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November-Gedanken

11. November 2007 6 Kommentare

Leben 126 – Sonntag, 11.11.07

November ist der Monat der traurigen Sonntage. Dabei sind es nur zwei, an denen auf dem Kalenderblatt Trauer angesagt ist, der Volkstrauertag und der Totensonntag. Aber nun ist der Monat November ja ein dunkler Monat, regnerisch, stürmisch, ungemütlich, und so sind eigentlich alle Novembersonntage für mich Tage der Tristesse.

Nun ist es dieses Jahr ein wenig anders, der 11.11. hat sich ganz frech auf einen Sonntag geschoben. St. Martin und Karnevals-/Fassenachts-Beginn an einem Sonntag!

Darüber hätte ich nun schreiben wollen. Und dann fiel mir noch ein Gedenktag ein: der 9.11.

Tag der Maueröffnung. Bewegende Monate waren vorangegangen, 1989: Der 17. Juni 1953, der Ungarn-Aufstand, der Mauerbau 1961, der niedergeschlagene Prager Frühling, Solidarność in Polen, das alles ging einem durch den Kopf angesichts der immer intensiver werdenden Montagsdemonstrationen. Ja, die Mauer ist auf, Deutschland ist wieder zusammen, auch wenn wir damals die Chance verpasst haben, auf Augenhöhe einen gemeinsamen Staat zu versuchen, mit dem Besten aus zwei Welten. Doch es wird werden, glaube ich, aber es wird auch brauchen. Geld, Zeit, Geduld.

Das ist aber nur die eine Hälfte vom 9.11. Da ist noch der andere 9.11. Sozusagen der deutsche nine eleven, der 1938 als Reichskristallnacht eine weitere Verschärfung der Judenverfolgung in Nazideutschland bedeutete. Ich glaube, ich kann diesem Gedenktag nicht wirklich gerecht werden, und verweise hier auf die äußert detaillierte Darstellung in Wikipedia. Viele der hier geschilderten Informationen sind auch für mich neu. Ich glaube, das allerwichtigste, was wir tun müssen: Wir dürfen nicht vergessen, wir müssen das Gedenken an das Unrecht und die Opfer bewahren und an die Jüngeren weitergeben, wir dürfen nicht schweigen, wenn wir Unrecht sehen, hören.

Es will nicht so leicht aus den Fingern, jetzt etwas über den 11.11. zu schreiben. Ich versuche es trotzdem. Wer nicht am Rhein aufgewachsen ist, reibt sich die Augen, dass Menschen auf Befehl (sprich um 11:11 Uhr) närrisch werden können. Wäre ich heute am 11.11. am Rhein gewesen, ich glaube, ich wäre hingegangen, hätte mich unter die anderen gemischt, und ich hätte die Heiterkeit und die Ausgelassenheit genossen.

Aber auch die Narren werden von der Vergangenheit eingeholt. Während ich mich am gestrigen Samstag, 10.11.07, noch gewundert hatte, dass die Koblenzer einen Tag zu früh die Session beginnen, erfuhr ich heute nun, warum: Die Entschärfung einer Weltkrieg-II-Fliegerbombe war für heute anberaumt. Ja, wer weiß auf wie vielen Blindgängern wir in der gerade gestarteten Session unsere Narrentänze vollführen, in Unkenntnis einer möglichen Gefahr. Nun sind die letzten Bomben auf Deutschland vor 62 Jahren gefallen. Wie ist es mit den Blindgängern und Landminen in all den Ländern, in denen die Waffen noch nicht so lange schweigen oder immer noch nicht zum Schweigen gekommen sind?

Bevor ich einen Sinn für den 11.11. als Karnevalseröffnung bekam, war für mich der 11.11. als Martinstag viel wichtiger. Ein Martinsumzug mit Laternen, mit Kerzenlaternen, und mit Gesang, “Sonne, Mond und Sterne” und “Ich leuchte mit meiner Laterne”, hinter einer dunklen Gestalt auf einem hohen Pferd herlaufen, schließlich stolz wie Oskar ein Weckmännchen mit weißer Tonpfeife in der Hand halten, an einem riesigen Martinsfeuer, in der kalten, dunklen Nacht die Wärme der Glut genießen, Feuerspritzer durch die Luft fliegen sehen. Und dann mit den Freunden durch die Gebäude der Nachbarschaft durchklingeln, an jeder Tür (auf Kölsch) „Hier wohnt ein reicher Mann, der uns was geben kann“ singen, Bonbons abstauben, oder Kaugummis, oder Lakritze. Was es damals halt so gab.

Wer über Martin von Tours mehr erfahren möchte, der clicke mal hier.

Ja, und bis Volkstrauertag und Totensonntag ist noch etwas Zeit. Dazu schreibe ich hier und heute nichts mehr.

Nur soviel: Jede freundliche Geste, die wir uns, den Toten von morgen und übermorgen, erweisen, ist eine Aufmerksamkeit zur rechten Zeit. Und wenn wir uns gegenseitig erzählen, was wir miteinander und mit den Toten von gestern und vorgestern erleben durften, dann bewahren wir das Andenken an diese Menschen lebendig, dann sind diese Menschen auch weiterhin unter uns.

© Ulf Runge, 2007

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