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Der Verleg
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Leben 350 – Montag, 08.12.08 Da gibt es einen Beleg, den ich verlegt habe. Der müsste also eigentlich Verleg heißen. Und diesen Verleg habe ich bisher nicht vermisst. Bis gestern. Weil die letzte Stromrechnung als Rohmaterial für eine Hausaufgabe herhalten sollte. Wo aber sollte jetzt bloß dieser Verleg hin- und wegverschwunden sein? Okay, da gab es noch ein paar Kisten, die man schon längst einmal hätte aufräumen sollen… Am Ende der Suche hatte ich endlich zwei Taschenlampen mehr, den als im Urlaub gekauft vermuteten Schwedenkalender 2009 (siehe Almanackor auf http://www.sverigealmanackan.se/) rechtzeitig vor Neujahr gefunden sowie zwei Kleinode aus einer schwedischen Künstlerwerkstatt. Zwei kleine Bildchen, die uns bald unsere Wohnung noch schöner machen werden. Wenn es dunkel und kalt ist, wenn der Winter das Land im Griff hat, dann verbringe sie ihre Zeit in ihrem Heimatort in den Bergen, dann male sie ihre Bilder, dann erschaffe sie ihre Kunstwerke, sagt uns die sympathische Künstlerin, die wir im Verkaufsraum antreffen. Im Sommer dagegen reise sie durchs Land, sei auf Ausstellungen an den unterschiedlichsten Orten. „Nur wer hinausgeht in die Welt und die Augen weit aufmacht, der kann das Entdeckte auch in Bildern erzählen.“ beschreibt sie ihr Lebensmotto. Und der Verleg? Ich lasse jetzt mal offen, ob wir uns mit Google und Wikipedia zu Bundesdurchschnittsstromverbrauchern gemacht haben, in Ermangelung der Stromrechnung, oder ob ich sie doch gefunden habe… © Ulf Runge, 2008 |
Das Darumgesetz
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Leben 338– Dienstag, 11.11.08 Irgendwann einmal realisierte ich in meiner Schülerkarriere, dass ich immer wieder falsch lag, wenn es darum ging, Kunstwerke zu interpretieren. Egal, ob es sich um Gedichte handelte, Romane oder Dramen, ich lag garantiert falsch! Meine erste Vermutung, der Lehrer oder die Lehrerin könne mich nicht leiden, etwa weil ich nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit an die Dinge heranging, konnte nie wirklich entkräftet werden. Den Schelm im Gesicht habe ich immer mit Fleiß auszugleichen versucht, aber das kam nicht gut, würde man heute sagen. Der Gipfel des Unverstandenseins wurde für mich beim Kunst- und Kunstgeschichteunterricht erreicht. Vollgekleckerte Malereien sollten von mir einer sinnhaftigen Interpretation zugeführt werden, der alleinig erkennbare Sinn allerdings entzog sich meiner Wahrnehmung. Da ich für meine persönlichen Nöte keine kurzfristig auf demokratischem Wege realisierbaren Ausweg sah (zu jung, um gewählt zu werden; zu allein, um die Mehrheit zu sein), stellte ich mir also vor, ich sei der König von Deutschland und ich würde alle die Kunst-Interpretations-Quälgeister mit meinem „Darumgesetz“ zur Tatenlosigkeit verurteilen: §1 Wer Kunstwerke herstellt und in Verkehr bringt, ohne eine allgemeingültige, verbindliche Interpretation für das Kunstwerk in Umlauf zu bringen, wird mit gymnasialer Mittel- und Oberstufe nicht unter sechs Jahren bestraft. So hatte ich mir das also vorgestellt. Ich wurde, das ist der geschichtsbewussten Leserin ebenso bekannt wie dem politisch interessierten Leser, nie wirklich König von Deutschland. Und aus meinem Gesetz wurde nichts. Die Tatsache, dass sich Metallinstallationskünstler die Reinigung verdreckter Badewannen (okay, es war nur eine) mit Schmerzensgeld für die Zerstörung von Kunstwerken bezahlen ließen, erschütterte mein Verständnis von Kunst nachhaltig, um nicht zu sagen, dass ich damals die Idee von einem völlig neuen Geschäftsmodell hatte, ohne bis heute damit etwas anfangen zu können. Ich hatte eines Tages das Glück mit einem Künstler ins Gespräch zu kommen, dessen Arbeitsergebnisse nicht in der Galerie landen, sondern die – auch für gutes Geld – als Auftragsarbeit direkt auf dem Friedhof landen. Dieser Steinmetz war nun auf einer Beuys-Ausstellung in einen Raum gelangt, in einen langgezogenen, weißen, gewölbten Raum, den man nun in gebeugter Haltung betreten konnte, ein weiß getünchter Raum, in dem außer dem erhellenden Licht nichts zu sehen war. Außer: ganz am Ende der Installation (was für eine Installation, bitte?) war in Knöchelhöhe ein Loch in der Wand angebracht, die heutzutage wohl einer nicht gesehen werden wollenden ÜberwachungsCam als Asyl dienen könnte, aber nein, seinerzeit war dieses Loch nur dazu da, Dampf austreten zu lassen. Dampf? Ja, einfach nur Wasserdampf. Unscheinbar. Dahinten. Am Ende des Raumes. Und? Fragte ich den Steinmetz. Was denn nun der Sinn sei? Von diesem Kunstwerk? Dass man darüber rede. Dass wir nun darüber reden. Ach, dachte ich. Aha, dachte ich. Ja, dachte ich. Heute mehr als damals. Ich hoffe für hoffentlich viele noch nachfolgende nicht interpretationsgequält werden wollende Generationen, dass man mich nie zum Künstler erhebt. Etwa in den Deutschunterricht mitnimmt. Und dann die armen Kinder damit quält, eine Frage zu beantworten, bei der ich mir weder über Antwort noch über Frage sicher bin. Ich habe nur eine Ahnung. Die Frage könnte lauten: Warum ich diesen Artikel geschrieben habe. Und die Antwort? Darum… © Ulf Runge, 2008 |


Angemerktes