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Artikel getaggt mit ‘lächeln’

Frau D.

8. Dezember 2009 28 Kommentare
Leben 528 – Dienstag, 08.12.09

Marktplatz Gesundheit heißt die Veranstaltung, die der Betriebsrat meiner Firma da organisiert hat. In dem Ankündigungsschreiben lesen ich einige Begriffe, die ich nicht kenne, die mich neugierig machen.

Am Marktplatz angekommen nehme ich den Übersichtsplan zwar zur Kenntnis, aber zu Karten habe ich ein ähnliches Verhältnis wie zu Gebrauchsanleitungen: Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, bieten sie einem die Erklärung „Warum?“.

Ich beginne bei einem sehr freundlichen Herrn, der mir zwei gymnastische Geräte vorführt: einen Flexi-Bar und einen Gymstick. Den Flexi-Bar, einen biegsamen, federnd schwingenden Stab darf ich selber mal ausprobieren und merke, dass meine komplette Verspannung im Rücken durch diese Bewegungen und Schwingungen attackiert wird. Flexi-Bar und Gymstick: Bestimmt zwei Super-Geschenkideen für Weihnachten. Für andere. Oder für sich selber.

Beim zweiten Stand lerne ich unter fluoreszierendem Licht, dass ich weder beim Händeeincremen noch beim Fingerwaschen gründlich genug bin. „Die ungleichen Stellen, die Sie da jetzt auf Ihrer Hand sehen, dass könnten z.B. auch Schweinegrippeviren sein!“ sagt die nette Dame am Lichtapparat zu mir. Also, da kann ich noch besser werden.

Ob ich 0,8 oder 1,3 haben möchte, fragt mich eine lächelnde, fast schon grinsende Dame am nächsten Stand. „Promille!“, fügt sie hinzu. Ich sage „Einskommadrei!“ und grinse zurück, sie drückt mir eine Taucherbrille in die Hand, die ich über meine normale Brille überziehe. Ich solle den Strich hier entlang laufen, den Ball da vorne aufheben und diesen rechts in den Papierkorb werfen. Nun, das Sehen mit dieser Brille ist recht eingeschränkt, alles ist irgendwie doppelt zu sehen, das Aufheben klappt trotzdem ganz gut und beim Werfen bin ich etwas glücklos. Wie ich mich bei der Übung gefühlt habe, will die Dame von mir wissen. Als ich entgegne „So, wie jeden Abend!“ ist sie etwas irritiert und stellt eine Kontrollfrage, nämlich ob ich denn die Linie am Boden gut hätte sehen können. „Welche Linie?“ kokettiere ich weiter. „Im Ernst!“ sage ich, „ich bin immer in der Mitte von beiden Linien gelaufen!“ Wir lachen.

Der nächste Stand. Da steht eine schöne Frau an einem Bistrotisch, auf dem eine Schachtel steht. Und sie strahlt mich förmlich an. „Und was haben Sie hier zu bieten?“ frage ich sie, in der Hoffnung, dass sie meinen soeben gesundheitlich erweiterten Horizont noch mehr vergrößern möge. Für mich ist absolut nicht erkennbar, worum es denn an diesem Stand geht. „Sie können hier eine Reise gewinnen, wenn Sie diesen Zettel ausfüllen“, strahlt sie mich weiter an.

In diesem Augenblick passieren 1000 Dinge mit mir. Ich frage mich, warum sie so strahlt. Frage mich, ob sie mich kennt. Oder ob ich sie kennen müsste. Glaube einen ganz besonderen Ausdruck in ihren Gesicht erkennen zu können. Der nicht wirklich was mit mir zu tun hat, sondern nur mit dem Umstand, dass ich sie so behandle, wie ich sie behandle, indem ich einfach nur wissen will, was sie denn hier verkauft.

Und dann rattert es und schnattert es und klappert es in meinem Kopf. Nein, die muss Dich nicht kennen. Aber Du solltest sie. Das ist die Prominente hier. Damminochmal. Was stand auf der Einladung zu diesem Event? Ne Sportlerin. Olympiasiegerin? Wie war noch der Name. Ich muss jetzt was sagen. Wenn ich noch ein paar Gedanken länger warte, wird es unhöflich. Sag was, Ulf! ICH MUSS JETZT WAS SAGEN.

„Sie sind Frau Drechsler, oder?“ Gut, dass gesprochene Sprache keine Orthographie kennt. Ich weiß nicht, ob ich in jener glücklichen Sekunde, in der mir ihr Name dann doch noch einfiel, ob ich da auch ihre Schreibweise gewusst hätte. Danke, gesprochenes Wort, dass Du so unkompliziert bist.

Sie spürt, dass es mir ein bisschen peinlich ist, dass ich sie nicht sofort erkannt habe. Ihr sympathischer Blick ermutigt mich zu einer naheliegenden Frage, nämlich ob sie es genieße, wenn sie bisweilen unerkannt bleibe. Sie bejaht. Das ist das Besondere, Merk-Würdige an dieser Situation, dass ich – obwohl ich es hätte anders wissen können – keine Prominente erwartet habe und in der Frau gegenüber auch nicht wahrgenommen habe. Mit ihr sozusagen völlig medaillenfrei umgegangen bin. Und dass ich für einen Augenblick genießen durfte, wie sie das genossen hat. Ich fülle den Zettel aus, um die Reise zu gewinnen, frage sie höflich um ein Autogramm und denke mir, dass diese soeben erlebte Begegnung so viel mehr wert ist als ein Bild mit Unterschrift.

Ich verrate ihr auch nicht, dass ich ganz sicher bin, dass sie weder Fußballerin noch Boxerin ist. Dass ich sie mir als Schwimmerin vorstellen könnte. Aber eine Leichtathletin in ihr vermute. Nicht ganz sicher bin, ob sie noch aktiv ist. Hochsprung, Weitsprung, Laufen bei ihr vorstellen könnte.

Ich verrate ihr auch nicht, dass das Schönste an einem Menschen nicht die – bei ihr sehr wohl gegebene – äußerliche Schönheit ist. Sondern ein authentisches Lächeln. Das hätte ich ihr schon ganz gerne gesagt. Aber da bin ich schon am nächsten Stand.

© Ulf Runge, 2009

P.S.: Heike Drechsler ist Weitspringerin und Sprinterin und hat u.a. 1988, 1992 und 2000 olympische Medaillen gewonnen.

Altbatterie

22. Mai 2009 6 Kommentare
Leben 435 – Freitag, 22.05.09

Seit damals, als er das Küchenbrett als Werbegeschenk erhalten hatte, von ihr, seit damals betrat er den Laden jedes Mal mit einer ganz besonderen Spannung. Ob sie wieder da sein würde? Ob sie ihn etwa wieder erkennen würde? Ob sie ihm das zeigen würde?

Seit damals hatte er das Geschäft schon des öfteren wieder betreten. Nie war sie da. Und wenn sie da war, dann bediente sie jemand anderen.

Bis auf das eine Mal. Da war verdammt viel los. Viele Kunden, viele Gespräche, Lärm. Da hatte sie ihn nicht mal angeblickt. So richtig. Da konnte sie ihn gar nicht wiedererkennen. Da hätte sie vor lauter Stress wohl niemanden wiedererkannt.

Es war schon später Abend, nur noch wenige Kunden waren unterwegs. So auch er. Und gleich würde er diesen Laden wieder betreten, mit eben dieser Spannung, die er hatte, seitdem er stolzer Besitzer besagten Küchenbrettes war. Würde sich fragen, ob sie heute wohl da wäre. Ihn bedienen würde.

Diese Geschichte wäre jetzt natürlich total blöd, wenn SIE genau jetzt nicht da ist. Also, sie ist da, er tritt ein, sieht sie und ist erfreut. Hoch erfreut.

Dass da jetzt kein falscher Ton hier reinkommt. Es war nicht diese die Gurgel zuschnürende Spannung, dieses Rot-im-Gesicht-Anlaufen, wenn man verliebt auf diesen Moment der Begegnung hofft, und zugleich innig darum bittet, er möge schnell vorbei gehen, weil man sich total unsicher fühlt.

Er war nicht verliebt. Er war auch nicht unsicher. Er wollte nur wissen, ob sie ihn wiedererkennen würde. Und wie. Ob sie ihm das etwa zeigen würde. Sie, ein lieber, netter Mensch, auf deren Déjà-Vu-Lächeln er inständig hoffte.

Höflich fragt sie ihn nach seinem Wunsch. Lächelt ihn freundlich an. So, wie sie wohl jeden Kunden anlächelt. Nein, da ist nichts von „Sind Sie nicht der…?“ Keine Spur von Erinnerung an die Situation, als sie ihm das Brettchen übergeben hatte.

Das war’s dann wohl. Er bezahlt. Nimmt die Ware. Den Kassenbon. Geht.

Will gehen. Als ihm diese blöde Altbatterie aus der Hand kullert, die er anschließend entsorgen wollte. Kullert auf den Boden. Und der tollpatschige kleine Junge in ihm bückt sich, um wie ein Kontaktlinsensuchender das Corpus Delicti aufzuspüren. Er hat es. Hebt es stolz vor sich in Luft. Wirft ihr einen verlegenen Blick zu. Meint, mehr als nur ein höfliches Lächeln zu entdecken. „Wir hatten schon mal das Vergnügen, jetzt erkenne ich Sie!“ huscht über ihr Gesicht, doch sie bleibt stumm. Wie er.

Der noch einen schönen Abend wünscht. Und sich davon trollt.

Sich fragt, warum sie sich denn nicht geoutet hat? Sich fragt, warum er denn nicht?

© Ulf Runge, 2009

Freud.

19. Februar 2009 4 Kommentare

Leben 385 – Donnerstag, 19.02.09

Weiberfastnacht. In einer Stadt am Rande der Fassenacht. Oder sogar eher außerhalb? Egal.

Das Mittagessen hat gemundet, wir verlassen die Cafeteria, benutzen für die Stockwerke nach unten das Treppenhaus. Es riecht. Ich rieche. Ich sage: „Alkohol! Hier riecht‘s nach Alkohol!“ Eine Halbtreppe weiter unten werden wir eines Handwerkers gewahr. Der die Wand streicht. Mit Farbe. „Kein Alkohol. Das ist der Anstrich, der hier riecht.“ korrigiere ich mich. Darauf mein Kollege: „Das war dann wohl ein Freud’scher Verriecher!“

Die Freud‘ an seiner kreativen Wortschöpfung lässt uns einander anlächeln. Später meint mein Kollege dann ganz beiläufig: „Vielleicht war es aber doch Alkohol…“

© Ulf Runge, 2009

Hin. Zurück.

18. Februar 2009 20 Kommentare

Leben 384 – Mittwoch, 18.02.09

Hin.

Ob da noch frei sei, frage ich, obwohl ziemlich offensichtlich ist, dass drei der vier Sitze hier unbelegt sind. Ich werde angenickt. Ich versuche, den ausdruckslosen Blick durch mein Lächeln aufzuwärmen. Was mir nicht gelingt. So verkrieche ich mich in meine Kopfhörer, in meinen Laptop, höre was, schreibe was. Entrücke dem Hier. Und meinem unnahbaren Gegenüber.

„Was will der Typ? Sieht doch, dass da frei ist. Blöde Anmache, gleich am frühen Morgen. Nirgendswo hat man seine Ruhe. Jetzt grinst er auch noch blöd. So eine doofe Anmache. Gut, dass ich am Fenster sitze, da kann ich wenigstens raus schauen. Wenn sich der Idiot nur nicht in der Scheibe spiegeln würde! Wo ich auch hingucke, glotzt mich seine Fratze an. Ah, jetzt hat er aufgegeben. Auch so ein Laptop-Fuzzi, der sich überall zur Schau stellen muss. Als wenn er im Zug einfach nichts tun könnte. Oder ein Buch lesen. Nene, ich bin wichtig, muss der da sagen. Worüber hatte ich mich eigentlich bis eben geärgert, als der Heini eingestiegen ist. Jetzt weiß ich’s nicht mehr. Das ist aber blöd.“

Zurück.

Ob da noch frei sei, frage ich, obwohl ziemlich offensichtlich ist, dass drei der vier Sitze hier unbelegt sind. Ein lächelndes Nicken aus lachenden Augen weist mir den Sitz zu. Bis ich endlich mal sitze und meine Siebensachen endlich verstaut habe, störe ich mein Gegenüber noch ein paar Mal beim Lesen, streife unabsichtlich ihr Knie, was auch zu gar keiner Irritation führt, stöpsle meine Ohren über die Kopfhörer, klappe das Notebook auf, bin ganz bei mir. Aber: Entrücke weder dem Hier noch dem Jetzt. Spüre, dass sie mich buchlesenderweise in Gedanken anlächelt. So, wie ich auch. Ohne dass wir uns mehr als mitteleuropäisch üblich anblicken, liegt über unserem Abteil eine Stimmung des Einanderwohlwollens.

Sie steigt aus. Ohne dass wir drüber geredet hätten, bin ich sicher, dass wir beide diese Minuten des friedvollen Gegenübers geschätzt, ich glaube sogar genossen haben.

© Ulf Runge, 2009

ggf. angefressen

5. November 2008 10 Kommentare

Leben 335– Mittwoch, 05.11.08

Zu meiner Überraschung muss ich sagen: Es gibt ihn wirklich! Aber der Reihe nach…

Ich bin früh (!) dran und bekomme noch einen Sitz im abendlichen Intercity. Neben einer mich freundlich anlächelnden Dame. Die ebenso wie ich darauf hofft, dass die Sitzplatzreservierungsanzeige „ggf. freigeben“ nur pro forma ist.

Nun, die Tatsache, dass diese Gedanken hier zu Wörtern wurden, lässt die scharfsinnige Leserin ebenso wie den aufmerksamen Leser berechtigterweise argwöhnen, dass aus dem beiläufigen „ggf.“ ein sehr bald „gegebener Fall“ werden wird.

Eine inglisch spiekin pärsen zeigt mir einen soeben ausgedruckten Fahrschein nebst Reservierung für Waggon 9. Zwei Platznummern stehen da, es wird meine Nebensitzerin und mich gleichermaßen treffen. Ein Blick hinter die beiden Angelsachsen lässt mich in einen sehr umfänglichen Sitzplatzsuchstau gucken, bloß weil es hier gerade nicht weitergeht. Von einer sicherheitshalber finalen Überprüfung der Waggonnummer am Ende des Ganges, vorbei an den vielen sauertöpfischen Mienen, nehme ich spontan Abstand.

Der Engländer entschuldigt sich bei mir über das ihm zustehende Recht, worauf ich ihm aber nicht mit dem allerwelts-„You’re welcome“ antworte, sondern der Situation gerecht zu werden versuche, indem ich ihm „It’s not Your fault. It’s the system!“ entgegne.

Während ich noch meinen Laptop in den Rucksack stopfe, hat sich meine Nachbarin bereits auf den Weg gemacht, vorbei an vielen, vielen, sehr vielen „ggf. freigeben“-Hinweisen. Sie bleibt stehen. Stau. Als ich zu meiner flüchtend flüchtigen ggf-Bekanntschaft von hinten her murmle, dass ich vermute, es könne erfolgsversprechender sein, statt eines ggf-Platzes einen fest reservierten einzunehmen, in der ja wohl nicht unberechtigten Hoffnung, jemand könne den Anschluss verpasst haben, dreht sie sich um und strahlt mich mit einem fetten Lächeln an: „Genau das habe ich auch gerade gedacht!“ Wir lachen.

Unverhofft finden wir doch noch einen Waggon, in dem die freien Plätze wirklich frei sind und nicht gegeefft. Wir kommen (leider) nicht mehr nebeneinander zu sitzen. Wünschen uns gegenseitig noch eine gute Fahrt.

Hier könnte die Begebenheit enden. Tut sie aber nicht, weil im Titel der Begriff „angefressen“ noch aufgelöst werden möchte.

Ich komme also schräg hinter einer 4er-Tischgruppe zum Sitzen, an der drei Plätze belegt sind. Der vierte ist strandurlaubsonnenliegenbadetuchartig mit einer Outdoor-Jacke markiert. Ein sichtlich genervter sitzplatzsuchender Fahrgast spricht die drei Sitzenden an, ob der vierte Platz frei sei. „Nein“, bekommt er zur Antwort. Nicht übertrieben höflich. Er gibt nicht auf und will wissen, wer denn da sitze. Ein Fahrgast. So? Wo der denn sei? Auf der Toilette! Dann bleibe er halt hier stehen, bis denn dieser Fahrgast vom Klo zurückkomme. Augenbrauenhochziehen bei der dreisitzigen Tischgruppenbevölkerung ob dieses Affronts. Augenbrauenhochziehen, das sich nach und nach in belustigten Mienen verflüchtigt.

Der absolut angefressene Herr trollt sich schließlich dann doch noch davon, findet aber nicht unweit vom Ort des Geschehens ein Plätzchen für seinen Allerwertesten.

Eine junge Dame kommt. Ob der Platz da am Tisch noch frei sei? Und? Denke ich mir. Wird sie dürfen? Wird ein erfreutes „Ja, aber gerne“ den Toilettenmenschen in das Reich der Phantasie verbannen? Ich male mir übelste Handgreiflichkeiten aus, sobald der Herr von vorhin mitbekommt, dass die reizende junge Dame sich setzen darf. Anders als er.

Ausatmen! Auch sie bekommt mit leicht arrogant-spöttischem Gesichtsausdruck die Story vom WC-Fahrgast erzählt. Sie geht weiter.

Und dann? Ja! S.o., will sagen: Es gibt ihn wirklich. Den Reisenden. Der angeblich gerade auf Toilette ist. Setzt sich einfach auf seinen Platz. Nicht ahnend, dass seiner vermeintlichen Nichtexistenz wegen beinahe kampfartiges Getümmel ausgebrochen wäre.

Hinweis: Seitdem die Bahn vor geraumer Zeit die Expressbuchung eingeführt hat und deshalb fast alle freien Sitzplätze mit „ggf. freigeben“ zuspamt, ist das Klima unter den nicht reserviert habenden Sitzplatzsuchenden, will sagen den Pendlern, merklich, sagen wir mal angespannter, nee bessser ist angefressener, geworden.

© Ulf Runge, 2008

Einkaufswägelchen

20. September 2008 18 Kommentare

Leben 313– Samstag, 20.09.08

Einkaufswägelchenausgeladenhabenderweise stehe ich in der Mitte zwischen zwei Parkplätzen für genau selbige Schiebegelegenheiten. Kann mich fast nicht entscheiden, wohin ich es rückgabehalber rollen soll. Zum Parkplatz direkt am Eingang des Supermarktes? Oder in die entgegengesetzte Richtung zum anderen?

Merke, dass ich mir selber im Weg stehe. Bin so erzogen, dass ich die Sachen dorthin zurückbringe, wo ich sie weggenommen habe. Also zum Eingang und die geliehene Sache dort wieder abstellen. Ganz brav.

Wo mein Konflikt ist? Da gibt es den freundlich grüßenden Herrn, der den ganzen Tag (fast) nicht anderes tut, als Wägelchen aufzuräumen. Soll ich seinen Arbeitsplatz riskieren, bloß weil es auf einmal nichts mehr aufzuräumen gibt?

Und so stehe ich hier, und trau mich nicht.

Trau mich nicht, das Wägelchen meinen Normen entsprechend zurückzustellen.

Trau mich nicht, das benutzte Papiertaschentuch eine anderen, unachtsamen Mitmenschen vom Eisenbahnwaggonfußboden aufzuheben und in den seinerzeit für Zigarettenkippen gedachten „Aschenbecher“ zu werfen, wohl wissend, dass von Fahrgästen sauber gehaltene Züge weniger Reinigungspersonal benötigen.

Trau mich nicht, keine Rabattmärkchen an der Supermarktkasse einzufordern, weil sonst die Rabattmärkchendruckereimitarbeiter nichts mehr zu tun haben.

Trau mich nicht, nicht zu tun, was alle tun, weil sonst das System zusammenbricht.

Merke schließlich, dass ich immer noch hier stehe mit meinem Einkaufswägelchen. Halte ein weiteres Mal inne, schließe die Augen, stelle mir vor, dass jetzt alle ihr Wägelchen dorthin zurückbringen, wo sie es hergenommen haben. Dass ein Drecktaschentuch am Fußboden, noch bevor es von einem zweiten Augenpaar erblickt wird, von den Händen des ersten bereits entsorgt ist.

Träume davon, dass das Reinigungspersonal nicht mehr dafür bezahlt wird, vermeidbaren Schmutz zu beseitigen. Sondern dafür, dass es freundlich durch die Weltgeschichte läuft und sich bei den umweltreinhaltenden und wägelchenzurückschiebenen Mitmenschen für ihr Wohlverhalten bedankt.

„Darf der weg?“ weckt mich eine zuvorkommende Stimme, fragt mich, ohne es wirklich auszusprechen, ob ich denn auch ein Geldstück in den Schlitz gesteckt habe. Entreißt mir sanft den leeren Wagen, drückt mir lächelnd ein Eineurostück in die Hand.

© Ulf Runge, 2008

Ununbekannte

1. August 2008 8 Kommentare

Leben 287 – Freitag, 01.08.08

Es gibt Gesichter. Auf denen möchte unser Blick ruhen. Und so setzt er sich immer wieder gerne auf so ein Gesicht. Und so ruhen unsere Augen, bis sie sich ertappt fühlen. Und man ganz schnell wegguckt. Weil, man möchte nur die Augen weiden. Ohne anzumachen. Ohne Verlegenheit zu erzeugen.

Das passiert mir immer wieder in Wartesituationen, bei denen ich länger mit anderen Menschen zusammen bin. Wildfremden. Fremden. Unbekannten. Ein bisschen Ununbekannten.

Im Zug etwa. Oder im Wartezimmer beim Arzt. In der Schlange vor der Supermarktkasse.

Schön ist es zu entdecken, dass andere auch ihre Augen nur spazieren lassen wollen. In den Gesichtern der anderen ruhen lassen. Und bei Enttarnung schnell den Kopf wegdrehen.

Bisweilen ruht der Blick länger im Gegenüber. Und glaubt, sich erwidert fühlen zu dürfen. Und dann entdecken sich mitunter zwei lächelnde Gesichter. Spüren Seelenverwandtschaft.

Um dann doch ihres Weges zu gehen. Mit unausgesprochenen Worten verschlossener Münder.

Ahnend, hoffend, dass man bald wieder einander sehen, blicken wird. Einander unbekannt. Und doch irgendwie ein bisschen ununbekannt.

© Ulf Runge, 2008

Unter ständiger Beobachtung

25. Juli 2008 11 Kommentare

Leben 283 – Samstag, 26.07.08

Ich hatte gerade bezahlt an der Kasse, mein Wechselgeld schon in der Hand, als mir einfiel, dass ich ja mal fragen könnte, ob sie denn inzwischen eine neue Treuebonusaktion hätten.

Ja, sie hätten. Geschirr, glaubte ich verstanden zu haben, nickte der Dame zu, ja, ich wollte Treuepunkte.

„Die ist neu für mich, die Aktion.“ smalltalkte ich der Kassiererin zu, worauf sie laut erwiderte: „Für uns ist die auch neu!“ Wir lächelten einander zu, für uns beide war diese Aktion neu. Belanglos. Aber Grund genug, einander ein Lächeln zu schenken.

An dieser Stelle sei bemerkt, dass wir immer unter Beobachtung stehen. Von Menschen, die uns kennen und uns unverhofft über den Weg laufen. Von Vorsicht-Kamera-Kameras. Von Überwachungskameras. Von uns selbst. Von Gott.

Menschen, die uns kennen und uns unverhofft über den Weg laufen. Da ist es gut, wenn man sich in keiner erklärungsbedürftigen Situation befindet. Das soll jetzt jedoch im Folgenden nicht weiter Gegenstand sein.

Vorsicht-Kamera-Kameras. So eine Situation hat jeder von uns bisweilen schon gehabt, dass man sich gefragt hat, ob das alles hier normal ist, ob da nicht gleich einer vom Fernsehen um die Ecke kommt und alles auflöst. Das mit dem Auflösen ist mir leider noch nicht passiert. Die Frage, ob das alles hier normal ist, blieb somit oft genug unbeantwortet.

Überwachungskameras. Sie filmen mich täglich. Und bisweilen frage ich mich, wer guckt das alles an. Hierzu hatte ich ja schon einmal ein paar Skurrilitäten von mir gegeben.

Von uns selbst. Immer wieder bemerke ich, dass sich emotional schwierige Situationen dadurch leichter bewältigen lassen, wenn ich mich neben mich selber stelle. Mich beobachte beim Ichsein.

Gott. Sieht alles, habe ich als Kind gelernt. Dann meine Zweifel entwickelt, ob er (sie) wirklich alles sieht, wegen der Gerechtigkeit und so. Und dann gibt es die Momente, wo man in den Mitmenschen Gott entdeckt. Soweit hier zu Gott.

Ich war also noch im Lächeln begriffen, als die Gesamtheit aller potenziell uns beobachtender Bekannter, aller Vorsicht-Kamera-Kameras und Überwachungskameras, sowie mein Nebenmirselberich und Gott beschlossen hatte, diesen zerknüllten Fünfzigeuroschein vor mir auf den Boden zu legen und zu zählen, wieviele Sekunden ich wohl brauchen würde, ob ich zögern würde, ob ich mich vergewissern würde, dass ich unbeobachtet bin, dass ich, dass ich, dass ich…

Ich habe Euch alle bemerkt und ich habe mir gesagt: „Ihr kriegt mich nicht!“

Ich habe ihn aufgehoben, ich habe ihn angesehen, ob es sich wirklich um einen 50-Euro-Schein handelt. Ich habe Kurt Felix seine Chance gegeben, aber er kam nicht.

Innerhalb von weniger als 5 Sekunden (waren das 4 zuviel?) habe ich mich Richtung Kassenaufsicht gedreht, habe der Dame am Tresen erklärt, dass ich DEN hier soeben gefunden habe, daneben noch diesen zerknüllten Kassenbon, den habe vermutlich jemand beim Autoschlüsselrausholen verloren.

Überrascht sah mich die Dame an, nahm Geldschein und Kassenbon entgegen, ließ mich von dannen ziehen. Kurt Felix hatte ich inzwischen verdrängt, als ich mir dachte, was passiert mit dem Geld, wenn keiner kommt, weil keiner glaubt, dass jemand 50 gefundene Euro abgibt.

Zurück zur Dame. Ja natürlich, ich könne gerne meine Adresse hinterlassen, und Telefonnummer. Man werde mich anrufen, wenn sich niemand meldet.

Dass die Dame die Kohle für sich einstecken wird, schließe ich aus. Nicht wegen der Supermarktüberwachungskameras. Sondern weil ich sicher bin, dass sie sich ehrlich verhalten wird.

Und jetzt bin ich mal gespannt. Ob sich jemand meldet, und rechtmäßig das Geld zurückbekommt. Und sich vielleicht bei mir bedankt. Mit einem netten Telefonat.

Oder sich niemand meldet. Dann wüsste ich mehr als einen guten Zweck, für den ich das Geld spenden würde.

Ich bin sehr froh, dass keine Fernsehkamera plötzlich aufgetaucht ist. Und ich hoffe auch, dass Kurt Felix (oder wer macht heute die Sendung?) nicht anruft. Ich hoffe, dass sich das LEBEN meldet.

© Ulf Runge, 2008

Sandkauf

19. Juli 2008 2 Kommentare

Leben 278 – Samstag, 19.07.08

Landeskriminalamt steht auf dem erwarteten Briefumschlag, den ich ungeduldig mit dem rechten Zeigefinger stümperhaft aufschlitze. „Toxikologisches Gutachten“ steht im Betreff des im besten Amtsdeutsch gehaltenen Schreiben. Ich wurstle mich durch etliche Textbausteine hindurch, bis ich endlich erfahre, dass es blinder Alarm war. Keine Kontaminierung.

Was war passiert? Ich hatte bereits das Tierfutter im Einkaufswagen gehabt, als ich auf Idee kam zu fragen, ob man hier auch Sand kaufen könne. Dann hätte ich mir den Baumarkt sparen können. Ich schaue mich also um, und sehe einen Mitarbeiter dieses Marktes auf mich zukommen. Ob er helfen könne? Ob sie Sand hätten. Ja, da hinten im Außenbereich. Freude ist in seinem Gesicht zu erkennen. Er lächelt mich an, gibt mir das Gefühl, als wenn er sich Zeit für mich nehmen wolle. Und das obwohl es schwül ist, obwohl er abgekämpft aussieht an diesem Samstag Nachmittag. Er begleitet noch mich einige Schritte, streckt seinen Arm aus, weist mir die Richtung, „direkt am Zaun“ höre ich noch.

Bedanke mich höflich. Gehe zum vermeintlichen Ort, an dem es Sand geben soll. Ich sehe, wie ich von dem netten Herrn im Auge behalten werde, winke ihm zu, da ich nun glaube, vor den Sandsäcken zu stehen. Dem ist nun aber nicht wirklich so, und nach wenigen Sekunden steht der nette Mensch wieder bei mir. Zeigt mir die richtige Stelle.

Da liegen noch Säcke, beide allerdings beschädigt. Wieviel ich denn brauchen würde? „Genau zwei“, erfährt er von mir. Ob er sich meinen Einkaufswagen nehmen dürfe, er werde sofort zwei unbeschädigte Säcke besorgen.

Nach fünf Minuten liegen dann zwei unversehrte Säcke im Wägelchen.

Soviel Freundlichkeit! Glückselig fahre ich heim.

Noch während ich im Auto sitze, hinterfrage ich, was ich da soeben erlebt habe. Hatte ich da nicht erst in der vergangenen Woche etwas über kontaminierten Sand gelesen, vor dessen Kauf dringend gewarnt wird? Erklärt das die überschäumende Freundlichkeit des Verkäufers? Oder war er einfach nur penetrant, wollte das giftige Zeugs an mich loswerden?

Der Verdacht stand im Raum, unter großen Sicherheitsvorkehrungen entnahm ich an sechs verschiedenen Stellen der Sandsäcke Proben, die ich umgehend der Polizei zukommen ließ.

Jetzt also dieser Bescheid vom LKA. Alles nur heiße Luft. Mein eigenes Hirngespinst. Aber muss man denn bei soviel Freundlichkeit nicht nachdenklich werden? Jemand, der abgekämpft und müde bei schwüler Luft zuvorkommend lächelt und aufmerksam ist, der dafür sorgt, dass der Kunde zufrieden nach Hause geht? Da muss doch was faul sein, oder?

© Ulf Runge, 2008

Lächeln, bitte lächeln!

16. Juli 2008 5 Kommentare

Leben 274 – Donnerstag, 17.07.08

Zum sechsten Mal fahren wir die Straße von Höganäs nach Helsingborg. Zum sechsten Mal werden wir Schweden verlassen. Zum sechsten Mal nähern wir uns dieser Ampel, dieser ganz besonderen Ampel. Diesmal soll es sein. Diesmal muss es sein!

Was denn bitte?

Erinnern wir uns an das erste Jahr. Wir fahren auf die grüne Ampel zu, sie springt um auf rot, wir halten an, kommen direkt vor ihr zu stehen. Nach sehr kurzer Schaltzeit springt sie wieder um auf grün und wir trauen unseren Augen nicht: Schaut uns tatsächlich ein lächelnder, grüner Smiley an.

Fröhlich, nein, lächelnd fahren wir weiter. Erzählen zu Hause darüber. Und gut ist. Vergessen die Sache.

Im Folgejahr dann das dejà vu Gefühl: Wir fahren auf die Ampel zu, sie springt gerade auf grün um, und als uns das grüne Gesicht wieder zulächelt, steigert es unsere Laune ein weiteres Mal.

So geht es weiter in den Folgejahren. Am Tag vor der Ausreise flachsen wir rum, dass wir morgen wieder amplig angelächelt werden werden (ja: 2x werden…)

Und dass wir mal ein Foto schießen sollten. Es kommt nicht zum Foto. Wir vergessen es. Oder wir kommen nicht zum Halt vor der Ampel. Oder es findet sich keine Möglichkeit, in der Nähe anzuhalten. Wir vertagen dieses Thema jedes Mal auf das nächste Jahr.

So auch im vergangenen Jahr.

11. Juli 2008. Der Fotoapparat ist gerichtet. Die Speicherkarte hat noch Platz, die Akkus sind geladen. Kein Regen, leichte Bewölkung, ideale Belichtungsverhältnisse. Wir werden ein Foto machen, und wenn wir den ganzen Verkehr aufhalten (nicht wirklich, aber der Vorsatz hierfür war sehr stark…)

Wir verlassen Höganäs, biegen auf die A111 ein, nur noch wenige Minuten trennen uns vom ultimativen Smiley-Ampel-Foto, das dann hier in diesem Blog veröffentlicht werden wird. Als Beweismittel, sozusagen.

Nach wenigen Minuten ist alles anders als sonst. Ein neuer Kreisverkehr. Wir folgen der Beschilderung und merken nach weniger als 60 Sekunden, dass wir geleimt worden sind. Eine neue Umgehungsstraße, die die geplagten Bürgerinnen und Bürger vor Lärm, Abgas und Unfällen schützen soll, führt uns auf einem neuen Weg nach Helsingborg.

Da rechts! Da irgendwo! Da muss diese Ortschaft liegen! Wir fahren, traurig, weiter. Kein ampliges Lächeln wird uns dieses Jahr erheitern. Wir vertagen uns auf nächstes Jahr. Bestimmt! Ganz bestimmt!

Während der Weiterfahrt gehen mir noch Gedanken durch den Kopf, ich denke an die „Geschichte mit dem Hammer“: MUSS MAN DENN ALLES FOTOGRAFIEREN? GLAUBT EINEM KEINER MEHR ETWAS HEUTZUTAGE? WEIß DOCH JEDER, WIE EIN SMILEY AUSSIEHT! ALSO, WOZU DIE GANZE AUFREGUNG! Wer bitte ist denn aufgeregt, denke ich zu mir? Da müssen die Blogleserinnen und Blogleser eben noch ein Jahr warten auf dieses … Foto.

Epilog: Heutzutage findet man alles im Internet. Such mal nach irgendwas, und Du wirst schon was finden. Meine letzte Hoffnung, eventuell ein Foto dieser Ampel woanders im Netz zu finden, bleibt unerfüllt. Wenn ich bisher nicht wusste, warum es nächstes Jahr wieder nach Schweden gehen muss, jetzt weiß ich es.

© Ulf Runge, 2008

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