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Unter ständiger Beobachtung

25. Juli 2008 11 Kommentare

Leben 283 – Samstag, 26.07.08

Ich hatte gerade bezahlt an der Kasse, mein Wechselgeld schon in der Hand, als mir einfiel, dass ich ja mal fragen könnte, ob sie denn inzwischen eine neue Treuebonusaktion hätten.

Ja, sie hätten. Geschirr, glaubte ich verstanden zu haben, nickte der Dame zu, ja, ich wollte Treuepunkte.

„Die ist neu für mich, die Aktion.“ smalltalkte ich der Kassiererin zu, worauf sie laut erwiderte: „Für uns ist die auch neu!“ Wir lächelten einander zu, für uns beide war diese Aktion neu. Belanglos. Aber Grund genug, einander ein Lächeln zu schenken.

An dieser Stelle sei bemerkt, dass wir immer unter Beobachtung stehen. Von Menschen, die uns kennen und uns unverhofft über den Weg laufen. Von Vorsicht-Kamera-Kameras. Von Überwachungskameras. Von uns selbst. Von Gott.

Menschen, die uns kennen und uns unverhofft über den Weg laufen. Da ist es gut, wenn man sich in keiner erklärungsbedürftigen Situation befindet. Das soll jetzt jedoch im Folgenden nicht weiter Gegenstand sein.

Vorsicht-Kamera-Kameras. So eine Situation hat jeder von uns bisweilen schon gehabt, dass man sich gefragt hat, ob das alles hier normal ist, ob da nicht gleich einer vom Fernsehen um die Ecke kommt und alles auflöst. Das mit dem Auflösen ist mir leider noch nicht passiert. Die Frage, ob das alles hier normal ist, blieb somit oft genug unbeantwortet.

Überwachungskameras. Sie filmen mich täglich. Und bisweilen frage ich mich, wer guckt das alles an. Hierzu hatte ich ja schon einmal ein paar Skurrilitäten von mir gegeben.

Von uns selbst. Immer wieder bemerke ich, dass sich emotional schwierige Situationen dadurch leichter bewältigen lassen, wenn ich mich neben mich selber stelle. Mich beobachte beim Ichsein.

Gott. Sieht alles, habe ich als Kind gelernt. Dann meine Zweifel entwickelt, ob er (sie) wirklich alles sieht, wegen der Gerechtigkeit und so. Und dann gibt es die Momente, wo man in den Mitmenschen Gott entdeckt. Soweit hier zu Gott.

Ich war also noch im Lächeln begriffen, als die Gesamtheit aller potenziell uns beobachtender Bekannter, aller Vorsicht-Kamera-Kameras und Überwachungskameras, sowie mein Nebenmirselberich und Gott beschlossen hatte, diesen zerknüllten Fünfzigeuroschein vor mir auf den Boden zu legen und zu zählen, wieviele Sekunden ich wohl brauchen würde, ob ich zögern würde, ob ich mich vergewissern würde, dass ich unbeobachtet bin, dass ich, dass ich, dass ich…

Ich habe Euch alle bemerkt und ich habe mir gesagt: „Ihr kriegt mich nicht!“

Ich habe ihn aufgehoben, ich habe ihn angesehen, ob es sich wirklich um einen 50-Euro-Schein handelt. Ich habe Kurt Felix seine Chance gegeben, aber er kam nicht.

Innerhalb von weniger als 5 Sekunden (waren das 4 zuviel?) habe ich mich Richtung Kassenaufsicht gedreht, habe der Dame am Tresen erklärt, dass ich DEN hier soeben gefunden habe, daneben noch diesen zerknüllten Kassenbon, den habe vermutlich jemand beim Autoschlüsselrausholen verloren.

Überrascht sah mich die Dame an, nahm Geldschein und Kassenbon entgegen, ließ mich von dannen ziehen. Kurt Felix hatte ich inzwischen verdrängt, als ich mir dachte, was passiert mit dem Geld, wenn keiner kommt, weil keiner glaubt, dass jemand 50 gefundene Euro abgibt.

Zurück zur Dame. Ja natürlich, ich könne gerne meine Adresse hinterlassen, und Telefonnummer. Man werde mich anrufen, wenn sich niemand meldet.

Dass die Dame die Kohle für sich einstecken wird, schließe ich aus. Nicht wegen der Supermarktüberwachungskameras. Sondern weil ich sicher bin, dass sie sich ehrlich verhalten wird.

Und jetzt bin ich mal gespannt. Ob sich jemand meldet, und rechtmäßig das Geld zurückbekommt. Und sich vielleicht bei mir bedankt. Mit einem netten Telefonat.

Oder sich niemand meldet. Dann wüsste ich mehr als einen guten Zweck, für den ich das Geld spenden würde.

Ich bin sehr froh, dass keine Fernsehkamera plötzlich aufgetaucht ist. Und ich hoffe auch, dass Kurt Felix (oder wer macht heute die Sendung?) nicht anruft. Ich hoffe, dass sich das LEBEN meldet.

© Ulf Runge, 2008

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