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Rimmersbach

16. September 2008 22 Kommentare

Leben 312– Dienstag, 16.09.08

Ein Kurzwochenende mal woanders. Dort, wo einen die heimische Arbeit nicht andauernd anstarrt. Urlaubsstimmung. Das Wetter ist nicht unbedingt so, dass man vor die Tür möchte. Gut, dass man drinnen auch was miteinander machen kann.

Etwa Stadt-Land-Fluss. Nach einigen leichten Runden, die immer unentschieden ausgehen, wird das „J“ aufgerufen. Heftiger Protest von Jugendseite. Nicht nur das „J“, auch das „Q“, „X“, „Y“ und „Z“ fallen dem Bannstrahl zum Opfer. Wie soll die Jugend je die Existenz der Stadt Zons lernen, wenn nicht durch dieses Spiel? Heute wird auf jeden Fall nichts daraus.

Wir sind sehr kreativ mit unseren Wortfindungen und haben unseren Spaß dabei. Die erste Spielrunde, deren Ende am Ende eines A4quer-Blattes erreicht ist, wird uns gutgelaunt, aber unentschieden in Erinnnerung bleiben.

Wir vereinbaren einen zweiten Durchgang. Nach wenigen Buchstaben liege ich hoffnungslos zurück. Gebe mich innerlich schon geschlagen. Kann aus Gründen der Gerechtigkeit, jeder soll gleich viele Buchstaben sagen dürfen, noch herausschinden, dass der Rest des Blattes nicht nur für einen letzten Buchstaben reicht, sondern für zwei. Winziger Hoffnungsschimmer bei mir; so gehen wir also in den vorletzten Buchstaben hinein.

„R“ ist angesagt. Ich schreibe in Nullkommanix Regensburg, Rumänien, Regen, Rudolf, Ratte, Radiosprecher, Radieschen, Riyanna (für Promi) und „Rudi will’s wissen“ (für Sendung/Film) runter. Ich höre mich schon „Fertig!“ sagen, als ich zu ahnen beginne, dass die Sendung wahrscheinlich „Willi will’s wissen“ heißt, aber egal, mal sehen.

Überraschte Augen sehen mich entsetzt an ob des hohen Tempos, das ich jetzt vorgelegt habe.

„Rimmersbach“ sagt die Stimme mir gegenüber. „Rimmersbach?“, frage ich. Was denn das sein soll, will ich wissen. So’ne Stadt gebe es doch gar nicht. Doch, die habe sie schon mal gehört, sagt mein Nichtverlierenwollendes Gegenüber. „Rimbach, okay!“ sage ich. Das habe sie vermutlich auch gemeint. Und fahre fort: „Aber nicht geschrieben. Also Null Punkte!“ Rimmersbach habe sie schon gehört. Das MÜSSE es geben. „Gibt es aber nicht. Null Punkte!“ Ich bleibe hart, drohe mit Spielabbruch, erkläre mich zum Sieger, mindestens zum moralischen, weil ich es ja gar nicht nötig habe zu fuschen.

Ich solle sofort in Gugelmäppz nachgucken. Dann könne man das beweisen, dass es Rimmersbach gibt. Ich könne hier nicht ins Netz, sage ich. Ich solle es doch mal versuchen. Ich hätte das schon versucht, aber für den Zugang bräuchte ich ein Kennwort, das vermutlich Geld kostet.

Wir werden das zu Hause aufklären. Moralisch überlegen breche ich das Spiel ab, stelle in Aussicht, dass ich „sobald nicht wieder“ Stadtlandfluss mit ihr spielen werde. (Wahrscheinlich erst heute Nachmittag. Und das „R“ wird dann auch ausgeschlossen, darauf bestehe ich.)

Und dann setze ich noch eins obendrauf. Mit Bielefeld sei das damals auch so gewesen wie jetzt mit Rimmersbach. Bielefeld habe es früher auch nicht gegeben. Bis dann jemand behauptet habe, es gebe doch Bielefeld. Was natürlich alle als Fantasieprodukt abgetan haben. Aber immer mehr Leute hätten angefangen zu behaupten, dass es Bielefeld doch gibt und die seien alle dorthin gezogen, wo man behauptet habe, dass es dort liege. Und seitdem die alle da sind, gibt es Bielefeld.

Jetzt müssen wir nur noch festlegen, wo denn bitteschön Rimmersbach liegen soll…

(Und ich hoffe mal, dass ähnlich wie bei Bielefeld seinerzeit, irgendein Gugelmäppz-Programmierer diese Geschichte rechtzeitig liest und dort, wo Rimmersbach eventuell doch liegt, ein schönes, dickes, fettes Waldstück hineinprogrammiert…)

© Ulf Runge, 2008

Hinweis: Eine weitere Stadtlandfluss-Geschichte auf diesem Blog findet sich hier.

Blick zurück von vorn (22.12.2013)

2. September 2008 5 Kommentare

Leben 303– Dienstag, 02.09.08

Nachdem die Bahn vor 5 Jahren die Servicepauschale von 2 Euro 50 eingeführt hatte, um die Kunden vom Schalter zu verbannen, auf dass sie die Automaten nutzen mögen oder übers Internet buchen, begann ein Lawine zu rollen, von der man jetzt erst erkennen kann, welche Revolution sie damals ausgelöst hat.

Eine gute Nachricht war ohne Zweifel, dass die vielen Call-Center-MitarbeiterInnen, die wegen vermeintlicher Synergie- und Skaleneffekte (so schön ist sie, die kalte Sprache im Namen des Profits) ihren Job verloren hatten, nun schnell bei der Telefonseelsorge Arbeit bekamen. Es wurde eine extra Hotline eingerichtet für die Bahnkunden, die früher eigentlich nur deshalb an den Schalter im Bahnhof gingen, um endlich mal ihre Lebensgeschichte loszuwerden.

Die Vertreibung aus dem Beratungsparadies hatte darüberhinaus auch den Vorteil, dass die Reisen mit der Bahn interessanter wurden. Ich erinnere mich noch an einen Samstag im Jahr 2008 als ich gegen Mitternacht von Köln nach Bielefeld reisen wollte. Statt in ein langweiliges Hotel zu gehen und am Morgen ausgeruht und frisch geduscht weiter zu reisen, nahm ich gerne folgendes spannende Angebot an:

Um der Phantasie etwas nachzuhelfen, hier ein dazu passender Routenplan aus © Google Maps:

 

Schlicht und einfach eine Reise, die man mir am Schalter bestimmt vorenthalten hätte. Danke, liebe Servicepauschale.

Ich sprach oben von einer Lawine, die die Servicepauschale (SP im folgenden) seinerzeit ausgelöst hatte. Wie sieht heute mein Alltag aus? Ich versuche zu vermeiden, irgendeiner Geschäftsfrau oder einem Geschäftsmann auf der Straße zu begegnen geschweige denn selbige/n zu grüßen. Nur um das heutzutage übliche Begrüßungsgeld von 10 Euro zu sparen.

Beim Bäcker bestelle ich nur noch übers Internet. Er legt die vorbestellte Ware in ein Schließfach, in dem es für mich – anonym und ohne jegliche mitmenschliche Interaktion – 45 Minuten lang bereitgelegt wird. SP-frei.

Mein Metzger hat ebenso nachgezogen wie mein Zeitschriftenhändler. Das geht auf dem Markt nun nicht so leicht, so dass meine Marktfrau darüber nachdenkt, zukünftig nur noch vermummt zu verkaufen. Unvermummt kostet dann extra.

Bei Ersterkrankungen bietet mein Arzt jetzt einen SP-freien Service an: Eliza . Eliza fragt mich mit meinen Worten, was mir fehlt und versetzt mich selber in die Lage zu erkennen, dass die schlussendliche Antwort auf meine Wehwehchen alleine ich selber weiß.

Und in meinem Supermarkt hängt jetzt eine Liste aus, was es kostet, wenn man das Personal auf den Fundort folgender Artikel anzusprechen (Liste stark verkürzt):

Muskatnuss ungemahlen 5 Euro
Safran 10 Euro
Lacroix Bratenfond 10 Euro
Frolic unterwegs 3 Euro

Inzwischen bessern umherstreunende Kids ihr Taschengeld damit auf, indem Sie für den halben SP-Satz ihr Wissen an „lost in supermarket“ Kunden anbieten.

Zurück zur Bahn. Schade, dass damals, als die Bahn die SP eingeführt hat, niemand auf die Idee gekommen ist, gute Beratung SP-frei anzubieten und darauf zu vertrauen, dass es nichts profitableres gibt als zufriedene Kunden, die man nicht extra abkassieren muss. (Oder hatte da doch jemand diese Idee?)

© Ulf Runge, 2008

P.S. Und dann treibt mich noch um, ich könnte die Bahn auf diese Idee mit der SP gebracht haben, bloß weil ich hundestreichelwilligen Menschen bisweilen auf die Frage, ob man denn mal streicheln dürfe, die flapsige Antwort gegeben habe: „Einmal Streicheln: fünf Euro!“

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