Ohne „Ö“ fehlt mir was
| Leben 520 – Samstag, 21.11.09
Ökonomie, das ist ein klassisches Fremdwort, älter als ich, es hat was mit Wirtschaft zu tun. Oder besser mit Wirtschaften. Sparsam, angemessen mit Ressourcen umzugehen. Ökonomie leitet sich von zwei griechischen Begriffen ab, die einzeln „Haus“ und „Gesetz“ bedeuten. „Haus“ und „Lehre“ wiederum haben uns seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts das „neue“ Fremdwort Ökologie geschenkt, das die Lehre von den Wechselbeziehungen zwischen Leben und Umwelt benennt. Interessant ist, dass bei „Öko“ viele von uns zunächstan „Ökologie“ denken, obwohl dieser Begriff ja jünger ist. Gerne erinnere ich mich auch noch an den Augenblick, an dem ich zum ersten Mal eine Studentin der Ökotrophologie kennenlernte. Das war 1974! Aber lassen wir das, es gehört nicht zum Thema. An dieser Stelle sollte mein Artikel eigentlich folgendermaßen „witzig“ weitergehen: „Sie haben Post!“ Genau, ich habe Post. Da schickt mir ein Unternehmen, bei dem ich Kunde bin, einen Prospekt zu. Beim Überfliegen der Werbung stoße ich am Ende der Einleitung auf drei Unterschriften. Darunter die Namen in Druckschrift. Darunter die jeweilige Verantwortung. Während die erste Person als Geschäftsführer fungiert und die dritte sich als Vertriebsleiter outet, bleibt mein Blick bei zweiten länger als erwartet hängen.
Oenologischer Betriebsleiter und Kellermeister. Lach. Kringel. Handelt es sich doch um eine Winzergenossenschaft. Wohl ein Tröpfche zu viel gebechert, denk‘ ich mir. Die arme Person, die das „k“ mit dem „n“ verwechselt. Aus dem ökologischen Betriebsleiter einen önologischen gemacht hat. Gröhl. Darüber schreib ich heute einen Beitrag.
Nun, ich befinde mich schreibtechnisch also gerade an der Stelle drei Absätze höher. Und denke mir: Guckste noch mal nach. Bei Wikipedia. Suchste nach „önologisch“. Wird nix finden, das Wiki. Und dann werde ich ein bisschen blass. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Es gibt „önologisch“. Unter Önologie findet sich ein Begriff, der sich aus „Wein“ und „Lehre“ ableitet. Ich werde jetzt auch nicht verraten, dass ich Altgriechisch hatte. Nein. Gut, dass es den Mantel des Schweigens gibt. Aber ich verrate gerne ein weiteres Mal den (lateinischen) Lieblingsspruch meines Griechisch-Lehrers: Balnea, vina, venus – Bäder, Weine und Liebe corrumpunt corpora nostra – zerstören unsere Körper sed vitam faciunt – aber das Leben zum Leben machen balnea, vina, venus – Bäder, Weine und Liebe. Der Kellermeister, der önologische, möge mir doch bitte nachsehen, dass ich ihn oder seine Redaktion dem Weine zusprechend vermutet habe. Statt dessen trinke ich jetzt selber ein Tröpfche aus seinem Haus auf die Önologie und bin mir sicher, dass alle, die das hier lesen, NIEMALS in diese Fremdwortfalle gelaufen wären. © Ulf Runge, 2009 |


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