß hinten in der Mitte. Ich war angeschnallt. Ich entledigte mich des Gurtes und kletterte mit Tränen in den Augen über die Beifahrerin aus dem Auto. Dort hockte bereits das Mädel, dass zu meiner Rechten gesessen hat. Wir zwei hatten bis auf blaue Flecke und einen heftigen Schrecken nichts abbekommen. Die Beifahrerin verstarb, sowie der Junge zu meiner Linken, noch am Unfallort. Der Fahrer hatte schwere Verletzungen und hat sich knappe 2 Jahre später umgebracht – wieder mit einem Auto, diesmal nur gegen einen Baum. Es weiß keiner, ob er mit der Schuld nicht klar kam, die ihn eigentlich ja gar nicht allein zustand. Er hatte das Auto warten lassen, war ordentlich gefahren…was ich sagen will? Ich habe im Krankenhaus angekommen meine Eltern angerufen, damit sie mich abholen. Ich habe geweint. Meine Mutter weinte noch viel mehr. Wir hatten ja gestritten. Sie beteuerte, dass sie sich so verhalten hätte. Warum? Weniger weil ich Recht hatte, sondern viel mehr, weil sie meinte, wäre ich auch gestorben, dann hätte sie sich nicht mehr bei mir entschuldigen gekonnt. Sie hätte nicht gewußt, ob sie mit dieser Schuld hätte leben wollen. Seither bin ich bemüht Streitigkeiten zu vermeiden. Ich versuche solche, wenn sie sich nicht vermeiden lassen, sofort aus dem Weg zu schaffen. Wer weiß, ob man später noch mal die Gelegenheit dazu bekommen wird. Ich möchte, wenn jemand stirbt, nicht am Grab stehen und mein schlechtes Gewissen beweinen! Mir tun die Angehörigen einer solchen Katastrophe sehr leid – das mal so am Rande zum Flugzeugabsturz, der einen im Moment als Topthema in den Medien rund um die Uhr präsentiert wird.

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  8. Sicht-Feld sagt:

    Hallo Ulf,
    mir gefällt Dein Text sehr, und ich kann vieles darin wieder erkennen, was mich bewegt. Vor allem, seit ich meine kleine Tochter habe, erlebe ich solche kleinen Tode besonders oft.
    Seit ich vor Jahren einen sehr guten Freund verloren habe, lebe auch ich bewusster und versuche mich von den Menschen, die mir etwas bedeuten, immer mit einem guten Satz zu verabschieden und gute, liebevolle Gedanken über sie zu haben. Das gelingt natürlich nicht immer, aber doch meistens.
    Ich denke, am wichtigsten ist es, dass zwischen zwei Menschen (in welcher Verbindung auch immer) die Basis stimmt – dass man weiß, dass man dem anderen etwas bedeutet. Dann fallen zwar Abschiede oft schwer, aber dennoch kann man die Distanz mit einem guten, sicheren Gefühl im Bauch bewältigen.
    Danke für den schönen Gedankenanstoß!
    Liebe Grüße,
    Mareike

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  9. Ulf Runge sagt:

    Liebe Tshalina,

    danke, dass Du uns an diesem für Dich einschneidenden Erlebnis teilhaben lässt.
    Dein Bericht geht mir sehr nah.

    Genau das Fazit, das Deine Mutter und Du daraus geschlossen haben,
    nämlich dass man unbedingt vermeiden sollte, im Unguten voneinander zu gehen,
    das habe ich mit meinem Beitrag zu adressieren versucht.
    Danke, dass Du zugelassen hast, dass ich Dich hiermit an diesen schrecklichen
    Unfall von damals erinnert habe.

    Liebe Grüße an Dich und in den Norden,
    Ulf

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  10. Ulf Runge sagt:

    Liebe Mareike,

    ich freue mich, dass Du Dich von dem Beitrag angesprochen fühlst.

    Das ist ein schöner Vorsatz, den Du hier von Dir preisgibst:
    Die verabschiedete Person mit einem netten (gesprochenen) Wort zu
    beglücken. Und wenn es dafür nicht mehr gereicht hat, dann wenigstens
    liebevolle Gedanken hinterher zu schicken…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  11. Wally sagt:

    Lieber Ulf

    Von dem Tag an, als mein Sohn seinen Motorroller bekam und fahren durfte, bin ich täglich „tausend Tode gestorben“ während er unterwegs war, und fühlte mich immer wie „neu geboren“, wenn er heil wieder nach Hause kam. Von da an, als er einen Unfall mit dem Roller hatte, bin ich täglich noch ein bißchen mehr gestorben, denn der Schock saß tief, dass hätte Schlimmeres passiert sein können, die Angst war groß, dass jederzeit Schlimmeres passieren könnte.

    Mittlerweile ist er 18 Jahre alt, fährt nicht mehr mit dem Roller, sondern mit dem Auto. Die Ängste sind nun bei mir nicht mehr so vorherrschend, er kann sehr gut Auto fahren, aber dennoch, das eigene „Sterben und Geboren werden“ lässt nicht nach, begleitet mich weiterhin durchs Leben. Begleitet im Geiste meinen Sohn, meine Tochter, meine Eltern und Familie auf all ihren Wegen, hat mich wohl immer begleitet, nur dass ich es früher nie so ernsthaft wahrgenommen hatte…

    Ein sehr nachdenklich machender Text, Ulf! Danke für deine Gedanken. Sie haben meine eigenen zum Laufen gebracht.

    Liebe Grüße
    von Wally

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  12. Ulf Runge sagt:

    Liebe Wally,

    ich kann das voll nachempfinden mit dem Rollerfahren.
    Gut für Euch, dass damals nichts Schlimmeres passiert ist.

    Mit meinem Beitrag wollte ich genau das bewusstere Empfinden für die
    Situation des täglichen Abschieds voneinander befördern;
    genauso wie Du das jetzt auch interpretiert hast.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  13. Maria H sagt:

    Lieber Ulf!

    Dieses bewusste Empfinden auch tatsächlich täglich zu leben wäre schön!
    Leider frisst uns der Alltag und die Gewohnheit auf. Wir verfallen in einen alltäglichen Trott.
    Aufstehen, Arbeiten, Essen, Schlafengehen. Und wieder von vorne. Der eine macht sich wenige Gedanken darüber, der andere mehr. Ich habe mich oft am Ende eines Tages gefragt, was war denn heute noch ? Haben wir uns umarmt?,beim Abschied heute morgen, oder beim nach Hause kommen?
    Und dann schlägt das Schicksal zu und es ist zu spät um etwas nachzuholen.
    Es ist ein großer Trost wenn man am Ende sagen kann….wir haben alles richtig gemacht, nichts versäumt!

    Ich hoffe dass ganz viele Menschen Deinen Beitrag gelesen haben und noch lesen werden, so wie ich. Und dass sie sich das zu Herzen nehmen und versuchen diese Empfindungen in ihren Alltag einfliessen zu lassen.

    Liebe Grüße
    Maria

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Maria,

      danke für Deine lieben Worte.
      Denen mag ich gar nichts hinzufügen.

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  14. Ein wunderbarer Gedanke, lieber Ulf, das mit der „kleinen Geburt“. Darf ich den bei Gelegenheit in meinem Blog aufgreifen?

    Danke und alles Liebe,
    Jürgen

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  15. Ulf Runge sagt:

    aber hallo, lieber jürgen, natürlich „darfst“ du das. die gedanken sind frei…
    lg ulf

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    1. Herzlichen Dank! In einer Zeit, in der man Menschen ganz leicht finanziell ruinieren und politisch ins Aus stellen kann, weil sie irgendwann einmal Gedanken noch einmal gedacht haben, die vorher schon einmal irgendwo aufgeschrieben wurden, sprichst Du ein großes Wort gelassen aus. „Die Gedanken sind frei!“ Das sehe ich auch so. Und nach ein paar tausend Jahren Geistesgeschichte grenzt es auch schon an ein Wunder, wenn wir etwas sagen, das ähnlich noch nie gesagt wurde – jedenfalls, wenn wir uns mehr im philosophisch-allgemeinen Bereich bewegen. Natürlich werden täglich „neue“ Dinge erfunden und immer wieder gibt es angebliche „neudeutsche“ Wörter, die bei genauer Betrachtung schlicht und einfach nur englisch sind. 😉

      Am Samstag habe ich geschrieben: „Jeden Tag wird ein Teil von mir geboren.“ Auch das ist ein Aspekt, wenn wir von „kleinen Geburten“ sprechen. Und wenn ich später Ulrike wecke, werde ich mir einmal vorstellen, ich sähe sie zum allerersten Mal – was ja auch so ist, denn „wir steigen nie in denselben Fluss“. Sie ist eine andere, ich bin ein anderer, der Augenblick ist ein anderer. Alles ist neu! Ein neuer Tag – ein neues Leben!

      Alles Liebe,
      Jürgen

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