Komma Eins Neun Fünf

Leben 123 – Montag, 05.11.07

Ich weiß nicht, warum Douglas Adams nun gerade die 42 auserkoren hat, als Antwort auf die Fragen aller Fragen.

Ich weiß nicht, warum denn jener Kriegsberichterstatter, der die möglichst zeitnahe Weitergabe von schlussredaktionsrelevanten Informationen mit seinem Leben bezahlen musste, noch jene letzten 195 Meter laufen musste. 42 Kilometer hätten auch gereicht.

Der sei doch der größte Marathon in Deutschland, der Frankfurt-Marathon, werde ich suggestivgefragt. Nein, antworte ich, wenn mit „größter“ die Anzahl der Teilnehmer gemeint sei, dann würde ich mal auf Berlin tippen. Aber Frankfurt sei doch der „dienstälteste“, erfahre ich dann. Das möge ich wohl glauben, entgegne ich da. Wie lang denn der Frankfurt Marathon sei, lautet die nächste Frage… Aber auch die ließ sich dann klären…

Ich bin pünktlich unterwegs, ja unfassbar! Entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten habe ich mich nicht für die Anreise im Zug entschieden, sondern bin im Auto unterwegs, da ich eine günstige Parkmöglichkeit ganz nahe bei Start und Ziel angeboten bekommen habe.

Fünf vor neun bin ich am Treffpunkt, wo eine Kollegin und Kollege auf mich warten. Sie wird ebenfalls mitlaufen, weit vor mir, er wird fotografieren, knapp 1.200 Bilder. Nicht nur Masse, sondern insbesondere Klasse. Wir suchen den Treffpunkt für das Firmen-Gruppenfoto auf, niemand da, wir gehen suchenden Blickes umher, mittlerweile ist es kurz nach neun.

Da sehen wir Michel aus Frankreich, ein liebenswürdiger Zeitgenosse, der beim Marathon mit Sicherheit seine 60 Kilometer zurücklegt, weil er oft genug entgegen der Laufrichtung unterwegs ist, und den Mitläuferinnen und Mitläufern mit freundlichen Worten Zuspruch gibt, sie aufmuntert weiterzulaufen, durchzuhalten. Blumeneck macht noch ein Foto von meiner Kollegin, Michel und mir. Das hat was! Das hat nicht jeder! Michel aus Frankreich

Was soll der Tag da noch Außergewöhnlicheres bringen?

Da bemerkt Blumeneck, dass wir jetzt doch noch den Gruppenfototermin verpasst haben, aber ehrlich gesagt, mir ist das fast egal, ein Foto mit Michel wiegt das mehr als auf.

Ich kaufe mir noch eine Salzbrezel, dann besprechen wir ein letztes Mal, wo Blumeneck unterwegs auf uns warten wird, unsere Wege trennen sich, ich gebe den Kleiderbeutel ab, entscheide mich vorher noch endgültig für kurzarm und kurzbein, muss ich mich halt warm laufen, wenn es etwas zu frisch ist, beherzige erneut, dass Männer weder Schmerz noch Tränen kennen.

Mit der großen Wasserflasche in der Hand laufe ich durch die Festhalle auf der Suche nach einem WC, einem mit kurzer Warteschlange. Noch 45 Minuten bis zum Start, jetzt gilt es ein letztes Mal auf die Pipibox zu gehen. Keine Schlange vor der Tür, schon mal gut! Hinter der Tür ist nicht unmittelbar das Klo, sondern ein Treppenhaus, ein Treppenhaus mit Schlange, mit langer Warteschlange. Zu früh gefreut! Anfänglich einreihig, weiter vorne dann plötzlich zweireihig steht man hier, als sich die Parole herumspricht „Pinkeln links“. Ich stelle mich in die linke Schlange. Der Gang wird enger, ist mit den beiden nebeneinanderstehenden Schlangen gut gefüllt, so dass die entgegenkommenden fast keine Chance haben herauszukommen. Aber auch das geht vorbei und rechtzeitig vor dem Start ist nun alles erfolgreich absolviert, jetzt kann es also los gehen.

Ich hatte jetzt, also schon vor dem Start, Muskelkatarrh. Okay, ich war vor drei Wochen Köln gelaufen, aber seitdem hatte ich mein Traninigsprogramm massiv reduziert, hoffentlich nicht zu viel. Und gestern war ich so blöd gewesen, noch mal so sechs Kilometer zu laufen. Soll man eigentlich nicht. Nur schonen ist erlaubt. Ob das heute gut gehen würde?

Es ging. Zumindest am Anfang. Selten hab ich einen Lauf so schön gleichmäßig durchgestanden. Zumindest bi s Kilometer 30. Und da fängt der Marathon bekanntlich ja erst an. Wenn der Mann mit dem Hammer kommt. In Köln kam er nach 29 Kilometer, so früh wie noch nie bei mir. Und blieb mir 5 Kilometer ein treuer Partner. Erzählte mir, er sei ein Kumpel vom inneren Schweinehund, und gemeinsam seien sie stark, und ich würde es diesmal nicht schaffen. Einen Marathon laufe man nicht mit links. Da müsse man schon mehr trainieren. Bis ich dann bei km 36 merkte, dass ich durch war, ich bräuchte nur noch 6 Kilometer laufen, und mit eine bisschen Anstrengung könne ich das mit einem 9 km/h Schnitt schaffen. Und schaffte es auf die Hundertstel-Sekunde genau.

Diesmal lief es besser als in Köln. Gehpausen diesmal nur bei den Verpflegungsstellen. Bei km 16 habe ich meinen Zwischenzeitenzettel weggeschmissen, spätestens ab jetzt war ich nur noch nach Bauchgefühl unterwegs, wobei ich allerdings weiterhin sehr wohl auf meine Zwischenzeiten achtete. Und die waren okay, blieben okay.

Recht witzig fand ich in Alt-Schwanheim eine Blasmusikkappelle, die zwar sehr ansprechend unterhielt, aber definitiv nichts für meinen Bewegungsablauf war. Alt-Schwanheim, die zweite: Kurz hinter dem Halbmarathon-Schild, hing ein großes Schriftband über der Straße, rechts an einer Kirche befestigt, das als guten Tipp für die verbleibende Halbmarathondistanz die Anrufung göttlichen Beistandes durch Beten empfahl. Alt-Schwanheim, die dritte: Kurz hinter der Kirche war ein Orchester zu sehen und zu hören, schwarz gekleidet, ebenfalls nicht meinen Laufstil positiv beeinflussend: ein Geistlicher dirigierte das Ensemble, das uns Läufer mit geistlichen Lieder begleitete. Überhaupt war das Engagement der vielen Musikgruppen, Helfer an der Verpflegungsstationen und der leicht fröstelnden Zuschauer einfach riesig.

Die Temperaturen trugen wohl auch dazu bei, dass viele Zuschauerinnen und Zuschauer in Kauf nahmen, abends kaputte Klatschehände zu haben, die ihnen wohl mehr weh getan haben als mir meine Beine und Füße. Danke!

Während ich also drei Wochen zuvor in Köln bei km 29 bis 35 noch richtig mit mir selber gekämpft hatte und bei km 36 über den Berg war und beschloss, jetzt nur noch ins Ziel zu spurten, war es diesmal anders. Nicht, dass das jetzt falsch ankommt. Ich habe erst im Ziel GEWUSST, dass ich ankomme. Aber diesmal habe ich von Kilometer zu Kilometer gespürt, dass es werden wird, dass es gerade ungeschickt wäre, nicht durchzuhalten, nicht anzukommen. Und wie in Mannheim im Frühjahr hatte ich ab Kilometer 38 zum einen das Gefühl, nur noch wenige Minuten, dann bist Du durch, und zugleich wurde ich das Gefühl nicht los, dass die Veranstalter gleich da vorne noch einmal einen kleinen Umweg für mich vorgesehen hatten, rechts rum, obwohl ich wusste, dass der kürzeste Weg ins Ziel links rum ist. Egal. Etwas wirklich Extravagantes hatte dann der Zieleinlauf in die Festhalle, abgedunkelt, werbebeleuchtet, discomusicgeschwängert, mit total aufgeheizter Stimmung.

Meine Kollegin kam mehr als eine Stunde vor mir ins Ziel und wurde bei unserer firmeninternen Wertung sogar Zweite. Mit einer Zeit von gut unter 3:30. Einfach riesig!

Mit meinen 4:34:39 war und ich bin trotzdem sehr zufrieden. Und irgendwann will ich mal unter 4:15 laufen 😉

Hier noch ein paar weitere Bilder, die Blumeneck dankenswerter Weise geschossen hat:

Nach gut 1 km:

 ako_6710-v2.jpg Kilometer 1

Bei Km 36:   Renate        Kilometer 36

Mein besonderer Dank gilt meinem Kollegen Blumeneck, dessen außergewöhnliche Kunstwerke hier begutachtet werden können: Blumeneck

Besonders beeindruckend finde ich seine Frankfurter Stadtlandschaften und seine Pflanzenfotos. Viel Spaß! Und über Feedback freut er sich auch…

© Ulf Runge, 2007

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, nochmals meine Hochachtung für Deine Kondition, Deinen Durchhaltewillen, bemerkenswert. und der letzte Marathon noch gar nicht lang her…
    Schöne Fotos und da sieht man Dich dann auch mal etwas besser, als auf Deinem Blog-Foto, da bekommst Du grad noch mehr „Dimension“…find ich gut…
    Lgr Andrea

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  2. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    danke für die Komplimente. Der Durchhaltewillen war stärker als die Kondition 🙂
    Ja, Du hast recht, die Bilder zeigen wirklich etwas mehr „Dimension“ 🙂
    Vielleicht sehe ich ja doch irgendwann einmal so aus wie ein richtiger Marathonläufer 🙂

    LG, Ulf

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  3. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, genau DAS hatte ich nicht gemeint, sondern Dich mal als ganzen Menschen zu sehen und nicht nur den Ausschnitt Deines Gesichtes, Dich „im ganzen“ lachen zu sehen, das gibt Dir mehr Dimension…! Apropos Bild, täusche ich mich oder hast Du Dich ein wenig verändert! 🙂 liebe grüsse andrea

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    natürlich war das ein Scherz von mir mit der „Dimension“, das hastu aber auch gewusst.

    Ja stimmt, und mein Foto habe ich jetzt temporär mal an Tunki abgegeben 😉

    LG, Ulf

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