Schlechte Handys kommen nicht in den Himmel… und auch nicht weg

Frankfurter Bahnhof

Foto: © Claudia Hautumm / PIXELIO

Leben 242 – Samstag, 12.04.08

Eigentlich ist irgendein Taschendesigner schuld. Oder meine Frau. Aber der Reihe nach.

Ich fahre Zug. (Wie so immer und oft.) Heute habe ich eine Reisetasche dabei. Nicht meine. Nein, die meiner Frau. (Sämtliche nachfolgend denkbaren Schuldfragen lassen sich mit der Eigentümerschaft meiner Frau bezüglich dieser Tasche als auch mit Verantwortung von Taschendesignern für die von ihnen entworfenen Produkte begründen.)

Ich habe die Tasche neben mir auf dem Sitz. Der Zug ist noch leer. Der Zug füllt sich. Von Station zu Station. Der Sitz neben mir wird gebraucht werden, denke ich mir, nehme die Tasche, stelle sie nach oben auf die Gepäckablage. (Nein, es ist kein von Nieeisenbahnfahrendeningenieuren konstruierter Doppelstockwaggon mit einer Gepäckablage für Liliputanerkoffer, es ist noch ein Wagen älterer Provenienz, wo man oben noch richtig was drauf stellen kann.)

Mein Handy habe ich noch in der Hand und beschließe, es für den Rest der Fahrt nicht mehr benötigen zu wollen. Stehe auf und schiebe es in die Außentasche der Reisetasche.

Setze mich. Schlummere mich zum Zielbahnhof. Nach der Durchsage mit den Anschlüssen, die wir erreichen würden, wenn der Zug pünktlich wäre, und der Maßgabe, doch bitte auf die Lautsprecherdurchsagen zu achten, ziehe ich meine Wetterjacke über, hänge die Reisetasche um, schubse mich mit den anderen Pendlern nach draußen.

Im Büro angekommen, leere ich meine Brust- und Hosentaschen, finde Geldbeutel, Ausweis und Taschentücher, frage mich, wo das Handy, ach ja, greife in die Reisetasche, nein, da ist es nicht, es muss in der Wetterjacke, nein, auch nicht. Wühle und gucke ratlos durch die Gegend, denke mir, die Reisetasche!

Kalter Schauer läuft mir über den Rücken, dass die Außentasche der Reisetasche ein (für mich) ungewöhnliches Feature hat: Reißverschluss oben, zum Reinstecken. Und Reißverschluss unten, damit die oben eingesteckten Sachen gleich wieder rausfallen können?! (Doch, doch, der Reißverschluss unten, der wird schon einen Sinn haben, nur könnte ich ihn noch nicht entdecken.) Kurzer Rede langer Sinn: Der untere Reißverschluss war auf, warum auch immer.

Zum Bahnhof gerast, wie blöd. Natürlich ist der Zug schon weg. Und das Handy also auch.

Zum Fundbüro. Nein, es sei noch nichts abgegeben worden. Ich solle doch heute Mittag noch mal vorbeikommen, und ansonsten die Nummer hier – die Dame gibt mir einen visitenkartengroßen Zettel – anrufen. Ich trotte davon, denke mir Mist, hätte nicht sein müssen, denke ganz kurz, wirklich nur ganz kurz an die Todesstrafe für Taschendesigner, frage mich, ob meine Frau mich nicht hätte aufmerksam machen müssen auf dieses Feature, überhaupt denke ich mir, dass Türen, Fenster und Reißverschlüsse bitte geschlossen zu halten seien. Es kann doch nicht sein, dass Reißverschlüsse ohne Grund offen sind. Noch dazu, wenn sie unten an einer Tasche…

Ich drehe um, gehe noch mal zum Fundbüro zurück, frage wohin denn der Zug jetzt gefahren sei.
Der Kollege von der Dame von eben ruft bei der Transportleitung an, erfährt, dass der Zug jetzt auf dem Gleisvorfeld abgestellt sei, dass der jetzt gereinigt wird, oder auch nicht, aber kurz vor 12 wieder bereitgestellt wird. Der freundliche Mensch schreibt sich meine Handynummer auf, den Typ, die Farbe, will den Waggon wissen, das ist alles sehr individuell, nicht 08/15, er werde Viertel von Zwölf zum Zug gehen und nach dem Handy suchen. Ich bin platt über so viel Bereitschaft, mir helfen zu wollen.

Wäre ja schön, denke ich, wenn das klappt, wobei mit dem Handyverlieren in der Bahn habe ich noch nie Glück gehabt. Und ehrlich gesagt, dieses Handy war ein Fehlkauf, ich hätte nie gedacht, dass ein Telefon so mies konstruiert sein kann, dass ich wegen dieses blöden Mittelknüppels bestimmt 20% ungewollte Anrufe mache. (Ja, ja, nicht der Mittelknüppel ist schuld, es sind meine dicken Finger…)

Natürlich bin ich erst um 5 vor Zwölf am Bahnhof, auf den allerallerletzten Drücker, in elf Minuten fährt der Zug ab, ja, er ist es, glaube ich zu glauben, ich betrete den dritten Waggon, da sitzen aber schon hacke viel Leute drinnen, die haben alle bestimmt schon mein Handy gefunden und geben wie der Fuchs die Gans, sie geben es nicht mehr, ich gehe zu der Bank, auf der ich gesessen habe, da sitzt schon eine Dame und wundert sich, wie forsch ich auf sie zukomme, ich greif auf die Gepäckablage, fasse mein Handy, und denke mir was von duselgehabt oder so. Keine Scherereien mit Ersatzkarte oder Ersatzhandy, da sind viele andere Anrufe von Unbekannt drauf, keine 10 Minuten her, das müssen die vom Fundbüro gewesen sein, die haben versucht, das Handy durch Anrufen zu orten. Ich hätte denen sagen sollen, dass ich das Handy immer leise geschaltet habe, weil ich entscheiden möchte, wann ich mich stören lasse…

Zurück zum Fundbüro, finde den Herrn, er sieht mich bedauernd an, ja, sage ich, er habe wohl versucht mein Handy anzurufen, ich habe es gesehen, halte ihm freudig mein Handy entgegen, bedanke mich ganz herzlich, er freut sich über mein Glück, und ich bin zu doof, ihm eine kleine Anerkennung zukommen zu lassen.

Beschließe, dass ich das nächste Woche tue. Und womit, weiß ich auch schon…

© Ulf Runge, 2008

23 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ralph sagt:

    Lieber Ulf,

    genau aus diesem Grunde (nebst vielen anderen) lege ich mir kein Handy zu. 😉
    Nur unnötigen Stress.
    Ja, ich glaube noch an ein Leben vor dem Handy, an das legendäre Münztelefon.

    Ging ja aber noch glimpflich aus!

    Liebe Grüße,
    Ralph

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  2. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, was für ein Albtraum, das Handy weg. alle Nummern, alle Sms, oh nein, unvorstellbar, ein horrorszenarium, das du da zeichnest…;-) Ich bin so froh für Dich, dass es gut ausgegangen ist. Und wie schön, dass Du so hilfsbereite Menschen treffen durftest.
    Liebe Grüsse Andrea

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  3. Ulf Runge sagt:

    Lieber Ralph,

    ich sehe schon, die bist auf die nächste Ölkrise hervorragend vorbereitet.
    Nur, wo gibt es heute noch Münztelefone? Im Cafe Käse? 😉
    Hast Du etwa noch Groschen? (Deutsche? Österreichische?)

    Wir sehen uns demnäx?

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  4. Ralph sagt:

    Lieber Ulf,

    >>> Hast Du etwa noch Groschen?
    Jup, diese rundlich geprägten Metalldinger 😉

    >>> Wir sehen uns demnäx?
    Und ob!
    Nächsten Samstag auf dem Poetry-Slam 🙂

    Liebe Grüße,
    Ralph

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  5. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    im Gegensatz zu Ralph WEISST Du ja, was der Verlust des Handys bedeutet hätte 🙂
    Ja, es gibt wirklich viele liebe Menschen…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  6. Ulf Runge sagt:

    Lieber Ralph,

    nächster Samstag? Bist Du nicht ein bisschen in Frühform? 🙂

    LG, Ulf

    14.04.08: Uhps. Ich, hatte mir den 26.04. vorgemerkt… Gut, dass heute die offizielle Erinnerung kam.
    (Hm, das ist ja schon sehr bald…)

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  7. Mo sagt:

    Guten Morgen lieber Ulf.
    Apropos: „Ja, es gibt wirklich viele liebe Menschen… „,
    natürlich hätte ich versucht das Handy wieder in Deinen Besitz übergehen zu lassen,wenn ich es gefunden hätte,
    aber erst NACHDEM ich es einer eingehenden Prüfung durch meine zarten Fingerchen ………….hehe 😉

    Gruß Mo

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  8. Ulf Runge sagt:

    Liebe Mo,

    Du hättest an der Tatsatur 🙂 nicht viel Spaß gehabt.
    Und die SMSe da drauf sind nicht wirklich große Literatur…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  9. Mamü sagt:

    Lieber Ulf,

    Handy weg… oje. Auch wenn ich jetzt nicht mehr so verrückt mit meinem Handy bin, verlieren möchte ich es trotzdem nicht. 🙂 Aber ich bin erstaunt, dass du so hilfsbereite Menschen gefunden hast und dass das Handy noch da war. 🙂 Entweder war tatsächlich das Handy nicht so toll… *smile* oder die Menschen so ehrlich. Oder es hat gar keiner gesehen. Wie auch immer, Hauptsache es ist da. 🙂 Im Amiland hättest du vielleicht den Taschendesigner verklagen können. *lach* Oder deine Frau. *grins* Na ja, im guten alten Deutschland sind wir noch nicht ganz so weit. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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  10. mischa sagt:

    Bis Samstag dann 😉

    LG Mischa

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  11. tshalina sagt:

    Guten Morgen Ulf,

    ich bin ein handtaschenloses weibliches Wesen! Das liegt zum einen darin begründet, dass alles, was nicht direkt bei mir ist, irgendwo vergessen werden kann. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass ich fast immer männliche Begleitung habe und Männer immer Taschen haben, in denen ein kleines Schlüsselbund oder ein klitzekleines „Normalerweise enthalte ich Geld und andere wertvolle Kärtchen“ hinein paßt. Ich habe Freundinnen und auch eine Mutter, die fast jährlich ein neues Täschen ershoppen. So manches Mal saß auch ich vor deren Beute, wie du vor der Tasche deiner Frau! Abgesehen von nutzlosen Reißverschlüssen, findet man hin und wieder sogar regelrechte Geheimverstecke, die einem aber auch nichts nützen, wenn die Tasche erstmal geklaut ist. Ich persönlich kenne keinen Dieb, der die Tasche klaut, indem er sie erstmal öffnet und das Wertvolle heraussammelt…Zum Handy: Es ist meistens so, dass das, was man eigentlich sowieso nicht leiden kann oder haben will, an einem klebt wie Pech! 😉
    Gruß Tshalina

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  12. Ralph sagt:

    Lieber Ulf,

    dann wünsche ich dir einmal für heute Abend (Poetry Slam) alles Gute.
    Ich bin zugegen 😉

    Liebe Grüße,
    Ralph

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  13. Ulf Runge sagt:

    Liebe Martina,

    ja, das Handy ist nicht so dolle. Und die Menschen sind netter als man manchmal glauben mag.
    Fakt hier war wohl, dass niemand das Handy gesehen hat.
    Und weil ich’s leise gestellt hatte, auch niemand gehört…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  14. Ulf Runge sagt:

    Lieber Mischa,

    wenn der WDR-Server jetzt nicht down gegangen wäre (oh diese Anglizismen…),
    dann wäre mein Posting zu Slam vom Samstag noch fertig geworden.
    Müssen wir uns noch ein paar Stunden gedulden.

    Ich habe mich gefreut, Dich kennen gelernt zu haben…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  15. Ulf Runge sagt:

    Liebe Tshalina,

    ich finde das ja schon ein wenig, mir fehlen die Worte, Du lässt die anderen Dein Chaos in ihren Taschen tragen. Genial!

    Ich mache das so mit der Uhrzeit. Ich trage keine Uhr.
    Dann warte ich, bis jemand in meiner Gegenwart auf seine/ihre Armbanduhr guckt.
    Dann frage ich. Wie spät es sei. Um dann ein ratloses Gesicht noch einmal auf die
    soeben beguckte Uhr gucken zu sehen. Köstlich.
    (Niemand kann sich wohl merken, wie spät es ist, wenn man nur aus Übersprungsverhalten auf die Uhr sieht…)

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  16. Ulf Runge sagt:

    Lieber Ralph,

    danke für Deine guten Wünsche.
    Schön, dass wir uns am Samstag kennen gelernt haben.
    Du bist mein „erster real life“ Kontakt aus dem Blog… 🙂

    Und ich habe gesehen, beim nächsten Slam bist Du wieder dabei…
    Ehrensache für mich, dabei sein zu wollen.
    Ich nehme es mir vor, muss aber noch mal meine – wie sagt der Lateiner? – Urlaubsplanung checken…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  17. tshalina sagt:

    Männer sind ein super Handtaschenersatz! Sie können selbstständig denken, agieren und gehen selten verloren!

    Nein, keine Bange…eine kleine Emanze bin ich nicht! Ich nutze nur gern Gelegenheiten, wenn es möglich und für alle verträglich ist. Außerdem habe ich meinen Krimskram für den täglichen Bedarf auf ein kleines Portemonaie und ein Schlüsselbund reduziert. Ich wüßte auch gar nicht, was ich in einer Handtasche alles verstauen sollte. Der Schlüssel und das Portemonaie würden vereinsamen. Obwohl dann könnte ich in der Winterzeit endlich Tempos transportieren! Aber wofür gibt es Jackentaschen?

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  18. Ulf Runge sagt:

    Oh, Tshalina:

    Schlüssel und Portemonnaie würden vereinsamen. Oh wie schrecklich.
    Wie Du schon andeutest:
    Leg doch ein Tempo zu ihnen dazu…
    Aber mal ehrlich, machst Du nicht nicht von der Männerei abhängig,
    wenn Du Deinen doch bescheidenen Handtascheninhalt in andersgeschlechtliches Schicksal legst?
    Wärst Du in der Lage, den Weg „zurück“ zu finden,
    nur Du und Deine Handtasche, sonst niemand?

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  19. andrea2007 sagt:

    Liebe Tshalina, wenn es nicht so peinlich wäre, würde ich Dich mal in meine Handtasche schauen lassen, damit Du Dir vorstellen kannst, was man alles so mitschleppen kann als Frau…:-)Ich bin für vieles gerüstet, das kann ich versprechen und das tröstet darüber hinweg, wie schwer die Tasche dann immer nach einer Zeit wird…
    und lieber Ulf, wie umsichtig und was für ein witziger Gedanke, sich von Männern abhängig zu machen, weil man keine Handtasche dabei hat:-) Abends kommen Handy und Geld in die Hosentasche oder in eine „Zicken-Tasche“ (so ne ganz kleine, die man untern Arm klemmt), denn Du hast sehr recht, ich bin gern unabhängig…Und wieso ist das jetzt ein Beitrag über Handtaschen geworden? Wo soll das noch hinführen…:-) Lgr Andrea

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  20. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    auf Deine Frage, warum dieser Thread, ja sogar dieser Blog zum Handtaschblog mutiert ist,
    niemand wird eine Antwort wissen.
    Ich habe in den Archiven nachgesehen (Brave New World): Dieser Blog war schon immer
    DER Handtaschenblog…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  21. andrea2007 sagt:

    au wei, der ultimative handtaschenblog wird von einem MANN geschrieben…ich kann nicht mehr, wo soll das noch hinführen??? *grins-mal-so-richtig-fett*
    es grüsst ein handtaschen-freak

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  22. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    wenn Du so weiter machst, firmiere ich diesen Blog wirlich noch um in
    „Handtaschenblog“ 🙂
    Und was wär daran so schlimm, wenn ich über Zickentaschen schreiben würde… ?

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  23. andrea2007 sagt:

    jaja, jetzt ist es wieder meine Schuld, grins.
    und wenn Du nicht selber weisst, warum das schlimm wäre, ist schon ganz schön schlimm…:-) sich-sorgen-machende-grüsse von andrea

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