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Posts Tagged ‘Holland’

72 Gramm

18. Dezember 2008 4 Kommentare

Leben 355 – Donnerstag, 17.12.08

Er hatte es nur mal ausprobieren wollen. Ob das denn gehe. Den Stoff übers Netz zu bestellen. 72 Gramm. Mehr nicht. Aus Holland. Lupenreine Qualität. 72 Gramm. Aber die waren 72 Gramm zuviel.

Darauf angesprochen, ob er denn gar kein Unrechtsbewusstsein dabei gehabt habe, zuckte er nur die Schultern. Und antwortete, er wisse, dass andere Leute im Kilogramm-Bereich unterwegs seien, aber so sei es immer im Leben, die große Tiere lasse man laufen, die kleinen Fische dagegen, die würden ins Netz gehen.

Ein Lächeln flog in sein Gesicht. Was denn jetzt so lustig sei, wurde er gefragt? Er überlegte, ob er das sagen solle, dass er über sein eigenes Wortspiel, das mit dem Internet-Netz und dem Fische-Netz, lächeln müsse. Nee, entschied er sich, das wollte er dann doch seinem humorlosen Gegenüber lieber vorenthalten.

„Akzeptieren Sie die Strafe? Oder sehen wir uns vorm Richter wieder?“ Er kramte in seinem Portemonnaie, fünf, eins, zehn, und zählt sie dem Beamten in die Hand: „16 Cent! Ich fasse es nicht!“

Als die Amtsperson gegangen war, ließ er sich in seinen Sessel fallen und schwor sich, nie wieder holländischen Kaffee übers Netz zu kaufen. Um sich nicht der Steuerhinterziehung strafbar zu machen.

Nach einer wahren Begegenheit, heute im Radio gehört. Die Größen „72 Gramm“ und „16 Cent“ sind definitiv nicht erfunden. Die Zeitung berichtete bereits am Montag darüber: http://www.derwesten.de/nachrichten/staedte/velbert/2008/12/15/news-98583285/detail.html

© Ulf Runge, 2008

Als Merkel noch Max hieß – oder: Drei IT-Geschichten

2. Januar 2008 18 Kommentare

Nachtarbeit

Foto: © Andreas Preuß / PIXELIO

Leben 170 – Mi 02.01.08

Es war die Zeit, als Merkel mit Vornamen noch Max hieß und Tschaikowski Cajkovski geschrieben wurde. (Sorry, diesen Fußballkalauer konnte ich mir nicht wirklich verkneifen.)

Erste Geschichte.

Da saßen wir an unseren PCs, die damals noch recht dumm waren, und Terminals hießen. Da war nichts mit Speichern auf DVD oder Festplatte, der Speicher stand irgendwo in Holland. (So sagten wir damals. Jetzt hoffe ich nur, dass das Ijsselmeer auch wirklich in Holland liegt, halt so wie der Chiemsee in Bayern…) An unseren Datensichtgeräten, so hießen die Terminals auf Handbuchdeutsch, programmierten wir wichtige Dinge. Programmierer programmieren immer ganz wichtige Dinge. Und weil sie dem Braten nicht trauen, ob jemand ihre Arbeit Ernst nimmt, machen sie hier und da mal einen kleinen Fehler rein, dann erfahren sie, ob auch jemand das Programm benutzt. Aber das ist eine andere …

zweite Geschichte. Obwohl, eine lustige. Ich hatte gerade mein erstes Programm in meiner ersten Firma beim Kunden abgeliefert und war natürlich gespannt wie ein Flitzebogen, wie der Auftraggeber es denn nun „finden“ würde. Irgendso ein „Aber, super!“ hatte ich schon erwartet. War es doch mein Erstling. Wobei, eine „Geburt“ war es dann doch schon gewesen. Aber das ist eine…

dritte Geschichte. Natürlich war ich nicht fertig geworden. Programmierer werden nie rechtzeitig fertig. Nein, nicht wegen des Programmierens. Das geht fix. Auch nicht wegen des Testens. Das geht am besten, wenn das Programm bereits in Praxis ist, da erhält man ja unheimlich viel Feedback. Nein, am längsten dauern so Sachen wie: „Wie nenne ich mein Programm?“ „Nehme ich Sterne oder Pluszeichen als Rahmen für die Kommentare?“ „Wie kann ich das Programm noch ein bisschen komplexer gestalten, damit es außer mir niemand versteht?“

Also, ich war nicht fertig. Der Kunde ruft an, wo das Programm bleibe. Dazu musste es auf ein Magnetband gezogen werden. Das waren damals so runde Dinger, die man immer im Fernsehen ruckeln sah, wenn man von Computern und Mondlandung berichtete. Ab Werk waren die Bänder nicht zu gebrauchen, man musste sie vor Benutzung formatieren. Und so funktionierte das:

Woche 1: Kunde ruft an. Der Herr X. ist morgen wieder im Haus. Dann ist der Herr X. also wirklich wieder im Haus, nimmt ein fabrikneues Band, tut es in ein Postpaket und gibt es am späten Abend zur Post. „Ist noch nicht bei Ihnen eingetroffen? Ja, ja, die Post! Morgen ist es bestimmt bei Ihnen.“ Dann packt der Kunde aus, merkt das Problem, reklamiert, man entschuldigt sich vielmals. Woche 1 ist rum.

Woche 2: Das bereits rudimentär existierende Programm (der Name steht schon fest!) wird auf ein frisch formatiertes Band gespielt. Leider gibt es verschiedene Schreibdichten, und leider wählt man eine, von der man weiß, dass der Kunde die bestimmt nicht kann. Postweg. Telefonate. „Verstehen wir aber gar nicht!“ Welche Schreibdichte denn der Kunde könne. Ach so, das habe man leider anders in Erinnerung. Woche 2 ist rum. Das Programm fertig. Sprich die 10 unabsichtlichen und die 2 absichtlichen Fehler sind drinnen.

In Woche 3 erkrankt dann irgendwelches Personal, am Ende von Woche 3 bringt man das Band persönlich beim Kunden vorbei, Flasche Wein dabei oder so. Egal. Kunde glücklich. Programm fertig. Der Test in Praxis kann beginnen.

So jetzt bin ich wieder bei meiner zweiten Geschichte. Das Programm, mein Erstlingswerk war also ausgeliefert. Und nichts! Gar nichts! Keine Anerkennung. Keine Fehlerreklamation. Da ich noch nicht sehr erfahren war, vermutete ich den unwahrscheinlichen Fall, dass mein Programm restlos fehlerfrei war (bis auf die zwei absichtlichen) und zur höchsten Befriedigung des Auftraggebers schnurrte.

Ich hatte inzwischen weitere Auftraggeber mit meiner Arbeit beglückt, als mein Chef mich nach drei Monaten zu sich rein bat. Der Kunde meines Erstlings habe soeben angerufen. „Und? Die sind zufrieden, oder?“ entfuhr es mir. Er holte zwei Cognacschwenker herbei, schenkte uns ein, wir stießen an, dann sagte er mit ruhiger, fast väterlicher Stimme, dass ihm das noch nie passiert sei. Der Kunde sei schon lange unser Auftraggeber, aber so fassungslos habe er den Organisator bei denen noch nie erlebt. Wir hätten jetzt eine Woche Zeit mal zu überlegen, warum denn seit Jahren alle Programme bei denen mit 80 K (was auch immer das sein mag) Speicher auskämen, nur meines könne man nicht starten. Sie hätten mal versuchsweise das Zehnfache an Speicher zusammengekratzt, erst dann sei ein Arbeiten möglich. Erst jetzt fiel mir die Blässe im Gesicht meines Chefs auf, und der letzte Schluck Cognac war sozusagen der Kick-Off für eine sehr arbeitsintensive Woche. Eine harte Woche, doch auch die ging vorbei, und ob ich es geschafft habe, auf 80 K runterzukommen, weiß ich nicht mehr so genau, irgendwie habe ich es überlebt. Wann immer man dann später in der Firma über „historische Projekte und Programme“ redete, mein Programm war mit Sicherheit dabei.

Es war also die Zeit der Terminals, um auf die erste Geschichte zurückzukommen, und die Großrechner und ihre Speicher standen (in dieser ersten Geschichte) am Ijsselmeer (hoffentlich in Holland). Und dann eines Abends, so kurz nach sechs, ging nichts mehr, die Leitung war tot. Mittendrin in der Arbeit, Stunden geistiger Anstrengung womöglich unwiderruflich verloren. Wir riefen in Holland an, nein, nein, die Systeme würden alle gut laufen. Keine Probleme. Dann kann es nur das Netz sein, dachten wir. Anruf in Stuttgart. Nein, nein, alle Leitungen seien okay, alle Maschinen funktionierten einwandfrei.

Ratlos sahen wir uns an. Was konnte die Ursache sein? Nun muss man wissen, dass mehrere Datensichtgeräte an eine gemeinsame sog. Steuereinheit angeschlossen waren, und wo die stand, da hatten wir null Ahnung. Wir gingen zum Empfang, und der Sicherheitsdienst ging mit uns eine Etage höher in den Technikraum. Unterwegs trafen wir noch Reinigungspersonal, das mit viel Elan und einem ohrenbetäubenden Staubsauger den Teppichbodendreck gleichmäßig durch die Luft wirbelte. Die Tür zum Technikraum stand auf, die Steuereinheit war stromlos, ihr Anschlusskabel lag neben der Steckdose. In selbiger wiederum steckte das Kabel, das zum Staubsauger gehörte. Na ja, so war das. Das ist halt eine alte Geschichte, die so oder ähnlich heute bestimmt nicht mehr passieren könnte.

© Ulf Runge, 2008

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