Fremdwort „Kunde“

Schaffners Geldtasche

Foto: © willy s / PIXELIO

Leben 210 – Sonntag, 17.02.08

Bahnhof. Fahrscheinautomat. Der einzige hier. Fahrziel gewählt. Geldeingabe. Fahrschein. 20 Euro. Wird nicht vom Automat angenommen. Kein Geldschein, kein Fahrkarte!

Zug kommt. Eingestiegen. Zum heute Zugbegleiter genannt werdenden wollenden Schaffner gegangen. Um Fahrkartenverkauf gebeten. Abgelehnt. Dürfe er nicht. Nur am Automaten. Vor Fahrtantritt. Bei defektem Automaten könne er auch nicht helfen. Dann müsse man halt ohne Fahrkarte fahren. Wenn da jemand käme, zum Kontrollieren, das würde dann vierzig Euro kosten.

Weg war er.

Fahrgast, Seltenfahrer, verunsichert, steigt aus. Am nächsten Bahnhof. Kauft sich Fahrkarte. Verliert eine Stunde.

Woher soll der selten fahrende, verunsicherte Fahrgast wissen, dass der, der ihm wirklich keine Fahrkarte für den Nahverkehr verkaufen darf, trotzdem eine für den Fernverkehr verkaufen dürfte? Das Ziel muss bloß außerhalb des Verkehrsverbundes liegen, etwa Ingelheim…

Woher soll der selten fahrende, verunsicherte Fahrgast wissen, dass der, der ihm keine Fahrkarte verkaufen will, auf dieser Verbindung der einzige ist, der kontrolliert. Dass hier nur der Schaffner vorbei kommt?

Woher soll der selten fahrende, verunsicherte Fahrgast wissen, dass die oberen Schergen Etagen in der Bahn das so beschlossen haben?

Warum ist die Bahn eigentlich nicht in der Lage, Fahrkartenautomaten in ihren Zügen zu installieren? Die dann auch noch funktionieren. Andere können das!

Weil die Bahn immer noch nicht kapiert hat, dass sie das dicke Geld zwar mit dem Fernverkehr verdient, leider aber fast niemand in der Nähe eines Hauptbahnhofs wohnt. Die meisten müssen weiter, etwa mit dem Nahverkehr. Man stelle sich vor, die Flughäfen würden vor Kundenfreundlichkeit nur so strotzen und ausschließlich per Fahrrad erreichbar sein…

Das Verhalten des korrekten Vollzugsbeamten Zugbegleiters wird ein Nachspiel haben. Eine Beschwerde. Mit der umgehend zu erwartenden Begründung, dass das die gültigen Vorschriften seien. Und Vorschrift ist halt Vorschrift und das Wort Kunde erst einmal und auch zweitens ein Fremdwort…

© Ulf Runge, 2008

9 thoughts on “Fremdwort „Kunde“

  1. Äh… oje… ich wäre ganz schön aufgeschmissen, lieber Ulf. Bin eher ein Nie-Bahn-Fahrer, äh -Fahrerin und wüsste gar nicht welche Karte ich wofür und wieso überhaupt kaufen müsste. Sehr interessante Informationen, die du hier an Nichtwissende wie mich „verteilst“. Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich lieber Auto fahre.🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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  2. Liebe Martina,

    wenn das Öl alle ist und wir nur noch Lebensmittel zum Tanken nehmen,
    dann werden wir alle atomstromverbrauchenderweise in vollen Zügen das Leben genießen…

    Ich habe das Glück, dass sich mein Leben hauptsächlich zwischen zwei Bahnstationen abspielt.
    Wäre es nicht so, müsste ich auch viel mit dem Auto fahren, mit all seinem Segen und all seinen Risiken…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  3. Lieber Ulf, das klingt erschreckend abschreckend für Bahnfahren…;-) Ich fahr auch lieber Auto und fliege lieber (ist auch mittlerweile viel billiger). Da sollte man sich auch nicht mehr wundern, dass die Leute nicht mehr Bahn fahren..
    lgr andrea

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  4. Liebe Martina,
    Du bist also die, die ich immer am Automaten stehen sehe?
    Ratlos, Zug um Zug verpassend, weil nicht wissend, wo drücken.
    Ich glaube, da muss ich wohl noch eine weitere Geschichte nachlegen.
    Mal sehen, die Tage mal wieder… *g*

    LG, Ulf

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  5. Liebe Andrea,
    Bahnfahren hat wirklich sein schönen Seiten.
    Du wirst pünktlich (immer wenn ich zu spät komme, ist der Zug weg…)
    von A nach B gebracht (selbst wenn Du von A nach C wolltest…)
    Du kannst im Zug lesen (das geht auch im Stehen im vollbesetzten Nahverkehrszug…)
    oder schlafen (und dabei bekommst Du noch mit, wie ein IT-Fuzzi seinem Kollegen am Handy
    die neueste Serverinstallation, schritt für schritt, musste du erst noch im logfile nachgucken…,
    erklärt)
    Oder die Landschaft vorbeihuschen sehen (in Scheiben so sauber wie keine Brillenichtputzender Brillenträger sie jemals hinbekäme).
    Oder den Duft des Leberkäsbrötchens vom Nachbarn einatmen dürfen.

    Schließe die Augen, summe vor Dich hin „Ski foahrn“ und ersetze „Ski“ durch „Zug“
    Ist das schön…🙂

    LG, Ulf

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