Folgen

Leben 256 – Dienstag, 13.05.08

256_20170304_093749_folgen_25

Da war sie wieder. Unscheinbar. Blaß. Und sommersprossig. Kurzer Haarschnitt und Pippi-Langstrumpf-Zöpfe. Mehrmals waren wir uns schon begegnet. Zufällig. Hatten uns interessiert unterhalten. Angeregt. Waren ins Café gegangen. Auf einen Espresso, Cappuccino. Hörten uns zu. Schwiegen vertraut. Um dann einer jeweiligen Verpflichtung folgend, „Tschüs“ zu sagen. Leise hoffend, der Zufall möge sich wiederholen.

Keine Handynummer. Keine Email-Adresse. Nur auf den Zufall hoffend. Auf wieder ein gutes Gespräch. Auf wieder kostbare, gemeinsame Minuten.

Da war sie wieder. Wir seien nun fast schon Freunde. Meinte sie verschmitzt zu mir. Ob ich das nicht mal langsam meinen Eltern sagen wolle. Ich hätte keine Eltern mehr, sie wüsste doch. „Ja, ja, na klar!“ murmelte sie dann.

Steil ging es hinunter von den Gebäuden, riesige Treppen führten hinab. Wir hielten uns am Geländer fest, sicher ist sicher. Und dann sahen wir die anderen. Drüben bei den anderen Gebäuden. Die anderen ließen sich senkrecht durch die Luft gleiten, langsam wie Federbettfedern, um dann einem Jojo gleich, bloß viel, viel langsamer, zurück nach oben zu schweben, um schließlich die Bewegung nach unten zu wiederholen.

Die anderen, sie genossen diesen sonnigen Vormittag schwebenderweise, zeigten fröhlich-zufriedene Gesichter. Entschlossen blickten wir uns an, nahmen uns an der Hand, fest und locker zugleich, ließen das Geländer Geländer sein, schubsten uns von der Treppe weg, und siehe, es funktionierte, wir schwebten ebenso durch den Morgen, prallten sanft am Boden auf, um dann wieder nach oben zu tanzen.

Wer auch immer die Schwerkraft, vielleicht wegen Wartungsarbeiten am zentralen Sternensystem, nahezu völlig außer Kraft gesetzt hatte, außer Kraft gesetzte Schwerkraft bewirkend, dem konnte man nur dankbar für diese Sekunden der besonderen Erfahrung.

Und dann fragte ich mich, wenn ich mich heute Abend wieder hinlegen würde, ob es dann weiterginge mit diesem Schweben, ob die Wartungsarbeiten andauern würden, sozusagen eine Nachtbaustelle. Ob dieser Traum Folgen haben würde. Wenigstens noch eine einzige.

© Ulf Runge, 2008

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s