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Die Überholung
| Leben 455 – Dienstag, 30.06.09
Es war drückend heiß, meine Klamotten klebten auf der Haut, der Schweiß lief mir hinunter, wo er nur konnte. Ich hatte die Augen schon geraume Zeit geschlossen, spürte alleine am Druck auf meine Pobacken, dass wir uns in der Kurve des Bebacher Bahnhofs befinden, wo dieser Zug immer aufs Nebengleis fährt, um kurz darauf vom schnelleren Intercity überholt zu werden. Ich höre, wie die Türen aufgehen, wie eine Vielzahl Pendler hier aussteigen, genieße die zusätzliche Zugluft, die die immer noch geöffneten Türen bieten, als sich plötzlich ein total entnervter Zugbegleiter sich über den Lautsprecher meldet. „Verehrte Fahrgäste! Wegen…“ Er stutzt. Er weiß, dass er Überbringer der schlechten Nachricht ist, und so wie seine Ansage beginnt, steht es schlimm um Deutschland. Mindestens aber um diesen Zug. „Wegen eines verspäteten Intercityexpress“ fährt er aufgeregt fort. Er spricht das frei oder liest es von seinem Handy ab, er hat wohl eine SMS bekommen. „verzögert sich die Abfahrt um wenige Minuten.“ Jeder, sowohl der Zugbegleiter als auch die Fahrgäste wissen aufgrund dieser präzisen Information, dass sie sich nun gegebenenfalls auf eine Übernachtung im Zug einstellen müssen. „Wenige Minuten“, das ist die Zeitspanne zwischen einem Wimpernschlag und „wir waren eine ganze Woche eingeschneit“. Es wird auch kein Intercityexpress sein, der uns da überholt. Nur ein Intercity. Wobei das für uns Wartende nicht wirklich entscheidend ist. Der Arme tut mir leid. Hat wahrscheinlich einen harten Tag gehabt. In der Bullenhitze. In Uniform. Und den repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung als Gast in seinem Zug. Bis zu diesem Augenblick war diesem armen Teufel das Mitgefühl der meisten Fahrgäste sicher. Bestimmt. Ich höre gerade noch seine Worte in meinem Ohr verklingen, als er mit freudiger, sich überschlagender Stimme durch die Lautsprecher brüllt, ja er brüllt es, er muss diese gute Nachricht schnellstmöglich loswerden: „Nein, doch nicht, wir fahren weiter!“ Ich hätte ihm gewünscht, dass er jetzt das spontane Lächeln und Schmunzeln auf den Gesichtern der Mitreisenden hätte sehen können. Schmunzeln, weil dieser Mensch hinsichtlich seiner Gefühle geradezu nackig vor uns da stand. Und ihm alle wohl gewünscht haben, dass die Freude über die Nicht-Überholung ihn etwas in seinem stressigen Arbeitstag stabilisieren möge. Lächeln, weil wir uns alle ein bisschen in ihm entdeckt haben. Opfer der Hitze. Opfer äußerer Umstände. Überbringer schlechter und lieber noch guter Nachrichten. Menschen mit Schwächen. (Und lieber noch mit Stärken.) Es soll heiß bleiben die nächsten Tage…
© Ulf Runge, 2009
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ggf. angefressen
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Leben 335– Mittwoch, 05.11.08 Zu meiner Überraschung muss ich sagen: Es gibt ihn wirklich! Aber der Reihe nach… Ich bin früh (!) dran und bekomme noch einen Sitz im abendlichen Intercity. Neben einer mich freundlich anlächelnden Dame. Die ebenso wie ich darauf hofft, dass die Sitzplatzreservierungsanzeige „ggf. freigeben“ nur pro forma ist. Nun, die Tatsache, dass diese Gedanken hier zu Wörtern wurden, lässt die scharfsinnige Leserin ebenso wie den aufmerksamen Leser berechtigterweise argwöhnen, dass aus dem beiläufigen „ggf.“ ein sehr bald „gegebener Fall“ werden wird. Eine inglisch spiekin pärsen zeigt mir einen soeben ausgedruckten Fahrschein nebst Reservierung für Waggon 9. Zwei Platznummern stehen da, es wird meine Nebensitzerin und mich gleichermaßen treffen. Ein Blick hinter die beiden Angelsachsen lässt mich in einen sehr umfänglichen Sitzplatzsuchstau gucken, bloß weil es hier gerade nicht weitergeht. Von einer sicherheitshalber finalen Überprüfung der Waggonnummer am Ende des Ganges, vorbei an den vielen sauertöpfischen Mienen, nehme ich spontan Abstand. Der Engländer entschuldigt sich bei mir über das ihm zustehende Recht, worauf ich ihm aber nicht mit dem allerwelts-„You’re welcome“ antworte, sondern der Situation gerecht zu werden versuche, indem ich ihm „It’s not Your fault. It’s the system!“ entgegne. Während ich noch meinen Laptop in den Rucksack stopfe, hat sich meine Nachbarin bereits auf den Weg gemacht, vorbei an vielen, vielen, sehr vielen „ggf. freigeben“-Hinweisen. Sie bleibt stehen. Stau. Als ich zu meiner flüchtend flüchtigen ggf-Bekanntschaft von hinten her murmle, dass ich vermute, es könne erfolgsversprechender sein, statt eines ggf-Platzes einen fest reservierten einzunehmen, in der ja wohl nicht unberechtigten Hoffnung, jemand könne den Anschluss verpasst haben, dreht sie sich um und strahlt mich mit einem fetten Lächeln an: „Genau das habe ich auch gerade gedacht!“ Wir lachen. Unverhofft finden wir doch noch einen Waggon, in dem die freien Plätze wirklich frei sind und nicht gegeefft. Wir kommen (leider) nicht mehr nebeneinander zu sitzen. Wünschen uns gegenseitig noch eine gute Fahrt. Hier könnte die Begebenheit enden. Tut sie aber nicht, weil im Titel der Begriff „angefressen“ noch aufgelöst werden möchte. Ich komme also schräg hinter einer 4er-Tischgruppe zum Sitzen, an der drei Plätze belegt sind. Der vierte ist strandurlaubsonnenliegenbadetuchartig mit einer Outdoor-Jacke markiert. Ein sichtlich genervter sitzplatzsuchender Fahrgast spricht die drei Sitzenden an, ob der vierte Platz frei sei. „Nein“, bekommt er zur Antwort. Nicht übertrieben höflich. Er gibt nicht auf und will wissen, wer denn da sitze. Ein Fahrgast. So? Wo der denn sei? Auf der Toilette! Dann bleibe er halt hier stehen, bis denn dieser Fahrgast vom Klo zurückkomme. Augenbrauenhochziehen bei der dreisitzigen Tischgruppenbevölkerung ob dieses Affronts. Augenbrauenhochziehen, das sich nach und nach in belustigten Mienen verflüchtigt. Der absolut angefressene Herr trollt sich schließlich dann doch noch davon, findet aber nicht unweit vom Ort des Geschehens ein Plätzchen für seinen Allerwertesten. Eine junge Dame kommt. Ob der Platz da am Tisch noch frei sei? Und? Denke ich mir. Wird sie dürfen? Wird ein erfreutes „Ja, aber gerne“ den Toilettenmenschen in das Reich der Phantasie verbannen? Ich male mir übelste Handgreiflichkeiten aus, sobald der Herr von vorhin mitbekommt, dass die reizende junge Dame sich setzen darf. Anders als er. Ausatmen! Auch sie bekommt mit leicht arrogant-spöttischem Gesichtsausdruck die Story vom WC-Fahrgast erzählt. Sie geht weiter. Und dann? Ja! S.o., will sagen: Es gibt ihn wirklich. Den Reisenden. Der angeblich gerade auf Toilette ist. Setzt sich einfach auf seinen Platz. Nicht ahnend, dass seiner vermeintlichen Nichtexistenz wegen beinahe kampfartiges Getümmel ausgebrochen wäre. Hinweis: Seitdem die Bahn vor geraumer Zeit die Expressbuchung eingeführt hat und deshalb fast alle freien Sitzplätze mit „ggf. freigeben“ zuspamt, ist das Klima unter den nicht reserviert habenden Sitzplatzsuchenden, will sagen den Pendlern, merklich, sagen wir mal angespannter, nee bessser ist angefressener, geworden. © Ulf Runge, 2008 |


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