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Archive for Juli 2008

Fragen und Antworten

30. Juli 2008 11 Kommentare

Leben 286 – Donnerstag, 31.07.08

Wieder ist ein lieber Mensch von uns gegangen. Uns voraus gegangen. Wieder stellen sich Fragen. Brauchen wir Antworten…

Warum wir sterben müssen.

Weil wir Platz machen müssen für die, die nach uns kommen.

Weil der menschliche Körper für maximal 200 Jahre ausgelegt ist.

Weil Leben Veränderung bedeutet, wachsen und schrumpfen.

Weil der Sinn des Lebens ist, dass uns gibt, damit es die nach uns gibt.

Warum wir leben dürfen.

Weil vor uns Menschen gelebt, geliebt, gelitten haben. Und gestorben sind. Für uns.

Weil wir alle ein Wunder biogenetischer Regeneration sind.

Damit wir immer wieder neue Erfahrungen machen dürfen. Schöne und schmerzhafte.

Weil unsere Eltern und Großeltern einander geliebt haben.

Warum wir uns Gedanken machen über Leben und Tod.

Weil wir das Geschenk haben, fühlen zu dürfen, denken zu dürfen.

Weil mit jedem lieben Menschen, den wir kennen lernen, das Risiko steigt, einen lieben Menschen zu verlieren.

Weil wir nicht wissen, wie es nach dem Tod weitergeht. Und unsere Wissgier unerschöpflich ist.

Weil wir am Leben hängen.

Weil wir wissen möchten, warum nicht alles gerecht zugeht in der Welt. Weil wir wissen möchten, warum wir nicht verstehen, ob es gerecht zugeht in der Welt. Weil wir wissen möchten, warum es nicht gerecht zugehen sollte in der Welt.

Weil wir jeden Tag erneut die Antwort finden müssen.

Weil Wasser und Brot unseren Körper ernähren, unsere Seele aber von der Hoffnung lebt.

© Ulf Runge, 2008

Wo meine Tasche ist, da bin auch ich

28. Juli 2008 14 Kommentare

Leben 285 – Montag, 28.07.08

Aktentasche

Aktentasche

Foto: © PIXELIOErnst Rose

Folgende Begegebenheit wurde mir vor kurzem zugetragen, wobei gleichermaßen unerheblich wie ungesichert ist, was daran nun wahr ist.

Ein Professor war sehr frühzeitig zur Vorlesung erschienen, um noch Unterlagen für die Studenten zu kopieren. Er ließ seine Tasche im leeren Hörsaal zurück und machte sich auf den Weg zum Kopierer.

Während der Dozent am Kopierer mit der Technik kämpfte, länger als geplant, fanden sich seine Studenten im Hörsaal ein und warteten vergebens auf den Beginn der Vorlesung.

Als die akademische Viertelstunde ins Land gegangen war, taten die Studenten dasselbe, brachen also auf und genossen die zusätzlich gewonnene Lebenszeit.

Als nun der Professor mit seinem vielen Papier unter dem Arm den Raum betrat, traf er auf den letzten, gerade gehen wollenden Studenten und stellte ihn zur Rede. Warum denn niemand da sei?

Nun, er habe sich doch mächtig verspätet, der Professor. Woher hätten sie denn wissen wollen, ob er überhaupt noch kommen würde.

Hochroten Kopfes entgegnete ihm dieser: „Wo meine Tasche ist, da bin auch ich!“ Und entließ den jungen Mann nach Hause.

Als der Professor am nächsten Tag den Hörsaal betrat, immer noch vor Wut kochend, traute er seinen Augen nicht. Es war zwar kein einziger Student anwesend, aber auf den meisten Plätzen im Hörsaal standen Taschen.

Und auf der Tafel konnte der Professor lesen: „Wo unsere Taschen sind, da sind auch wir!“

© Ulf Runge, 2008

Erledigt

27. Juli 2008 9 Kommentare

Leben 284 – Sonntag, 27.07.08

„Und nun noch eine erfreuliche Meldung für unsere Autofahrer“, unterbricht eine freundliche Stimme den gerade laufenden Musiktitel. Um dann fortzufahren mit: „Der Falschfahrer auf der A46 hat sich erledigt.“

Unentschieden zwischen „Lächeln“ und „Gruseln“ hoffe ich nur, dass ich diese Nachricht „richtig“ verstanden habe.

Und wünsche dem Falschfahrer nur das Beste.

Und der Stimme, der wünsche ich auch nur das Beste…

© Ulf Runge, 2008

Unter ständiger Beobachtung

25. Juli 2008 11 Kommentare

Leben 283 – Samstag, 26.07.08

Ich hatte gerade bezahlt an der Kasse, mein Wechselgeld schon in der Hand, als mir einfiel, dass ich ja mal fragen könnte, ob sie denn inzwischen eine neue Treuebonusaktion hätten.

Ja, sie hätten. Geschirr, glaubte ich verstanden zu haben, nickte der Dame zu, ja, ich wollte Treuepunkte.

„Die ist neu für mich, die Aktion.“ smalltalkte ich der Kassiererin zu, worauf sie laut erwiderte: „Für uns ist die auch neu!“ Wir lächelten einander zu, für uns beide war diese Aktion neu. Belanglos. Aber Grund genug, einander ein Lächeln zu schenken.

An dieser Stelle sei bemerkt, dass wir immer unter Beobachtung stehen. Von Menschen, die uns kennen und uns unverhofft über den Weg laufen. Von Vorsicht-Kamera-Kameras. Von Überwachungskameras. Von uns selbst. Von Gott.

Menschen, die uns kennen und uns unverhofft über den Weg laufen. Da ist es gut, wenn man sich in keiner erklärungsbedürftigen Situation befindet. Das soll jetzt jedoch im Folgenden nicht weiter Gegenstand sein.

Vorsicht-Kamera-Kameras. So eine Situation hat jeder von uns bisweilen schon gehabt, dass man sich gefragt hat, ob das alles hier normal ist, ob da nicht gleich einer vom Fernsehen um die Ecke kommt und alles auflöst. Das mit dem Auflösen ist mir leider noch nicht passiert. Die Frage, ob das alles hier normal ist, blieb somit oft genug unbeantwortet.

Überwachungskameras. Sie filmen mich täglich. Und bisweilen frage ich mich, wer guckt das alles an. Hierzu hatte ich ja schon einmal ein paar Skurrilitäten von mir gegeben.

Von uns selbst. Immer wieder bemerke ich, dass sich emotional schwierige Situationen dadurch leichter bewältigen lassen, wenn ich mich neben mich selber stelle. Mich beobachte beim Ichsein.

Gott. Sieht alles, habe ich als Kind gelernt. Dann meine Zweifel entwickelt, ob er (sie) wirklich alles sieht, wegen der Gerechtigkeit und so. Und dann gibt es die Momente, wo man in den Mitmenschen Gott entdeckt. Soweit hier zu Gott.

Ich war also noch im Lächeln begriffen, als die Gesamtheit aller potenziell uns beobachtender Bekannter, aller Vorsicht-Kamera-Kameras und Überwachungskameras, sowie mein Nebenmirselberich und Gott beschlossen hatte, diesen zerknüllten Fünfzigeuroschein vor mir auf den Boden zu legen und zu zählen, wieviele Sekunden ich wohl brauchen würde, ob ich zögern würde, ob ich mich vergewissern würde, dass ich unbeobachtet bin, dass ich, dass ich, dass ich…

Ich habe Euch alle bemerkt und ich habe mir gesagt: „Ihr kriegt mich nicht!“

Ich habe ihn aufgehoben, ich habe ihn angesehen, ob es sich wirklich um einen 50-Euro-Schein handelt. Ich habe Kurt Felix seine Chance gegeben, aber er kam nicht.

Innerhalb von weniger als 5 Sekunden (waren das 4 zuviel?) habe ich mich Richtung Kassenaufsicht gedreht, habe der Dame am Tresen erklärt, dass ich DEN hier soeben gefunden habe, daneben noch diesen zerknüllten Kassenbon, den habe vermutlich jemand beim Autoschlüsselrausholen verloren.

Überrascht sah mich die Dame an, nahm Geldschein und Kassenbon entgegen, ließ mich von dannen ziehen. Kurt Felix hatte ich inzwischen verdrängt, als ich mir dachte, was passiert mit dem Geld, wenn keiner kommt, weil keiner glaubt, dass jemand 50 gefundene Euro abgibt.

Zurück zur Dame. Ja natürlich, ich könne gerne meine Adresse hinterlassen, und Telefonnummer. Man werde mich anrufen, wenn sich niemand meldet.

Dass die Dame die Kohle für sich einstecken wird, schließe ich aus. Nicht wegen der Supermarktüberwachungskameras. Sondern weil ich sicher bin, dass sie sich ehrlich verhalten wird.

Und jetzt bin ich mal gespannt. Ob sich jemand meldet, und rechtmäßig das Geld zurückbekommt. Und sich vielleicht bei mir bedankt. Mit einem netten Telefonat.

Oder sich niemand meldet. Dann wüsste ich mehr als einen guten Zweck, für den ich das Geld spenden würde.

Ich bin sehr froh, dass keine Fernsehkamera plötzlich aufgetaucht ist. Und ich hoffe auch, dass Kurt Felix (oder wer macht heute die Sendung?) nicht anruft. Ich hoffe, dass sich das LEBEN meldet.

© Ulf Runge, 2008

Augen

24. Juli 2008 5 Kommentare
Braune Augen

Braune Augen - © PIXELIO - honey91

Leben 282 – Donnerstag, 24.07.08

Wenn’s schmerzt und weht am Fuß,
wenn’s Laufen selber macht Verdruß,
fragst Du „Wofür tu ich noch taugen?
Hühner mag ich, nicht SO Augen!“

Wenn gut mal essen Du wohl willst,
die Speisekart‘ im Mund Dir schmilzt,
und aus der Supp Dich tun anschau(g)en,
voll von Fett gar viele Augen
(dann bist Du schneller satt als willst.)

Wes Blick könnte je treuer sein,
als der von Deinem Hundilein,
wann immer Staub ich tue saugen,
kommt „Spiel mit mir“ aus seinen Augen.

Blicke, Wimpern, Falten, Lider,
spiegeln Dein Gemüt mir wieder.
Doch wie‘s steht mit Deiner Seelen,
tun Deine Augen nur erzählen.

© Ulf Runge, 2008

Boah – wieder ein starkes Lied von Katie Melua

23. Juli 2008 5 Kommentare

Leben 281 – Donnerstag, 24.07.08

Ich mag Katie Melua. Ihre Musik spricht mich an, ihre Stimme hat etwas Bezauberndes (für mich). So freue ich mich immer wieder, wenn es etwas neues zu hören gibt von ihr.

So auch jüngst. Unter der Dusche. Das Badezimmerradio lief. (NICHT MIT MEINEM SENDER, EGAL.) Au ja, denke ich so bei mir. Bärenstark dieser Song. *Schauereiskaltüberdenrückenlaufend*

So weit, so gut.

Wenn ich nachhausekommenderweise einen Blick auf den von der Jugend genutzten Fernseher richte und dieser gerade Bildradio sein darf, sprich MTV oder VIVA ihre Clips abspulen, dann lerne ich innerhalb von vier Wochen bisweilen schon, dass diese oder jene Interpretin nun wirklich Rihanna ist mit ihrem Lied Umbrella.

Egal, heute war nicht die Analog-Glotze angesagt, heute sitzt die Jugendredaktion am PC und fragt mich, selber nicht unbedingt katiemeluamögend, aber um meine Vorliebe wissend, fragt mich also – wobei ich das Augenzwinkern nicht bemerke, aber es war vielleicht auch nicht da, fragt mich also, ob ich DAS HIER denn schon kenne.

Clickt auf Youtube. Und dann höre ich diesen Song wieder, zum zweiten Mal jetzt also. Woher weiß die Jugendredaktion, dass ICH dieses Lied super finde?

Findet DIE GANZE WELT denn diesen neuen Ohrwurm gut?

Und dann die Überraschung. Nix Katie Melua. Eine (für mich) unbekannte Künstlerin, wahrscheinlich noch nicht im Führerscheinalter, aber das spielt hier auch gar keine Rolle und soll deswegen auch nicht geschrieben sein, nur gelesen, so jetzt komme ich aber zum Ende, die Dame heißt Gabriella Cilmi und ihr Wahnsinnslied „Sweet about me“. Nicht des Sehens wegen (glaubt mir keiner, ist aber so). Des Hörens wegen. Der Stimme wegen.

Eintagsfliege? Hoffe ich mal nicht.

© Ulf Runge, 2008

Neue Verkehrszeichen: Vertrauliche Designvorschläge

23. Juli 2008 18 Kommentare

Leben 280 – Mittwoch, 23.07.08

Es ist nicht immer fein, vertrauliche Dinge auszuplaudern. Hier soll auch nicht geplaudert werden, ausnahmsweise. Nur gezeigt.

Aus wohlunterrichteten, dem Verkehrsministerium angeblich nahe stehenden Kreisen wurden uns folgende drei Verkehrsschilderentwürfe zugespielt, die wesentlich von Gaba’s (ja, das ist ein Deppenapostroph, aber ich finde es so lesbarer) Vorschlag bezüglich Herzen und Smileys beeinflusst sein sollen:

Alle 50 Meter soll zukünftig das Smiley-Schild aufgestellt werden. Es soll ohne Unterlass dazu ermahnen, gut drauf zu sein.


Jedes eingesparte Verkehrsschild (wir berichten jüngst darüber) soll ersetzt werden durch ein Herz-Schild, um auszudrücken, dass wir uns „herzen statt hetzen“ sollen.

„Herzen statt hetzen“ ist auch der Arbeitstitel der nächsten Plakataktion auf Autobahnen heißen. Außer der naheliegenden Aufforderung, mal wieder zum Blutspenden zu gehen, sollen auch Fotos von Stauopfern zur Ansicht gebracht werden, die die unsägliche Wartezeit damit genießen, alle Stauteilnehmer zu umarmen. Elisabeth berichtete jüngst über die „Hugs for free“ Initiative.

Und wenn wirklich mal eine Autobahngaststätte kommt, dann ist zusätzlich zum Smiley jene besagte Pommes abgebildet statt Gabel und Messer.

© Ulf Runge, 2008

VERKEHRte ZEICHENsetzung?

21. Juli 2008 4 Kommentare


Leben 279 – Montag, 21.07.08

Dieser Blog ist kein politischer Blog. Doch bisweilen kann man sich gar nicht verkneifen, auf Themen einzugehen, die den hohen Sachverstand z.B. von Ministern ausdrücken.

Viele Verkehrsschilder sollen abgeschafft werden.

Eine Übersicht findet sich etwa hier: mdr-Nachrichten; und das ist die Liste.

Endlich reagieren unsere Verantwortlichen auf Klimaentwicklung und die Weiterentwicklung von Essgewohnheiten.

So soll das Verkehrsschild Autobahngasthaus, das Messer und Gabel zeigt, entfallen. Weg damit, jawohl! Wer weiß denn noch, wie man diese Werkzeuge benutzt? Zukünftig sollen statt dessen eine Pommes und eine Hand zu sehen sein.

Oder der „Bahnübergang mit Schranken“, auf dem ein Schrebergartenzaun zu sehen ist. Durch die Demontage dieser Schilder soll zukünftig das gemeingefährliche Dauerparken vor geschlossenen Bahnübergangen vermieden werden.

Vorgeschriebene Mindestgeschwindigkeiten und empfohlene Richtgeschwindigkeiten soll es auch nicht mehr geben, da alle sowieso mindestens 10% schneller fahren als erlaubt. Bis auf Radfahrer und Bobby-Car-Besitzer. Besonders bei letzteren kam es immer wieder zu schweren Unfällen, wenn kindergartenalte Verkehrsteilnehmer mit hochrotem Kopf versuchten, bergab die Mindestgeschwindkeit zu erreichen.

Das Verkehrsschild Fußgängerunterführung, das einen die Treppe herablaufenden Fußgänger zeigt, hat jetzt ausgedient. Die Zusammenrottungen desorientierter Menschen, die vergeblich in den Unterführungen nach einem entsprechenden Gehe-nach-oben-Schild gesucht haben und oftmals nach Monaten total entkräftet aufgefunden wurden, sollen damit nachhaltig vermieden werden.

Das Einbahnstraßenschild, auf dem ein Pfeil nach oben (!) zu sehen ist, wird ebenfalls aus dem Verkehr gezogen. Nach schweren Zusammenstößen mit dem Luftverkehr soll es nun nicht mehr zu Ausweichmanövern des Straßenverkehrs in luftige Gefilde kommen können.

Das Verkehrsschild Split erhält eine Überarbeitung. Das bisher von vorne zu sehende Auto, das den Schotter zur Seite spritzt, wird ersetzt durch einen seitlich abgebildeten Wagen, der die Steine nach hinten aufwirbelt. Damit sollen Überraschungen der Art „Ich dachte, der könnte nur seitlich spritzen!“ vermieden werden.

Das Verkehrsschild Steinschlag, auf dem herabfallende Felsbrocken zu sehen sind, wird ebenfalls abgeschafft. Die Autofahrer hätten immer nach oben geguckt, und dabei die Steine auf der Straße übersehen, so lautet die Begründung. Für die Steine auf der Straße gibt es noch keinen Entwurf für ein Ersatzkennzeichen, vor den herabfallenden Felsbrocken soll zukünftig ein Auto mit verbeultem Dach warnen.

Mit dem Wegfall von „Schnee- oder Eisglätte“, sprich dem Verzicht auf die Schneeflocke, soll dem Klimawechsel Rechnung getragen werden. Statt dessen soll eine Taucherbrille dazu auffordern, bei Überflutungen die notwendigen Vorkehrungen zu treffen.

Das Schild Ufer soll ebenfalls wegfallen. Es zeigt ein Auto, das vom Hafenrand ins Wasser fällt. Im Zeitalter der Navigationssysteme ist so ein Unglück ja unwahrscheinlich. Allerdings nicht ausgeschlossen, wie folgende Geschichte zeigt, für die ich leider nur eine Radionachricht als Beleg habe, ohne eine Quelle im Internet hierfür angeben zu können.

EinE AutofahrerIn – das Geschlecht ist hier unerheblich – war in der Nähe eines Flusses unterwegs und wollte zum Uferparkplatz. Als der Navigator empfahl, rechts abzubiegen, folgte ersie der Aufforderung. Und bog damit 300 Meter zu früh ab. Will sagen, fuhr statt der Straße die Treppe hinunter. Ersie hat das Manöver wohl überlebt, dass das Auto fremde Hilfe zur Weiterfahrt benötigte, ist wahrscheinlich.

© Ulf Runge, 2008

Sandkauf

19. Juli 2008 2 Kommentare

Leben 278 – Samstag, 19.07.08

Landeskriminalamt steht auf dem erwarteten Briefumschlag, den ich ungeduldig mit dem rechten Zeigefinger stümperhaft aufschlitze. „Toxikologisches Gutachten“ steht im Betreff des im besten Amtsdeutsch gehaltenen Schreiben. Ich wurstle mich durch etliche Textbausteine hindurch, bis ich endlich erfahre, dass es blinder Alarm war. Keine Kontaminierung.

Was war passiert? Ich hatte bereits das Tierfutter im Einkaufswagen gehabt, als ich auf Idee kam zu fragen, ob man hier auch Sand kaufen könne. Dann hätte ich mir den Baumarkt sparen können. Ich schaue mich also um, und sehe einen Mitarbeiter dieses Marktes auf mich zukommen. Ob er helfen könne? Ob sie Sand hätten. Ja, da hinten im Außenbereich. Freude ist in seinem Gesicht zu erkennen. Er lächelt mich an, gibt mir das Gefühl, als wenn er sich Zeit für mich nehmen wolle. Und das obwohl es schwül ist, obwohl er abgekämpft aussieht an diesem Samstag Nachmittag. Er begleitet noch mich einige Schritte, streckt seinen Arm aus, weist mir die Richtung, „direkt am Zaun“ höre ich noch.

Bedanke mich höflich. Gehe zum vermeintlichen Ort, an dem es Sand geben soll. Ich sehe, wie ich von dem netten Herrn im Auge behalten werde, winke ihm zu, da ich nun glaube, vor den Sandsäcken zu stehen. Dem ist nun aber nicht wirklich so, und nach wenigen Sekunden steht der nette Mensch wieder bei mir. Zeigt mir die richtige Stelle.

Da liegen noch Säcke, beide allerdings beschädigt. Wieviel ich denn brauchen würde? „Genau zwei“, erfährt er von mir. Ob er sich meinen Einkaufswagen nehmen dürfe, er werde sofort zwei unbeschädigte Säcke besorgen.

Nach fünf Minuten liegen dann zwei unversehrte Säcke im Wägelchen.

Soviel Freundlichkeit! Glückselig fahre ich heim.

Noch während ich im Auto sitze, hinterfrage ich, was ich da soeben erlebt habe. Hatte ich da nicht erst in der vergangenen Woche etwas über kontaminierten Sand gelesen, vor dessen Kauf dringend gewarnt wird? Erklärt das die überschäumende Freundlichkeit des Verkäufers? Oder war er einfach nur penetrant, wollte das giftige Zeugs an mich loswerden?

Der Verdacht stand im Raum, unter großen Sicherheitsvorkehrungen entnahm ich an sechs verschiedenen Stellen der Sandsäcke Proben, die ich umgehend der Polizei zukommen ließ.

Jetzt also dieser Bescheid vom LKA. Alles nur heiße Luft. Mein eigenes Hirngespinst. Aber muss man denn bei soviel Freundlichkeit nicht nachdenklich werden? Jemand, der abgekämpft und müde bei schwüler Luft zuvorkommend lächelt und aufmerksam ist, der dafür sorgt, dass der Kunde zufrieden nach Hause geht? Da muss doch was faul sein, oder?

© Ulf Runge, 2008

Es ist nicht egal, wie schnell man durch den Regen läuft

18. Juli 2008 3 Kommentare

Leben 277 – Freitag, 18.07.08

Oftmals bleibt für normale Menschen (was ist das?) verschlossen, wofür denn so an den Universitäten das Geld verwendet wird (vorurteilsweise wird hier auch vom Geldrausschmeißen gesprochen).

Da es Anfang Juli in Deutschland, zumindest dort wo Martina wohnt, ein bisschen geregnet haben muss, möchte ich mich an dieser Stelle zurückerinnern, dass ich vor vielen Jahren in der ZEIT einen bemerkenswerten Artikel gelesen habe.

DIE ZEIT habe ich heute noch im Abo, finde leider fast keine Zeit, sie zu lesen, geschweige denn ihr anspruchsvolles Rätsel zu raten, aber das Abo bleibt, weil DIE ZEIT eine Kultur- und Politik-Veranstaltung ist, um die wir Deutschen uns selber beneiden sollten.

Zum Thema: In besagtem Artikel war die Rede davon, dass an einer englischen Uni auf der Suche nach einem Diplomarbeitsthema die Fragestellung geboren wurde zu untersuchen, wann man denn nun – bei gleichlanger Strecke – mehr nass werden würde: Langsam durch den Regen gehend oder schnell laufend. Endlich mal ein akademisches Thema mit Praxis-Relevanz!

Als Messwerkzeug wurde ein Hut mit breiter Krempe zum Auffangen des Regenwasser gewählt. Mehrere Probanden mussten nun in verschiedenen Geschwindigkeiten den Parcours absolvieren. Anschließend wurde das vom Hut aufgefangene Wasser gemessen.

Die Diplomarbeit kam auch zu einem Ergebnis, definitiv war schnelles Gehen weniger nass machend als langsames. Oder umgekehrt. Ich weiß es leider nicht mehr…

© Ulf Runge, 2008

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