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Isch bin ain Änglända

5. Oktober 2011 12 Kommentare
Leben 759 – Donnerstag, 06.10.11

Isch bin ain Änglända

Isch bin ain Bärlina. So oder so ähnlich hat es sich angehört, als der charismatische US-Präsident John F. Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin seine unvergessene Rede gehalten hat und den Bewohnern der eingeschlossenen Stadt West-Berlin Mut gemacht hat, durchzuhalten.

Nun, ich bin auch ein Berliner.

Aber ich bin auch ein Engländer. Das ist eine für mich relativ neue Erkenntnis. Kein Standesamt dieser Welt würde das bezeugen wollen. Aber es ist so. Isch bin ain Änglända.

Seit dem letzten Joggen weiß ich das.

Muss ich kurz erklären.

Erstens. Außerhalb geschlossener Ortschaften (das ist ein Begriff aus der Führerscheinprüfung und bedeutet: dort, wo man schneller als 50 fahren darf) sind Fußgänger gehalten, nicht auf der rechten Seite der Straße zu laufen, sondern links. Damit sie besser sehen, wenn sie überfahren werden, sage ich immer. Aber da ist in der Tat was dran. Im Zweifelsfall kann man mit etwas Glück noch schnell genug in den Graben springen.

Zweitens. Da man mit Hunden beim Gassigehen besser rausgeht aus dem Ort, damit sich der Hund in der freien Natur lösen kann und somit niemand durch Exkremente belästigt wird, lernen Hunde in der Hundeschule, wenn sie denn auf eine solche gehen dürfen, leider gibt es noch keine Hundeschulpflicht für Hunde oder besser gesagt für HundeführerInnen, lernen die Hunde also in der Hundeschule, dass sie links von der HundeführerIn laufen müssen. Das hat den Vorteil, das der Hundeführer zuerst überfahren wird, und erst dann der Hund. Im Ernst: Autoverkehr und Hund sind durch die HundeführerIn getrennt. Und das ist gut so.

Wenn ich Bundeskanzlerin wäre…

… dann würde in jeder Führerscheinprüfung die Frage vorkommen: „Wo müssen Hunde laufen?“. Damit alle die, die keinen Bezug zu Hunden haben, spätestens jetzt erfahren, dass es VÖLLIG NORMAL IST, dass Hunde in Begleitung ihrer Hundeführerin AUF DER FALSCHEN SEITE (!) laufen.

Kommen zwei Radfahrer auf mich zu, während ich mit meinem Hund jogge. Der läuft harte Kante am Straßenrand in Laufrichtung links, rechts von ihm ich. Und die zwei Radfahrer haben nicht mehr viel Zeit sich zu entscheiden. Wollen wir gemeinsam mit dem Notarzt ins Krankenhaus oder weicht der Stärkere durch eine leichte Bewegung in total ungefährlicher Situation aus.

„Du pass auf! Da vorne kommt ein Engländer!“

Ach, was hätte ich gegeben dafür, wenn mir ein nonchalantes „Thank you very much!“ rausgefahren wäre. Stattdessen war ich einfach nur baff und unerfreut.

Und so schreibe ich mich hier frei und sage es laut und deutlich: Yes, Isch bin ain Änglända!

© Ulf Runge, 2011

 

CLIPseidank

5. Oktober 2011 5 Kommentare
Leben 758 – Mittwoch, 05.10.11

CLIPseidank

Angenommen, nur mal angenommen, es gäbe eine Sendung mit dem Titel „Bahnopfer 2011“ und die junge Dame hier würde auf der Couch sitzen, vom Moderator gefragt werden, was denn für sie die wichtigsten Fortschritte in der Technik seien, also nur mal angenommen, dann würde diese junge Dame vermutlich erstmal diese Moderatorfratze zurecht rücken und sagen, dass ihr „Hilfsbereitschaft“ allemal wichtiger sei als all der technische Schnickschnack, aber um auf seine Frage zurückzukommen, würde sie antworten, vielleicht nicht so ganz wörtlich, aber inhaltlich doch sehr nahe: „Das ISDN-Leistungsmerkmal CLIP!“(Calling Line Identification Presentation. Oder wie wir wohl sagen würden: Die Nummer, die anruft, wird angezeigt.)

Der Zug musste raus aus dem Bahnhof, obwohl möglicherweise schon bekannt war, dass er die nächsten Stunden vagabundierenderweise auf dem Gleiskörper verbringen würde, ohne Bahnhofshalt, mit unklarem Ziel. Rappelvoll war die Kiste, als eine Frau mit eindringlicher Stimme um einen Sitzplatz bat für eine Mutter mit Kind. Klappe meinen Laptop zu, verstaue ihn im Rucksack, stehe auf, bin zu langsam. Mutter und Kind sitzen schon. Biete den Platz der Frau mit der Stimme an. Will nicht, sie braucht den Platz nicht. Guckt die junge Frau neben sich an. Die mit dem blassen Gesicht. Eine gute Entscheidung. Auf dass nicht auch noch unser Zug einen Notarzt braucht.

Wir stehen mit dem Zug auf der Stelle. Keine Durchsage, die ernst zu nehmen wäre. Statt dessen werden Pizzen und Familientaxis abbestellt. Die junge Dame outet sich, dass sie kein Handy hat. Ihr Gegenüber gibt ihr ihr Iphone. Selbige lernt Iphone-Bedienung in ca. 20 Sekunden. Köstlich.

Nur dass niemand rangeht ans Telefon. Niemand von denen, die erfahren sollen, dass sie später kommt, auf ungewisse Zeit verschollen ist, nimmt am anderen Ende ab. Als ob man Blässe noch steigern könne, entfährt ihr die letzte Farbe im Gesicht. Gut, dass der Fahrtwind kühlt. Blödsinn, der kühlt noch nicht. Wir stehen weiterhin. Auf unbestimmte Zeit.

Das Iphone klingelt. Eine fremde Nummer ruft eine fremde Nummer an. CLIPseidank! Das Gespräch ist für die Verschollene.

Die Blässe weicht einer freudigen Röte.

Sie würde nicht CLIP sagen. Aber meinen. Und sie würde sich zurückerinnern an diese Momente der Gemeinschaft unter Wildfremden.

Nur mal angenommen.

© Ulf Runge, 2011

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