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Under cover
| Leben 503 – Mittwoch, 14.10.09
Sie sei aber aufmerksam, meinte mein Gegenüber zu seiner Banknachbarin, als diese ihn gefragt hatte, ob er denn an der nächsten Station aussteigen wolle. Er häbe gerade seine Zeitung zusammengefaltet und in die Tasche gesteckt. Da sei es ihr ja ein leichtes, seinen Ausstiegswunsch zu vermuten. Wirklich aufmerksam sei sie, wiederholte er, um dann fortzufahren: „Sie sind bestimmt beim Verfassungsschutz, oder?“ Amüsiert ob dieser Frage lächelte mir meine Kollegin zu, offenkundig genug für ihren Nachbarn, meinem Gegenüber. Und so blieb mir keine andere Wahl als die Flucht nach vorne: „Im Vertrauen, wir sind beide beim Verfassungsschutz! Aber wir dürfen es nicht sagen!“ © Ulf Runge, 2009 |
Großes und Kleines
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Leben 386 – Samstag, 21.02.09
Große Aufgaben können so leicht sein. Wenn man sie nur nicht als zu groß ansieht, auf dass man sie doch besser noch ein wenig aufschiebt. Doch große Aufgaben müssen erst einmal sauber geplant sein. Es sind ja schließlich große Aufgaben! Passen in einen normalen Tag gar nicht hinein. Werden also für die ferne Zukunft geplant. Ist selbige dann da, so gibt dann bestimmt etwas Wichtiges und Dringenderes zu erledigen, als das penibel terminierte, große Thema.
Ob ich, der so klug jetzt daher schreibt, mit den großen Dingen denn anders verführe, willst Du wissen. Ehrlich gesagt: Nein. Nicht wirklich. Auch ich schiebe meine großen Anstrengungen gerne vor mir her. Wann immer ich aber allen Mut gefasst habe, den ersten Schritt zu wagen, die Aufgabe anzugehen, dann war alles auf einmal ganz einfach. Besonders wenn ich es geschafft habe, mal länger als eine halbe Stunde ungestört zu arbeiten.
Wenn ich mich aber (viel zu oft, vielleicht auch viel zu gerne) stören lasse bei der Konzentration auf die große Sache, dann habe ich inzwischen ein probates Mittel gefunden, der Unterbrechung nicht die Chance zu geben, das bisher Erreichte zunichte zu machen: Ich schreibe mir spätestens in diesem Augenblick auf, welche weiteren Schritte ich unbedingt noch zu tun gedenke. Und: Einen dieser weiteren Schritte markiere ich mir als den allernächsten, den ich aufgreife, wenn ich weitermachen will. Wo ich früher das Papier durchgekramt habe, was für einen Status das Thema denn gerade hat und womit es nun weitergehen kann, da betrachte ich mir nun statt dessen die zuvor getätigte Notiz, nehme den Vorgang und bin in Nullkommnix wieder in der Aufgabe drin. „Geklaut“ habe ich diese Technik aus dem Werkzeugkasten „GTD Getting Things Done“, von dem ich in Zukunft noch mehr Aspekte für mich zu übernehmen gedenke.
Das Entschlossensein, eine angefangene Aufgabe möglichst wirkungsvoll zu erledigen, hat mich also dazu gebracht, so konsequent wie möglich immer wieder die Frage „What’s next?“ zu stellen, bevor einen Vorgang aus der Hand lege.
Kleine Aufgaben. Routineaufgaben. Schnürsenkel binden. Mülleimer runter tragen. Nur das Unterbewusstsein führt Regie. Die immer gleiche Fahrt mit dem Auto zur Arbeit.
Aufmerksam sein? Warum? Um bei der 300hundersten Fahrt am Kindergarten vorbei noch rechtzeitig das Kind zu entdecken, das sich los reißt und fast ins Auto rennt. Um beim Trepperunterlaufen sich nicht zu sicher zu fühlen, und hoffentlich rechtzeitig zu entdecken, dass selbige frisch gewischt ist und zu halsbrecherischen Gleichgewichtsoperationen führen kann. Um hoffentlich zu bemerken, dass der eine Schnürsenkel heute zu ungleich gebunden ist und man sich selber schon mit dem nächsten Schritt einen wochenlangen Krankenhausaufenthalt einfangen kann.
Um ungefähr eine halbe Stunde nach Verlassen der Wohnung auch weiterhin sicher zu sein, dass die Herdplatten ausgeschaltet sind. Das Licht gelöscht. Die Kerzen ausgeblasen.
Dass man beim Schreiben eines Blogartikels den Text noch einmal kritisch durchliest. Rechtschreibfehler korrigiert. Oder den Unsinn entdeckt, den man geschrieben hat, so wie ich jüngst mit der Begebenheit „Weinkauf 1“. Ich werde sie gleich noch korrigieren.
Die Achtsamkeit ist eine enge Verwandte zur Aufmerksamkeit. Die Achtsamkeit enthält für mich in ihrem Sinn noch zusätzlich den Respekt von dem Gegenüber, egal, ob es sich um einen Mensch, ein Tier, eine Pflanze oder einen Gegenstand handelt. Oder einen Vorgang oder Ereignis.
Und so nehme ich mir immer wieder vor und tue es dann auch, unbewusste Handlungen einmal bewusst zu hinterfragen. Um dann anschließend ganz sicher zu sein, dass ich so wie jetzt gerade auch immer wieder zukünftig agieren möchte. Oder Handlungsbedarf für eine Verhaltensänderung entdecke. Zum Thema Verhaltungsänderung habe ich gute Erfahrungen mit Steve Pavlina’s Idee gemacht, einfach mal dreißig Tage lang konsequent ein bisheriges Verhalten bewusst durch ein vielleicht wünschenswerteres zu ersetzen. Und nach den 30 Tagen zu entscheiden, wie man weiterhin verfahren möchte.
Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern, dass sie jetzt und hier mit „ihrem“ großen Thema, das sie schon lange vor sich her schieben, einen Starttermin vereinbaren. Und dann wirklich zum vorgesehenen Termin beginnen. Etwa mit dem Skizzieren eines Planes. Und erst dann wieder mit etwas anderem fortzufahren, wenn man sich vorher entscheieden hat, was bei der Wiederaufnahme des Themas als Nächstes ansteht.
Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern viel Spaß beim Wiederentdecken der kleinen Dinge, die wir einfach so automatisch tun. Ich sag mal, durchs Fernsehprogramm zappen. Ich sag mal, durchs Leben zappen. Und dann zu entdecken, wo wir uns jetzt schon wohl fühlen. Und wo wir uns noch wohler fühlen wollen.
© Ulf Runge, 2009
Ich bedanke mich beim Bellaprint-Verlag , Hinterbrühl, Österreich, für die freundliche Genehmigung, den Sinnspruch des Original-Leitspruch-Wochenkalenders als Thema für Beiträge in meinem Blog verwenden zu dürfen. Der Original-Leitspruch-Kalender wird in Deutschland vertrieben von der Impuls-Kalender GmbH.
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Sandkauf
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Leben 278 – Samstag, 19.07.08 Landeskriminalamt steht auf dem erwarteten Briefumschlag, den ich ungeduldig mit dem rechten Zeigefinger stümperhaft aufschlitze. „Toxikologisches Gutachten“ steht im Betreff des im besten Amtsdeutsch gehaltenen Schreiben. Ich wurstle mich durch etliche Textbausteine hindurch, bis ich endlich erfahre, dass es blinder Alarm war. Keine Kontaminierung. Was war passiert? Ich hatte bereits das Tierfutter im Einkaufswagen gehabt, als ich auf Idee kam zu fragen, ob man hier auch Sand kaufen könne. Dann hätte ich mir den Baumarkt sparen können. Ich schaue mich also um, und sehe einen Mitarbeiter dieses Marktes auf mich zukommen. Ob er helfen könne? Ob sie Sand hätten. Ja, da hinten im Außenbereich. Freude ist in seinem Gesicht zu erkennen. Er lächelt mich an, gibt mir das Gefühl, als wenn er sich Zeit für mich nehmen wolle. Und das obwohl es schwül ist, obwohl er abgekämpft aussieht an diesem Samstag Nachmittag. Er begleitet noch mich einige Schritte, streckt seinen Arm aus, weist mir die Richtung, „direkt am Zaun“ höre ich noch. Bedanke mich höflich. Gehe zum vermeintlichen Ort, an dem es Sand geben soll. Ich sehe, wie ich von dem netten Herrn im Auge behalten werde, winke ihm zu, da ich nun glaube, vor den Sandsäcken zu stehen. Dem ist nun aber nicht wirklich so, und nach wenigen Sekunden steht der nette Mensch wieder bei mir. Zeigt mir die richtige Stelle. Da liegen noch Säcke, beide allerdings beschädigt. Wieviel ich denn brauchen würde? „Genau zwei“, erfährt er von mir. Ob er sich meinen Einkaufswagen nehmen dürfe, er werde sofort zwei unbeschädigte Säcke besorgen. Nach fünf Minuten liegen dann zwei unversehrte Säcke im Wägelchen. Soviel Freundlichkeit! Glückselig fahre ich heim. Noch während ich im Auto sitze, hinterfrage ich, was ich da soeben erlebt habe. Hatte ich da nicht erst in der vergangenen Woche etwas über kontaminierten Sand gelesen, vor dessen Kauf dringend gewarnt wird? Erklärt das die überschäumende Freundlichkeit des Verkäufers? Oder war er einfach nur penetrant, wollte das giftige Zeugs an mich loswerden? Der Verdacht stand im Raum, unter großen Sicherheitsvorkehrungen entnahm ich an sechs verschiedenen Stellen der Sandsäcke Proben, die ich umgehend der Polizei zukommen ließ. Jetzt also dieser Bescheid vom LKA. Alles nur heiße Luft. Mein eigenes Hirngespinst. Aber muss man denn bei soviel Freundlichkeit nicht nachdenklich werden? Jemand, der abgekämpft und müde bei schwüler Luft zuvorkommend lächelt und aufmerksam ist, der dafür sorgt, dass der Kunde zufrieden nach Hause geht? Da muss doch was faul sein, oder? © Ulf Runge, 2008 |


Angemerktes