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Nicht die Vorgruppe

8. Juni 2012 7 Kommentare

Leben  894 – Samstag, 09.06.12

Nicht die Vorgruppe

Noch eine halbe Stunde, bis das Konzert beginnt. Auf dem nahgelegenen Parkplatz war tatsächlich noch ein Plätzchen frei, ich laufe an den anderen eingeparkten Autos vorbei, als ich meinen Augen nicht trau. Hat da jemand an einer Hintertür die Scheibe nicht hochgedreht und hofft wohl, dass jemand seine Hemden während des Konzerts wäscht, trocknet und bügelt.

Ich schieße ein Foto vom Kennzeichen und vom Scheibensachverhalt, bezahle bei der liebenswürdigen Veranstalterin meinen Eintritt, und zeige Ihr erst das Foto mit dem Kennzeichen. Ich frage sie, ob sie so freundlich sein könnte, das Kennzeichen durchzusagen. Weil, und dann zeige ich ihr das andere Foto. Sie lächelt.

Ich möge doch bitte den Techniker ansprechen, der sei gleich wieder am Platz.

Ist er auch. Ich erkläre ihm, dass man da eine Durchsage machen sollte.

„Das geht nur da vorne auf der Bühne. Nehmen Sie da etwas tiefer eingestellte Mikro in der Mitte!“

Nein, er meint es ernst. Ich soll jetzt auf die Bühne gehen und mein Anliegen unter die Menschheit bringen.

Darauf war ich wirklich nicht gefasst.

Sein Blick ist unmissverständlich, also trolle ich mich nach vorne, denke mir, dass selbst so etwas angemessen vorgebracht werden will, ich steige die wenigen Stufen nach oben und statt der von mir erwarteten Band stehe erst einmal ich auf der Bühne.

Ich klopfe sanft auf das am weitesten nach unten eingestellte Mikro, es rumpelt über die Lautsprecher. Ja das ist besagtes Mikro.

Was sagen? Frage ich mich.

Ich stehe auf einer dunklen Bühne, niemand nimmt mich wirklich war, da dreht der Techniker das grelle Licht auf, ich räuspere mich, bekomme erste Aufmerksamkeitsblicke, ich sage „Guten Abend!“

Dann lächle ich nur noch. Ganz ganz lange. Und in der Tat. Es wird mucksmäuschenstill. ALLE gucken zu mir hoch.

„Guten Abend!“ wieder hole ich, „also …“ ich mache eine künstliche Pause, „also ich bin nicht die Band des Abends. Und auch nicht die Vorgruppe!“ Gekicher.

„Und wer das Auto mit dem Kennzeichen HEIDELBERG“, und dann lese ich das Kennzeichen vor, „wer also dieses Auto fährt, der sollte noch mal kurz an seinen Wagen und die Fenster hochkurbeln.“ Gelächter. Und Applaus. Lach. Lächelnd verlasse ich die Bühne, und viele hatten ihren ersten Schmunzler an diesem Abend.

© Ulf Runge, 2012

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