Leben 67 – Mittwoch, 29.08.07 – Mein Leben als Hochdeutscher

Danke an Sebastian Sick, der mit dem Falschverwenden des Genetivs, also dem Dativ, ein Geschäftsmodell gefunden hat, das seinesgleichen sucht. Für alle, die noch auf der Suche sind, die deutsche Sprache bietet noch den Nominativ (Wer-Fall) und den Akkusativ (Wen-Fall) als unerschöpfliche Geldquellen an, man muss nur drauf kommen wie. (Ich hatte noch nicht die zündende Idee.)

Danke also an Sebastian Sick, der am 24.08.07 unter dem Titel „Schweizgebadet“ über seinen Gemütszustand berichtet, bevor er mit seiner Vortragsreise in die Schweiz einreist: http://www.kolumnen.de/sick-240807.html.

Danke an Sebastian Sick, weil sein Artikel mir mal den Anlass gibt, über mein Leben als Hochdeutscher zu reflektieren. Wer wie ich in Berlin aufgewachsen ist, zumindest einmal die ersten fünf Jahre, der muss doch eigentlich ein bisken balinan können. Kann ich aber nicht. Hat man mir konsequent aberzogen. Ich glaube, heutzutage wöllte ich auch gar nicht balinan, aber möglicherweise fehlt mir hier auch etwas ganz entscheidendes, durch nichts mehr gut zu machendes.

Nachdem wir mittlerweile nach Köln umgezogen waren, nicht gerade eine Hochburg der gepflegten deutschen Hochsprache, war ich wie elektrisiert, als ich zunächst aus dem Radio und dann zich mal wiederholt im Fernsehen wahr nahm, wie ein amerikanischer Präsident balinan durfte und icke nich. „Ick bin oin Balina.“ Eiskalt lief mir das über den Rücken. Der durfte. Präsident müsste man sein.

Meine Schulzeit in Köln war geprägt durch diesen schönen, direkten, melodischen Dialekt, auch Kölsch jenannt. Ich kann mich noch erinnern, ich war Thekenauffüller bei Cornelius Stüssgen (Stüssjen jesproche), war zuständig für die Seifentheke, stand am Aufzug, wollte Persil und Ariel aus dem Keller holen, da stand mein Klassenkamerad und ebenfalls Thekenauffüller (er machte wohl den Wein, wenn ich recht nachdenke) Dieter K. schon am Aufzug und fragte mich: „Häste Führ?“ Das erste Wort seines Kurzsatzes war natürlich die Frage „Hast Du?“ Aber was? „Führ“ war mir fremd. Weder ein Waschmittel noch ein Shampoo war in letzter Zeit unter diesem Namen in die Regale gekommen. Manchmal machte ich auch Konservern. Bami Goreng. Nasi Goreng. Aber Führ? Relativ Kölsch-mutig antwortete ich Dieter: „Nö, hann isch nitt, glöw isch. Äwwa wat is denn Führ esu jenau?“

Lachen. Brüllen. Tränen in den Augen. Inzwischen waren alle Thekenauffüller am Aufzug eingetroffen und lachten sich schlapp, weil ich nicht verstanden hatte, dass der Dieter Feuer (Für) für seine Zigarette haben wollte.

In Köln bin ich immer ein „Imi“ geblieben, ein Imitierter. Kölsch habe ich nur dann gesprochen, wenn ich mir sehr sicher sein konnte, dass die Anwesenden Kölsch nur aus dem Fernsehen, etwa vom Millowitsch-Theater kannten. Dieses Falsch-Kölsch hat man mir in diesen Kreisen immer gern abgenommen, in Gegenwart von Eingeborenen war es allerdings unendlich blamabel.

Kennen Sie den rheinischen Konjunktiv? Konrad Beikircher hat das Lebensgefühl der Rheinländer, besser gesagt der Kölner einmal so auf den Punkt gebracht. Auf die Frage, warum er denn eine bestimmte Aufgabe immer noch nicht erledigt habe, antwortet der Kölner: „Datt han isch jestan jemacht habn wolle.“

Ich habe mich in Köln, das sei jetzt aber doch noch betont, immer sehr wohl gefühlt. Köln ist eine liebens- und lebenswerte Stadt mit ebensolchen Menschen. Die muss man halt manchmal nur zu nehmen wissen…

Meine kurze Zeit in Bayern habe ich nicht wirklich dafür verwenden können, mir das Bajuwarische anzueignen. Anders dagegen die Jahre im Ländle. Statt „Imi“ war ich nun „Neigschmeckter“, den schwäbischen Durchschnittsdialekt habe ich auch schon sehr bald verstanden, Falsch-Schwäbisch habe ich nur dann geredet, wenn ich mir sicher sein konnte, dass die zuhörenden Schwaben es als Belustigung aufnehmen würde, aber nicht als Peinlichkeit.

Besonders in Erinnerung sind mir Szenen mit Menschen, die oa breideres Schwäbisch gsproche hen. Von denne bin ich oan ums oandre moal gfroagt woare: „Gell, Do verstoahst nix?“ Was ich durch heftiges seitliches und vertikales Kopfnicken zugleich bestätigt und verneint habe.

Jaha, das war jetzt aber lustig.

Im Ernst, wer Dialekt redet, hat eine ganz andere Verbundenheit zu den Menschen, mit denen er aufgewachsen ist, zu der Gegend, in der er groß geworden ist. Wer keinen Dialekt spricht, weil er ihn vielleicht nicht sprechen durfte, damit er es mal später leicht hat im Leben, damit er nicht gehänselt wird, weil er kein richtiges Schriftdeutsch beherrscht, wer also keinen Dialekt spricht, der hat es vielleicht irgendwo und irgendwann in seinem Leben mal leichter gehabt. Aber so einem Menschen fehlt auch etwas. Etwas, das man nicht kaufen kann. Etwas, das man nicht lernen kann.

Ich finde es immer wieder schön, wenn ich Menschen, mit denen ich eben noch Hochdeutsch gesprochen habe, schon kurze Zeit später am Telefon erleben darf, wie sie von einer Silbe auf die nächste in ihren Dialekt verfallen, bloß weil sie Mama oder Papa telefonieren.

© Ulf Runge, 2007

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13 Kommentare Gib deinen ab

  1. andrea2007 sagt:

    Grüezi Ulf:-)
    das ist ein Artikel nach meinem Geschmack. Ich glaub, da muss ich auf meinem Blog was längeres drüberschreiben. Ich bin ja ursprünglich aus Bielefeld, wo man sehr schön breit westfälisch, aber im Grunde ein ganz gutes Hochdeutsch spricht. Seit ich hier in der Schweiz lebe, erkenne ich Westfalen sofort, wenn sie den Mund aufmachen, lustig. Und als ich in die Schweiz zog, kam ich mir anfangs wie ein Alien vor, als ich so schön Hochdeutsch sprach, das war auch der Grund, warum ich ganz schnell Schwyzerdütsch lernte. Und die Schweizer lachen einen dann zum Glück nicht aus- oder zumindest mich nicht- es ist sogar schon des öfteren passiert, dass ein Schweizer sagt: Sie sind aber aus dem Thurgau (Argau… usw, ändert immer), das liegt dann meist daran, mit welchen Schweizer Kollegen ich viel zusammen bin, denn ich übernehm ja das, was ich höre…Ich find Dialekte wunderbar, persönlich, individuell und sympathisch. In diesem Sinne
    Uf Wiederluege…Andrea
    p.s. es ist witzig, wie mir die Stadt Köln immer wieder „begegnet“, sag mir, was soll es bedeuten:-)

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  2. Renate Blaes sagt:

    Henai, was verzählsch denn do fir a Saich? Uf schwäbisch heißt „breiter“ net „broader“, sundern „breider“ (mit sehr flachem E gesprochen). Des hädsch eigendlich scho lerne kenne, in dere kurze Zit. So schwär isch des au nit.

    Das ist die Lautsprache des Alemannen … weisch, selle Sproch, die se mir bibrochd hän als i noch glei war …

    P. S.: „broader“ … das dürfte bayrisch sein

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  3. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    da bin ich aber gespannt, was Du zu dem Thema berichten wirst.
    Du hast also Schwyzerdütsch gelernt? Und die Schweizer halten Dich inzwischen für eine Schweizerin? (Wenn auch aus ’nem anderen Kanton…) Gratulation! Mir ist es nicht gegeben, einen Dialekt so überzeugend aufzugreifen 😦
    Köln? Dir immer wieder begegnet? Interessant…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Renate,
    mit dem „broader“ hascht Du natürlich recht…
    Ändere ich sofort.
    Aber „Hanei“? Hanoi! Das ist nicht nur die Hauptstadt von Vietnam. Das ist auch DIE schwäbische Vernoinung.
    Danke für die Hinweise.
    Ebbes is halt immer…
    Grüßle, Ulf

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  5. Marianne sagt:

    Lieber Ulf,
    ich habe eine ähnliche Sprach-Geschichte erlebt.
    Meine Mutter und Oma, da aus Danzig stammend, sprachen immer Danziger Plattdeutsch. Und mit Papa habe ich dann gleichzeitig hochdeutsch gesprochen. Das habe ich bis zu meinem Eintritt in den schwäbischen Kindergarten praktiziert, dort lernte ich dann die schwäbische Sprache. Nun konnten wir Kinder für unsere Eltern die Übersetzerei übernehmen. Was uns manches Mal gerade in der Schule beim Aufsatz schreiben sehr verwirrte.
    Mein ältester Bruder kam derart durcheinander; so schrieb er einmal: Wir saßen mittels auf der Bank. Das brachte im einen Fehler ein. Denn im Schwäbischen heißt es: Mir sitzead mittla uff dr Bank.

    Das was du aber von Dir gegegben hast, ist nicht schwäbisch, sondern alemannisch (Oder Badisch).
    Im Schwäbischen und ich lebe hier in der tiefsten Oberschwäbischen Provinz, heißt es: Dees isch ’n Rei’gschmeckta. Und breit heißt hier: broit, wobei das o und i etwas in die Länge gezogen wrden.
    Weiter: Von deane ben i oi ums andre mool g’fragt woara: Gett, doa ver’schtoasch nix?

    So, nun ist’s richtig Schwäbisch.

    Wir hier sagen zu unserer, zugegebenermaßen harten Dialektaussprache: Mei Sproach hot a Hoimet.

    Mit „Ha’noi“ hast Du recht, das ist eine Verneinung, die man dann einsetzt, wenn man mit Nachdruck etwas verneinen muß. Sozusagen als verneinender Widerspruch.

    Eigentlich ist das Schwäbische und ich denke auch andere Dialekte, in den Definitionen sehr viel feiner und differenzierter als das Hochdeutsche.

    So, jetzsch isch gnuag gschwätzt.

    Ich wünsche Dir noch viel Spaß mit den Dialekten.
    Marianne

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  6. Ulf Runge sagt:

    Liebe Marianne,
    Du willst doch nicht behaupten, dass ich im tiefsten Schwoabeländle Alemannisch gelernt habe? Hanoi!

    Aber Du siehst ja, mei Schwäbisch isch nua ebbes füa wenn koa Schwoab zuhöre tuad…

    Danke für Deinen Beitrag 😉

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  7. Marianne sagt:

    Lieber Ulf,
    Damit ich Dir die „Absolution“ in dieser Sache erteilen kann, muss ich schon exakt wissen, wo Du warst im Schwabenländle; denn dazu gehören ja nun auch mal die Badischen und es gibt eine exakt definierte Sprachgrenze. Es kann also schon sein, dass Du im Ländle g’wohnt hascht, aber s’war eabe doch eher s‘ Geealfieaßler-Land.
    Also, nix fiar oo’guat.

    Danke für Deine „Lebens-Beiträge“, die mir immer mehr gefallen. Woisch, so wia emm Fernnseh: emmmer efter!!
    Doa lobet’ses arg.

    Marianne

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  8. Ulf Runge sagt:

    Liebe Marianne,

    nein, bei den Gelbfüßlern war ich damals nicht, nur deren Radio habe ich gehört.
    Heute wohne ich im Badischen, damals aber nördlich von Rottenburg, östlich von Freudenstadt, westlich von Tübingen. Eben im Ländle…

    Danke für Dein Kompliment zu meinen Beiträgen.
    *freu*

    LG, Ulf

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  9. Maria H sagt:

    Lieber Ulf!

    Wieder mal einen „ganz alten“ Artikel gelesen:-)

    Aber hierzu muss ich auch was sagen. Mir schwätzen im Saarland jo ach platt.
    Was auch absolut ok ist. Ich finde aber trotzdem dass es wichtig ist auch einwandfreies Hochdeutsch ( zumindest so dass man es versteht) zu können. Man kann ja nicht erwarten dass man vom jedem verstanden wird.
    Ich hab mir deshalb angewöhnt mit der Geschäftsleitung Hochdeutsch zu sprechen ( mein Chef stammt aus Lübeck) zum Training sozusagen. Das hat sich gelohnt. Als ich über Weihnachten in Urlaub war, haben mich die Mitreisenden nicht dem Saarland zugeordnet.Ich muss gestehen dass ich ein bisschen stolz war. Im Büro schmunzelt mein Chef immer wenn ich mit ihm Hochdeutsch rede, und dann nahtlos in den Dialekt wechsele wenn ich mit einer oder einem Kollegen rede.
    Ich bin gerne Saarländerin!

    Liebe Grüße
    Maria

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  10. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,
    das ist eine schöne Hommage ans Saarländische!
    Ich finde es gut, wenn man in der Lage ist, sich mit „Hochdeutschen“ genausogut zu verständigen wie mit „Einheimischen“.

    Polyglotte Grüße,
    Ulf

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  11. Maria H sagt:

    Ich hatte gerade einen schönen Gedanken…..oder anders ausgedrückt…..mir wurde was bewusst:

    Dialekt ist ein Stück Heimat!!!!

    Liebe Grüße
    Maria

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  12. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,

    Heimat ist dort, wo man sich wohl fühlt. Habe ich schon gelesen.
    Heimat hat aber auch was von „Heimatscholle“.
    Und der Sprache der Kindheit…

    Und damit hast Du total recht: Dialekt ist ein Stück Heimat.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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