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Sitzplatz oder „per Du“? – So funktioniert das Gesetz der Anziehung

29. März 2012 6 Kommentare


Leben 827 – Freitag, 30.03.12

Sitzplatz oder „per Du“? – So funktioniert das Gesetz der Anziehung

Frankfurt am Main, Hauptbahnhof, 18:12
Die Regionalbahn um 18:06 bekomme ich nicht mehr, das mir von vornherein schon klar. Die würde ich später noch einholen, nachdem mein 18:20 Intercity sie überholt haben würde.

Intercity 2295 von Frankfurt am Main nach München HBf, 18:14
Obwohl es noch 6 Minuten bis zur Abfahrt sind, ist der Zug bereits gut gefüllt, zu gut gefüllt. Ich bekomme (nur) noch einen Premium-Stehplatz im Fahrrad-Abteil. Setze mir die Ohrstöpsel auf, höre „Ich mag mein Ding“ von Udo L. Und wünsche mir insgeheim einen Sitzplatz.

Immer noch der gleiche, gleich volle Zug, kurz hinter Darmstadt, gegen 18:42.
Ein Sitzplatz wurde frei, den habe ich der Dame neben mir gelassen. Wir werden langsamer, obwohl wir auf offener Strecke unterwegs sind. Auf jeden Fall haben soeben den oben genannten 18:06 überholt, in den ich dann Bensheim umsteigen werde.

Bickenbach, außerplanmäßiger Halt, gegen 18:45.
Auf dem Nachbargleis steht der 17:35, der hier wohl mit gut 40 Minuten Verspätung rumsteht. Die Informationslage ist und bleibt bescheiden bahntypisch bescheiden, ich rufe Mitpendler im 18:06 an, bei dem bereits jetzt von einem Oberleitungsschaden gesprochen wird, während der Fernverkehr noch ein bisschen länger desinformiert gehalten wird.
Die Türen werden zum Beinevertreten geöffnet, ich nutze die Chance, in den Regionalzug nebenan downzugraden, finde einen Sitzplatz mit (viel zu kalt eingestellter) Klimaanlage. Erlebe also eine massive Erhöhung meiner augenblicklichen Lebens- und Beförderungsqualität. (Und bin dazu noch im 17:35, was will ich mehr.)

Sitzplatz? Nein, Ulf, sage nicht, dass Du das alles nicht gewollt hast. Dass da ein Lastwagen einen Strommasten umfährt und damit die Oberleitung schrottet. Bloß damit Du einen Sitzplatz bekommst. Sei ehrlich.

Mein Ego beschließt, jeglich Aussage zu verweigern…

Und wenn Du, liebe Leserin, lieber Leser, Dir mal wieder wünschst, ein bisschen sitzen zu dürfen, dann pass’ nur auf, dass es nicht hinter schwedischen Gardinen ist…

Wünschen will präzise gewünscht sein…

Übrigens: Der Rest ist nicht weiter spannend. Strecke gesperrt. Schienenersatzverkehr. Wenig Taxis. Viele Privatchauffeure und spontane Mitfahrgemeinschaften. Und mit einem Mitpendler bin ich jetzt „per Du“. (Oder war es das, was ich mir seit Jahren gewünscht hatte?)

©Ulf Runge, 2012

ggf. angefressen

5. November 2008 10 Kommentare

Leben 335– Mittwoch, 05.11.08

Zu meiner Überraschung muss ich sagen: Es gibt ihn wirklich! Aber der Reihe nach…

Ich bin früh (!) dran und bekomme noch einen Sitz im abendlichen Intercity. Neben einer mich freundlich anlächelnden Dame. Die ebenso wie ich darauf hofft, dass die Sitzplatzreservierungsanzeige „ggf. freigeben“ nur pro forma ist.

Nun, die Tatsache, dass diese Gedanken hier zu Wörtern wurden, lässt die scharfsinnige Leserin ebenso wie den aufmerksamen Leser berechtigterweise argwöhnen, dass aus dem beiläufigen „ggf.“ ein sehr bald „gegebener Fall“ werden wird.

Eine inglisch spiekin pärsen zeigt mir einen soeben ausgedruckten Fahrschein nebst Reservierung für Waggon 9. Zwei Platznummern stehen da, es wird meine Nebensitzerin und mich gleichermaßen treffen. Ein Blick hinter die beiden Angelsachsen lässt mich in einen sehr umfänglichen Sitzplatzsuchstau gucken, bloß weil es hier gerade nicht weitergeht. Von einer sicherheitshalber finalen Überprüfung der Waggonnummer am Ende des Ganges, vorbei an den vielen sauertöpfischen Mienen, nehme ich spontan Abstand.

Der Engländer entschuldigt sich bei mir über das ihm zustehende Recht, worauf ich ihm aber nicht mit dem allerwelts-„You’re welcome“ antworte, sondern der Situation gerecht zu werden versuche, indem ich ihm „It’s not Your fault. It’s the system!“ entgegne.

Während ich noch meinen Laptop in den Rucksack stopfe, hat sich meine Nachbarin bereits auf den Weg gemacht, vorbei an vielen, vielen, sehr vielen „ggf. freigeben“-Hinweisen. Sie bleibt stehen. Stau. Als ich zu meiner flüchtend flüchtigen ggf-Bekanntschaft von hinten her murmle, dass ich vermute, es könne erfolgsversprechender sein, statt eines ggf-Platzes einen fest reservierten einzunehmen, in der ja wohl nicht unberechtigten Hoffnung, jemand könne den Anschluss verpasst haben, dreht sie sich um und strahlt mich mit einem fetten Lächeln an: „Genau das habe ich auch gerade gedacht!“ Wir lachen.

Unverhofft finden wir doch noch einen Waggon, in dem die freien Plätze wirklich frei sind und nicht gegeefft. Wir kommen (leider) nicht mehr nebeneinander zu sitzen. Wünschen uns gegenseitig noch eine gute Fahrt.

Hier könnte die Begebenheit enden. Tut sie aber nicht, weil im Titel der Begriff „angefressen“ noch aufgelöst werden möchte.

Ich komme also schräg hinter einer 4er-Tischgruppe zum Sitzen, an der drei Plätze belegt sind. Der vierte ist strandurlaubsonnenliegenbadetuchartig mit einer Outdoor-Jacke markiert. Ein sichtlich genervter sitzplatzsuchender Fahrgast spricht die drei Sitzenden an, ob der vierte Platz frei sei. „Nein“, bekommt er zur Antwort. Nicht übertrieben höflich. Er gibt nicht auf und will wissen, wer denn da sitze. Ein Fahrgast. So? Wo der denn sei? Auf der Toilette! Dann bleibe er halt hier stehen, bis denn dieser Fahrgast vom Klo zurückkomme. Augenbrauenhochziehen bei der dreisitzigen Tischgruppenbevölkerung ob dieses Affronts. Augenbrauenhochziehen, das sich nach und nach in belustigten Mienen verflüchtigt.

Der absolut angefressene Herr trollt sich schließlich dann doch noch davon, findet aber nicht unweit vom Ort des Geschehens ein Plätzchen für seinen Allerwertesten.

Eine junge Dame kommt. Ob der Platz da am Tisch noch frei sei? Und? Denke ich mir. Wird sie dürfen? Wird ein erfreutes „Ja, aber gerne“ den Toilettenmenschen in das Reich der Phantasie verbannen? Ich male mir übelste Handgreiflichkeiten aus, sobald der Herr von vorhin mitbekommt, dass die reizende junge Dame sich setzen darf. Anders als er.

Ausatmen! Auch sie bekommt mit leicht arrogant-spöttischem Gesichtsausdruck die Story vom WC-Fahrgast erzählt. Sie geht weiter.

Und dann? Ja! S.o., will sagen: Es gibt ihn wirklich. Den Reisenden. Der angeblich gerade auf Toilette ist. Setzt sich einfach auf seinen Platz. Nicht ahnend, dass seiner vermeintlichen Nichtexistenz wegen beinahe kampfartiges Getümmel ausgebrochen wäre.

Hinweis: Seitdem die Bahn vor geraumer Zeit die Expressbuchung eingeführt hat und deshalb fast alle freien Sitzplätze mit „ggf. freigeben“ zuspamt, ist das Klima unter den nicht reserviert habenden Sitzplatzsuchenden, will sagen den Pendlern, merklich, sagen wir mal angespannter, nee bessser ist angefressener, geworden.

© Ulf Runge, 2008

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