Leben 97 – Samstag, 06.10.07 – Da ging er durch die Nacht

Da ging er durch die Nacht, dunkel der Himmel, kein Mond zu sehen, aber Sterne, viele Sterne, soviel Sterne gab es zu sehen, dass es ihn anstrengte, dass er den Kopf wieder herunternahm, auf das Pflaster der Straße schaute, trocken, es war trocken.

Da ging er durch die Nacht und hing seinen Gedanken nach, sah den Großen Wagen, eines der wenigen Sternbilder, das er auf Anhieb erkennen konnte. Wären da noch das Himmels-W, das er heute abend nicht suchte, weil er sich lieber am Großen Wagen nicht satt sehen wollte. Und Orion. Orion, der mit den drei Knöpfen im Gürtel. Wenn man Orion sieht, dann ist es Herbst, oder Winter, oder bald wieder Sommer. Orion, als er an Orion dachte, wurde er etwas wehmütig, aber er wollte seine Gedanken dann besser doch für sich behalten.

Da ging er durch die Nacht und erinnerte sich an den Nachmittag, den späten Nachmittag, als er Feierabend machte, als ein riesengroßer Feuerball, eine blutrote Himmelsscheibe am Horizont die Erde berührte und sich in ihr eingrub. So ein schöner Abend war das noch geworden, nachdem der Tag mit Dunst und Diesigkeit gekämpft hatte, und schließlich den Schleier der Wolken abgelegt hatte.

Da ging er durch die Nacht und lief in Gedanken durch seine Heimatstadt, die, in der er zur Schule gegangen war, die ihn morgen zurück erwartete, für Stunden nur, aber doch für wichtige Stunden. Ein zweites Mal würde er über Straßen und Plätze laufen, über die sonst nur Autos rüber dürfen. Die historische Kulisse dieser schönen Stadt würde ihm den Kick geben, sich für knapp fünf Stunden lächelnd durch die Heimat zu quälen.

Vorbei an der Schule, die ihm bei allen Höhen und Tiefen eine Heimat gewesen war, und da waren sie auf einmal wieder, die Gesichter, die vertrauten Gesichter der Klassenkameraden, von denen nicht alle im Frühjahr beim Treffen dabei sein konnten. Und einer sei tot, hieß es. Das hat ihn sehr berührt, so verschieden sie auch alle waren in der Klasse, aber auf einen von ihnen verzichten? Sicher sein, dass sie nie wieder ein gemeinsames Klassenfoto würden machen können, als alte Männer. Was heißt wieder? Sie hatten auch damals keines gemacht, waren in alle Winde auseinandergestoben, ja er war damals sehr froh, dass es zu Ende war.

Die Lehrer, die in seiner Erinnerung jung geblieben waren, und dann doch plötzlich als ältere Männer vor ihm standen, Herr Dr. L. und Herr L., sein Mathe- und sein Lateinlehrer, beides vorbildliche Pädagogen, denen er heute noch unendlich dankbar ist. Sein verstorbener Griechisch-Lehrer, Herr K., ein verschmitzter Herr, bei dessen Lachen man von den Goldfüllungen regelrecht geblendet wurde. Plötzlich sitze er bei „UKW“ im Englisch-Unterricht („Can’t you speak English?!“), bei Herrn M. im Zeichensaal und macht Kartoffeldrucke, sieht Dr. J. mit Atomkugelmodellen spielen, erinnert sich an Herrn Dr. H., der nie in seinem Leben zu spät gekommen ist, nur einmal, 1944, und sich bei einem Luftangriff am Hansaring in den Luftschutzkeller retten musste. Da werde er übermorgen ebenfalls vorbei laufen, und an Herrn Dr. H. denken, der als einziger darauf bestand, dass die Hausaufgaben ins Hausaufgabenheft eingetragen wurden. Ein Hausaufgabenheft nur für Bio!

Und er würde an Frau Dr. H. denken. Sie war nicht sein Typ, er glaubt heute noch, dass er sie nicht so richtig mochte. Aber sie war eine klasse Lehrerin. Hat sie alle 14 Tage rausgejagt, abwechselnd in eine Kirche oder in ein Museum. Streifzüge zu Groß St. Martin und St. Maria im Capitol wechselten sich mit dem Wallraff-Richartz-Museum und der Kunsthalle ab, in der bisweilen Exponate von Andy Warhol und Roy Lichtenstein auf sie warteten. Das ganze musste dann nacherzählt oder beschrieben werden. Das war nervig. Aber diese Frau hat sie gezwungen, dass sie sich mit Architektur und bildender Kunst ganz konkret auseinandergesetzt haben.

Und er dachte an den Nachbarjungen, mit dem er nicht wirklich richtig gut Freund gewesen war, und ihre Wege trennten sich auch nach der Grundschule. Bis dahin aber hatte er Gelegenheit genug, der Nachbarsfamilie einen Zettel in den Briefkasten zu werfen, auf dem es hieß: „Ich klage an.“ Deutlicher noch wurde er dann vom Garten aus, als lautstark und inbrünstig nach ganz oben hoch schrie: „Ihr seid alles Arschlöcher!“

Da ging er durch die Nacht, dachte an die rassige Ilona von der Ferienfreizeit, die ihm danach dann ganz schnell einen Korb gegeben hat, an die nette Bekanntschaft vom Karneval, die ihm nach vielen schönen Woche eines Tages – mit ihren 16 Jahren – Tschüss sagte, weil ihre Eltern sie einem anderen versprochen hätten, an Gisela vom Konfirmationsunterricht, die er liebte, aber mit der er nichts anderes anzufangen wusste, als mit ihr in Museen zu gehen, und die er als erstes Mädchen küsste. Das war ein glückliches Schwindelgefühl, ein Traumtaumeln, das da durch ihn hindurch ging, aber irgendwann hatten sie die Museen durch, und ihre Wege trennten sich. Hedi vom Tanzkurs sei noch erwähnt, mit der er sich so lange küsste, bis das Bierglas in der Kneipe auf dem Boden zu Bruch ging. Peinlich war das, der Wirt guckte böse, aber die Küsse waren geküsst, das war die Hauptsache.

Da ging er durch die Nacht und dachte für sich, dass da 42 Kilometer Zeitreise vor ihm liegen, seine Eltern, sein Bruder, Donald und Dagobert, die beiden Wellensittiche, der Drogerie-Fischer von gegenüber, das Gesicht von gegenüber, dann fiel ihm Fräulein P. ein. Sie und der Bär Pu hatten ihm das Lesen beigebracht.

An all diese Menschen würde er sich zurückerinnern, all diese Begebenheiten würde er noch einmal durchleben, wenn er sich am Sonntag auf den Weg machen würde.

Da ging er durch die Nacht, und bemerkte am Ende dieser Gedanken, wie laut seine Ledersohlen die Stille der Nacht brachen, auf dem Pflaster hallten, bemerkte, dass er nicht er alleine war, dass er ja seinen Hund dabei hatte, der am Ortsrand die Büsche aufgesucht hatte, dass sie schon auf dem Rückweg waren. Und sein Blick ging wieder zum Firmament, und suchte nicht das Himmels-W, und auch nicht Orion, nur den Großen Wagen.

Wiedersehen. Die steinernen Zeugen seiner Heimat würde er wiedersehen.

Wiederspüren. Die Menschen von damals wiederspüren.

Da ging er durch die Nacht. Und etwas war mit ihm passiert.

 

© Ulf Runge, 2007

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mo sagt:

    – Ohne Hund wäre vielleicht nichts passiert. –
    Ich hoffe ich durchbreche mit meiner Anmerkung nicht die Stille der Nacht,die gerade einsam über uns wacht 😉
    Der Stille werde ich mich jetzt ergeben,meine Träume der Nacht zu Füßen legen.

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  2. Ulf Runge sagt:

    Oho, Frau Mo,
    das ist ja sehr poesievoll!
    Ja, ohne Hund, da hätte es diesen Spaziergang wohl kaum gegeben.
    Und, ohne Hund auch nicht Ihre in Reimen gefasste Replik.
    Danke.
    LG, Ulf Runge

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