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Archive for August 2008

Ein indiskretes Stöckchen

29. August 2008 21 Kommentare
Leben 302– Donnerstag, 28.08.08

Noch ein Stöckchen. Also gut. Danke, Dori.

Ray hatte es ihr zugeworfen, welches er von Luiza bekommen hat; die hat es wiederum von Rufus aufgefangen.

Das Stöckchen nennt sich indiskret, weil es Fragen stellt, die „man“ nicht stellt, die also sozusagen unter Tabuschutz stehen. Nun, dann wollen wir mal sehen, auf was ich mich denn hier einlasse.

Dem Stöckchen sind Regeln mitgegeben, die ich hier allererst einmal zitiere:

  • Aussuchen, wen man aushorchen möchte.
  • Eine Frage überlegen, was man von dem Jeweiligen schon immer wissen wollte, und ist es auch noch so indiskret – also Vorsicht an die Beworfenen.
  • Holz (mit einem Trackback) sorgsam dort ablegen.
  • Ach, ja und natürlich die Frage, die man selbst gestellt bekommen hat, mehr oder weniger ausführlich beantworten, wenn man darüber sprechen mag/kann/darf.

Dori hat mir die Frage gestellt:

Wann schläfst Du eigentlich? Wenn ich sehe, zu welchen Uhrzeiten Du schreibst und kommentierst, bin ich zutiefst beeindruckt.

Meine Antwort lautet: Ältere Menschen brauchen nicht so viel Schlaf, liebe Dori. Wobei ich mal offen lasse, was „älter“ bedeutet und erst recht, was ich mit „nicht so viel“ gemeint haben könnte.

Aber im Ernst, wenn man schreibt, verfliegt die Zeit wie im Flug. Und plötzlich ist es 1 oder 2 Uhr nachts. Und dann will man auch noch lesen, was die anderen schreiben, und schlussendlich möchte ich noch die eine oder andere Anmerkung von mir geben.

Nicht erwähnt werden sollen hier die Nächte, in denen man mich des Morgens schlafend und zugleich vor dem Laptop sitzend vorgefunden hat. Nicht erwähnt werden sollen hier die Nächte, in denen man nur deshalb nach mir im Morgengrauen gefahndet hat, weil das Schnarchen vorm PC die Nachtruhe der Restfamilie negativ beeinflusst hat.

Da es doch einen gewissen Raubbau am Körper bedeutet, wenn man nur drei bis vier Stunden in der Nacht schläft, auf Dauer, bin ich inzwischen wieder soweit, dass ich mir jede Nacht sechs Stunden Schlaf vornehme und unter fünf Stunden Schlaf auch nicht aufstehe. Und wenn mir dann noch eine Restportion Augenpflege fehlt, hole ich mir diese dann auf der Zugfahrt in die große Stadt.

Tief beeindruckt? Danke. Allerdings: Ich habe ja kürzlich erst über Herrn von der Fink berichtet. Er kommt seit vielen Jahren mit drei Stunden Schlaf aus, widmet sich nachts seinem menschenfreundlichen Projekt NITYA SEVA. Seine Energie und Ausdauer finde ich in der Tat wesentlich bemerkenswerter als mein frühmorgendliches Kommentieren auf meinen Lieblingsblogs.

Meine indiskreten Fragen an andere Blogger:

Aprikose: Wenn Du ein Tier wärst, als welches würdest am liebsten leben?

Mareike: Wenn Du ein Musikinstrument wärst, als welches würdest Du am liebsten Musik machen?

Martina: Wenn Du ein Fotomotiv wärst, als was würdest Du am liebsten fotografiert werden?

Wally: Wenn Du eine literarische Figur wärst, als welche würdest Du am liebsten geschaffen sein?

© Ulf Runge, 2008

Klorollengedanken

26. August 2008 19 Kommentare

Leben 301– Dienstag, 26.08.08

Nun erlaubt ja die deutsche Sprache Wortschöpfungen wie „Klorollengedanken“, was die ungeneigte Leserin geschweige den selbigen Leser den Verdacht schöpfen lassen könnte, ich wolle behaupten, dass Klorollen ein Eigenleben haben, ja dass sie sogar des Denkens mächtig seien.

Nein, beileibe nicht; der, der hier denkt, bin ich. Denke ich. Es sind meine Gedanken, die sich um unterschiedliche Nutzungsformen von Klorollen drehen.

Nicht erörtert werden soll hier die Entsorgung von Klorollen im schulischen Kunst-, Physik- oder Mathematikunterricht. Klorollen, die man monatelang auf Verdacht aufhebt, ungefähr einmal die Woche abstaubt, für die eine didaktisch wertvolle Unterrichtstunde mit Anschauungsmaterial, zu der die Kids diese Papprollen mitbringen sollen. Wobei die Kiddies ja genau dann krank werden oder das Material zu Hause liegen lassen. Monate des Sammelns, Hütens und Staubabwischens vergebens! Aber wie gesagt, hiervon soll nicht die Rede sein.

Auch nicht von den vermeintlich lustigen Streichen, aufgrund derer man zu den Raus-auf-die-Straße-Anlässen in der Nacht zum 1. Mai oder in der Walpurgisnacht Gartenzäune und Autokarosserien „hübsch“ umwickelt vorfindet.

Es geht hier um die primär angedachte Nutzung von Klorollen in direktem Zusammenhang mit sehr persönlichen Geschäften auf diskreten Örtlichkeiten. Nun gibt es da zwei prinzipiell verschiedene Möglichkeiten, wie denn das Klopapier am Wandhalter befestigt sein kann. Variante 1, ich nenne sie zuerst, ohne sie wirklich (jetzt schon) bevorzugen zu wollen, äußert sich dadurch, dass man das Klopapier von hinten nach oben nach vorne (vhnonv) abwickelt und bei Erreichen der gewünschten Länge an der Perforation abreißt. Variante 2 ist identisch zu Variante 1, außer dass das Papier von hinten nach unten nach vorne (vhnunv) abgerollt wird; ich habe lange darüber gebrütet, ob die Schilderung dieses Sachverhalts einer Illustrierung durch langweilige Toilettenfotos oder durch eine „witzige“ Skizze erfordert. Da ich das Überspielkabel vom Fotoapparat zum PC ebenso wenig griffbereit habe wie ich über hinreichendes Talent zum Menschen-, Tiere-, Pflanzen- oder Klopapierrollenmalen verfüge, verzichte ich also auf diese Ergänzung und hoffe, dass meine in knappe Worte gefasste Beschreibung der beiden Varianten genügen möge.

Es gibt noch eine dritte Variante. Wenn die Rolle leer ist. Bei Variante 3 „vergisst“ die Letztbenutzerin oder der Letztbenutzer, eine neue Rolle einzulegen. Aber auch hiervon soll aufgrund der möglichen Ablenkung vom Kernthema nicht weiter die Rede sein.

Lange Zeit hatte ich geglaubt, es gäbe in sozialen Gemeinschaften (Familie, Büro, oder so) einen unausgesprochenen und ungeschriebenen Konsens, wie denn nun so eine Rolle einzulegen sei. Nämlich, und damit möchte ich meine Leserschaft nicht (mehr als nötig) beeinflussen, Variante 1. Also von hinten nach oben nach vorne (vhnonv).

Jahrelang habe ich in den Kreisen, in denen ich regelmäßig verkehre, diesen Konsens zu spüren geglaubt.

Bis ich letzte Woche meinen Augen nicht traute. Eine falsch rumme Rolle blickte mich keck an. (Variante 2, vhnunv, s.o.) Für einen Augenblick lang wollte ich das oberste Verfassungsgericht einberufen, die Presse alarmieren, ein Tribunal einberufen, verzichtete dann aber doch auf jedwede Spurensicherung, ließ den Tatort unfotografiert, und auch die jederzeit für die Aufnahme von Fingerabdrücken griffbereite Tesafilmrolle blieb ungegriffen.

Für dieses eine Mal wollte ich noch drauf verzichten, aus diesem Thema ein Thema zu machen. Schließlich darf ja jeder mal einen Fehler machen. Einmal. Doch bin ich mir nicht ganz sicher, ob in meinem Umfeld das Unrechtsbewusstsein für diesen Sachverhalt – Verletzung gegen das Wohlbefinden bei Vonhintennachobennachvorne-Abrollern – genügend ausgeprägt ist. Und so frage ich mich, ob ich das Thema nicht mal grundsätzlich diskutieren (lassen) sollte, etwa auf meinem Blog.

Und so frage ich schlussendlich meine lieben Leserinnen und Leser, was ist denn richtig? Von hinten nach oben nach vorne (vhnonv) oder von hinten nach unten nach vorne (vhnunv) ? Und warum? Ja, das wäre mir noch viel wichtiger, wenn ich erfahren dürfte, warum meine Variante (1) die richtige ist. (Oder vielleicht auch nicht…)

© Ulf Runge, 2008

Wellensalat

24. August 2008 4 Kommentare
Radio 90.1 FM

Radio 90.1 FM

Foto: © PIXELIO / Tim Heinrichs-Noll

Leben 300 – Sonntag, 24.08.08

Ort der Handlungen: Ein Auto, 550 km südlich von Hamburg, 270 km nördlich von Basel.

Feststellung: Schwyzerdütsch wird bisweilen für als mit dem Deutschen verwandt gehalten. Woher dieser Aberglaube kommt, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen. Dass besagte Fremdsprache nichts, aber auch gar nichts, mit dem Deutschen zu tun hat, sieht man u.a. bei den „deutschsprachigen“ Nachrichten des Schweizer Fernsehens, bei denen hochdeutsche Untertitel in Interviews mit Schwyzerdütschen eine Ahnung vom Gesprochenen geben wollen.

Zweite Feststellung: (Akustische) Untertitel für Radiosendungen sind noch nicht erfunden.

Zur Sache: Bisweilen fährt die Jugend auch schon mal vorne im Auto mit. Während sie hinten fahrend ihre Anstoßnahme an vermeintlich typischer Grufti-Radiomusik nur verbal zum Ausdruck bringen kann, und gut ist, glaubt die Jugend, vorne beifahrend, sie sei berechtigt, die Senderauswahl aktiv zu beeinflussen.

Sprich: Sie drückt eine andere Programmtaste. Oder den Sendersuchlauf.

Je nach Höhe meiner Toleranzgrenze will ich meine Ruhe oder meine Musik. Das führt dann mitunter zu kleinen Sendetasten-Drück-Kämpfchen. Mitunter gibt der Klügere nach (interessanterweise unbescheidenerweise ich). Bisweilen versuche ich es mit einem autoritären Gesichtsausdruck. Das hält dann vielleicht für einen Musiktitel vor, dann lachen wir uns sowieso schief und schlapp.

So ist das in der Vergangenheit öfter gewesen.

Und fing gestern genauso an. Um dann anders zu enden. Ringo Starr lief im Radio, ich bin nicht unbedingt Fan seiner Solo-Musik, aber beim Hören seiner Titel schwingt ein Hauch von Nostalgie mit, und die genieße ich dann schon mal gerne.

Weg ist er! Der Ringo Starr. Von jugendlichen Fingern weggedrückt. Ich drücke zurück. Da ist er wieder. Das Kämpflein beginnt, wogt hin und her, ich schalte aus. „Dann hören wir halt nichts, wenn wir uns nicht einigen können!“ sage ich freundlich, höflich, bestimmt.

An. Aus. An. Aus. „Das bleibt jetzt aus.“ Ich versuche einen leichten Anflug von Erbostsein vorzutäuschen. Ich will gar nicht Ringo hören. Ich möchte nur ein bisschen Rücksicht.

An. Aus. Und sofort wieder an, aber diesmal war ich es, der angemacht hat, und dabei ganz schnell eine kleine, listige Manipulation vornimmt.

Der Jugend ist es egal, das Radio ist an, und wir fahren friedlich weiter.

Den Sender, der zu hören ist, nimmt die Jugend nicht so wirklich wahr, im Augenblick dominieren auch die Fahrgeräusche. Hauptsache an, mag sie sich denken. An der roten Ampel wird der Sender besser vernehmbar, irgendjemand quatscht da. Die jugendlichen Finger entscheiden sich für einen anderen Sender. Nur Rauschen. Nächster Sender. Rauschen. Erster Sender. Gequatsche. Selbiges entpuppt sich für mich (nicht für die Jugend) als Schweizer Radiosender, in feinstem Schwyzerdütsch, d.h. ich verstehe nichts, aber wenigstens das verstehe ich.

Wir fahren weiter. Was denn das für ein Sender sei, will die Jugend wissen. „Ein Schweizer!“ sage ich, laut schallend in mich hinein lachend. Nun hat die Jugend weder in Physik noch von mir oder von der Sendung mit der Maus bis heute und jetzt irgendetwas über die Reichweite von UKW-Wellen erfahren.

Wir erreichen den Parkplatz, ich will das Radio ausschalten, als die Jugend noch mal nachhakt, was denn mit dem Radio los sei?

In vollem Bewusstsein, dass ich diesen Streich kein weiteres Mal werde machen können, erkläre ich der Jugend, dass ich auf Mittelwelle umgeschaltet habe. Die Jugend wird der beiden mit „M“ und „U“ beschrifteten Tasten gewahr, drückt auf „U“ und alles ist wieder in Ordnung.

Lauthals lachend verlassen wir den Wagen. Und bereiten uns innerlich schon auf die Musikauswahl für die Rückfahrt vor…

© Ulf Runge, 2008

Ein „Blöckchen“ – Ein Blog-Stöckchen – 6 Fragen zum Bloggen

23. August 2008 10 Kommentare

Leben 299– Samstag, 23.08.08

Von Gaba habe ich dieses Stöckchen aufgefangen, die dieses wiederum von Dori zugeworfen bekam. Danke, Gaba, und jetzt lege ich mal los:

Was war der entscheidende Grund, mit dem Bloggen anzufangen?

Ich habe Ende 2006 das Bedürfnis gespürt, dass ich aus meinem Talent, formulieren zu können, mehr machen sollte. Und schrieb innerhalb von weniger als einem Monat 17 (bis heute unveröffentlichte) autobiographische Geschichten von meiner Kindheit bis heute nieder und ließ sie im Copyshop als Weihnachtsgeschenke für meine Familie und engsten Freunde binden. Die Resonanz war freundlich bis bestärkend, so dass ich mir die Frage stellte, wie ich nun weitermachen sollte. Anlässlich meines ersten Poetry Slam Besuchs (noch als Besucher) wurde mir klar, dass, wenn ich hier mal auftreten möchte, dann brauche ich Geschichten. Und mir wurde klar, dass ich nur dann einen wirklich eigenen Stil entwickeln würde, wenn ich regelmäßig schreibe. Zunächst schrieb ich ab und zu in der Wortwerk-Community von openBC (heute XING), und mit Hilfe von Renate Blaes und Ulrike Sennhenn fasste ich den Entschluss, auf Basis von WordPress einen eigenen Blog „aufzumachen“. Mit dem Ziel möglichst täglich, wenigstens aber alle zwei Tage „was zu schreiben“. Was interessiert. Was unterhält. Was meine Leserinnen und Leser (würde ich denn überhaupt welche haben?) dazu bringen würde, zu kommentieren. Seither und bis heute freue ich mich riesig über jeden Meinungsbeitrag, der meine Beiträge erst richtig zum Leben bringt.

Hast du ein Lieblings-Weblog?

Ich habe ganz viele Lieblings-Blogs, eigentlich alle, die in meiner Blogroll aufgeführt sind. Außer meinen beiden o.g. „Hebammen“ möchte ich Andrea prominent erwähnen, mit der ich, glaube ich, bis heute am intensivsten kommentiert habe. Was mich ein bisschen traurig stimmt, dass es mehr erstklassige Blogs gibt, als ich mit hinreichender Passion lesen geschweige denn kommentieren kann. Da ich bisweilen selbst meine Blogroll nicht so pflege wie ich gerne würde, habe ich mir als Minimalziel gesetzt, dass ich in erster Priorität auf die Anmerkungen meiner Kommentatorinnen und Kommentatoren eingehe und dann zumindest die besuche, die mich besuchen. Und manchmal bin ich einfach auch nur spontan…

Welches Weblog hältst du für maßlos überschätzt?

Mit der Frage kann ich nichts anfangen. Wer schätzt denn die Blogs ein? Ich freue mich für jede und jeden, die oder der mit viel Empathie Beiträge publiziert, wenn diese zur Kenntnis genommen werden und wenn dann noch jemand sich dazu äußert. Das ist doch ein schöner Lohn für die Arbeit.


Wenn du noch mal neu starten würdest, was würdest Du ändern?

Inhaltlich nichts. Womit ich noch nicht zufrieden bin, ist die Möglichkeit, in meinem Blog strukturiert ältere Artikel wiederzufinden. Eine hierarchische Baumstruktur könnte da einiges verbessern helfen. Und dann würde ich gerne etwas konsequenter sein und noch mehr Bildchen veröffentlichen, so wie es Andrea tut.

Würdest du noch einmal anfangen?

Ja. Uneingeschränkt ja.

Was ist der Lieblings-Beitrag in deinem Blog?

Beim Kopieren dieser Fragen habe ich versucht, Gabas Antworten nicht zu lesen, um wirklich meine eigenen spontanen Antworten hier zu präsentieren. Leider habe ich nicht vermeiden können, Gabas ersten Antwortsatz zu dieser Frage zu sehen. Eine kluge Antwort, die sie da gibt: „Der gerade aktuelle“ antwortet sie. Das greife ich gerne für mich auf. Auch weil es da ein gewisses Lampenfieber gibt, wie der Beitrag denn wohl ankommen wird, ob jemand kommentiert und was für Anmerkungen ich denn vorfinden werde.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Leserinnen und Lesern für ihre Treue bedanken. Und bei allen Kommentatorinnen und Kommentatoren, dass es uns immer wieder gelingt, selbst bei unterschiedlichen Standpunkten so wertschätzend miteinander umzugehen. Und das schöne ist, dass das auch für die Blogs meiner Kommentatorinnen und Kommentatoren gilt. So machen wir alle zusammen „das Netz“ schöner. Danke.

An wen werfe ich das Stöckchen weiter? An Astraryllis, Martina, Tshalina und Holger. Und an Dich, die oder der Du diesen Beitrag liest und es Dir in den Fingern juckt, Deine Antworten zu diesen Fragen am liebsten gleich jetzt „herunterzuschreiben“.

© Ulf Runge, 2008

Supermarkt-Kassen-Warteschlangen-Gedanken

23. August 2008 12 Kommentare

(den Titel habe ich verbindestricht, sonst kann man am rechten Rand nichts mehr lesen…)

Leben 298– Samstag, 23.08.08

Im Supermarkt. Ich muss etwas sehr lange warten, übe mich aber in Geduld, was bleibt mir auch übrig, soll ich den einzigen von mir erworben werden wollenden Artikel zurücklegen und mit einem verärgerten Tagesgruß den Laden verlassen?

Nein, ich habe viel, sehr viel Zeit, so wie sich das da vorne anlässt mit der Kassenschlange. Ich habe also Zeit und gucke. Und lese die abschreckenden Aufdrucke auf den Zigarettenpackungen. Dass Rauchen tödlich sei, dass man damit sich und andere gefährde, bla bla bla.

Und denke mir: Raucher sind doppelt gefährdet. Einmal durch’s Rauchen.

Dann aber auch durch den Umstand, dass sie permanent diese riesigen Warnungen ignorieren. Müssen sozusagen, sonst wären sie ja keine Raucher. Diese zweite Gefährdung ist für mich der Umstand, dass Raucher so abgestumpft sein müssen gegenüber jede Art von Warnungen, dass ich es wiederum für zwangsläufig halte, dass unsere qualmenden Mitmenschen sozusagen prädestiniert sind für’s Gegendieeinbahnstraßefahren, Imzugschwarzfahren, Überdiebahngleiselaufen, Inderbadewanneföhnen usw. usf.

Und wenn ich dann wieder an der roten Fußgängerampel stehe und sehe, dass fast alle loslaufen, wenn kein Auto mehr kommt, und ich (Depp) (fast) alleine an der roten Ampel stehe, dann sage ich mir, das müssen alles Raucher sein. Oder?

Später bei einem anderen Supermarkt. Auch hier ergibt sich die Möglichkeit, länger als erhofft, an der Kasse zu stehen. (Müssen die denn alle einkaufen, wenn ich unterwegs bin?) Mein Blick fällt auf die Zigaretten. Ich traue nicht ganz dem, was ich da sehe. Zigarettenpackungen gucken mich an, ohne Ende. Aber keine einzige von diesen „Es könnte Ihre letzte sein“-Warnungen.

Wie das? frage ich mich. Ich gehe etwas näher ran, um mich schlau zu machen. Ich erkenne eine Plastikleiste vor den Zigarettenpackungen, die hoch genug und undurchsichtig gehalten ist, um die Warnungen nicht offensichtlich und augenscheinlich zu machen. Da würde mich jetzt schon interessieren, ob der Zigarettenverkauf hier besser läuft als in dem ersten Supermarkt von heute früh…

© Ulf Runge, 2008

NITYA SEVA

21. August 2008 18 Kommentare

Leben 297– Donnerstag, 21.08.08

Sein Zahnweh quälte ihn erheblich, so dass ihm schließlich nichts anderes übrig blieb, als den Weg zum Zahnarzt zu finden. In der Praxis bat man ihn, im Wartezimmer Platz zu nehmen, es könne noch ein paar Minuten dauern.

Zwei Frauen und ein Mann saßen da schon, so dass es nun galt, die zu erwartende Wartezeit sinnvoll zu überbrücken. Aus dem üblichen Ärztewartezimmerzeitungsstapel mit Spiegel, Stern, Focus, Micky Maus, Brigitte und Gesünderlebenzeitschriften fischte er sich seine Lektüre für die nächsten Minuten heraus.

Neben bunten Bildern aus dem Leben der Schönen und Reichen fand er einen Bericht über Armut in Indien. Über die riesigen Slums von Bombay und Kalkutta, über das Siechen und Sterben im Müll. Tief versunken in die Dramatik eines fernen Alltags vergaß er, wer noch vor ihm dran war, warum er eigentlich hier war, spürte tiefen Schmerz in seinem Herzen über das Unglück der Slumkinder, und war auf wundersame Weise schmerzfrei in den Zähnen.

Ein längerer Aufenthalt in dieser Praxis erschien ihm nicht mehr nötig. Statt dessen fasste er einen Entschluss, der sein weiteres Leben bis heute bestimmen sollte. Diese Ungerechtigkeit, dieses Elend, das wollte er nicht länger zulassen.

Obwohl engagiert und ausgelastet in einer verantwortlichen beruflichen Position, entschied er sich, umgehend Indien zu bereisen, die Not dort erkennen zu wollen, wo sie am größten ist.

Wenn die Nächte vorbei waren, dann sah er sie liegen, die toten Leiber verhungerter Kinder, am Straßenrand, unwürdig umgeben von Müll.

Ohne ihre Sprache, ihre gesprochene Sprache zu kennen, setzte er sich nachts zu den einsamen, elternlosen Kindern, und unterhielt sich mit ihnen in der Sprache der Herzen: freundliche Gesten und mitfühlsame Blicke, damit gewann er ihr Vertrauen.

Dabei blieb es nicht. Er organisierte Projekte, um Unterkünfte, später Schulen für Slum- und Ureinwohnerkinder zu bauen.

Er. Das ist Claus D. von der Fink, den kennenzulernen ich gestern das Glück hatte. Ein in sich ruhender, authentischer Mensch, der in der gestrigen Veranstaltung die Herzen der Anwesenden angerührt hat.

Zunächst alleine, später dann gemeinsam mit seiner indischen Frau Asha und ihrer Familie, baute zwei Kinderheime in Bhopal für heute 187 hilfsbedürfte Kinder auf. Und sorgt durch seinen persönlichen Einsatz dafür, dass aus den Kindern junge Erwachsene werden dürfen, für die der Hunger und die Oblachlosigkeit hoffentlich ein Thema der Vergangenheit ist, die nun lernen und sich entwickeln dürfen, die für ihr Leben etwas zurückgewonnen haben, was für immer verloren schien: Eine Perspektive!

Er sei wieder einmal unterwegs gewesen in Deutschland, um Spenden zu sammeln, berichtet Herr von der Fink, vor allem für ein neues, großes Kinderheim, um alle die unzähligen Unterkunft suchenden Kinder aufnehmen zu können. Da klingelt es eines Tages an der Haustür und ein älterer Landwirt spricht ihn auf sein Projekt an, er habe davon in der Zeitung gelesen. Er habe soeben einen Acker verkauft. 100.000 D-Mark habe er für ihn erlöst. Und die wolle er ihm nun geben. Und drückte Herrn von der Fink einen entsprechenden Scheck in die Hand. Bevor der Beschenkte die Situation richtig erfassen konnte, verschwand der Landwirt.

Einem Engel gleich, liegt mir da auf der Zunge.

Herr von der Fink präsentierte mit Freude auch folgende Zahlen: Mit gut 110.000 Euro ist sein Verein in diesem Jahr in der Lage, 187 Kinder mit täglich frisch zubereiteten Speisen, anständiger Kleidung, einem hygienischen Dach über dem Kopf, ärztlicher Versorgung und talentgerechter Schulbildung zu versorgen. Und gleichzeitig 32 Menschen Arbeit zu geben. Und das gespendete Geld kommt 1:1 bei den Kindern an. Die Verwaltungskosten werden aus Mitgliedsbeiträgen von NITYA SEVA e.V. getragen.

Auch wenn Herr von der Fink nicht wirklich ausschließen wollte, dass er Spenden gut gebrauchen kann, war es ihm mindestens so wichtig zu betonen, dass er heute aus anderem Grund da sei: Es komme ihm auf die Botschaft an. Dass jeder von uns etwas tun könne. Dass sich Initiative lohne. Und dass er sich auch freuen würde, noch eine andere Art von Unterstützung bei seinen Projekten zu bekommen, etwa durch persönlichen Einsatz.

Ich hoffe mit diesem Artikel einen winzig kleinen Beitrag zum weiteren Gelingen dieser selbstlosen Arbeit leisten zu dürfen.

NITYA SEVA heißt das Projekt. NITYA SEVA ist Hindi und bedeutet „Beständige, uneingeschränkte Hilfe“.

Ich wünsche Herrn Claus D. von der Fink und seiner Frau Asha, dass das Licht, das sie in die Dunkelheit getragen haben, nicht ausgehen möge.

© Ulf Runge, 2008

Jeder Abschied ist wie ein kleiner Tod, heißt es …

21. August 2008 17 Kommentare
Leben 296 – Donnerstag, 21.08.08

Jeder Abschied ist wie ein kleiner Tod, heißt es …

Ob wir nun die Kleinen im Kindergarten abliefern und darauf hoffen, dass sie nicht von der Schaukel fallen, ob die Größeren sich zum Schulbus verabschieden und wir nichts mehr wünschen, als dass die Fahrt unfallfrei bleibe, ob unsere liebsten zum Spaziergang oder auf eine Reise verabschieden, immer beten wir inständig, es möge ein Wiedersehen geben.

Und dann blickt uns diese Fratze von Flugzeugunglück aus den Nachrichten an, und wir fühlen mit den Angehörigen, bangen, dass wir selber keine selbigen sind, denken uns, dass wir besser nicht fliegen sollten, nicht eisenbahnfahren, nicht das Haus verlassen, bleiben, wo wir sind.

Greifen zur Statistik. Sagen uns, wie sicher und wohlbehütet unser Leben ist. Statistisch.

Und dann stellen wir uns bisweilen die Frage, ob wir uns heute früh oder gestern oder wann auch immer denn so voneinander verabschiedet haben, dass es das letzte Mal gewesen sein hätte dürfen.

Und denken uns, dass wir das beim nächsten Wiedersehen und erst recht beim Verabschieden berücksichtigen wollen.

Wenn denn jeder Abschied wie ein kleiner Tod ist, was ist denn dann das Wiedersehen? Und? Ist unsere Vorfreude so groß wie bei einer „kleinen Geburt“?.

Einen schönen Tag mit wenig kleinen Toden und vielen kleinen Geburten wünschen ich meinen Leserinnen und Lesern.

© Ulf Runge, 2008

P.S.: Auch Blogger freuen sich über kleine Geburten… :-)

Es geschah am hellichten Abend

17. August 2008 8 Kommentare

Leben 295– Sonntag, 17.08.08

Ich wollte gerade mit meinem Hund zum Spaziergang aufbrechen, als ich meinen Augen nicht traute, was ich da schräg gegenüber sah: Zwei Eindringlinge bedrohten jemanden mit der Pistole, schlugen ihm ins Gesicht, drohten ihrem blutüberströmten Opfer, es aus dem Fenster ins Freie zu werfen.

Sie waren so in Rage, dass sie keine lautstärkemäßige Zurückhaltung übten, so dass ich aufgrund der Wortfetzen eine Ahnung davon bekam, dass sie von ihm wohl irgendeine wichtige Adresse haben wollten.

Ich war schockiert und empört über die Brutalität der beiden Verbrecher, als ich hörte, dass da jemand anrief, der Bedrohte aber das Telefon nicht bedienen durfte.

Der Anrufbeantworter sprang an, man hörte die Ansage, dass man jetzt eine Nachricht hinterlassen solle, und dann …

… ja dann, vernahm ich diese Stimme und wusste, alles wird gut!

Am anderen Ende der Leitung meldete sich: MATULA!

Jetzt würde alles gut werden, wusste ich. Matula sprach eine Nachricht auf den Anrufbeantworter, und im Display erschien beim Rechtsanwalt auch seine Handynummer. Und jetzt sah man auch, dass Matula die gesuchte Dame bei sich versteckt hatte. Da in einer so wichtigen Szene Matula immer aufs Klo oder was essen holen muss, damit die Geschichte weitergeht, ging er also mal eben was zum Beißen holen. Profi, wie er ist, lässt er sein Handy der Dame da, damit diese prompt ans Telefon gehen kann, als die Verbrecher die Nummer im Display zurückrufen.

Und was tut die blöde Tussy? Meldet sich! Die Haare stellen sich mir senkrecht! Wobei sie macht es ja nur, weil der Drehbuchautor es so will. Und überhaupt. Ist doch alles nur Kintopp!

Tipp1: Wenn Du Detektiv bist, nimm immer Dein Handy mit. Und alles wird gut.

Tipp2: Wenn Du Dich versteckst, geh nicht ans Telefon, sondern lass mal die andere Partei was „aufs Band sprechen“.

Ich nahm die Leine, und wir hatten einen schönen Spaziergang. Ich wusste, in der Zwischenzeit würde Matula es schon richten. Bis wir wieder zu Hause wären, würde sich alles auf wundersame Weise zum Guten gewendet haben…

© Ulf Runge, 2008

Intravenös

16. August 2008 12 Kommentare

Leben 294– Samstag, 16.08.08

Mein Hund darf mit. Denn, es ist Samstag. Markttag. Zeit, um in der Nachbarstadt Gemüse und Obst zu kaufen, und noch das eine oder andere Geschäft in der Altstadt aufzusuchen.

Wir stellen uns an. Am Ende der Schlange, direkt vor uns, eine junge Dame, vermutlich noch nicht im Führerscheinalter. Sie spricht französisch mit ihrer älteren Begleiterin, die ich jetzt mal als ihre Mutter festlege.

Ich bin im Begriff, meinem vierbeinigen Freund das Kommando „Platz“ bedeuten zu wollen, als sich die junge Dame vor mir umdreht, mich nun nicht wirklich eines längeren Blickes würdigt, sondern gleich ihre gesamt liebevolle Zuwendung und Ausstrahlung meinem Begleiter zuströmen lässt, der sofort in ihrem Bann gefangen ist.

Nachdem sie ihn ein paar Mal liebevoll gestreichelt hat, sieht sich mich nun doch noch ganz freundlich und fröhlich an und sagt in erstklassigem Hochdeutsch, ohne ihre französische Herkunft verbergen zu können, „Ich darf doch?“

An dieser Stelle sage ich immer sehr gerne meinen Standardmonolog, allerdings nur, wenn man mich fragt, ob der beißt, oder so. Worauf ich dann verschmitzt anworte: „Nein, der beißt nicht! Der küsst!“

Ich kam nicht zu meinem Lieblingsselbstgespräch, dafür aber mein Schatz zu weiteren herzigen Umarmungen und Liebkosungen.

Dann war’s auch gut damit, und die nette junge Dame war an der Reihe, gemeinsam mit ihrer Mutter bedient zu werden.

Meine zweitliebste Antwort auf die Frage, ob man denn mal streicheln dürfe, ist übrigens: „Einmal Streicheln, fünf Euro!“ Allerdings nicht jeder versteht diesen Spaß. Na, ja.

Ich bin dran, mein Hund macht Platz, beobachtet von unten das intensive Markttreiben sehr interessiert, aber bleibt folgsam liegen wie ein nasser Sack.

Ich möchte Tomaten, ja, genau von denen, ja, die Strauchtomaten da, und bei meinem Gespräch mit der Marktfrau meint eine andere Dame, sie müsse sich zur Seite stellen, damit ich besser meine Bestellung aufgeben könne. Auf meinen Einwurf, sie könne ruhig stehen bleiben, geht sie nicht ein, sie will nicht stören.

Gemüse, Obst und Eier sind dann irgendwann in den Taschen verstaut, ich gehe zur Seite, um zu zahlen, als mich die nicht stören wollende Dame anspricht, wie alt der denn sei. Ihrer sei genauso alt, entgegnet sie mir auf meine Antwort, und dann meint sie noch, ihrer sei ebenso lackiert wie meiner, bloß eine andere Rasse.

Wir lächeln uns an, hundehalterwellenlängig.

„Wenn ich abends schon mal erschöpft oder frustriert nach Hause komme, dann reicht seine Begrüßung schon, und mir geht’s wieder besser.“ sage ich. Darauf sie: „So geht’s mir auch, wissen Sie was, das ist dann richtiggehend INTRAVENÖS!“

Wir lachen, wünschen einander noch einen schönen Tag, und ich denke mir, dass dieser Einkauf ein einziges Attribut verdient hat: INTRAVENÖS!

© Ulf Runge, 2008

Eine kurze Liebesgeschichte

14. August 2008 10 Kommentare

Leben 293– Donnerstag, 14.08.08

Es gibt viele berühmte Liebespaare in der Weltliteratur. Besonders prominent etwa sind Romeo und Julia, wohl allen ein Inbegriff für zwei, die sich zwar gefunden haben, aber deren Zweisamkeit sich nicht gerade komfortabel gestaltet. Die Gründe seien mal egal.

So auch die beiden unmittelbar vor mir. Ein ungleiches Paar. Untrüglich spüre ich, dass sich die beiden da vor mir gesucht und gefunden haben müssen.

Der Zug ist proppenvoll, die Sommerhitze bringt das Versprechen vieler 24-Stunden-Deos zum Schmelzen, so dass man dankbar ist für die wenigen Fenster, die im nichtklimatisierten Nahverkehrswaggon halb oder ganz runtergezogen sind. Einem Hauch von Fahrtwind gelingt es immer wieder, den einen oder anderen Schweißtropfen wegzudampfen.

Zurück zu unserem Liebespaar. SIE verträgt wohl keine Zugluft, und für so eine Person ist Zugfahren natürlich ein schauriges Unterfangen. Wohl auch deshalb hat sie sich mir gegenüber hingesetzt, entgegen der Fahrtrichtung, mit dem Rücken neben der dann jetzt doch erwähnt werden wollenden Waggontür, die zusammen mit IHR ja genau unser Pärchen ausmacht, von dem hier nun die Rede sein soll, von dem ich schon ahnen ließ, dass es sich zwar gefunden haben mag, die Liebe aber doch beschwerlich ist.

Bevor der Zug nun also aus dem schattenspendenden Bahnhof in die Abendschwüle entweicht, greift ein zierlicher, viel zu kurzer Arm nach dem Griff der noch offenen Tür. Und schiebt diese mit vollem Körpereinsatz zu.

Ein spontaner Ganzkörperschweißausbruch ob der nun unterbundenen Frischluftzufuhr stellt sich bei mir ein, und so hoffe ich nun auf jene schlecht oder gar nicht erzogenen Flegel, die die Türen nicht schließen können.

Sie kommen! Flegeln wie erhofft! Danke, Euch! Ein herrlich angenehmer Luftzug bringt wohltuende Zugluft. Ein nicht aufgebenwollendes, zierliches Händchen schiebt die Tür wieder zu, wobei sich der zum Händchen gehörige Körper beim Zuschieben schraubenförmig in die Höhe windet, um dann erschöpft auf den Sitz zu sinken.

Nun ist es an dieser Stelle nicht ganz unwichtig zu wissen, dass so eine Tür bisweilen auch eine eigene Meinung haben kann. Und so schlägt sich der nur augenscheinlich leblose Gegenstand – ohne erkennbaren Grund – auf meine Seite. Ein bisschen zumindest. Sie geht von alleine auf, die Tür. Einen kleinen Spalt wenigstens. Danke, Tür, Du!

Während viel zu kurzer Arm und viel zu kleines Händchen nicht locker lassen in ihrem gerechten Kampf für eine Verschlusssache, gelingt es sporadischen Flegeln und autonomer Tür immer wieder, mir für Sekunden Lebensgefühle zu vermitteln, die zwar weit weg von „Luxus“ bezeichnet werden müssen, aber doch als erleichtert empfunden werden dürfen.

Ich sehe der Dame gegenüber in die Augen, blicke zur Tür. Glücklich Verliebte sehen anders aus!

Nach der ersten Station muss ich feststellen, dass der Türflegeltourismus leider verebbt, da sich das Sitzplatzangebot nun wieder vergrößert hat. Die Tür ihrerseits beschließt, nicht mehr länger am Casting für die nächste Urigellershow teilzunehmen, bleibt also trotzig verschlossen, so dass noch vor der zweiten Station mein Bewusstsein verliere und in tiefes Transpirationskoma falle…

… um Minuten später von einem Anfahrruckeln aufgeweckt zu werden: SIE ist weg! Die Tür dagegen ist völlig überraschungsfrei noch da, steht sperrangelweit offen und bleibt es auch für die verbleibende Fahrt, so dass einer Wiederaufnahme aller lebenswichtigen Funktionen nichts mehr im Wege zu stehen scheint.

© Ulf Runge, 2008

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