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Leben 105 – Freitag, 19.10.07

Nachfolgender Text darf eigentlich nicht gelesen werden. Er muss gehört werden. An einem Freitag abend. Du sitzt im Publikum. Etwa auf einer Poetry Slam. Und hörst zu.

Jetzt

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Tieren und Menschen ist wohl, dass die Tiere leben. Während wir Menschen das Leben genießen.

Zumindest sind wir wohl sicher, dass wir nicht wissen, ob Tiere oder gar Pflanzen in der Lage sind, das Leben nicht nur zu leben, sondern ebenfalls zu genießen. So wie wir.

Wochenende! Genießt Du das jetzt auch? Es ist Wochenende. Freitag Abend. Genuss ohne Ende. Bis irgendwann am späten Sonntag Abend. Bis auf 3sat „Der Kommissar“ kommt, oder „Der Alte“. Und Dich in den neuen Tag, in die neue Woche bringt.

Wochenende! Du bist jetzt ganz entspannt, oder? Jetzt musst Du nur noch das dazu passende Gesicht machen! Also, bitte!

Während Du hier sitzt, was denkst Du da? Machst Du Dir auch Gedanken, was Du morgen auf keinen Fall vergessen darfst? Während Du mir so zuhörst? Was wirst Du bei Aldi kaufen? Und was bei Edeka? Du wolltest Dich ja eigentlich auf den heutigen Abend konzentrieren, hier zuhören, lachen, Unterhaltung finden. Aber was passiert gerade mit Dir? Du holst einen Zettel raus und kritzelst hier im Dunkeln drauf: „Nutella“. Zumindest hoffst Du, dass Du es noch lesen kannst, wenn das Licht wieder an ist. Oder Du denkst nur „Nutella“, weil Du hast keinen Zettel. Denkst ganz viel an Nutella. Hörst mich andauernd Nutella sagen. Nutella, Nutella, Nutella. Sei sicher, Du wirst es vergessen. Oder Du schickst Dir eine SMS mit „Nutella“.

Wochenende! Wirst morgen etwas länger schlafen wollen, stellst Dir den Wecker auf sieben. Machst etwas ausführlicher Körperpflege, weil, es ist ja Wochenende. Fingernägel, Fußnägel, guckst vielmals in den Spiegel.

Gehst zum Geldautomaten, denn dafür hat’s Dir gestern nicht mehr gereicht. Markt. Bäcker. Metzger. Buchhandlung. Drogeriemarkt. Kaufhaus. Aldi.

Und dann gehst Du zum Edeka, weil Nutella gibt’s bei Aldi nicht. Und Du genießt, mal in Ruhe einkaufen zu gehen, ohne Eile in einer langen Schlange an der Kasse zu stehen. Siedend heiß fällt Dir ein, dass Du schon wieder vergessen hast, dieses blöde Ponyclub-Abo zu kündigen, was Dich weitere 20 Euro kosten wird, und Dir schreibst Dir auf: „Ponyclub“. Und genießt, dass Dir endlich mal diese wichtigen Dinge einfallen.

Ja, es ist Wochenende. Und die Pflanzen und Tiere tun Dir leid, weil die leben ja nur. Während Du, Du genießt das Leben. Zumindest am Wochenende.

Gerade noch rechtzeitig fällt Dir ein, dass Du Staubsauberbeutel brauchst. Zu Hause dann machst Spaghetti für Dich und Deine Lieben. Die esst Ihr alle gerne. Und dann denkst Du Dir, Du hättest doch noch einen Salat dazu machen sollen, wegen der Vitamine. Und es ist ja Wochenende, und Ihr wollt doch mal gemütlich beieinander sitzen beim Essen, und Euch gesund ernähren. Und es ist Wochenende, und Du willst ja schließlich auch genießen, und nicht so viel schuften, und da muss ja nun heute nicht auch noch ein Salat sein, oder?

Wochenende: Eine 30 Grad bunt aufgesetzt. Wollprogramm. Du machst ja nur noch Wollprogramm, seitdem Du Deinen schönen Skipullover ruiniert hast. Flur gesaugt, Küche, Bad, Klo. Machst Dir nen Espresso, ist ja Wochenende. Guckst mal in die Zeitung.

Saugst die Wohnung fertig. Willst gerade mit Badputzen anfangen, als Dich ein feuchte Zunge liebevoll darauf aufmerksam macht, dass es da noch mehr gibt auf dieser Welt, schöneres, als nur zu putzen. Und Du ziehst die Hose aus, ziehst die Dreckjeans an und nimmst die Hundeleine und den Ball, und ihr geht mal bei Tageslicht spazieren.

Die Pampa ist wie leergefegt, bei dem Nieselregen seid ihr hier alleine unterwegs. Du wirfst den Ball, zigmal, x-mal, wer weiß wie oft. Und Dein Hund läuft und holt ihn, bringt ihn Dir, bettelt darum, dass Du ihn bittest, sein Spielzeug herzugeben, und er bekommt gar nicht genug von diesem Spiel.

Es ist Wochenende und Du sagst Dir: Das Leben genießen, das können Hunde also auch. Und die anderen Tiere? Die bestimmt auch. Vielleicht auch die Pflanzen. Wer weiß.

Und du weißt, es ist Wochenende, und so schöne Gedanken wollen Dir nicht kommen unter der Woche, wenn die Mühle mahlt, wenn Du auf Ochsentour bist, wenn es Montag ist, Dienstag, und das Wochenende noch fern.

Und es ist Samstag Abend, und Du genießt das Leben. Und denkst auch schon mal ein bisschen an Montag, was dann alles zu tun ist in der Firma. Und Du holst Dir einen Zettel, und Du planst, und genießt, dass Du jetzt so schön Zeit hast, das alles zu planen.

Und Du siehst in den Kalender, und da steht, dass Du nächsten Freitag ins Konzert gehst, und Du weißt, Du wirst Dich dort megamäßig entspannen, nur diese Musik wird Dich durchfluten, dieser gigantische Sound wird Dich in seinen Bann nehmen, Du wirst diesen Abend genießen, an nichts anderes denken. Nicht an Nutella. Nicht an heute Abend. Nur Dein Leben genießen.

© Ulf Runge, 2007

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10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mo sagt:

    Lieber Herr Runge,

    ich finde diese kleine Geschichte wertvoll.
    Ich bin übrigens der Meinung – diese Geschichte wäre gehört nicht so ausdrucksstark.

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  2. Christa sagt:

    Wie kommt’s, dass jetzt Nutella auf meinem „Wocheneinkaufszettel“ steht, obwohl ich doch gar keine „Süße“ bin?.

    Gruß und schönes Wochenende 🙂

    Christa Schwemlein

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  3. Ulf Runge sagt:

    Liebe Mo,

    danke für diese Anmerkung.
    Dass die Geschichte nichts fürs Hören ist, macht mich nachdenklich. Danke für diese ehrliche Meinung.
    Ich werde noch mal überdenken, was ich nächsten Freitag vortragen möchte.

    LG, Ulf Runge

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Christa,

    danke für den Hinweis, dass die Gedanken um den Einkaufszettel so dominant sein können, dass man nur noch „Nutella“ denkt.

    Ebenso ein schönes Wochenende,
    LG, Ulf Runge

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  5. Claudia sagt:

    Lieber Ulf,
    ich hab‘ Deine Geschichte „hörend“ gelesen. Auf einer Poetry Slam war ich noch nie; jedoch könnte ich mir vorstellen, dass sie in einem guten Vortragsstil – mit genug Atempausen, damit wirklich jeder genug Zeit hat sich wiederzuerkennen – gut ankäme. Mit „der feuchten Zunge“ führst Du natürlich alle hinters Licht… und holst sie wieder in die Realität: ins Wochenende! Die Geschichte ist kein Traum, der in andere Welten entführt, sie ist ein Spiegel der Wirklichkeit. Deshalb würde ich auch zum Schluss das nächste Wochenende als ein dem jetzigen gleichendes in Aussicht stellen… Schließlich haben wir doch an diesem Wochenende das Leben in vollen Zügen genossen… oder? 🙂

    LG Claudia Jo.

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  6. Ulf Runge sagt:

    Liebe Claudia, (sorry, da hatte ich zunächst den falschen Vornamen…),
    nächsten Freitag ist in Darmstadt wieder Poetry Slam. Mal abgesehen davon, dass es unbestuhlt ist, also ohne Sitzkomfort, ist es eine wahnsinnig (! ja so ein Attribut gebrauche ich hier einmal) unterhaltsame und auch anspruchsvolle Veranstaltung.
    Ja, die „feuchte Zunge“, das hatte ich mir so richtig schön als Glatteis ausgemalt. Schön, dass es funktioniert hat.
    Den Schluss noch ein bisschen überarbeiten und den Spannnungsbogen Wochenende-Wochenende intensivieren? Das werde ich mir mal überlegen.
    In vollen Zügen genossen? Ich sag mal, dieses Wochenende war „lazy sunday afternoon“ angesagt…
    LG, Ulf

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  7. andrea2007 sagt:

    Ich bin beeindruckt, Du trägst live Deine „Geschichten“ vor? Glückwunsch, wünsche dir ganz viele begeisterte Zuhörer. Nachdem ich es jetzt unter diesem Aspekt innerlich laut gelesen habe, kann ich Dir sagen, das kommt gehört bestimmt sehr gut an, wie Claudia schon sagt, im richtigen Tempo, der passenden Betonung und Pausen…Zerpflück es jetzt nicht, Glaub mir, das einzelne Wort ist unwichtig, wenn innerlich die Message rüberkommt!Und die richtige Einstellung dafür hast Du ja. Lieben Gruss Andrea

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  8. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,
    danke für’s Daumendrücken. Am Freitag brauche ich zunächst einmal Losglück. Wenn mir das Hold ist, dann darf ich auch was vortragen.
    Ziel ist irgendwann einmal, in die Finalrunde zu kommen, aber da bin ich noch meilenweit entfernt von.
    Für mich ist aktuell nur wichtig, dass es mir gelingt, eine möglichst große Zahl von Menschen für ein paar Minuten zu unterhalten, und dabei zu sehen, ob sich während des Vortrags da etwas entwickelt zwischen dem Publikum und mir.
    Also danke, ich werde davon berichten.
    LG, Ulf

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  9. andrea2007 sagt:

    ich freu mich auf deinen bericht, du visualisiere einfach das bild, wie du dort oben auf der bühne stehst und die leute dir zulachen und zuklatschen. Stell dir genau vor, wie das sein wird und vor allem, wie sich das dann anfühlt für dich, dann wird sich das auch erfüllen. meine daumen sind und bleiben gedrückt…lgr andrea

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  10. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,
    danke für den Zuspruch, hier ein paar Bilder (vom Frühjahr):
    http://www.dichterschlacht.de/dd18online/
    LG, Ulf

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